7. April 2011, Ruhetag auf Koiimasis

Ruhetag ist gleich Ausschlafen. Von wegen! In dieser Umgebung kann man nicht ausschlafen, denn sekündlich könnte man dabei etwas Essentielles verpassen. Heinz treibt es bereits in aller Herrgottsfrühe aus dem Zelt und mit den ersten Sonnenstrahlen ist er bei unserer Selbstschuss-Kamera, die wir gestern Abend noch an einer Wegkreuzung abseits der Campsite montiert hatten. Doch es ist wieder nichts drauf! Es ist wie verhext; hier wimmelt es vor Tieren, rund um uns herum raschelt, flattert, zirpt und zwitschert es, aber die Kamera hat nicht ein einziges Mal ausgelöst. Entweder spielt uns die Technik einen Streich oder aber das örtliche Viehzeug ist kamerascheu… Letzteres wird sofort überprüft: auf den Felsen hinter unserem Zelt sonnen sich genüsslich einige Klippschliefer – sie recken sich wohlig, gähnen mit Hingabe, plustern ihren Pelz im wärmenden Morgenlicht – und blecken freundlich grinsend ihre Zähne in unsere Linsen. Von fotografischer Genierlichkeit also keine Spur.


Ebenso unbefangen sind die Bergsteinschmätzer und Fahlflügelstare, die überall herumhüpfen. Neugierig, fast erwartungsvoll werden wir beäugt. Ach, klar, die Herrschaften wollen, dass wir endlich mit dem Frühstück beginnen und ein paar Brösel für die armen Hungerleider abfallen lassen. Na gut, überzeugt. Rasch decken wir unseren Steintisch, heizen das Toastfeuer an und schneiden unter wachsamer Aufsicht zahlreicher Augen unser Brot, das verheißungsvoll krümelt, in Scheiben. Doch es sind nicht nur die Vögel und Klippschliefer, welche uns scharf im Blick behalten, sondern auch zwei Wesen in den Felsen hinter uns, die uns merkwürdig bekannt vorkommen: pelzig, nagerhaft, schwarze Knopfaugen. Die flauschigen Tierchen sehen genau so aus wie die Felsenratten am Gawib River, die sich uns dort so widerwillig präsentiert hatten.





Unsere Felsenratten (Petromus typicus), gerne auch “seltener Bilch” genannt…

Doch irgendetwas stimmt hier nicht! Eines der beiden Geschöpfe ist etwas größer und heller als das andere, sein Kopf ein wenig länglicher – und es hat keinen Schwanz. Vielleicht sitzt es ja drauf oder hat ihn, abseits unseres Blickfeldes, ordentlich um den Körper gelegt? Nein. Egal, wie das Tierchen sich auch dreht und wendet, es ist und bleibt schwanzlos. Das kleinere Exemplar hingegen trägt deutlich sichtbar einen braunen, flaschenbürstenähnlichen Fortsatz mit sich. Fast zweifeln wir schon, ob die beiden Nager tatsächlich ein und der selben Spezies angehören, doch die zwei Fellknäuel gehen so vertraut miteinander um, dass an ihrer sehr nahen Beziehung kein Zweifel bestehen kann: das sind Mama Schwanzlos und ihr unversehrter Nachwuchs, die sich da gegenseitig in der sonnenbeschienenen Felsspalte bekuscheln. Was für ein herziger Anblick!





1) Oenanthe monticola, Zauselpapa; 2) Oenanthe monticola, Kind; 3) Onychognathus nabourup

Vor lauter Begeisterung über die beiden zutraulichen Nager kommen wir fast nicht zum frühstücken. Zwischen Marmeladentoast und Wurstaufschnitt ziehen wir unsere Bordbibliothek zu Rate. „Felsenratten“, stelle ich kauend fest, „eindeutig.“ „Mhm“, bestätigt Jochen schmatzend, „aber von schwanzlos steht da nix.“ „Nö, bei mir auch nicht!“ Das ist seltsam, vor allen Dingen, da vor einigen Minuten zwei weitere, ihrer verlängerten Wirbelsäule beraubte Tiere aufgetaucht sind. Das sieht nun nicht mehr nach Zufall aus und muss dringend auf die Rechercheliste!





