FESTLICHE TAFEL – AUS AFRIKANISCHEN ALLTAGSKLAMOTTEN

Wie jetzt? Eine festliche Tafel mit einer Tischdecke aus Jeans und Servietten aus T-Shirts. Nein, das, was ich meine, das ist das Leib-und-Magen-Kleidungsstück unzähliger afrikanischer Frauen: eine Stoffbahn, die um Körper oder Kopf geschlungen wird, mit der man Kinder durch die Gegend schleppt, mit der man dem Gesicht Schatten macht oder es schamhaft bedeckt, eine Stoffbahn, die genutzt wird, um Statements zu setzen, die mit Stolz getragen wird und sehr kleidsam ist. Was ich meine ist die Kanga oder, etwas wertiger, Kitenge.

Kanga oder doch Kitenge?

Beide Stoffarten sind, was die Muster anbelangt, typisch afrikanisch und meist sehr farbenfroh. Ich habe deshalb auch bei keinem meiner Tansaniaaufenthalte widerstehen können und fast immer ein, zwei der bunten Stoffbahnen mit nach Hause gebracht. Doch wirklich etwas draus gemacht habe ich nicht. Bis jetzt.

Vor einigen Wochen habe ich einen Jugendstiltisch erstanden, das gute Stück wieder hergerichtet und wollte nun Tischwäsche dafür haben, um den ehrwürdigen Tisch in eine festliche Tafel verwandeln zu können, wenn man endlich mal wieder Gäste empfangen darf.

Und da fiel mir meine afrikanische Stoffschublade wieder ein. Gespannt zog ich den Stapel heraus und durchforstete ihn nach einem geeigneten Muster. Meine Wahl fiel auf einen gelben Kitengestoff mit schwarzem Muster. Die Kangastoffe waren zwar auch hübsch, aber leider nicht wirklich geeignet. Sie werden nämlich in jeweils zwei 150-Zentimeter-Stücken angeboten, haben eine Art breiten Musterrahmen und ein anders gemustertes Inneres. Kitengestoffe hingegen sind Meterware und gleichmäßig gemustert. Deshalb also der Kitengestoff.

Ein Tischläufer, sechs Platzsets und Servietten aus einem Guss

So, was brauchte ich für meine festliche Tafel? Eine Tischdecke fand ich persönlich nicht so prickelnd. Sie würde den schönen Tisch mehr verhüllen als zieren und außerdem zu viel Stoff verschlingen. Also einen Tischläufer, Platzsets und eventuell noch Servietten? So mache ich das!

Ein wenig rumgerechnet, ein bisschen probedrapiert, dann wußte ich, wie ich den Stoff schneiden musste, um einen zwei Meter langen Läufer, sechs Platzsets und sechs Servietten heraus zu bekommen. Auf dem Dachboden fand sich dann auch noch ein Biberbettlaken, neu und in Originalverpackung, das meine Oma kurz vor ihrem Tod gekauft, aber nie verwendet hatte. Dieses sollte nun als Molton, als eine Art polsterndes Futter dienen.

Ganz wichtig: vorher waschen und kalkulieren

Und schon konnte es losgehen. Natürlich jedoch nicht, ohne die beiden Stoffe vorher noch gewaschen zu haben. Das ist ganz wichtig, denn gerade Baumwollstoffe gehen bei der ersten Wäsche etwas ein, und jede Stoffqualität hat da so ihre Eigenheiten. Und es wäre doch schrecklich, sich so viel Arbeit zu machen, die Tischwäsche zusammengenähterweise erstmals zu waschen, um dann feststellen zu müssen, dass alles Falten wirft, weil der Kitengestoff anders geschrumpft ist als das Biberlaken.

Also ab in die Waschmaschine damit und nach dem Trocknen ordentlich bügeln. Dann kann nichts mehr schief gehen. Zumindest nichts mehr, was das Einlaufen betrifft. Nach dieser Prozedur widmete ich mich, quasi zum Warmwerden, zuerst dem Tischläufer, der in etwa zwei Meter lang und 40 Zentimeter breit werden sollte. Bei der Breite orientiert ich mich übrigens an einer Faustregel, die besagt, dass der Läufer nicht breiter als der halbe Tisch sein sollte (der misst 90 Zentimeter) und am Stoffrapport. Schließlich sollte der Läufer symmetrisch werden.

Zum Warmwerden: der Tischläufer

Ich probierte also, wie ich den Stoff am besten falten und nähen, und wieviel Saum ich zugeben musste, damit das gelang. Da der Rapport ziemlich breit ist, bot sich als beste Lösung eine seitliche Naht an. Im nächsten Schritt schnitt ich vom Laken einen 40 Zentimeter breiten Streifen in entsprechender Länge ab, vom Kitengestoff eine Bahn von 90 Zentimetern Breite und 2,20 Metern. Der Kitenge wurde nun in der Mitte gefaltet, ordentlich gebügelt und wieder aufgeklappt.

Dann legte ich den Lakenstreifen so akkurat wie möglich an der Bügelkante an, klappte das Ganze wieder zu, bügelte es nochmals und steckte es dann an den beiden Längsseiten mit Stecknadeln fest – beginnend mit der Rückenseite. Diese Reihenfolge ist wichtig, denn nur so hat man die Möglichkeit nachzukorrigieren, sollte sich der Stoff beim abermaligen Bügeln noch etwas verziehen. Und das tut er mit Sicherheit… Genau aus diesem Grund empfiehlt es sich übrigens auch, nach jedem erfolgten Einzelschritt ein weiteres Mal zu bügeln.

