6. April 2011, Sesriem > Koiimasis

Pünktlich um viertel nach fünf – aktuellster Morgenzeit natürlich – klingelt der Wecker, wir wälzen uns aus den Schlafsäcken und pfeifen uns schnell ein kleines Frühstück ein, bestehend aus Kaffee, Tee und den guten Marie-Bisquits. Dann rüsten wir uns sowohl klamotten- als auch schuhtechnisch für die bevorstehende Dünenwanderung und folgen den zahlreichen Autos, die bereits Richtung Gate unterwegs sind. Eine lange Schlange steht dort ordentlich aufgereiht, wir nehmen unseren Platz ein, halten das Permit bereit und harren der Dinge. Schlag sechs Uhr hebt sich die Schranke, zahllose Motoren werden angeworfen, stückchenweise rücken wir vor, bis auch wir endlich abgefertigt werden und den fünfundsechzig Kilometer langen Weg nach Sossusvlei antreten können. Noch ist es stockfinster, so dunkel, dass man nicht mal die diffuseste Silhouette der umliegenden Erhebungen sehen kann – was man aber sehr genau sieht, sind die Rücklichter der vor uns fahrenden Autos. Wie ein Feuerwurm mit unzähligen rotglühenden Augen wälzt sich die Wagenkolonne vor uns her, Kilometer um Kilometer. Und hinter uns sieht es nicht besser aus, wie mir ein Blick in den Rückspiegel offenbart.











1) Eine Oryx glüht uns an; 2-3) Die Sonne geht auf
4) Das Gänsepaar; 5) Könnt ihr den Sand knirschen hören? (Epiphysa sp.); 6) Käfer (Stips sp.) gräbt sich ein

Mir ist ein bisschen flau im Magen; ob das nun von dem hastig getrunkenen Tee kommt oder doch von dem gerade wahrwerdenden Alptraum meinerseits – ich kann es nicht genau sagen. Heinz nimmt mich mitfühlend in den Arm, was mir schon ziemlich gut tut, noch besser aber bekommt es mir, dass die Morgendämmerung ganz langsam heraufzieht und der Umgebung leichte Konturen verleiht, an denen sich meine Augen nun festhalten können. Gewaltige Sanddünen zeichnen sich in fahlem Rot vor dem nachtblauen Himmel ab, ein kaum erkennbarer, gelber Blütenteppich erstreckt sich über einige flache Senken, in denen man sogar hin und wieder die scherenschnittartigen Umrisse von Oryx-Antilopen und Springböcken ausmachen kann. Und obwohl die Lichtsituation immer noch sehr diffus ist, hat mein Blick jetzt tatsächlich so viel Halt, dass sich mein Magen stabilisiert und ich mich, naja, zumindest den Umständen entsprechend besser fühle.


1) Sossusvlei voll Wasser; 2) Spuren diverser Wüstenbewohner; 3) Heinz auf dem Weg nach oben
Doch plötzlich verschwinden mindestens 95 Prozent der Glühaugen des Autowurms links vor uns im Nichts – ich habe eine scharfe Kurve im Verdacht – wie von Zauberhand eliminiert, wie von einem unsichtbaren Strudel eingesogen. Verantwortlich dafür ist tatsächlich eine Kurve, aber eine, die nur die anderen gefahren sind: sie sind auf den Parkplatz der Düne 45 abgebogen, um nur ja nicht den Sonnenaufgang zu verpassen, drängen sich dort in engen Parkreihen aneinander, während wir nun, relativ gesehen, fast alleine die letzten zwanzig Kilometer in Angriff nehmen dürfen. Allerdings traue ich dem Entvölkerungs-Frieden nicht so recht und werfe zur Sicherheit minütlich prüfende Blicke in den Rückspiegel – aber die unzähligen Artgenossen in ihren rumpelnden Blechkisten bleiben, wo sie sind, niemand folgt uns. Heißa, sicher wuseln gleich Heerscharen freudig erregter Zweibeiner in einer ameisenähnlichen Kolonne den Grat der klassischen Sonnenaufgangsdüne nach oben und finden das Gewimmel ganz toll. Sollen sie mal; auch ich kann nicht leugnen, dass mir diese Tatsache ausnehmend gut gefällt – die Absenz der anderen Touris ist wie Balsam auf meiner Seele, wie ein hochwirksames Antihistaminikum für meine Massentourismus-Pusteln; meine Beklemmungen legen sich und ich entspanne mich zunehmend. Eine geradezu euphorische Stimmung aber überkommt mich, als wir den 4×4-Shuttle-Parkplatz passieren und jetzt auch noch alle restlichen Autos dort zurückbleiben. Lediglich ein letzter Mitstreiter wühlt sich als einziger vor uns durch den bisweilen recht tiefen Sand, ansonsten sind wir nun wirklich alleine auf weiter Flur.




