FATALE BEDROHUNG: SUCCULENT PLANT POACHING

WILDEREI (POACHING) IST EINE DER GRÖSSTEN BEDROHUNGEN FÜR DAS ÜBERLEBEN VON KAKTEEN UND SUKKULENTEN IN DER WILDNIS, ZUSAMMEN MIT DEM KLIMAWANDEL UND DER NEULANDGEWINNUNG DURCH RODUNG

Dan Roberts, facebook-Gruppe der British Cactus and Succulent Society

Wilderei und Pflanzen? Ein Zusammenhang, ein Konflikt, ein gravierender Missstand, der den wenigsten Menschen bekannt ist. Die Gründe hierfür jedoch lassen sich denken. Erstens ist das Problem, auch wenn es schon lange existiert, in diesen unglaublichen Ausmaßen ein ziemlich neues. Normalerweise – und gerade in den heutigen, digitalen Zeiten – reagieren die Medien blitzschnell und berichten ausgiebig. Doch das Zweitens steht dem im Wege: den Pflanzen fehlt die Lobby. Sie sind nicht süß und sozial, wie zum Beispiel Elefanten und Gorillas, sie werden nicht als leidende Lebewesen wahrgenommen, weil sie stumm sind und keine Blutlachen oder gar hilflose Babys zurücklassen, wenn sie der Natur und/oder dem Leben entrissen werden.

Doch die Sache hat in den letzten Jahren eine finanzielle Dimension erreicht, die der des Drogenhandels oder dem Handel mit Elfenbein und Nashornhörnern in nichts nachsteht. Das muss man sich mal klarmachen!

Nun muss ich zugeben, dass ich mir über das Ausmaß der Kakteen- und Sukkulentenwilderei bis vor kurzem auch nicht im klaren war, mich aber seitdem sehr eingehend damit beschäftigt habe. Und feststellen musste, dass man ganz schwer an konkrete Zahlen kommt – eben weil in der Presse kaum etwas darüber berichtet wird. Umso ergiebiger sind einschlägige facebook-Gruppen. Meine dort und auch anderswo im Netz gesammelten Informationen möchte ich an dieser Stelle, unverbindlich und ohne Garantie, zusammenfassen.

Corona und die Auswirkungen auf das Poaching

Wie bereits erwähnt: der Tatbestand der Kakteen- und Sukkulentenwilderei existiert nicht erst seit ein paar Jahren, sein Ausmaß hingegen hat sich durch die Existenz des Internets beängstigend vergrößert, die Organisation sehr viel komplexer und somit unkontrollierbarer gemacht. Den Schub aber, der nun viele Pflanzenarten zum Aussterben bringt, hat diesem Geschäft die Coronapandemie verpasst. Ein Todesstoss für zahlreiche Kakteen- und Sukkulentenspezies!

Während der Handel mit sukkulenten Pflanzen vor Corona noch eher als handmade zu bewerten war, wenn auch nicht harmlos, so hat er sich in den letzten Jahren zu einem tosenden Technik-Tsunami entwickelt. Sogenannten Sukkulentenliebhabern und -händlern, vorwiegend aus China, Südkorea und Japan, war plötzlich das Reisen verwehrt – und somit auch persönliche Besuche der Länder, in denen die begehrten Pflanzen wachsen. Was lag da näher, als das Begehren übers Internet zu stillen? Und es wurde nicht nur übers Internet gestillt, sondern gleichzeitig auch noch befeuert.

Bilder von bizarr-skurrilen Sukkulenten, gepostet auf Plattformen wie Instagram, führten zu einem Haben-wollen-Boom, der auf legalem Wege sehr rasch nicht mehr zu befriedigen war. Einem Boom, der auch Menschen erfasste, die das Wort Sukkulenten vorher noch nie gehört hatten – und teilweise bis heute nicht wissen, was das ist. Leute, die seltenen Conophyten Gesichter aufmalen und Wettbewerbe veranstalten, wer den besten Gesichtsausdruck auf die Pflanze gekrakelt hat, Leute, die sich mit der roten Zeichnung “ihrer” Conophytum pagae Schmolllippen-Battles liefern oder, mit anderen Spezies, noch abstrusere Vaginal-Matches austragen.