1) Tricholaema leucomelas; 2) Oenanthe monticola, Zauselmama; 3) Plocepasser mahali

Gleich heute Nachmittag – wir planen eine kleine Wanderung – werden wir bei den Farmersleuten nachfragen und den fehlenden Schwänzen auf den Grund gehen, so nehmen wir uns vor. Jetzt aber wird erst mal in Ruhe weiter gefrühstückt und mit Liebe sorgsam noch mehr Brösel produziert; ein reichlich zerzauster Bergsteinschmätzer hüpft nämlich schon voller Ungeduld auf einem nahen Felsen umher und zählt uns jeden Bissen in den Mund. Ich erbarme mich und leere die Krümel von unserem Schneidebrett auf eine flache Felsplatte direkt neben unserem Tisch. Sofort ist ein zweiter, noch recht junger Schmätzer zur Stelle, setzt sich mitten in die Brotkrumen und beginnt flügelschlagend zu betteln. Das gibt es doch wohl nicht – da hockt er mitten im Schlaraffenland, mitten im Buffet und schreit nach Service, statt sich selbst zu bedienen – groß genug wäre er ja! Doch Mama, es ist die Zauselige, fliegt gehorsam herbei und beginnt, ihrem fordernden Nachwuchs willfährig den Schnabel zu stopfen. Kein Wunder, dass die Vogelmutti so mitgenommen aussieht; ihr Sprössling scheint ein immens anstrengendes Exemplar zu sein. Aber vielleicht sollte sich Mami auch ein wenig am eigenen Schnabel packen und sich der inkonsequenten, allzu laschen Erziehung bezichtigen… Wie dem auch sei – wir auf jeden Fall tun unser Möglichstes, die überarbeitete Mutter zu unterstützen und stellen weiter fleißig Brosamen her.





1) Stenocara gracilipes; 2) “‘Schlafanzug-Echse”; 3) Procavia capensis

Hach, ist das herrlich, so ein Ruhetag! Herumsitzen, gemütlich Tee trinken, nicht packen müssen und viel Zeit haben, alles genau zu beobachten. Wie zum Beispiel die elegant gestreiften Laufkäfer, die zahlreich zu unseren Füßen herumwuseln. Mit ihren auffallend langen, zerbrechlich wirkenden Beinen, die ihnen zu ihrem wissenschaftlichen Zweit-Namen (Stenocara gracilipes) verholfen haben, eilen sie geschäftig über den Sand, stoppen mal hier, mal da, ändern im Weiterlaufen oft ganz abrupt ihre Richtung und gehen sich gegenseitig offenbar recht gerne aus dem Weg. Eines der hübschen Kerbtiere aber legt es deutlich auf eine Konfrontation der besonderen Art an; es muss ein Männchen sein, das hier in eindeutig amourösen Absichten ein Weibchen verfolgt. Die Dame, die wohl nur ungestört ihren Tagespflichten nachgehen möchte, wird bei jeder auch noch so kleinen Geschwindigkeitsverringerung sofort von ihrem Romeo attackiert, der sich wie ein Hydraulikkran auf seinen langen Stelzen in die Höhe hievt und versucht, die Holde zu begatten. Diese jedoch gibt jedes Mal rechtzeitig Gummi und flüchtet immer wieder, leicht genervt, bevor es dem Männchen doch endlich gelingt, an seine Angebetete anzudocken. Jetzt hat er sie und lässt sie nicht mehr los, auch nicht, als sie völlig unbeeindruckt weiterrennt, gerade so, als wäre er gar nicht vorhanden. Der arme Kerl gibt eine ziemlich lachhafte Figur ab, wie er da, mit heftig strampelnden Beinen, auf seinem flotten Käfer hängt – und ob er bei der Geschwindigkeit tatsächlich zum Zuge kommt, steht auch eher in den Sternen.





1) Der Hygienetempel schmiegt sich in die Landschaft; 2) Ausblick von 3) der Campsite

Dabei sind die Stenocara-Käfer aus der Familie der Tenebrioniden, rein evolutorisch gesehen, alles andere als eine Lachnummer. Sie haben sich in einer Art und Weise auf das Überleben in extrem ariden Gegenden spezialisiert, die besonders einem menschlichen Wesen, das gerade dürstend und total abhängig an seiner Wasserflasche hängt, große Bewunderung abnötigt. Ein einzigartiges System befähigt sie, die rare, aber lebensnotwendige Feuchtigkeit aus der kondensatgeschwängerten Kühle des Morgens und Abends zu extrahieren – und das ohne nennenswerten Aufwand. Mit ihren langen Beinen schrauben sie ihr Hinterteil im 45-Grad-Winkel nach oben, der humiden Brise entgegen, und fangen die kostbaren, mikroskopisch kleinen Wassertropfen mit einer ausgefeilten Technik ganz bequem ein. Auf den Flügeldecken der Stenocarae nämlich befinden sich Erhebungen, die von einer wasseranziehenden Struktur bedeckt und gleichzeitig, in den Vertiefungen, von einer hydrophoben Wachsschicht umgeben sind. Diese Täler treiben die Feuchtigkeit regelrecht auf die wie Wassermagneten wirkenden Hügelchen, wo sich die winzigen Tröpfchen zu größeren verbinden und, sobald diese wegen ihres Gewichts der Erdanziehung erliegen, direkt in die Mundöffnung des durstigen Käfers kullern. Was für ein einfaches, aber dennoch ausgeklügeltes Prinzip, dessen Wirkerfolg so manchem anderen Lebewesen oft mehr als willkommen wäre. Wohl auch uns Menschen; zum Beispiel an einem heißen Sommerabend im überfüllten Biergarten, dann, wenn man von der migrationshintergründigen Bedienung unter demonstrativer Zurschaustellung ihrer angeblich bayrischen Zwiderness mal wieder stundenlang ignoriert wird und auf dem Trockenen sitzt…