1-3) Verschiedene Lichtsituationen


Wir alle können unser Glück kaum fassen (am wenigsten ich), stellen unser Auto auf dem Endstations-Parkplatz am Fuße einer mächtigen Düne ab und steigen rasch aus, um diese Einsamkeit in vollen Zügen zu genießen. Die Insassen des anderen Autos – ein deutsches Pärchen – machen sich zusammen mit Annette und Heinz unverzüglich auf den Weg zur Dünenbesteigung, ich folge den Vieren ein Stück, dann aber bleibe ich stehen und beschließe, mich „abzuseilen“. Ich will die Chance nutzen, diese fast unglaubliche Situation für mich alleine zu haben und lasse die anderen ziehen. Annette, die sich auf den ersten hundert Metern noch munter plaudernd mit dem Pärchen unterhalten hatte, geht beim weiteren Anstieg offenbar schön langsam die Puste aus, das Gespräch verklingt, verstummt und es kehrt eine Stille ein, die kaum zu beschreiben ist.




1) Auf dem Gipfel; 2) Abgegangene Sandlawine; 3) Sandmeer im Morgenllicht


Eine Stille, die nicht hallt, nicht dröhnt, nicht dumpf ist, nicht weh tut, sondern mich umfängt wie Samt, eine Stille, die ihre ganz eigene Geräuschkulisse erzeugt: Sossusvlei, die meist knochentrockene Lehmpfanne, liegt ein ganzes Stück unter mir, ist mit Wasser gefüllt und trotz der Entfernung bilde ich mir ein, das sanfte Schwappen der kräuseligen Wellen am flachen Ufer hören zu können. Ein Gänsepaar überfliegt in großer Höhe den See und ich vermeine, das Singen ihrer schlagenden Flügel wahrzunehmen. Neben meinem rechten Fuß kämpft sich ein kleiner schwarzer Käfer über zebrastreifige Sandwellen und ich bin mir fast sicher, die roten Sandkörner unter seinen Beinchen knirschen zu hören. In Wirklichkeit aber höre ich nichts, absolut nichts. Die Stille ist so intensiv, das Szenario so überwältigend, dass mir meine Sinne ganz einfach einen Streich spielen – allerdings einen sehr schönen, eindringlichen, unvergesslichen. Mein ganzer Körper fühlt sich an, als wäre er mit vibrierenden Rezeptoren bedeckt und ich sauge die Eindrücke, die ich in einem fast rauschartigen Zustand erlebe, begierig in mich auf. Langsam wandere ich über die Flanken kleiner Sandanwehungen, denen der Wind ein absolut ebenmäßiges Rippenprofil aufgebürstet hat, verliere mich in den sandgestrahlten Antlitzen knorriger Wurzeln und Äste, folge den abstrakten Spuren geheimnisvoller Wüstenbewohner und stehe plötzlich vor einem Baum, aus dessen Stamm ein lautes Piepsen ertönt. Und das bilde ich mir jetzt ausnahmsweise nicht ein!