Die erste Gruppe, also diejenigen, die es auf seltene Sukkulenten abgesehen haben, bedienen sich ebenfalls sozialer Medien, stellenweise ganz offen und unverfroren, und kontaktieren auf diese Art und Weise Mittelsmänner vor Ort, die wiederum die “Sammel-Aufträge” an Handlanger mit Ortskenntnissen und akutem Finanzbedarf, zusätzlich befeuert von Corona, weitergeben.

Um diese Posts und Kommunikationen zielgerichtet herausfiltern und die entsprechenden User lokalisieren zu können, wäre jede Menge Personal vonnöten – und Software mit speziellen Algorithmen, die in der Lage ist, einschlägige Gespräche als solche zu identifizieren. Doch weder haben die zuständigen Behörden genügend personelle Ressourcen, noch gibt es ausreichend Erfahrung, geschweige denn Fachleute, um entsprechende Filterprogramme zu erstellen, wie sie beispielsweise auch in Sachen Online-Pädophilie eingesetzt werden. Das ist leider nicht alles, woran es fehlt, aber sicherlich stellen diese beiden Punkte die gravierendsten Mängel dar.

Poaching: nicht nur Gefahr für Leib und Leben der Pflanzen

Für diese Sukkulentensammler, die vorwiegend aus den genannten Ländern in Asien stammen, sind jene Spezies von Wert, die besonders selten sind – je seltener, desto begehrter, desto höher der Preis. Die Einsammler vor Ort erhalten natürlich nur einen Bruchteil dessen, was der asiatische Begehrer dafür bezahlt, tragen aber das ganze Risiko allein. Das besteht nicht nur darin, von der Polizei erwischt zu werden, auch eine Begegnung mit dem Eigner des Landes, auf dessen Grund die Pflanzen zu finden sind, ist nicht ohne Gefahr.

Da Sukkulenten nicht nur in Nationalparks und auf Niemandsland wachsen, sondern vielfach auch dem Boden riesiger Farmen entsprießen, ist zu deren Ernte eben jener Privatgrund zu betreten. Dass die Farmen teils Quadratkilometer groß sind, macht deren Gefilde nicht öffentlicher und den Besitzer nicht toleranter, was ungeladene Besucher betrifft. Eine solche Begegnung ist allerdings nicht nur für die Eindringlinge riskant, sondern auch für den Landeigner und dessen Familie.

Nicht selten nämlich gehen die Sukkulentendiebe recht rabiat gegen ihre Entdecker vor, bedrohen später, falls sie für den Moment entkommen können, ihn oder seine Familie, um doch noch an das begehrte Pflanzenmaterial zu kommen oder zeigen ihn gar an. Ich las über einen Fall, in dem die Eindringlinge einen Landbesitzer des versuchten Mordes bezichtigten, weil er sie mit einer Waffe bedroht und in die Luft geschossen hatte. Dem Farmer droht nun eine Gefängnisstrafe …

In solchen Fällen, als Farmer, nicht selbst zur Tat zu schreiten, sondern die Polizei zu rufen, ist übrigens müßig. Nicht selten nämlich ist die zuständige Station viele, viele Kilometer entfernt und die Diebe sind bis zum Eintreffen der Beamten gemütlich über alle Berge.

Da aber auch die Farmer auf ihren weitläufigen Grundstücken nicht alles im Blick haben können, wurden mittlerweile Nachbarschaftsgruppen gegründet, deren Mitglieder sich gegenseitig im Auge behalten, im Fall der Fälle den anderen informieren und ihm zu Hilfe eilen. Zusätzlich sichern manche Landbesitzer ihr Gelände, speziell die sukkulentenbewachsenen Hotspots, mit selbstauslösenden Wildkameras, die verdächtige Bewegungen ans Handy des Landeigners melden – mit Bild. Das technische Equipment, das für effiziente Nachbarschaftshilfe und Landüberwachung vonnöten ist, kostet jedoch und nicht jeder Betroffene ist in der Lage, sich die Geräte anzuschaffen.