1) Blick an den Tiras-“Füßen” entlang; 2) Unser Camp von oben; 3) und aus der Ebene

Oh weia, Ruhetage tun mir anscheinend nicht wirklich gut – da ufern meine Gedanken immer in die eigenartigsten Richtungen aus. Bevor das jetzt noch schlimmer wird, brühe ich mir lieber frischen Tee auf, greife mir unsere Wäsche und mache mich nützlich; dabei kann ich gleich mal die örtlichen Facilities unter die Lupe nehmen. Heinz und Jochen kraxeln ohnehin irgendwo in den Felsen umher, Annette fuhrwerkt im Zelt und ich, im Bewusstsein, dass mich niemand vermissen wird, marschiere Richtung Waschgebäude. Holla die Waldfee, das ist ja alles vom Feinsten hier! In einem Open-Air-Bereich mit Schattendach gibt es mehrere Edelstahlbecken, getrennt für Wäsche und Geschirr, und alle sind – eine echte Afrika-Premiere für mich – mit einem, zudem noch passenden Stöpsel bestückt. Eine großzügige Aufhängegelegenheit, die der früheren Weiße-Riese-Werbung Konkurrenz machen würde, präsentiert sich mit straff gespannten, wahrhaftigen Wäscheleinen und ist so platziert, dass sie quasi den ganzen Tag über Sonne hat. Die absolute Krönung aber ist der spatiöse Nasszellen-Palast: ein riesiges Dusch-Bade-Toilettenzimmer schmiegt sich an einen markanten Granitfelsen, der mit seiner Oberflächenstruktur und Farbe etwas ungemein Elegantes und gleichzeitig Rustikales in das Körperpflege-Gemach bringt. Das rötliche Gestein wurde mit einer matten, kalkabweisenden Lasur behandelt, farblich zum Granit passende Fliesen bedecken die Wände des gemauerten Teils, die geschmackvoll-modernen Armaturen funktionieren einwandfrei, es gibt zahlreiche Ablagemöglichkeiten und Wandhaken und, man höre und staune, alle Leitungen liegen unter Putz. Donnerwetter, da hat aber mal jemand mitgedacht und auch noch Geschmack bewiesen! Deutsche Wertarbeit, würde ich fast vermuten…

Ich bin ganz hin und weg vom diesem Campsite-Spa und kann nicht leugnen, dass ein kleiner Zahn des Neides an mir nagt: so etwas hätte ich zuhause auch gerne! Allerdings wird dieser Traum wohl ewig ein solcher bleiben, alleine schon wegen der fehlenden Granitfelsen in unserem Garten – von den deutschen Außentemperaturen ganz zu schweigen. Doch immerhin ist es mir vergönnt, den luxuriösen Hygiene-Tempel nachher in vollen Zügen bei einer Dusche genießen zu dürfen; die Betonung liegt auf „nachher“, denn jetzt wird erst mal gewaschen. Rasch erliegen Mief und Staub, die sich verzweifelt in unseren T-Shirts und Socken festkrallen, dem beinahe kochenden, solarerhitzten Wasser, das in kräftigem Strahl ins hermetisch verstöpselte Becken strömt, rasch hängt das Zeug auf der Leine und noch rascher bin ich, duschgemäß ausgestattet und von heller Vorfreude erfüllt, zurück beim Shower Palace.