Also: Rückenseite stecken und bügeln, dann die zweite Längsseits stecken und bügeln, den Stoff Auf den beiden schmalen Seiten nach innen schlagen, bügeln, stecken, bügeln. In der gleichen Reihenfolge wird dann genäht und immer wieder gebügelt, bis schließlich der Läufer rundherum vernäht ist und wunderbar glatt und wellenfrei vor einem liegt.

Mit etwas mehr Mut: ich wage mich an die Tischsets

Nun, wieder ein Stück weit vertrauter mit der selten benutzten Nähmaschine, wagte ich mich auch an die etwas komplizierteren Tischsets ran. Zweifarbig sollten sie werden und sogenannte Briefecken bekommen. Die wollte ich unbedingt. Weil ich aber keine sonderlich geübte Nähkönnerin bin, entschied ich mich für “Briefecken für Faule“. Dazu jedoch später.

Zunächst trennte ich die schmale Bahn vom Reststück ab, die vom Läuferschneiden übrig geblieben war. Daraus sollten zum Schluss Servietten werden. Dann teilte ich das große Reststück in sechs gleiche Teile. Wunderbarerweise ging diese Teilung perfekt auf und ich hatte nun sechs Stoffstücke von je 57 x 42 Zentimetern – ideal für Tischsets in einer Standardgröße von 45 x 30 Zentimetern, eine großzügige Saumzugabe inklusive. Letztere ist sehr angenehm für weniger geübte Näher, denn sie erspart einem anstrengendes Kleingefrickel.

Dann schnitt ich je 6 Stücke aus dem Bettlaken und 6 Stücke aus einem grünen Baumwollstoff, der bereits gewaschen war, weil ich daraus vor Jahren einen Reisekissenüberzug für Heinz geschneidert hatte. Alle Stücke sollten eigentlich exakt gleich groß werden, nämlich 45 x 30 Zentimeter. Ein anschließendes Übereinanderlegen und Bügeln jedoch zeigte, dass mir das nicht ganz gelungen war und der ein oder andere Buckel überstand. Das aber ließ sich mit einer Schere schnell beheben.

Das A und O: bügeln, bügeln bügeln

Derart korrigiert und begradigt konnten die paarigen Stoffstücke nun mittig auf die Rückseite(!) des Kitengestoffs aufgelegt werden. Und wieder begann die bereits beim Läufer durchexerzierte Prozedur: Längsseite 1 umklappen, bügeln, feststecken, bügeln, das gleiche bei Längsseite 2. Einziger Unterschied: diesmal musste ich je zweimal umschlagen, denn schließlich sollten ja die fransenden Schneidekanten sauber unter einer Lage Stoff verschwinden. An dieser Stelle war ich übrigens zum ersten Mal sehr froh über die großzügig bemessene Saumzugabe!

Im nächsten Schritt klappte und steckte ich nun die schmalen Seiten – zunächst ganz gerade – nach innen. Dann begann das Projekt Briefecken, vor dem ich am meisten Bammel hatte: die 4 Ecken mussten jeweils „auf Gehrung“ im 45-Grad-Winkel umgeklappt und sauber gesteckt werden. Richtig professionell macht man das wohl, indem man den Stoff wieder abnimmt, aufklappt und von innen näht, damit man die Naht am fertigen Stück nicht sehen kann.

Doch das traute ich mir nicht zu und entschied mich deshalb, heilfroh, dass es bis dato so gut gelaufen war, für die Briefeckenvariante für Faule. Sprich: ich drehte und wendete nichts, sondern kappte lediglich das Zuviel an umgeklapptem Stoff, damit die Ecken nicht unnötig dick wurden und steckte das Ganze schnell wieder fest.

Es wird spannend: das Gesteckte wird genäht

Ich war ein wenig aufgeregt, denn nun sollte alles genäht werden. Also ein letztes Mal bügeln, die Ecken überprüfen und dann trat ich aufs Pedal, ganz vorsichtig. Doch wenn man sich Zeit lässt und nicht hetzt, wenn man die letzten zwei, drei Stiche vor einer kritischen Stelle auch mal mit der Hand weiterdreht, statt aufs Pedal zu gehen, dann gelingen auch Dinge, vor denen man Respekt hat. Das war ein Tipp, den mir meine Mutter mal vor langer Zeit gegeben hatte – und, in dieser Form beherzigt, war er Gold wert.

Während der Näherei kristallisierte sich dann übrigens auch noch ein zweiter Tipp heraus: wenn man eine Ecke so steckt, dass erst der untenliegende (1), dann der obenliegende Stoffteil (2) der Naht anheim fällt, hat man bessere Chancen, sich beim Nähen verziehenden Stoff noch zu korrigieren als andersrum. Wenn man dann auch noch besonders konzentriert und langsam ganz knapp an der Kante der „Gehrung“ entlangnäht, dann ist ein sauberes Gelingen der Ecken fast garantiert. Und so sehen die „Briefecken für Faule“ fast so gut aus wie die gestülpte Variante vom Nähprofi!

Die leichteste Übung zum Schluss: Servietten

Alles Komplizierte war geschafft und gelungen, das Einfachste hatte ich mir bis zum Schluss aufgehoben: die Servietten. Ich teilte die verbliebene, schmale Stoffbahn in sechs Teile, säumte jeden von Ihnen ringsherum, bügelte alles noch einmal – und schon war alles Textile für meine festliche Tafel fertig! Und nun fehlen nur noch Deko wie Serviettenringe – die kann ich ja aus Salzteig machen oder welche nehmen, die ich vor Jahren mal fertig gekauft habe – und die Gäste. Doch Corona wird hoffentlich bald der Vergangenheit angehören…

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