Erschreckende Zahlen – Poaching nimmt rasant zu

Offizielle Statistiken gibt es nicht, ein paar Zahlen waren dennoch zu finden – und die sind mehr als erschreckend! Zahlen, die sich übrigens allein und ausschließlich auf Südafrika beziehen!

In den letzten drei Jahren wurden dort mehr als eine halbe Million illegal entnommener Pflanzen konfisziert. Man schätzt, dass mindestens die doppelte Menge jedoch unentdeckt blieb und Asien erreicht hat. Die Frage ist allerdings: in welchem Zustand. Oft nämlich meinen es die Handlanger vor Ort besonders gut und wässern die wertvolle Fracht gründlich, bevor diese den langen Postweg antritt. Die Pflanzen überleben das in der Regel nicht, sie verfaulen.

Man weiß von solchen Fällen, nicht weil der asiatische Empfänger sich beschwert hat, sondern weil derartige Sendungen vor Verlassen des Landes konfisziert werden konnten. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass die geschädigten Sukkulenten nicht mehr ausgewildert werden können. Das aber funktioniert auch mit fachgerecht behandelter, konfiszierter Ware nicht, denn die Sukkulenten könnten kontaminiert sein und bei Auswilderung an ihrem Ursprungsort die Restpopulation gefährden.

Was also tun mit den geretteten Winzlingen? Sie müssen in einheimischen Sukkulentengärtnereien, einzeln in Töpfe gepflanzt, ihr zukünftiges Dasein fristen und dienen allenfalls noch der Samenernte für neue Generationen, die dann mühevoll ausgewildert werden müssen. Selbstredend verursacht das immense Kosten, für die Natur jedoch sind die Sukkulenten vorerst mal verloren.

Allein im Richtersveld, einem absoluten Hotspot für seltene Spezies, stehen deshalb zirka 60 Arten kurz vor dem Aussterben, so Pieter van Wyk, Kurator der parkeigenen Gärtnerei und des Herbariums des Richtersveld Nationalparks. An anderen Hotspots sieht es auch nicht besser aus. So vermeldet SANBI (South African National Biodiversity Institute) eine jährliche Zunahme von 250 Prozent bei der Menge an beschlagnahmten Pflanzen – allein für die Succulent Karoo. Hochrechnungen ergaben eine geschätzte Entnahme von rund 1,5 Millionen Einzelpflanzen.

In der Knersvlakte, einem 1140 Quadratkilometer großen Gebiet innerhalb der Sukkulentenkaroo, einem Hotspot mit besonders vielen endemischen Spezies, hatte man in nur 6 Monaten 11 Delikte zu verzeichnen. Geschätzter Marktwert der konfiszierten Pflanzen: zirka 15 Millionen Rand (1,2 Millionen Euro). Ein Wunder allerdings, dass man die Diebe dingfest machen konnte – für den Schutz der Knersvlakte sind 3 (drei!) Personen abgestellt. KEIN Wunder also, dass weniger als 25 Prozent der Fälle von den Strafverfolgungsbehörden abgefangen werden können, so eine Schätzung der SANBI.

Erfolgsmeldungen und Positives

Auf dem Gelände des Richtersveld Nationalparks wurde erst vor kurzem ein netzbespanntes Gewächshaus fertig gestellt, finanziert von der British Cactus and Succulent Society. Die Kosten für dieses Projekt beliefen sich auf 512.000 Rand (ca. 11.000 Euro). Das Gewächshaus soll nun mit 170 verschiedenen Spezies, die allesamt illegal entnommen und anschließend konfisziert wurden, bestückt werden. Weiterhin beherbergt der parkeigene Garten insgesamt 400 Arten, und das sogenannte Conophytum House zahlreiche Spezies seltener Conophyten, deren Samen zukünftig via Internet verkauft werden sollen, um wenigstens ein bisschen Geld in die Kassen zu spülen und so auch etwas Druck aus dem Markt zu nehmen.