1) Schlupfwespe; 2) Kissenia capensis; 3) wieder mal was Unbekanntes

Surr, brumm, sssrt, macht es neben meiner Hand, als ich gerade die Tür öffnen will und mein Blick fällt auf eine blauschwarze, metallisch glänzende Schlupfwespe, die soeben begonnen hat, eine Brutkammer aus feuchtem Lehm direkt neben dem Türstock zu errichten. Duschen vertagt. Sicher eine Stunde verbringe ich – natürlich habe ich fix noch meine Kamera geholt – mit der Beobachtung des Insekts bei seiner „erbaulichen“ Tätigkeit und kann es kaum fassen, mit welcher Geschwindigkeit die Wespe ihre zukünftige Kinderstube mauert. Lehmkügelchen um Lehmkügelchen fliegt sie herbei, Ring um Ring modelliert sie, von einem instinktiven Konstruktionsplan geleitet, und wie im Zeitraffer klebt bald ein kleines, tropfenförmiges Gebilde, dessen Öffnung immer kleiner wird, an der Wand. Doch nicht nur das Lehmhäuschen klebt, auch mir rinnt der Schweiß pappig am ganzen Körper herunter und es wird Zeit, aus der Sonne zu flüchten. Wenn ich jetzt duschen gehe, so rechne ich mir aus, habe ich ja eventuell danach noch Gelegenheit, Zeuge der krönenden Eiablage zu werden. Gesagt, getan – und gut getan. Denn als das heiße Wasser merklich brennend auf meinen vom Wespen-Watching in der prallen Sonne verkokelten Nacken plätschert, merke ich mal wieder, wie gnadenlos UV-Strahlung sein kann. Trotz der unangenehm schmerzenden Hautstelle aber zelebriere ich genussvoll meinen Hygieneakt im puren Luxus, breite mich hemmungslos aus, schäume, spüle, creme, frottiere und tapse nebenbei im Bad umher. Als ich, meinen Nacken begutachtend, an einem Spiegel vorbei defiliere, fällt mir plötzlich siedend heiß etwas ein: erschöpft wie wir gestern Abend waren, haben wir völlig vergessen, noch eine Zeckenkontrolle zu machen. Hurtig hole ich das nach und inspiziere meinen schneeweißen Astralleib – der mit den gebräunten Waden, Unterarmen und dem braunroten Kopf wie angemalt aussieht – kann aber nichts Besorgniserregendes entdecken und bin beruhigt. Naja, eine vollgesaugte Zecke dieses Kalibers hätte ich wohl auch so gespürt…

Nun befinde ich mich für ausreichend gepflegt und kontrolliert, sammle meine Utensilien wieder zusammen und trete hinaus ins Sonnenlicht, wo mein erster Blick dem Schlupfwespenbau gilt. Aber das vor kurzem noch so fleißige Insekt ist weit und breit nicht zu sehen und bei der Kinderstube ist auch nichts voran gegangen. Donnerstag, 13.10 Uhr – vielleicht machen ja auch Wespen Mittagspause? Schade, denke ich mir schulterzuckend und trabe zum Wäscheplatz, um den Trocknungsgrad unserer Klamotten zu eruieren. Uih, alles trocken! Begeistert sammle ich die Sachen ein, lege sie semisorgsam zusammen und widme mich, nachdem ich alles im Zelt verstaut habe, dem nächsten Projekt: Postkarten schreiben. Als hätte er es gerochen, ist auch Heinz gleich zur Stelle und gesellt sich zu mir. Mhm, das ist jetzt aber ein bisschen unpraktisch, denn ich wollte auch ihm eine Karte schreiben, quasi als Liebesgruß aus dem gemeinsamen Urlaub und das soll er natürlich nicht mitbekommen. Doch statt sich in ein Buch zu vertiefen oder sich wieder in die Felsen zu verkrümeln, pflanzt er sich direkt neben mich, zieht seine eigenen Postkarten aus dem Rucksack und spickt auch noch bei mir. Notgedrungen widme ich mich so also zuerst meiner recht umfangreichen Restpost, in der Hoffnung, Heinz möge bald abgelenkt werden. Und das geschieht tatsächlich ungeahnt zeitnah, bringt aber auch mich völlig aus dem Konzept. Man stelle sich vor: Heinz und ich sitzen, mit kurzen Hosen und Sandalen bekleidet, postkartenschreibend über Eck am Tisch, Annette, mit dem Rücken zu uns, bereitet gerade den gefühlten zehnten Liter Tee des Tages zu und Jochen springt, auf der Suche nach dem Insektenbuch, vom Tisch zum Auto, das zirka vier Meter von uns entfernt parkt. Er ist noch nicht beim Wagen angelangt, als Heinz plötzlich ein entsetztes „Uuuah, Achtung!“ in die Runde quiekt und gleichzeitig die Beine hochreißt. Ich fahre zusammen, vor Schreck fällt mir fast der Kuli aus der Hand, während ich gleichzeitig einen kühlen Hauch an meinen nackten Zehen fühle, einen pfeilschnellen, olivgrauen Schatten sehe und, wie in einer seltsam deutlichen Momentaufnahme, einen Schlangenkopf wahrnehme. Mir entfährt ein atemloses „Uuiek!“, zu mehr ist keine Zeit – und schon ist die Schwarze Mamba an meinen Füßen vorbei und in den Felsen hinter uns verschwunden. Heilige Scheiße, war die lang, schnell und nahe!