1-3) Zu Gast bei Sperlings

Aus einer kleinen Bruthöhle starren mich erschrocken vier schwarze Knopfaugen an, die gerade noch weit aufgesperrten Schnäbel zweier Kap-Sperlings-Nestlinge klappen zu und, schwupp, weg sind sie. Ich bleibe stehen, bewege mich für Minuten keinen Millimeter mehr und werde bald belohnt: Papa kehrt mit fetter Beute wieder, setzt sich auf einen Ast in der Nähe der Kinderstube, prüft die Sicherheitslage, stuft mich offenbar als harmlos ein und reicht seinen flauschigen Sprößlingen die mitgebrachte Mahlzeit dar. Aufgeregt strecken die Kleinen ihre Köpfe diesem Segen entgegen, sperren ihre kurzen, von leuchtend gelben Wülsten gesäumten Schnäbel weit auf und tun laut fiepsend ihren nahezu unstillbaren Hunger kund. Ein Küken wird gefüttert, das andere geht einstweilen leer aus, Papa verschwindet, Mama kommt und stopft den zweiten gierigen Rachen. Lange beobachte ich dieses Schauspiel, werde von den Vögeln in der Zwischenzeit überhaupt nicht mehr beachtet, bin irgendwie Teil ihrer Umgebung geworden und wage es deshalb, mich leise näher zu schleichen. Einen knappen Meter vor dem Höhleneingang nehme ich auf einem dicken, s-förmig geschwungenen Ast Platz und richte mich dort bequem ein – Aug in Aug mit den Sperlingskindern, die rasch ihre Köpfe einziehen – und versuche mein Glück, hautnah dabei zu sein. Papa lässt nicht lange auf sich warten. Er fliegt herbei, hält inne, beäugt mich kurz, rauscht dann aber unbekümmert an meinem Kopf vorbei, so nahe, dass ich den kühlen Windhauch seines Flügelschlags an der Wange spüre und kredenzt seinem Nachwuchs den nächsten Leckerbissen. Fast habe ich den Eindruck, er würde auch mich ohne Zögern füttern, risse ich meinen Mund nur weit genug auf, doch ich verzichte auf einen Versuch und „begnüge“ mich stattdessen mit dem einmaligen Erlebnis, vertrauensvoll geduldeter Gast dieses Familienidylls sein zu dürfen.





1) Blick vom Parkplatz; 2) Schildrabe; 3) Kapsperling

Die vier Vögelchen und ihr Tun fesseln mich ungemein, trotzdem aber lasse ich auch die mich umgebenden Dünen nicht aus den Augen, denn sie ziehen mich mindestens ebenso in ihren Bann wie die Kap-Sperlinge. Rein sachlich gesehen sind diese Tonnen und Abertonnen roten Sandes ja nichts weiter als zu Hügeln zusammengewehte Erosionsprodukte, die sich auf dem Fundament einer uralten Wüste gesammelt haben, ihre Vorgängerin nun gänzlich bedecken und dabei zudem noch vor sich hin rosten. Diese Szenerie nur sachlich zu betrachten ist jedoch ein ziemliches Ding der Unmöglichkeit, denn Wind, Sonne und Eisenoxid haben hier eine Kulisse geschaffen, wie sie meisterhafter, faszinierender nicht sein könnte. Trotzdem lohnt sich ein kleiner, nüchterner Blick auf die physikalischen Phänomene, die diesen Sandbergen zu solcher Schönheit verhelfen.









Gut 200 Meter hoch sind die höchsten Dünen rund um Sossusvlei, sie wandern nicht, verändern aber fortwährend ihre Form und Farbe. Winde, die aus ständig wechselnden Richtungen kommen, haben diesen riesigen Sandhaufen Konturen verliehen, messerscharfe Grate aufgeweht – sie sehen aus wie schlangenförmige Bügelfalten in der von einer allzu beschwingten Haushälterin geplätteten Anzughose. Die flachstehende Morgensonne arbeitet nicht nur diese Bügelkanten äußerst plastisch heraus – die Lichtseite des Grates leuchtet rot, die Schattenseite ist tiefschwarz – sondern offenbart weitere Taten der eifrigen Haushälterin: rechts und links der Kämme hat sich der Sand zu welligen Rippen im Zebrastreifenmuster gekräuselt, was den Flanken etwas sehr Lebendiges verleiht. Dabei liegt dem hübschen Wellenmuster ein recht einfaches physikalisches Prinzip zugrunde: eine richtungsdominierte Krafteinwirkung namens Wind, die kleine, temporäre Siege über die Gravitation erringt und mit ihrem Druck einen Gegensog erzeugt, erschafft die fast grafisch wirkenden Rippelmarken. Von der Gesetzmäßigkeit her wirken hier übrigens (mehr oder weniger) die selben Kräfte, die auch die Sterndünen von Sossusvlei zusammengeweht haben, die, aus der Luft betrachtet, ebenfalls ein Rippelmuster in groß ergeben. Und dann haben wir da noch die Morgensonne, deren Strahlen in einem so flachen Winkel durch die Erdatmosphäre dringen, dass ein Phänomen namens Rayleigh-Streuung besonders augenfällig in Erscheinung tritt: Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen, die vom menschlichen Augen als Farben wahrgenommen werden und jede dieser Farben hat ihre charakteristische Wellenlänge: Rot die längste, Blau die zweitkürzeste. Und die Länge der Frequenzen hat Konsequenzen; kurzwellige Farbanteile des Lichts werden durch die in der Atmosphäre schwebenden Partikel viel stärker gestreut (also geschluckt) als langwellige. Somit ist das langwellige Rot in der Lage, den Staubmantel der Erde auf langer, flachwinkeliger Strecke fast ungestreut zu durchdringen, während sich der blaue Anteil in den Partikelwolken verliert. Trifft dieses derart gefilterte Licht nun auf die eisenoxidhaltigen Sandkörner, die ja selbst schon rostrot sind, erglühen diese in absolut unglaublichen Farbtönen: von orangebraun über zinnoberrot bis hin zu rostorange, lachsrot, beigerot und safranfarben. Alles in allem ein gigantisches Fest für die Augen, ein Zusammenwirken von Faktoren, an dessen Ergebnis man sich nicht sattsehen kann: einerseits, weil es so unfassbar schön ist, andererseits, weil dieses Licht nicht lange vorhält.