Ebenfalls erst vor kurzem wurden 4 Wilderer zu je 7 Jahren Haft verurteilt, weil sie 14 Halfmense (Pachypodium namaquanum) im Richtersveld ausgegraben und entwendet hatten. Für meinen Geschmack und angesichts des Schadens, den sie angerichtet haben, immer noch zu wenig. Allerdings muss man bedenken, dass die wahren Strippenzieher in Asien und Europa sitzen und in der Regel unbehelligt bleiben. Die, die die Strafe abzusitzen haben, sind zumeist Einheimische, die sich aus finanzieller Not heraus haben anheuern lassen. Positiv ist zu vermerken, dass solche Meldungen zunehmen, weil das Problem Sukkulentenwilderei doch langsam, aber sicher mehr Aufmerksamkeit bekommt. Eine Tragödie bleibt es dennoch weiterhin!

Warum ich diese Seite online gestellt habe

Weil ich ein Fan von Sukkulenten bin, weil ich viele der Hotspots schon mehrfach selbst besucht habe, weil mir der Verlust jeder einzelnen Pflanze in der Seele weh tut, weil ich vor kurzem selbst erst vom wahren Ausmaß der Wilderei erfahren habe und weil ich festgestellt habe, dass die Thematik, die Problematik kaum jemandem bekannt ist. Auf diese Weise möchte ich, wie man so schön auf neudeutsch sagt, mehr Awareness erzeugen, der Thematik mehr Aufmerksamkeit schaffen.

Das ist mein Anteil, den ich zur Bekämpfung der Sukkulentenwilderei leisten möchte. Unter anderem. Denn gleichzeitig versuche ich eine Kampagne auf die Beine zu stellen, eine Kampagne, bei der ich kostenlos Plakate, Infoflyer und Logomaterial zum Download zur Verfügung stellen beabsichtige, das sich interessierte Händler und Privatleute herunterladen und ausdrucken können, um es beispielsweise an ihren Verkaufsständen auszulegen, ihren Sendungen beizulegen oder sich einfach auf ein T-Shirt drucken lassen zu können, um dieses bei passenden Gelegenheiten zu tragen und weitere “Awareness” zu generieren.

Als dritte Säule ist die finanzielle Unterstützung von entsprechenden Projekten geplant – mithilfe des Erlöses, den ich aus meinem eigenen Sukkulentenhandel erziele. WAS? Nein, keine echten Sukkulenten, sondern handgemachte Nachbildungen aus Fimo. Doch dieses Projekt bedarf noch einiger Recherchen und Vorbereitungen, bevor es an den Start gehen kann.

Poaching – was du dagegen tun kannst

  • Wenn du selbst Pflanzen erwirbst: sieh genau hin, bei wem du das tust. Kaufe nur bei akkreditierten, vertauenswürdigen Händlern, lass die Finger davon, sobald dir etwas auch nur im geringsten dubios erscheint.
  • Solltest du im Internet auf verdächtige Verkaufsaktivitäten stoßen, so melde diese umgehend. (z. B. an CapeNature, den zuständigen Plattformbetreiber oder die Polizei vor Ort, die oftmals über Online-Formulare übers Internet zu erreichen ist.
  • Wenn du Bilder von Kakteen/Sukkulenten im Internet postest, achte unbedingt darauf, dass dem Bild keine GPS-Koordinaten anhängen. Diese werden von illegalen Händlern ausgelesen und zur Lokalisierung der begehrten Pflanzen genutzt.
  • Informiere dich weiter im Internet (z. B. bei den facebook-Gruppen der British Cactus and Succulent Society, bei Succulentsaver, oder auch auf örtlichen Seiten.
  • Halte stets die Augen offen und versuche auch andere Menschen für dieses Problem zu sensibilisieren.

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