1) Bungalow-Anlage; 2) die Bar, die jeder nutzen darf; 3) unter unserem Schattendach

Annette und Jochen sehen uns ganz entgeistert an, denn die beiden haben von unserem herpetologischen Besuch nichts mitbekommen – außer unserer Reaktion natürlich. Mit einer Pulsfrequenz, die unsere Herzen fast aus den T-Shirts hüpfen lässt, erklären wir aufgeregt, was soeben vorgefallen ist und ernten ungläubige bis neidische Blicke. „Boah, eine Schwarze Mamba? Echt? Und direkt am Zeh vorbei? Wahnsinn!“ Ja, Schwarze Mamba, hautnah, echt! Wenn man bedenkt, wie selten man, entgegen der Meinung Afrika-Unkundiger, Schlangen zu Gesicht bekommt, dann war das gerade eben ein wirkliches Highlight, etwas ganz Besonderes und trotz meines deutlichen Herzklopfens sehe ich das auch so. Heinz’ Bedarf an schnellen, giftigen, sich in Streichelweite befindlichen Schlangen allerdings scheint für die kommenden Jahre gedeckt zu sein; und ich kann es verstehen. Auf seiner zweiten Afrikareise hatte er nun zweimal kurz hintereinander fast Vollkontakt mit einer Mamba, glimpflich, aber dennoch deutlich adrenalinerhöhend, und es reicht ihm für die nächste Zeit. Allerdings belebt diese Begegnung unsere Postkartentexte ungemein, rasch ist die Schreiberei erledigt und ich kann sogar noch unauffällig meinen Liebesgruß vollenden, als wir plötzlich weiteren Besuch erhalten – doch diesmal sind es keine Tiere.
Ein Pärchen, das oberhalb der Campsite ein Chalet angemietet hat, ist auf seinem Rundgang übers Gelände bei uns vorbei gekommen und inspiziert nun neugierig die Campsites. Schnell ergibt sich ein nettes Gespräch, zumal wir sofort unsere gemeinsame Herkunft feststellen: Oberbayern unter sich, das verbindet. Angeregt plaudern wir über alle möglichen Themen und genießen den heimatlich-dialektgefärbten Plausch. Der Rosenheimer Anfangs-Fünfziger und seine wesentlich jüngere Herzensdame berichten über ihre Reisestationen und diverse Erlebnisse, erkundigen sich nach unserer Route und bald entspinnt sich ein lebhafter Erfahrungsaustausch, den ich wirklich interessant und unterhaltsam finde – bis zu einem gewissen Zeitpunkt: ganz relaxed, in einem Nebensatz, erwähnt Mr. Rosenheim etwas, was mich fassungslos macht. „Blablabla, aber seit ich in Ruhestand bin, kann ich ja…“. Was, wie? Ruhestand? Nein, ich habe mich leider nicht verhört und wähne mich gerade im falschen Film. Da steht ein vitaler, braungebrannter Mann in seinen besten Jahren vor mir – er hat zwei kräftige Arme, zwei muskulöse Beine und einen funktionierenden Kopf zwischen zwei geraden Schultern und faselt hier etwas von Ruhestand. Und er meint damit eindeutig staatlichen Ruhestand und nicht etwa einen Lottogewinn oder ein üppiges Erbe. Wie gerne würde ich jetzt nach den näheren Umständen fragen, verzichte aber darauf, denn ich fürchte, etwas bestätigt zu bekommen, was ich zwar ansatzweise vermuten kann, aber partout nicht hören möchte – nämlich den Urlaub dieses kerngesunden Mannes mit meiner Hände Arbeit mitzufinanzieren. Bevor ich nun, ich fühle es dräuen, unfreundlich oder gar unflätig werden muss, ziehe ich mich besser dezent zurück und brühe mir, der Teein-Vergiftung nahe, einen weiteren Darjeeling auf. Es dauert, dauert und dauert, bis sich die beiden anschicken weiterzuwandern – mit Annette im Schlepptau, denn sie möchte gerne einen Blick auf deren Chalet werfen.
Bemüht entringe ich mir einen freundlich klingenden Abschiedsgruß, dann sind die beiden endlich weg und ich mache meinem Herzen Luft. „Ach,“, sagt Jochen, „der war Kampfpilot, da ist ein Ruhestand in dem Alter normal.“ Normal?! Gut, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der menschliche Körper etwa ab dem einundzwanzigsten Lebensjahr seinen Zellaufbau einstellt und langsam zu verfallen beginnt und es ist sicher vernünftig, einen Kampfpiloten in seiner prä-nekrotischen Spätphase, also Mitte vierzig, aus dem Überschallverkehr zu ziehen. Ihn aber auf Staatskosten gleich komplett abzuservieren, erscheint mir dennoch reichlich übertrieben und auch recht teuer für die Allgemeinheit. So einer könnte sich doch locker noch zwanzig Jahre an einem Schreibtisch nützlich machen, statt dem Steuerzahler auf der Tasche zu liegen! Und auch die angeblich so großen Belastungen, denen ein Kampfpilot ausgesetzt ist, sind in meinen Augen kein hinreichendes Argument für eine derartig frühe Pensionierung. Unserem Rosenheimer zumindest scheinen die G-Kräfte nicht bis zu Wrackhaftigkeit zugesetzt zu haben – schließlich kann er in einem schlecht gefederten Auto über Namibias bzw. Botswanas Schotter-, Wellblech- und Sandpisten brettern; und das freiwillig und mit viel Spaß. Mhm, irgendwie hat Deutschland wohl immer noch zu viel Geld und irgendwie mache ich wohl grundlegend etwas falsch…
Wenngleich – auch ich könnte mich sofort nach dem Urlaub um eine Frührente bemühen; immerhin bin ich bereits dreiundvierzig, meine Schulter tut weh und mir ist eine Mamba über die Zehen gesaust. Das sind gleich drei schlagende Argumente auf einmal: fortgeschrittener Zellverfall, orthopädische Schäden durch die aktive Teilnahme am Wirtschaftskreislauf und kardiologische Überlastungen während der mir rechtlich zustehenden Rekreationsphase; es wäre doch gelacht, wenn ich damit nicht durchkäme! Dieser nicht richtig ernst gemeinte Gedanke ist trotz seiner Absurdität so tröstlich, dass ich tatsächlich langsam wieder von meiner Palme herunterkomme. Und das ist gut so, denn Annette kehrt von ihrer Chalet-Besichtigung zurück, die schrägstehende Sonne lässt die Temperatur auf angenehme Grade unterhalb der Dreissiger-Marke sinken und wir rüsten uns für unsere geplante Wanderung. Und die will ich genießen, ohne solch unerquicklichen Gedankenballast mit mir zu schleppen.





