TAUSENDSASSA CAPSAICIN – EFFEKTIVE VERGRÄMUNGSTAKTIK UND MEHR

Testosteron + Capsaicin = Ohnmacht

Es wird so um die dreißig Jahre her sein, doch ich erinnere mich noch wie heute daran: mein damaliger Freund und ich saßen gemütlich beim Chinesen und ließen uns das „Glück für die ganze Familie“ schmecken. An einem der Nebentische zogen drei junge Männer den Unmut der anderen Gäste auf sich, denn sie benahmen sich recht testosteronlastig (auch eine Art Vergrämungstaktik), was mit einem hohen Lärmpegel einherging. Grund für das Gegröhle war ein Wettbewerb in Sachen „Wer verträgt am meisten Schärfe“ – eine Idee, auf die nur Y-Chromosomen-Träger kommen können. Abwechselnd schaufelten sich die Jungs Sambal Oelek in den Mund, in jeder neuen Wettkampfrunde noch ein bisschen mehr. Doch dann wurde es auf einmal still: einer der Typen hatte ein wenig zu viel erwischt. Erst brach ihm der Schweiß in Strömen aus, seine Gesichtsfarbe wechselte von rot zu leichenblass und schließlich sackte er in sich zusammen und glitt wie ein nasser Sack vom Stuhl.

Ein Vorfall, wie er heute wahrscheinlich nicht mehr passieren könnte, denn, so habe ich zumindest den Eindruck, das Sambal ist bei weitem nicht mehr so scharf, wie es das früher mal war – vielleicht auch aufgrund solcher und ähnlicher Schnapsideen, wer weiß. Doch natürlich gibt es Chilis in allen Schärfegraden, aus denen sich Soßen und Pasten herstellen lassen, gegen die sich Sambal wie Tomatenmark ausnimmt. Nicht jedermanns Sache … Aber egal, ob oder wie scharf man gerne isst, so ist der Stoff, aus dem die Schärfe ist, ein paar nähere Betrachtungen wert, denn er ist gewissermaßen ein Tausendsassa, was seine Verwendungsmöglichkeiten anbelangt.

Capsaicin und seine bekannten Verwandten

Der Stoff, von dem wir reden, heißt Capsaicin und gehört zur Gruppe der Alkaloide. Alkaloide sind organische Verbindungen mit basischem Charakter, die hauptsächlich von Pflanzen produziert werden, in der Regel giftig und von bitterem Geschmack sind. Das mit der Toxizität allerdings ist relativ zu sehen, denn viele giftige Stoffe können in geringer Dosierung auch eine durchaus heilsame Wirkung entfalten. Genau so ist das auch bei den Alkaloiden, die aufgrund dessen zu den ältesten Drogen der Menschheit zählen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang bekannte Vertreter wie Morphin, dessen schlaffördernde und schmerzstillende Wirkung bereits im alten Ägypten genutzt wurde. Auch das Atropin gehört zu diesen legendären Stoffen: schon im Mittelalter träufelten sich Damen den Saft der Tollkirsche in die Augen, um verführerisch große Pupillen zu bekommen. Diesem Umstand der Eitelkeit hat die Tollkirsche auch ihr Artepitheton im wissenschaftlichen Namen zu verdanken – Atropa belladonna, schöne Frau.

Die Liste der Alkaloide, deren Namen man zumindest schon mal gehört hat, ist jedoch noch viel länger: da sind zum Beispiel Tyrosin, Scopolamin, Phenylalanin, Psilocybin, Solanin, Chinin, Codein, Strychnin, Cocain, Mescalin und nicht zuletzt Coffein und Nicotin. Sie alle zeigen eine jeweils spezifische Wirkung auf bestimmte Zentren des zentralen Nervensystems, deren Bandbreite von anregend, halluzinogen und euphorisierend über cytostatisch, desinfizierend und aufputschend bis hin zu beruhigend, herzwirksam und schmerzlindernd geht. Oder gehen kann, denn die Dosierung macht’s – ein Zuviel kann tödlich enden, denn der Großteil der Alkaloide sind starke Nervengifte.

