HERAUSFORDERUNG BIEDERMEIER – ZEITREISE EINER SCHATULLE

Antiquitäten sind teuer: ich mach mir Biedermeier selbst!

Biedermeier, dieser Stil, er hat’s mir angetan, seit ich denken kann! Ich liebe auch Jugendstil und Gründerzeit, aber bei bestimmten Möbeln ziehe ich Biedermeier vor. Zum Beispiel bei Schatullen. Bei diesen Kleinstmöbeln vereint sich auf wenig Fläche oftmals das, was mir das Herz öffnet: dunkelbraune, wunderschön gemaserte Wurzelholzeinlagen im Kontrast zu kastanienfarbenem Kirschbaumholz oder gelblicheren Hölzern wie Birke. Dazu kommen bezaubernde Elemente wie geradlinige Intarsien und ebonisierte Flächen und Kanten, die dem Gesamtbild Struktur geben. Und ich kann mich an Derartigem einfach nicht sattsehen!

Nun ist es so, dass ich mich gerade inmitten einer fast schon ausufernden Heimwerker- und DIY-Phase befinde, schon länger ein Holzkästchen mit Deckel für die Zwischenablage meines Wohnzimmertischs suche – und, was als treibendes Element noch hinzukommt, mir nach einigen sehr unterschiedlichen Projekten mittlerweile fast alles zutraue …

Eine ausrangierte Schatulle wechselt den Besitzer

So nehmen die Dinge also ihren Lauf. Als allererstes brauche ich natürlich ein geeignetes Kästchen. Bei ebay werde ich schnell fündig: eine Holzschatulle, mit 40 x 25 x 12,5 Zentimetern Größe genau richtig, schlicht, aber (mich) ansprechend, günstig, weil in ziemlich desolatem Zustand. Und, dem Schlossbeschlag nach zu schließen, eigentlich eher Jugendstil, aber so dezent, dass sie leicht in Richtung Biedermeier zu trimmen sein sollte – also zumindest in eine Richtung, die in meinen Augen Biedermeier-typisch ist. Ein Stilkundefachmann könnte da übrigens durchaus zusammenzucken und entsetzt das Haupt schütteln …

Doch zurück zum Projekt Biedermeier: die Schatulle wird schließlich geliefert und ist in noch schlechterem Zustand, als die Fotos des Verkäufers gezeigt hatten. Egal! Ich finde sie wunderschön, denn ich kann bereits das darin sehen, was ich aus ihr machen will. Ein langer Weg liegt vor mir und dem Kästchen, an dessen Anfang eine „Grundverarztung“ der Blessuren steht. So nehme ich das gute Stück zunächst mal komplett auseinander, leime die klaffende Zinkung und mache mich dann als erstes über den Deckel her, um meinen Entwurf, den ich ziemlich konkret schon im Kopf habe, umzusetzen.

DIY-Neuland im Biedermeier-Stil: Intarsien, Ebonisierung und Schellack

Nachdem ich meinem alten Schlafzimmer-Hocker ja so unerwartet erfolgreich mittels Marketerie zu neuer Schönheit verholfen hatte, bin ich offenbar einem gewissen Größenwahn anheim gefallen, denn ich will diesmal weitere Techniken, die ich noch nie getestet oder gar mehrfach praktiziert hatte, ausprobieren. Für den Deckel: wieder Marketerie, aber wesentlich kleinteiliger als beim Hocker – beim Korpus: Einlegearbeiten mit Flächen, aber auch Band- und Fadenintarsien, weiterhin eine partielle Ebonisierung bestimmter Teile nebst Restaurierung und Aufwertung, indem ich Merkmale des Biedermeier einarbeiten möchte – und eine abschließende Oberflächenveredelung mit Schellack. Da habe ich mir ja was vorgenommen!

Der Größenwahn ist ausgebrochen: Ich kann auch Biedermeier!

Allein die Marketerie für Vorder- und Rückseite der Deckelkassette soll, laut Plan, aus rund 250 Einzelteilen bestehen. Ich habe mir nämlich Folgendes ausgedacht: ein Schachbrettmuster, bestehend aus Quadraten aus Nussbaum-Wurzelholz, 30 x 30 mm groß, im Wechsel mit ebenfalls 30 x 30 mm großen Quadraten aus dunkler gebeiztem Nussbaum schlicht – allerdings sollen sich diese Quadrate aus je vier 15 x 15 mm großen Stücken zusammensetzen, deren Maserung im rechten Winkel zueinander steht.