1)-3) Auf unserem Spaziergang; man kann sich einfach nicht sattsehen!

Voller Vorfreude machen wir uns auf den Weg, durchstreifen das grasige Land, lassen unsere Blicke in die Tirasberge schweifen und ergötzen uns an tausend Kleinigkeiten. Wie immer und wie wir das von uns gewöhnt sind, brauchen wir ewig, die paar Kilometer bis zum Farmhaus zurückzulegen, und, als wir endlich angekommen sind, haben wir natürlich unsere Recherche-Anfrage bezüglich der schwanzlosen Felsenratten nicht vergessen. Glücklicherweise ist die Dame des Hauses sofort zur Stelle und nimmt unsere Frage gerne entgegen. Ihre Antwort aber fällt, freundlich gesagt, wenig fachmännisch aus: die putzigen Nager auf unseren Campsite-Felsen sind angeblich ganz seltene Bilche, die recht oft keine Schwänze hätten. Ja, aber warum? „Keine Ahnung!“, sagt sie. Damit hat sie nun allerdings absolut recht, denn ihre Ahnung lässt fürwahr zu wünschen übrig. Bilche nämlich gehören der Familie der Gliridae an, sind mit den Hörnchen verwandt, nachtaktiv und schätzen auch mal einen fleischlichen Happen, wohingegen die Felsenratten zu den Petromuridae zählen und trotz ihrer Verwandtschaft mit den Stachelschweinen ein tagaktives und zudem rein vegetarisches Leben führen. Und selten? Mitnichten! Der Lebensraum der Felsenratten erstreckt sich über weite Teile des südlichen Afrikas und ihr Bestand ist alles andere als gefährdet. So viel also zum Thema „Fachwissen“ aus dem Munde einer ortsansässigen Person… Wir verzichten aber auf eine Richtigstellung und haken ihre Antwort als kleine Werbeaktion ab; welcher Gast hat nicht lieber exklusiven Besuch von raren Kreaturen, als einfach nur von schnöden, schwanzlosen Allerweltsnagern angestarrt zu werden.
Etwas unbefriedigt schließen wir das Kapitel Felsenratten vorerst mal ab und berichten stattdessen begeistert von unserer Mamba-Visite, das jedoch kommt gar nicht gut an. Eine Mischung aus Entsetzen und Bestürzung überfliegt kurz das Gesicht unserer Gastgeberin, dann fasst sie sich wieder und meint betont lakonisch: „Tja, das ist Afrika. Jetzt wisst ihr, wie ich mich fühle, wenn ich in Deutschland bin und eine mehrspurige Straße überqueren muss. Bei so einer Aktion habe ich mindestens genau so viel Angst wie ihr gerade eben!“ Huch, da hat die Gute aber etwas völlig falsch verstanden, doch auch an dieser Stelle sehen wir von einer Berichtigung des Sachverhalts ab und hoffen nur, mit unserer Erzählung nicht das Todesurteil über die Schlange herbeibeschworen zu haben – denn, so schließen wir aus der Mimik unserer Gastgeberin, könnte das giftige Reptil für ihren Geschmack ein Quäntchen zu viel des touristisch verträglichen Afrika-Flairs auf die Campsite gezaubert haben. Schwarze Mambas sind schließlich ausgesprochen territorial und der Verdacht, ihr Wohnsitz könnten die Felsen hinter Platz Drei sein, liegt nahe; damit würde sie durchaus eine potentielle Gefahr für künftige Besucher darstellen und das eventuell, quasi präventiv, mit dem Leben bezahlen müssen. Dieser Gedanke bereitet mir ziemliches Unbehagen, zumal wir das Ganze ja mit unserer Erzählung erst ins Rollen gebracht haben. Doch was geschehen ist, ist geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen, so sehr ich das auch bedauere.