Was Capsaicin alles kann

Wie man sieht, hat das Capsaicin viele potente Verwandte, was nahelegt, dass auch der scharfe Stoff aus der Chili so einiges bewirken kann. Und tatsächlich, auch das Capsaicin, das unter anderem schmerzlindernd und durchblutungsfördernd ist, findet in der Medizin, aber auch in anderen Bereichen vielfältige Anwendung. Bei Muskelschmerzen und -verspannungen, Gelenkschmerzen und rheumatischen Beschwerden wird Capsaicin beispielsweise in Form von Salben, Cremes und Pflastern appliziert, als Spray sorgt es für freie Nasenhöhlen, oral als Sirup verabreicht, löst es den Husten. Weiterhin lassen sich Verstopfungen damit behandeln, es kann zur Milderung des Taubheitsgefühls nach einer lokalen Zahnarztnarkose eingesetzt werden und als Zusatzstoff in Lippgloss bewirkt es eine sexy Volumenvergrößerung der Lippen. Eine Ladung davon aus der Sprayflasche ins Gesicht eines Angreifers gesprüht, dient es der Selbstverteidigung und auch seine Wirkung als Pestizid ist in Kammerjägerskreisen wohl bekannt.

So empfinden wir Schmerz

Um nun besser zu verstehen, warum Capsaicin all das kann, müssen wir uns seinen Wirkmechanismus und die Vorgänge beim Wahrnehmen von Schmerz näher ansehen. Also, wenn wir uns beispielsweise in den Finger schneiden, dann tut das weh. Landläufig denkt man ja, Sensoren in der Haut melden das ans Gehirn weiter und sobald diese Meldung dort angelangt ist, empfindet man den Schmerz. Ganz so einfach aber ist es nicht. In der Haut (und auch in fast allen anderen Körpergeweben) sitzen Sensoren in Form von freien Nervenendigungen, die sogenannten Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) – soweit richtig. Sie reagieren sehr sensibel auf jedwede Veränderung, egal, ob sich diese als Temperaturwechsel, als Druck, Zug oder eben als Verletzung des Gewebes zeigt.

Die Rezeptoren erkennen, wie in unserem Falle, den Schmerz, wandeln diese Information in ein elektrisches Signal um und schicken den Impuls mittels Botenstoffen über Nervenfasern auf den Weg zum Rückenmark, das in Bruchteilen von Sekunden davon erreicht wird. Dort findet zuerst eine Rückkoppelung statt, die lediglich die Gefahr vermeldet. Diese Information wird über ein Schaltneuron zu motorischen Nervenzellen geschickt, und der Finger wird reflexartig zurückgezogen. Schmerz wird zu diesem Zeitpunkt noch nicht empfunden, er wäre reaktionshinderlich – es hat oberste Priorität, das geschädigte Körperteil aus der Gefahrenzone zu bringen. Außerdem ist das Gehirn nicht in der Lage, in dieser Geschwindigkeit zu reagieren. So, nun aber ist die Gefahr gebannt, jetzt darf auch Schmerz empfunden werden: die Schmerzinformation wandert über Rückenmark und Thalamus in die Großhirnrinde, wo der ankommende Impuls in bewusst empfundenen Schmerz umgewandelt wird.

Warum, zum Teufel, löst Capsaicin ein Brennen aus?

Des Rätsels Lösung: es gibt unterschiedliche Typen von Schmerzrezeptoren
– Mechanosensible, die auf mechanische Reize reagieren
– Thermosensible, die auf ausgeprägte thermische Reize reagieren, d.h. auf Hitze >45 Grad Celsius und Kälte <5 Grad Celsius
– Polymodale, die auf mechanische, chemische und leichtere thermische Reize reagieren, d.h. auf Hitze >42 Grad Celsius und Kälte <15 Grad Celsius

Capsaicin begeht nun eine Art thermischer Täuschung, die man im Prinzip auch „Kaltes Brennen“ nennen könnte, in Anlehnung an das Leuchten der Glühwürmchen. Es reizt aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung ganz bestimmte Nozizeptoren, und zwar genau die, die sonst für die Meldung von Schmerzreizen bei thermischer oder chemischer Einwirkung zuständig sind. Ferner muss man sich vorstellen, dass von den Nozizeptoren verschiedene Kanäle mit eigenen Zuständigkeiten Richtung Rückenmark führen. Und auch da dringt Capsaicin in einen Kanal ein, der normalerweise durch einen Temperaturreiz aktiviert wird. So entsteht für den Körper ein Schmerz, der brennt und er reagiert entsprechend darauf – u. a. mit verstärkter Durchblutung. Das ist auch der Grund, warum Capsaicin bei Muskelschmerzen und Verspannungen hilft.