Denn je höher die Sonne steigt, desto mehr verliert diese phantastische Kulisse an Brillanz und Kontur, die Kontraste werden diffuser, die knalligen Farben blasser. Und jetzt, so gegen halb zehn, ist es so weit. Zudem füllt sich der unter mir liegende Parkplatz zusehends, erste Dünenwanderer-Horden ziehen an mir vorbei, zerreden lärmend die Stille und ich bin froh, dass Heinz und Annette gerade den Grat heruntergehüpft kommen. Auch Jochen, der sich, wie ich, ebenfalls „abgeseilt“ hatte, stößt wieder zu uns. Wir alle sind im Moment so erfüllt von unseren Eindrücken, dass wir uns recht still auf dem Weg zum Auto machen. Ein in die Runde gefragtes „Na, wie war’s?“ hat höchst einsilbige, aber umso vielsagendere Anworten zur Folge: Hach, mmmhmmm, waaah, schee, ach! Seufzend, schweigend und schwelgend erreichen wir den Parkplatz, kramen ein paar Äpfel aus dem Vorratsnetz, lassen uns auf einer Bank im Schatten einer Akazie nieder und haben uns nun wieder soweit gefasst, dass wir von unseren Erlebnissen berichten können. Heinz und Annette erzählen ausgiebig von den Mühen, den Dünengipfel zu erreichen, von einem grandiosen Sonnenaufgang, von einem phantastischen Rundblick, von flitzenden Geckos, sich einbuddelnden Käfern und von fließenden Sandlawinen, die sich, von Schritten losgetreten, langsam die Flanken hinab bewegten. Auch ich versuche, Worte für meine Erfahrungen zu finden, was mir aber nur ansatzweise gelingt – und Jochen hört uns einfach nur schweigend zu. Wer weiß, was er gesehen, gefühlt hat?! Vielleicht auch etwas, wofür er keine Worte findet…
Während wir nun so plaudernd im Schatten sitzen, werden wir von einigen Schildraben und einem größeren Schwarm aufgeregter Kap-Sperlinge belagert, die es ganz offensichtlich auf unser Essen abgesehen haben. Heinz lässt sich erweichen und wirft den gefiederten Gesellen ein Bröcklein seines Apfels hin. Große und kleine Federbälle stürzen sich auf das Obststück, balgen sich ohne Rücksicht auf Verluste, Geschlecht oder gar Körpergröße darum, ein Schildrabe siegt, stellt aber schnell fest, dass Apfel nicht sein Ding ist. Einige Sperlinge übernehmen die verschmähte Beute, doch nach ein paar lustlosen Pickern lassen auch sie das Obst Obst sein, äugen uns ein paarmal noch prüfend an, aber, als kein vernünftiger, schmackhafterer Nachschub folgt, lassen sie uns allesamt links liegen und machen sich auf den Weg zu den nächsten picknickenden Opfern. So schnell ist man unten durch! Doch es gibt Schlimmeres und außerdem wird es für uns ohnehin allmählich Zeit, den Rückweg zum Camp anzutreten. Mit großer Vorfreude auf einen deftigen Brunch schlichten wir uns ins Auto und wühlen uns durch die ersten Kilometer der Tiefsandpad, bis wir plötzlich von einem kleineren Stau gestoppt werden.
Einige Wagen versperren fahrerlos die Spur, während mehrere Personen gewichtig herum gestikulieren und ein safaribehemdeter Fahrer vergeblich versucht, einen querstehenden Toyota aus der innigen Umarmung des Sandes zu befreien. Jochen hält sofort an und checkt die Sachlage. Aha, bei dem Toyota, der aussieht wie ein 4×4, aber keiner ist, handelt es sich um den Mietwagen zweier deutscher Touristinnen, die am Gate gefragt hatten, ob sie mit der Kiste die Sandstrecke bewältigen könnten – was man ihnen nach einem flüchtigen, allzu achtlosen Blick bestätigte. Es kam, wie es kommen musste: die beiden fuhren sich recht bald fest. Sofort waren einige Leute zur Stelle, die aber leider nur wenig hilfreiche Ratschläge zum Besten gaben. Allein der Safari-Guide fühlte sich zur Tat berufen, ritt das Auto der beiden jedoch nur noch gründlicher in die feinkörnigen Tiefen. Und jetzt geht gar nichts mehr. Bis zu den Achsen steht der Toyota im Sand, der Guide gibt weiterhin munter Gas und Jochen ist fassungslos über so viel fahrerisches Unvermögen.
Sehr zu Annettes Leidwesen, die die große Hilfsbereitschaft ihres Gatten zur Genüge kennt und zudem der Meinung ist, es wären genügend Helfer anwesend, schnappt sich Jochen unseren Abschleppgurt, instruiert schnell den verdutzten Guide, fährt unseren Landy in Position und schleppt den Toyota kurzerhand auf festeren Sand. Bedauerlicherweise aber ist Mr. Safarihemd nicht in der Lage, das Fahrzeug korrekt in die Spur zu lenken – es steht nun im spitzen Winkel zur Fahrrinne und hängt mit einem Hinterreifen nach wie vor im Tiefsand. Als Jochen den Gurt aushängt, um aus anderer Position abermals anzuschleppen, hat das Khakigenie aber schon wieder den Rückwärtsgang eingelegt – und steckt natürlich sofort erneut fest. Jochen, das sieht man deutlich, würde den Spezialisten jetzt am liebsten aus dem Wagen zerren, beherrscht sich aber mannhaft. Ein letztes Mal gibt er geduldig seine Anweisungen, hakt den Gurt fest und, puh, endlich hat der Pkw doch festen Sand unter den Reifen. Der Safari-Guide klettert in Heldenpose hinter dem Lenkrad hervor, verabschiedet sich fröhlich winkend und kutschiert seine am Rande des Geschehens wartenden Gäste weiter Richtung Sossusvlei. Kopfschüttelnd sehen wir ihm hinterher und wünschen den zahlenden Passagieren des Fahrkünstlers insgeheim viel Glück auf der weiteren Stecke, die noch einige Tiefsand-Schmankerl bereithält…
Die beiden Damen, deren Auto nun wieder flott ist, sind Jochen sehr dankbar, lehnen aber sein Angebot (Annette schnappt hörbar nach Luft), sie auf den Shuttle-Parkplatz zurück zu schleppen, ab. Sie hätten es bis hierher geschafft, also sollte es in umgekehrter Richtung auch kein Problem sein. Nun ja, ihr Wort in Gottes Ohr… Guten Gewissens, wir lassen die zwei Frauen ja nicht in the middle of nowhere sitzen, klettern wir an Bord unseres Vehikels und fahren weiter. Rasch erreichen wir das Ende der Tiefsandstrecke und, sobald wir wieder ordentliche Straße unter den Pneus haben, rollt der Landy ruhig dahin. So ruhig, dass wir die vorbeiziehende Kulisse nicht nur mit den Augen genießen, sondern auch rüttelfrei fotografieren können. Und obwohl die Sonne nun schon relativ hoch steht, ist es dennoch ein Anblick, der einen ganz eigenen Reiz ausübt.