Gefasst wird die Schachbrettfläche dann von einer Bandintarsien-Bordüre, die ich im Vorfeld bereits fertig gekauft habe, wiederum gerahmt von einem farblich angepassten Streifen aus Eukalyptusfurnier. Dass zur Biedermeier-Zeit sicherlich kein Eukalyptusholz verarbeitet wurde, wurst, egal, das interessiert mich in diesem Falle nicht – Hauptsache, das Kästle wird schön!

Zweifel kommen auf …

Daran habe ich jedoch so meine Zweifel, als ich die beidseitig mit Muster bestückte Trägerplatte aus der Presse hole: während das schlichte Nussbaum-Furnier schön glatt anliegt, wellen sich die meisten der Wurzelholzquadrate, und zwar sehr ausgiebig und extrem unschön. Es sieht fast so aus, als hätten sie zu wenig Pressdruck abbekommen. Doch wie kann das sein? Gut, die Stärke des Wurzelholzfurniers war vom Verkäufer mit 0,55 mm angegeben worden, die des Schlichtholzfurniers hingegen mit 0,7 mm.

Doch ich kann fast nicht glauben, dass diese 0,15 mm eine so eklatante Rolle gespielt haben sollen; zumal ja vereinzelte Quadrate plan auf der Platte liegen. Und ein ungleichmäßiger Pressdruck kann eigentlich auch nicht schuld sein, da sonst auf Vorder- und Rückseite die gleichen Stellen betroffen wären. Eher habe ich in diesem Falle ein unterschiedliches Quellverhalten im Verdacht – das Schlichtfurnier fühlt sich im jetzigen, feuchten Zustand nämlich deutlich dicker an…

Hilflose Rettungsversuche

Vor Schreck und in der Hoffnung, noch etwas retten zu können, spanne ich die Platte ein weiteres Mal für 16 Stunden ein und fahre hierfür auf, was der Zwingenfundus hergibt.

Doch auch als ich die Zwingen wieder abnehme, ist keine merkliche Besserung eingetreten. Also stecke ich die Platte bei zirka 40 Grad und Umluft in den Backofen, Tür einen Spalt geöffnet. Eine Stunde später begutachte ich das Ergebnis: nun ja, Babypopo ist was anderes, aber so einigermaßen hat sich jetzt auch das Wurzelholzfurnier zurechtgebogen. Und es klebt so, wie es soll – keine Blasen, keine hohlen Stellen – wie ich bei einem Klopftest feststelle.

Eigentlich ist es gar nicht sooo schlimm

Das ist das Wichtigste und irgendwie auch ganz charmant, denn die Kiste hat ja immerhin um die 120 Jahre auf dem Buckel und sicher eine Menge erlebt. Und das darf man ihr ruhig ansehen – selbst und gerade bei neu hinzugefügten Elementen. Das entspricht durchaus meiner Philosophie, die da besagt, dass ein altes Möbel nur dann lebendig wirkt, wenn man es behutsam restauriert und dabei Lebensspuren erhält. In diesem Zusammenhang gibt es übrigens nichts Schlimmeres für mich, als ein auf Hochglanz gewienertes Stück, dessen Kratzer und Macken bewusst beseitigt wurden und der Antiquität so jeglicher Charakter geraubt wurde.

Mein Leitsatz: eine Antiquität sollte aussehen, als sei sie seit Anbeginn ihres Seins in Familienbesitz – gepflegt, geschätzt und all die Jahre in achtungsvollem Gebrauch.

Ein Wochenende ist vergangen, ein Wochenende, an dem ich nicht zuhause war und ich nichts an der Schatulle gemacht habe. Also ist auch nichts passiert? Doch! Der Leim und das Furnier haben weiter Feuchtigkeit verloren, angezogen und sich damit auch noch mehr geglättet. Jetzt sieht es wirklich gut aus, sodass ich restlos zufriedenen bin. Nun kann ich mich zufrieden der weiteren Verschönerung des Kästchens widmen. Die erste Tat ist die Befestigung der nun fertigen Kassette im Rahmen. Ursprünglich waren hierfür vier Leisten an der Außenkante der Kassette befestigt. Davon sind aber nur noch drei vorhanden.

