EHRENRUNDE FÜNFNULL – Prolog

Ehrenrunde im kleinen Kreis

Oh Mann, gerade eben, so kommt es mir zumindest vor, saß ich doch noch in Rooiputs, auf einer kleinen Anhöhe, blickte auf die Weiten der Kalahari und ließ mir ein Stück Geburtstagskuchen schmecken, den mir Jochen, Annette und Heinz am Abend vorher, zu Ehren meines vierundvierzigsten Geburtstags gebacken hatten. Und jetzt auf einmal steht mein Fünfzigster bevor? Die Zeit vergeht so schnell, unglaublich!

Doch in Anbetracht dieser Tatsache sollte ich mir wohl mal Gedanken machen, wie ich diesen Tag feiern möchte. Viele Leute sehen es ja als Muss, ihren Geburtstag, zumal noch einen runden, in großem Kreise festlich zu begehen. Dem bin ich ebenfalls nicht abgeneigt und auch bei meinen Vorstellungen von einer gelungenen Feier, wenn ich so in mich hineinhorche, könnte dem Begriff „großer Kreis“ durchaus eine gewisse Bedeutung zukommen – allerdings ist in meiner Interpretation der anthropophile Aspekt deutlich geringer ausgeprägt. Im Klartext: ich habe keinen Bock auf eine Riesenfeier, sondern würde diesen Tag viel lieber in aller Stille in einem lauschigen Camp irgendwo in Afrika verbringen. Gegen den Besuch von ein paar Elefanten oder Löwen zu Ehren meines Runden hingegen würde ich mich natürlich nicht wehren…

Planung der Ehrenrunde

So war also die Idee vom einem „großen Kreis“ durch Afrika geboren, lediglich konkretisiert werden musste das Projekt „Ehrenrunde Fünfnull“ nun noch. „Wir richten uns da ganz nach dir!“, sagten Heinz, Jochen und Annette, ohne die ich selbstverständlich nicht loszuziehen gedachte, wie aus einem Munde – und schon steckte ich inmitten der Planungen.

Und da gab es viel zu berücksichtigen. Zunächst erstellte ich deshalb eine Liste aller meiner Sehnsuchtsplätze – Orte, die ich schon besucht hatte, aber auch einige, die mir noch unbekannt waren, mich aber seit Jahren mit verheißungsvollem Flüstern lockten. Nach einem Regenzeitcheck setzte ich den Rotstift an und musste die Hälfte wieder streichen: keine Chance für eine Visite des Luangwatals oder des Mana Pools Nationalparks im April. Hier sind die Wege aufgrund der Niederschläge zu dieser Jahreszeit nicht befahrbar beziehungsweise die Parks nicht für Publikumsverkehr geöffnet.

Es kristallisierte sich also mehr und mehr eine Rundtour durch die südlichen Gefilde des Schwarzen Kontinents heraus, deren einzelne Stationen ich nun unter dem Gesichtspunkt der streckentechnischen und zeitlichen Durchführbarkeit aneinanderreihte. Sehr oft musste ich mir dabei auf die Finger klopfen, denn selbst nach vielen Reisen durch Afrika neige ich noch immer dazu, auch schon bekannte Strecken, erst recht aber unbekannte, vom Sofa aus zu unterschätzen und somit Fahrtage an der Grenze der Machbarkeit zu generieren – und das vor Ort schließlich bitter zu bereuen.

Immer wieder sonntags …

Dann begann das Finetuning hinsichtlich der Versorgungslogistik – an welchem Wochentag sind wir wo. Die Erfahrung der letzten Jahre nämlich hatte gezeigt, dass in Afrika auffällig oft Sonntag ist. Und zwar immer dann, wenn es galt, Vorräte aufzufüllen oder Formalitäten zu erledigen. Das sollte und durfte uns diesmal nicht passieren, denn die Liste meiner Wunschziele umfasste ausschließlich versorgungsfreie Gebiete, sodass wir jede auf dem Wege liegende Einkaufsmöglichkeit nutzen mussten.