Noch mehr aber bedauere die diversen Tiere, die vor dem Eingang zum Farmhaus in kleinen Käfigen zur Schau gestellt werden. Da ist zum Beispiel ein Affe, der wie eine Kreuzung aus Meerkatze und Pavian aussieht und mich mit leeren, unendlich traurigen Augen durch die Maschen seines Drahtgefängnisses anstarrt. Er strahlt eine derartige Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung aus, dass ich ihn am liebsten tröstend in den Arm nehmen oder freilassen würde – mit beidem würde ich ihm zwar sicher alles andere als einen wirklichen Gefallen erweisen, aber er tut mir einfach fürchterlich leid. Als ich mich vorsichtig seinem Kerker nähere, weicht er angstvoll und mit gefletschtem Gebiss in die hinterste Ecke zurück und dauert mich gleich noch mehr. Er ist jedoch nicht alleine, teilt sein Schicksal mit zwei Löffelhunden, die sich in einem winzigen Drahtverschlag gähnend in der Nachmittagssonne räkeln und mit einigen Erdmännchen, die auf ebenso knapper Grundfläche direkt daneben hausen. Das Schicksal dieser eingesperrten Kreaturen beschäftigt mich so sehr, dass ich die Hausherrin nach dem Wie und Warum befrage. Ach, bekomme ich erklärt, bis auf den Affen, eine Meerkatze aus Angola, die auf traurigem Umweg auf Koiimasis gestrandet sei, wären die anderen Tiere nur vorübergehend hier. Verletzt oder mutterlos aufgefunden, seien sie auf der Farm abgegeben worden, wo sie nach ihrer Genesung beziehungsweise nach dem Erreichen ihrer Eigenständigkeit wieder in die Freiheit entlassen würden. Nun, diese Aussage beruhigt mich ein wenig, wenngleich ich’s ihr auch nicht ganz abkaufe: am Löffelhundkäfig nämlich hängt ein Holzschild, in das der Name Muckl eingeschnitzt wurde – und so was macht man sicher nicht für einen Kurzzeit-Pflegling…
Doch da ich es ja ohnehin nicht ändern kann, beschließe ich schweren Herzens, den Ausführungen unserer Gastgeberin zumindest ansatzweisen Glauben zu schenken und werfe den eingesperrten Tieren einen mitfühlenden Abschieds-Blick zu, bevor wir unsere Wanderung Richtung Berge fortsetzen, den beginnenden Sonnenuntergang im Rücken. Einen kurzen Schlenker machen wir noch über weitere Käfige, die sich auf der östlichen Seite des Farmhauses befinden und zahlreiche Vögel beherbergen. Heinz’ Gesicht nimmt einen träumerischen Ausdruck an, der Zahn des Neides knabbert jetzt ebenso an ihm, wie er heute auch schon an mir nagte, als ich des Badehauses ansichtig wurde: uns präsentiert sich eine Riesen-Voliere, voll mit Erdbeerköpfchen, Rußköpfchen, Prachtfinken und anderen „Exoten“ – und genau so etwas hätte Heinz gerne zuhause. Aber auch sein Traum wird ein solcher bleiben, dem deutschen Klima, der Importsperre und dem mangelnden Platzangebot in heimischen Gefilden sei Dank. Die Dankbarkeit für diese Tatsachen allerdings ist nur auf meiner Seite, Heinz, als passionierter Vogelpapa hingegen findet das mehr als bedauerlich. Wobei, wenn ich genau darüber nachdenke: was geschieht mit diesen Vögeln, wofür werden sie gezüchtet? Vielleicht exportiert man sie nach China, wo sie in engen Käfigen vor sich hin vegetieren müssen? Nein, verdammt, ich will es gar nicht so genau wissen und werde deshalb jetzt auch nicht noch einmal zum Farmhaus zurückkehren und weitere unangenehme Fragen stellen, sondern lieber meinen Blick nach vorne richten und die Landschaft genießen, die von der tiefstehenden Sonne in ein nahezu überirdisch schönes Licht getaucht wird.