Wie eine cyanfarbene Kuppel überspannt der fast wolkenlose Himmel ein weites Tal, das beiderseits von riesigen Dünen gesäumt wird. Das Himmelsblau bildet einen wundervollen Kontrast zu den roten Sandbergen, deren Flanken von frisch-grünen Gras- und Acanthosicyos-horridus-Büscheln bewachsen sind, auf der Talsohle leuchtet goldgelbes Gras und ab und zu recken sich auch pygmäenhafte, voll belaubte Bäume aus der kargen Ebene empor. Obwohl diese Bäume alles andere als monumental sind, stellen sie trotzdem einen wichtigen Marker dar, der es uns ermöglicht, die wahre Größe der Dünen erfassen zu können – von ihrer malerischen Wirkung mal ganz zu schweigen. Nach einigen Kilometer allerdings beginnt sich die Landschaft zu verändern: während die linke Talseite weiterhin von roten Dünen dominiert wird, schieben sich auf der rechten Seite immer öfter goldgelbe, langgestreckte Sandflanken zwischen die rostfarbenen Hügelketten, kleine Berge aus porösem, braun-rotem Gestein setzen strukturelle Akzente und schwärzlicher Magnetitstaub auf den Dünenflanken irritiert unsere Augen. Die dunklen Anwehungen des körnigen Eisenerzes wirken auf den ersten Blick wie Schatten, doch, und das ist so verwirrend, wie Schatten, die bei diesem Lichteinfall gar nicht möglich sind. Und am Ende des Tals, dem wir uns nun allmählich nähern, tritt eine weitere Material- und Farbkomponente in Erscheinung: wie ein massiver, rötlich-blauer Block riegeln die Ausläufer der Naukluft-Berge die dünengesäumte Senke ab. Schön langsam weiß ich nicht mehr, wo ich zuerst hinsehen soll – die Landschaft ist einfach so reizvoll, so abwechslungsreich, so vielgestaltig, ja, fast verstörend in ihrer Schönheit. Deshalb bin ich richtiggehend erleichtert, als wir endlich das Camp erreichen und ich von der süßen Qual dieser einmaligen Bilderflut erlöst werde.
Was ich aber ziemlich genau weiß ist, dass es sich ohne jegliche Einschränkung gelohnt hat, hierher zu kommen, über meinen Schatten zu springen und mich auf diesen von mir so gefürchteten Ausflug eingelassen zu haben. Sossusvlei hat meine Erwartungen allerdings in einem so hohen Maße übertroffen, dass es wahrscheinlich mein erster und letzter Besuch dieser Wunderwelt gewesen sein wird; zu groß sind meine Befürchtungen, beim nächsten Mal doch auf einen Massenansturm zu treffen und das könnte ich nun noch weniger ertragen als vorher. Ach, was mache ich mir da für unnötige Gedanken? Es war wunderschön, das Gesehene kann uns niemand mehr nehmen und das ist das wichtigste – alles andere wird sich zeigen. Gut gelaunt und immer noch verzaubert reiße ich mir meine Stiefel und die lange Hose vom Leib, werfe mich in eine kurze Buxe und luftige Sandalen, dann geben wir uns alle mit knurrenden Mägen und großem Genuss einem opulenten Brunch hin, bevor wir gegen Mittag das Lager abbrechen und uns auf den Weg nach Koiimasis machen. Ein kurzer Schlenker führt uns noch zur Tankstelle in Sesriem, wo wir das Auto volltanken, die Scheiben putzen und ein paar Snacks für unterwegs erwerben. Mit blitzeblanken Fenstern, fruchtigen Gummidrops und knusprigen Waffeln ausgestattet, rollen wir schließlich auf die C27 hinaus und erfreuen uns auf den nächsten 140 Kilometern an der phantastischen Landschaft des Namib Rand Nature Reserves. Linkerhand schmiegen sich die Nubibberge in zarten Blautönen aneinander, rechterhand durchziehen kleine rote Dünen das von üppigem Grün überzogene, hügelige Land – die Kilometer fliegen an uns vorbei und bevor wir uns versehen, sind wir auch schon in Betta angekommen. Diese winzige Ortschaft, übrigens die einzige weit und breit, hat nicht viel zu bieten, was für uns von Interesse wäre, weshalb wir eigentlich schnurstracks daran vorbei fahren wollten. Doch Jochen, so fiel ihm vor einigen Kilometern siedendheiß ein, hatte in Sesriem vergessen, unser Fläschchen mit Lampenbenzin aufzufüllen. Da es in Betta eine Tankstelle gibt und wir unbedingt Nachschub brauchen, kurven wir nun eben doch schnell in den „Ortskern“. Ein wenig peinlich ist es uns ja schon, die Tankstellenlady wegen eines lumpigen Liters Treibstoff aus ihrem Laden zu scheuchen, aber die gute Frau verzieht keine Miene, befüllt freundlich lächelnd unsere kleine Aluflasche, kassiert dankend den Minibetrag und lässt uns grüßend von dannen ziehen.