Diese Eckdaten musste ich schließlich „nur“ noch mit zwei weiteren Punkten in Einklang bringen, Punkten, die hauptsächlich von persönlichem Interesse waren. Erstens wollte ich meinen Geburtstag nicht im Auto zubringen, also durfte an diesem Tag keine größere Fahrstrecke auf dem Plan stehen. Ein Punkt, der relativ leicht abzuhaken war. Nicht so zweitens: Ich sprach ja vorhin von meinem Mangel an Anthropophilie und der bezog sich in diesem konkreten Falle nicht nur auf den großen Kreis von Gästen bei einer Geburtstagsfeier in heimischen Gefilden, sondern auch auf größere Menschenansammlungen an bestimmten Stationen meiner geplanten Ehrenrunde.

Ein wichtiger Punkt – da bin ich ein wenig eigen …

Wir hatten bereits mehrmals das zweifelhafte Vergnügen, Bekanntschaft mit der Reisefreudigkeit der Südafrikaner zu machen, das meist mit heuschreckenartiger Schwarmbildung, überbordender Akustik und mangelnder Bereitschaft zur Wahrung der Individualdistanz einhergeht.

Anders ausgedrückt: gerade an verlängerten Wochenenden machen sich die Südafrikaner gerne mal in Heerscharen auf den Weg in die entlegensten Winkel ihres eigenen und umliegender Länder, fallen dort mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel ein, glänzen mit extrem geselligem und ausbreitungsfreudigem Verhalten und nutzen zudem ausgiebigst und jederzeit das technische Equipment, das sie in umfangreicher Form mit sich führen und das vom Kompressor über Musikanlage und Fernseher bis hin zum Staubsauger alles beinhalten kann. Ich sag nur Bush Lapa

Dieses Vergnügen sei ihnen gegönnt – wäre ja auch noch schöner, würde ich ihnen das Benehmen im eigenen Land vorschreiben wollen -, doch ich wollte unter allen Umständen vermeiden, einen meiner Sehnsuchtsorte in derartiger Volksfestatmosphäre erleben zu müssen und schon gar nicht an meinem Geburtstag. Das allerdings war ein Problem, für das ich keine befriedigende Lösung fand, allenfalls einen Kompromiss. Was jedoch nicht wundert, liegt mein fünfzigster Geburtstag doch leider genau inmitten des Osterwochenendes…

Der Arbeitstitel war ein anderer

Aber, so viel kann ich vorwegnehmen, die Tour stellte sich wirklich als Traumtour heraus, abwechslungsreich, spannend, den genannten Umständen nahezu ideal angepasst und mit vielen Erlebnissen. Auf einige der Erlebnisse allerdings hätte ich gerne verzichten können, denn sie waren von weniger erfreulicher Art. Wir hatten nämlich mehrfach ernsthafte Probleme mit unseren beiden Landrovern, die nur mit viel Glück und Engagement gelöst werden konnten und die uns mehr als einmal beinahe die Tour versaut hätten. Es gab Momente, da war meine Laune nicht die beste und ich hatte aufgrund dessen ziemlich schnell einen Arbeitstitel für diesen Reisebericht im Kopf: WerkStattUrlaub* sollte er heißen, denn wir durften in diesen vier Wochen diverse Autowerkstätten näher kennenlernen.

Doch irgendwie ging, oh Wunder, dann doch immer alles gut aus und wir konnten unseren Plan weitestgehend einhalten. Und im Nachhinein sieht man dann ohnehin alles viel versöhnlicher, sodass aus dem etwas unwirschen Ursprungstitel schließlich doch noch die versöhnliche „Ehrenrunde Fünfnull“ wurde.

*Der Titel ist in doppelter Hinsicht nicht gerade ein Kompliment, denn er spielt nicht nur auf die zahlreichen Werkstatt-Aufenthalte an – Werk ist auch das afrikaanse Wort für Arbeit…

Titelbild von StockSnap auf pixabay; Kompassbild von Schaeffler auf pixabay

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