Alarm: Erstversuch mit der Oberfräse

Also muss ich die fehlende Leiste irgendwie nachbilden. Oder, wenn das nicht geht, vier ganz neue basteln. Im Fundus des Werkkellers werde ich zumindest schon mal holztechnisch fündig: eine kleine Rechteckleiste von 5×10 Milllimetern scheint mir ideal. Ich schraubzwinge sie an der Werkbank fest und nehme zum ersten Mal meinen neuerworbenen Oberfräsenaufsatz für den Dremel in Betrieb.

Nach ein paar Versuchen, wie der Frässtift am besten am Holz anzusetzen ist, gelingt mir – ich kann’s kaum glauben – tatsächlich eine Zierleiste, die den ursprünglichen ziemlich ähnlich ist. Schnell ist sie auf Gehrung gesägt, farblich an- und dann eingepasst. Na ja, zu hundert Prozent kommt sie an das Original nicht ran, aber ich denke, ich kann sie so lassen. Oder vielleicht die Originale noch etwas dunkler machen – ich kenne mich ja: das lässt mir dann doch keine Ruhe …

Dann geht es munter weiter: ich schraube den Boden vom Korpus und schaue mal, ob es sich lohnt, das Ding zu leimen. Der Korpus, sorgfältig abgeschliffen, wird zunächst an den obenliegenden Kanten ebonisiert, dann nochmal geschliffen, um übergelaufenes Schwarz zu beseitigen, und zuletzt mit einer Mischung aus „Nussbaum dunkel“ und „Kirschbaum antik“ lasiert – typische Holzfarben der Biedermeier-Zeit.

Als nächstes bilde ich die „gequetschten Kugelfüßchen“ nach, von denen leider nur noch eines existiert: ich zeichne mir mit einem Milchverschluss auf 30er-Buchenholzkugeln oben und unten den zu kappenden Bereich an, spanne die Kugeln jeweils zwischen zwei mit Bohrmulden versehene Brettchen und entferne die eingezeichneten Käppchen mit einem oszillierenden Multitool. Noch rasch glattgeschliffen, wandern die Teile kurz in die Walnussbrühe, und nach dem Trocknen in die Essig-Stahlwolle-Beize. Rabenschwarz, sprich biedermeierlich ebonisiert harren sie nun ihrer Verwendung.

Jetzt muss ich mich an die Erstellung der Intarsienbänder für den Korpus machen. Ich möchte diesen nämlich nicht komplett furnieren, so, wie ich es mit dem Deckel gemacht habe, sondern zwei selbst gemachte Intarsienbäder ins Holz einlassen. In Höhe des Schlosses soll es ein helles Band mit schwarzer Fassung sein, im unteren Drittel möchte ich gerne das Muster des Deckels wiederholen und mit je einem Streifen hellen und schwarzen Furniers fassen.

Eine echt knifflige Arbeit, denn das untere Band darf nicht breiter werden als eine Deckelreihe, sonst erschlägt es den Korpus. Das bedeutet: die Wurzelholzquadrate dürfen nur 20 x 20 mm groß werden. Demzufolge benötige ich für das 4er-Zwischenquadrat winzige Ecklein von gerade mal 10 mm Kantenlänge. Und um das zu bewältigen, habe ich eine Investition getätigt, von der ich glaube, es könnte funktionieren. Allein wissen tu ich es nicht – denn weder in Hobby- noch in Fachkreisen ist von einer derartigen Methode etwas zu lesen. Aber gut, Fixogum verwendet ja offenbar auch niemand, dabei ist der echt fantastisch.

Nach der Fixogum-Revolution folgt nun das Guillotinen-Zeitalter

Und ich könnte schreien vor Freude: meine Papierschneidemaschine – ich konnte ein Guillotinen-, sprich Schlagscheren-Modell eines namhaften Herstellers zu einem Schnäppchenpreis erstehen – arbeitet wie erhofft. Wie ein warmes Messer durch Butter gleitet die Schlagschere durch das Furnier. Damit es nicht splittert, habe ich es einfach leicht angefeuchtet. Ergebnis: kaum Ausschuss und absolut präzise Quadrätchen von 10 x 10 mm! Ich bin begeistert – und es eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Vielleicht kann ich ja in Zukunft sogar noch feinere Bandintarsien herstellen und mir deren teuren Erwerb sparen!