23 Kilometer später erreichen wir dann die Abzweigung auf die D707, der wir folgen, denn sie führt Richtung Koiimasis. Weit jedoch kommen wir nicht, denn bereits nach ein paar hundert Metern erspäht Heinz ein riesiges Siedelweber-Nest in einem niedrigen Baum direkt neben der Straße. Und natürlich wollen wir uns die Gelegenheit, solch ein phantastisches Bauwerk nebst seiner tschilpenden Bewohner aus allernächster Nähe betrachten zu können, nicht entgehen lassen. Staunend stehen wir unter der imposanten Graskonstruktion mit ihren unzähligen Eingängen und lugen neugierig in die Nistlöcher. Heinz entdeckt eines, in dem tatsächlich zwei noch ganz kleine Nestlinge zu sehen sind und versucht, dieses Bild mit der Kamera einzufangen. Ich ergötze mich währenddessen an seiner sichtlichen Begeisterung und an den erwachsenen Vögeln, die rund um uns auf den Ästen sitzen, aber verständlicherweise weniger Begeisterung über unsere Anwesenheit zeigen. Plötzlich jedoch erregt eine Bewegung auf dem sandigen Boden unter dem Nest mein Interesse. Das sind aber seltsame Käfer, denke ich mir gerade noch, als ich in die Hocke gehe, dann allerdings erkenne ich, was da wirklich zu meinen Füßen so emsig herum krabbelt. Wah, es sind Zecken, riesige, blutsaugende Spinnentiere mit Körpern von der Größe eines Fingernagels! Mich gruselt, gleichzeitig bin ich aber fasziniert von dem Gedanken, was wohl passiert, wenn solch ein Monster an ein winziges, wehrloses Webervogel-Küken andockt und zu saugen beginnt: zubeißen, Gerinnungshemmer injizieren, gulp, gulp und leer ist der Vogel?! Ich erschauere, vergesse in meiner gleichzeitigen Faszination jedoch leider völlig, sowohl mich aus der zeckenverseuchten Zone zu schaffen, als auch meine Freunde zu warnen.