1)-11) Überirdisches Glühen, echte Wesen und Fabelwesen

In leuchtendem Orangerot erglühen die Felsen der Berge, die pastelligen Grasfelder erstrahlen plötzlich in sattem Gelb und auch meine Freunde wirken, als litten sie unter akuter, schwerer Hepatitis. Noch nie in meinem Leben habe ich ein solch intensives Licht gesehen, das alles, was an uns vorbeizieht, wie eine Filmszenerie, wie ein Kunstwerk wirken lässt. Knorrige Äste windgepeitschter Bäume mutieren zu lebendigen Fabelwesen, Felsen formieren sich zu mannigfaltigen Gesichtern, deren Mimik permanent wechselt und große Säulen-Euphorbien werfen Schatten, die wie zaundürre Riesen gemächlich über das glutrote Gestein wandern. Staunend und ergriffen streifen wir durch diese Märchenkulisse, vorbei an einem weit entfernten Straußengehege, einer nicht ganz so fernen Pferdekoppel und einem ziemlich nahen Schlacht-„Haus“, unter dessen Dach gerade die letzten Reinigungsarbeiten im Gange sind. Dieser Anblick nebst dem in der Luft schwebenden metallischen Blutgeruch stört unser Gesamtidyll empfindlich, das zusätzlich noch von einer unangenehmen Invasion lästiger Tierchen getrübt wird: zahlreiche Insekten von der Größe zwergenwüchsiger Stubenfliegen stürzen sich auf uns und versuchen sich durch schmerzhafte Bisse unseres Lebenssaftes zu bemächtigen. Um uns schlagend flüchten wir aus dem Dunstkreis dieser blutrünstigen Monster, die äußerst zählebig, aber auch ungemein hübsch sind. Ihre schwarz gemusterten, zum Dreieck aufgefächerten Flügel lassen sie wie Mini-Flugdrachen wirken, die von einem Kind liebevoll bemalt wurden: ihren Thoraxpanzer nämlich zieren tomatenrote, dottergelbe und königsblaue Pünktchen, die wie ein winziges, schwarz verfugtes Mosaik aussehen. Wirklich wunderschön, aber trotz aller Liebe zum Detail: nix wie weg hier!






Und, oh Wunder, kaum haben wir diesen Ort des Todes hinter uns gebracht und uns vom Ruch der geschlachteten Tiere befreit, umfängt uns erneut und störfaktorfrei das schmeichelnde Licht der untergehenden Sonne, deren erste Berührung mit dem Horizont wir mit einem kühlen Sundowner begießen. Sitzheizungswarme Felsen wärmen unsere Allerwertesten, die wundervolle Landschaft unsere Herzen – doch viel zu schnell vergeht die Pracht und die rasch einbrechende Dunkelheit treibt uns hoch, zurück zum Camp. Eiligen Schrittes treten wir den Nachhauseweg an, im letzten, gerade noch zu erahnenden Tageslicht passieren wir erneut das Farmhaus, dann weist uns nur noch die blasse Mondsichel die weitere Marschroute. Die heftige Thermik eines sonnendurchglühten Tages weicht samtener Kühle, warme Farben und Formen werden zu bläulich beleuchteten, scharfkantigen Silhouetten, die reiche Geräuschkulisse hellerlichter Stunden geht über in ein Orchester der Nacht, geprägt von traurig anmutenden Eulenrufen, leisem Windgesäusel, unseren im Sand knirschenden Tritten und dem schrillen Gekreische der Klippschliefer, die um die besten Schlafplätze kämpfen. Auf unserer Campsite plätschert der dünne Strahl des automatischen Bewässerungssystems und beglückt einen dürstenden Baum, die entstandene Pfütze erfreut ein kleines Fröschlein, das seinen pergamentdünnen Kehlsack bläht und ein rhythmisches Gequake ertönen lässt. Wir sind wieder daheim, daheim in unserem temporären Zuhause, angelangt am Ende eines Ruhetages, der wahrlich alles andere als langweilig war…

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