Der heikelste Part: die Bandintarsien versenken

Die Intarsienbänder sind rasch gefertigt, Dank der Schneidmaschine und der Fixogum-Methode. Ich habe für jede Korpusseite je zwei separate Bänder gemacht, denn ich kann immer nur eine, höchstens zwei gegenüberliegende Seiten verpressen. Also gehe ich den sicheren Weg – und der ist in diesem Falle der Seite-für-Seite-Weg.

Ich bin tierisch aufgeregt, denn das ist der letzte große Arbeitsschritt und zudem der vertrackteste. Zumindest für mich. Es gilt nämlich zwei Probleme zu lösen. Erstens möchte ich nicht ums Eck gehen. Da müsste ich das Furnier nämlich biegen und perfekte Anschlüsse schaffen. Das ist mir aber zu riskant. Deshalb habe ich eine andere Lösung gesucht. Und gefunden!

Ich werde die Ecken, die ja rund sind, abflachen und zum Schluss die entstandene Fläche furnieren und ebonisieren. Nur wie krieg ich diese 4 Ecken flach, ohne mich zu versägen oder gar die Zinkung zu schwächen? Ich muss wohl schleifen. Dazu nehme ich meine Schleifmaschine und den großen Winkel, den ich plan aufsetzen kann und trage möglichst wenig Material ab. Gerade so viel, dass eine Fläche entsteht und die Rundung verschwindet. Bingo! So sollte das Anschlussproblem gelöst sein.

Doch schon steht das nächste Problem vor der Tür. Ich muss nun aus der Korpusfläche Holz entfernen, um in den Aussparungen schließlich die Bandintarsien einlassen zu können. Die Vertiefungen müssen absolut plan und glattkantig werden und müssen die perfekte Tiefe haben. Lange hab ich überlegt und rumgetüftelt – und nur eine gangbare Lösung gefunden, wenngleich einschlägige Seiten im Internet besagen, dass das nie und nimmer funktioniert.

Doch eine CNC-Fräse oder ähnlich teures Equipment werde ich mir deswegen sicher nicht kaufen. Und wofür habe ich einen Dremel, der stets als DAS Multitool für alle anfallenden Arbeiten angepriesen wird – zumindest vom Hersteller. Jetzt ist die Zeit gekommen, da sich die kleine Zwiebacksäge unter Beweis stellen darf! Allerdings traue ich mich diese Arbeit nicht freihand zu verrichten und auch der Oberfräsenaufsatz scheint mir nicht wirklich geeignet. Also habe ich für 8 Euro einen Hartplastik-Fräsaufsatz erworben, von dem ich glaube, er sei das probate Mittel.

Trotzdem arbeite ich die Intarsien-Kanäle passgenau mit einer Rand-Nut vor, indem ich mich mit einer Schiene und einem Stechbeitel entlang einer vorher eingezeichneten Linie entlanghangle, an der ich eine Holzleiste festgespannt habe. Die Kanten sind somit definiert und, das Wichtigste, auch glatt. Sollte der Fräskopf nämlich rupfen, was ja nicht ausgeschlossen ist, so reißt mir wenigstens die Außenkante nicht auf.

Dann kommt Maschinenkraft ins Spiel: der Dremel mit besagtem Kaugummiautomaten-Fräsvorsatz und dem Flachnutfräser 654 mit einem Durchmesser von 6,4 mm. Theoretisch habe ich das Vorgehen unzählige Male durchgespielt, doch jetzt wird es konkret – und praktisch. Manno, wenn das nicht funktioniert wie angedacht, dann ruiniere ich damit unter Umständen den ganzen Korpus…

Nervös rüste ich den Dremel entsprechend um und stelle auf einem übriggeblieben Holzstück die gewünschte Frästiefe ein. Gar nicht so einfach mit diesem, mit Verlaub, sehr hobbymäßigen Tool. Aber nach ungefähr 10 oder 12 Versuchen hab ich’s.