Verbleibt nun der Schmerzreiz für längere Zeit auf einer Stelle, werden permanent Signale ausgesandt und mittels Botenstoffen zum Rückenmark transportiert. Doch irgendwann sind die Botenstoffe aufgebraucht und müssen erst nachproduziert werden. Bis es allerdings so weit ist, können keine Schmerzsignale mehr vermeldet werden – der schmerzbetäubende Effekt von Capsaicin setzt ein.

Noch eine Einsatzmöglichkeit für Capsaicin

Oben hatte ich ja bereits eine ganze Reihe von Gelegenheiten aufgezählt, bei denen Capsaicin gute Dienste verrichtet. Doch es gibt noch etwas, das ich höchst interessant finde, weil es so simpel und doch sehr effektiv ist – und weil es den Bezug zu Afrika herstellt, den ich bei meinen Beiträgen immer gerne hätte: das Alkaloid aus der Chilischote wird zur Vergrämung von Elefanten eingesetzt!

Es ist hinreichend bekannt, dass es stetig enger wird auf unserem Planeten: immer mehr Menschen brauchen immer mehr Platz und mehr Nahrungsmittel, die sie auf immer mehr Feldern anbauen. Das bringt Mensch und Natur in ernsthafte Konflikte. So haben beispielsweise Elefanten wenig Hemmungen, nachts auf Feldern einzufallen und eine Jahresernte einfach so in ein paar Stunden wegzuschnurpsen. Was natürlich die betroffenen Bauern wenig lustig finden und ihrerseits gegen die Elefanten vorgehen – und was im schlimmsten Falle auch deren Tod bedeuten kann.

Natürlich sind schon viele Abwehrstrategien ausprobiert worden, aber die wenigsten zeigen nachhaltigen Erfolg, wenn sie überhaupt etwas bewirken. Eine gängige Methode, die nichts erreicht, außer die Elefanten aggressiv zu machen und sie unkoordiniert über die Felder zu scheuchen, ist zum Beispiel Lärmerzeugung. Lärmerzeugung mit vorhandenem Material wie Topfdeckeln, Töpfen, Pfannen etc. Das ist zwar billig, aber eben auch wenig effektiv. Es wurden Versuche mit Bienenvölkern gestartet, deren Summen Elefanten angeblich nicht mögen. Doch wie viele Bienenvölker brauche ich, um einen Acker, ein Dorf zu schützen, wo bekomme ich so viele Völker her und summen Bienen auch in der Nacht? Man probierte es mit Solarinstallationen, die eine Art Barriere aus blinkenden Lampen bildete. Das funktionierte recht gut, doch Anschaffung und Unterhalt waren auf Dauer dann doch zu teuer und zu arbeitsintensiv.

Doch seit einigen Jahren erreicht man durchschlagende Erfolge mit Chilis. Verschiedene Projekte in verschiedenen Ländern zeigen alle durchweg positive Resultate:

Luangwa-Tal in Sambia: Einsatz von Chili-Granaten
KaZa-Region in Sambia: Einsatz von Chili-Bomben
Nordzimbabwe: Verbrennen von Chili-Pflanzen
Zimbabwe: Chili-Kanone, Chili-Zäune und Chili-Briketts

Das ändert zwar nichts daran, dass die Menschheit zu schnell wächst und es für wilde Tiere immer weniger Platz gibt, doch zumindest ist es ein Ansatz, der die Elefanten vor Schlimmerem bewahrt und Mensch und Tier eine Möglichkeit zur bedingten Koexistenz gibt. Und das ist unter diesen Umständen schon eine ganze Menge, auch, wenn das Brennen, je nach Vergrämungsmethode, erst mal nicht vergehen mag. Doch besser als getötet werden ist es allemal…

Titelbild von Chris Hilbert auf Pixabay
Augenbild von Olya Adamovich auf Pixabay

Blutender Finger von Corey Ryan Hanson auf Pixabay

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