Es wird ernst – sehr ernst

Und jetzt gibt es kein Zurück mehr! Mit Hilfe diverser Holzleisten lege ich einen Fräskanal fest, setze die Fräse hinein und schalte ein. Aaah, sie läuft! Und sie läuft gut, ach was, perfekt! Ohne zu rupfen oder sonstige Zicken zu machen, fräst sich das Teil präzise an der ausgestochenen Kante entlang und trägt dann den Rest des Holzes in der Mitte des Kanals ab. Und zwar absolut plan und, vor allen Dingen, glatt wie ein Pfirsich, wie ein Babypopo, ja, fast wie Glas! Das übertrifft meine Erwartungen bei weitem und schon wieder könnte ich schreien vor Glück!!!

Die beiden ersten Streifen sind fertig, ich lasiere sie dunkel, damit später nichts Helles durchblitzen kann, streiche sorgfältig Weißleim in die Rinnen und setzte dann die Bänder ein. Sie passen perfekt! Zumindest fühlt es sich so an, denn viel sehen kann ich nicht, trotz der transparenten Trägerfolie. Ein letztes prüfendes Darüberstreichen mit der Hand, dann verspanne ich das Ganze und lasse mehr als ausreichend Zeit verstreichen – schließlich muss ich ja auch noch zur Arbeit…

Endlich abends wieder daheim: Hände waschen, Schlumperklamotten an, ab in den Keller und die Schraubzwingen lösen! Die Bänder sitzen wie ne Eins! Vorsichtig pule ich die Folie ab, beseitige den unvermeidlichen Leimdurchtritt mit der Ziehklinge und schleife nochmal leicht drüber. Alles ist absolut plan! Ich habe ja immer sehr hohe Erwartungen, wenn es um Arbeitsergebnisse geht, vor allen Dingen meine eigenen, aber das übertrifft fast meine kühnsten Vorstellungen! Wenn die anderen Seiten nun auch noch so gut gelingen, wird das eine, meine, Traumschatulle!

Herausforderung Bodenplatte

Nun fehlt nur noch die Bodenplatte. Ganz easy, denk ich mir, leime die zwei Risse und den fast durchgebrochenen Spalt. Danach ist sie, wie seit dem Zeitpunkt, da ich sie abschraubte, immer noch leicht gebogen, aber zumindest stabil. Um sie gerade zu bekommen, kleistern ich die konkave Seite mit wasserhaltigem Leim ein, spanne sie an den Ecken fest und lasse den Leim komplett durchtrocknen. Als ich sie von den Schraubzwingen befreie, ist sie wunderbar eben!

Nun könnte ich sie eigentlich wieder anschrauben und alles wäre gut. Aber sie ist, durch die Risse und diverse andere Misshandlungen aus vergangener Zeit ziemlich unansehnlich und das würde ich doch noch gerne bereinigen.

Die runde Leisteneinfassung ist schnell ebonisiert, danach soll die Platte noch furniert werden. Auf der Innenseite mit schwarzer Mooreiche als glatte Fläche, auf der Unterseite möchte ich gerne lasierten Nussbaum in gegenläufigen Quadraten anbringen und vielleicht auch noch meine Initialen und das Jahr der Neuentstehung der Schatulle in hellem Holz dort verewigen.

Brett’leben? Nö, Dachrinne!

Gesagt, getan! Nachdem ich genügend Nussbaum-Quadrate von 40 mm Kantenlänge zugeschnitten habe – natürlich mit meiner Papierschneidemaschine – setze ich das Muster auf Folie zusammen, klebe es auf, drehe die Platte und bringe das Mooreichenfurnier an. Dieses soll nicht nur die schraddelige Bodenplatte verschönern, sondern auch als Gegenfurnier fungieren, sodass sich die Platte nicht erneut biegt.

Als ich am nächsten Tag die Platte aus der Zwingenpresse befreie, staune ich nicht schlecht. Auf der Nussbaum-Seite ist der Leim noch so weich, dass man meinen könnte, ich hätte ihn eben erst draufgestrichen. Die Mooreichenseite hingegen klebt bombenfest und ist komplett trocken. Sehr seltsam!

Irritiert lege ich die Platte beiseite und denke nach. Als ich mich nach ein paar Minuten der Platte wieder zuwende, traue ich meinen Augen nicht: die Platte hat sich innerhalb dieser kurzen Zeit wie eine Dachrinne gebogen. Oje, ich denke, ich seh verkehrt!

Sofort verfrachte ich das aufgezogene Ding in den Backofen, wo ich es bei 50 Grad und Umluft schonend zu trocknen und gleichzeitig wieder geradezubiegen versuche. Doch es ist vergebliche Liebesmüh – selbst nach 2 Stunden hat sich nichts, aber auch gar nichts getan.

Aber klar, ich habe auch alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann! Fehler Eins und Zwei: die Mooreiche, wesentlich dünner und damit schneller trocknend, wurde in einem Stück aufgebracht, die Maserung quer zu der der Platte. Fehler Drei und Vier: auf der Gegenseite habe ich gleichzeitig das dickere Furnier platziert und, zu allem Überfluss, auch noch in kleinen Quadraten, die selbst nach dem Trocknen keinen richtigen Gegenzug aufbauen können.

Ergebnis: eine starke Biegung der Bodenplatte und ein zusätzliches Auseinanderdriften der Quadrate in Längsrichtung. Das muss ich jetzt alles wieder in den Griff bekommen und, im wahrsten Sinne des Wortes, geradebiegen…

Fehlerkompensation

Als allererste Maßnahme schneide ich das Mooreichenfurnier einmal parallel zur Maserung der Bodenplatte durch, damit ein Großteil der Spannung abgebaut wird. Dann nässe ich diese Seite noch einmal ordentlich durch, spanne die Platte vorsichtig zwischen zwei Bretter, bis sie knarrend, aber willig nachgibt. Endlich liegt sie wieder gerade, wenn auch unter Zwang, aber jetzt lasse ich einfach die Zeit arbeiten und haue übers Wochenende ab …

So, Wochenende vorüber, ich wieder da – und gespannt wie ein Flitzebogen nehme ich die Schraubzwingen ab. Uaah, Glück gehabt! Der Boden ist wieder so eben wie ein See bei absoluter Windstille, allein spiegeln tut er nicht. Ach, was bin ich froh!!!

Nun muss ich nur noch die Sache mit den auseinandergegangenen Fugen bereinigen. Doch mittlerweile weiß ich ja, dass ich mich auf meinen Dremel und dessen Fräsaufsatz verlassen kann. Damit werde ich ganz einfach die verschobenen Fugen auf ein einheitliches Maß bringen und die neuen, ebenmäßigen Fugen mit einem Streifen ebonisierten Nussbaumfurniers füllen! Das ist rasch erledigt und sieht gar nicht so schlecht aus!

Die letzten Schritte – und mein Biedermeier ist fertig!

Nachdem der Biegelapsus behoben ist, lasiere ich die Unterseite in dunklem Nussbaumbraun, vorsichtshalber spanne ich die Platte danach gleich wieder ein, denn sie zeigt schon wieder leichte Dachrinnentendenzen… Danach Schleife ich sie auf beiden Seiten, lasse meine Initialen und die Jahreszahl ein, lasiere noch einmal und trage dann wasserbasierten Möbellack auf.

Diesmal kein Schellack? Nein, denn ich weiß ja nicht, welchen Dingen der Boden in Zukunft ausgesetzt sein wird. Deswegen soll er möglichst robust mit Lack versiegelt sein – und Schellack ist halt doch ein wenig empfindlicher. Nach dem Trocknen, Schleifen und dem nochmaligen Lackieren kann der Boden an der Schatulle befestigt werden. Dazu verwende ich, nicht ganz stilecht, Schrauben. Ich traue den Wellneigungen der Bodenplatte einfach nicht. Und Schrauben sind in diesem Falle nun mal das sicherste Mittel.

Die Bodenplatte sitzt, die Schraubenköpfe habe ich mit Furnier so kaschiert, dass sie kaum zu sehen sind. Nun bringe ich noch die flachen Kugelfüßchen an – mit Holzdübeln und Leim – klebe schwarzen Filz drunter und schraube schließlich noch die gereinigten und geölten Metallteile an und kann es kaum glauben: meine Biedermeierschatulle ist endlich fertig! Und sie ist genau so biedermeierig, wie ich mir das vorgestellt hatte!

Ich bin so glücklich, kann meine Augen kaum von der Schatulle nehmen, Streich immer wieder über das samtig geschellackte Holz und weiß eines ganz genau: sie kommt ganz sicher nicht unter den Tisch!!!

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