1) Siedelweber; 2) Nesteingang; 3) Siedelweber-Wohnanlage
4) Hirpicium gazanoides; 5) Citrullus lanatus; 6) Unser alter Freund, der Dolerit

Zehn Minuten später, wir sitzen bereits wieder im Auto, erhalte ich die Quittung für meine Gedankenlosigkeit: irgendetwas krabbelt und kitzelt da an meinem rechten Oberschenkel. Beherzt greife ich in meine Hose und befördere eine Mega-Zecke hervor. Bäh, ist die gräßlich, ekelig und riesig – doch Gott sei Dank hat sie noch nicht zugebissen! Angewidert befördere ich das Vieh aus dem offenen Autofenster, natürlich nicht ohne sie vorher den anderen gezeigt zu haben. Die Schelte, völlig zurecht, folgt auf dem Fuße: „Igitt! Wo hast du die denn aufgesammelt?“ „Unter dem Webervogelnest, da waren die Viecher zuhauf.“ „Scheiße, warum hast du nix gesagt? Bist du wahnsinnig?“ „Tschuldigung, tut mir echt leid, aber ich war so fasziniert.“ „Na toll…!“ Hektisch beginnen die anderen an sich herum zu klopfen, aber mein Exemplar scheint offenbar das einzige „Zugestiegene“ gewesen zu sein – und den richtigen Wirt hat es sich ja auch auserkoren, wenn auch ohne zur Mahlzeit zu gelangen. Nichtsdestotrotz werden wir, sobald wir in Koiimasis angekommen sind, gründlich duschen und uns gegenseitig unter die Lupe nehmen, sicher ist sicher.





Froh, dass das Ganze anscheinend glimpflich abgelaufen ist, verliert sich meine Zerknirschung auf den nächsten Kilometern allmählich und ich kann die abwechslungsreiche Landschaft wieder voll und ganz genießen. Karstige Hügel, die von vereinzelten Köcherbäumen bewachsen sind, erheben sich aus einem grasbestandenen Talgrund, der bald einer weiten, goldgelben Ebene weicht, am Horizont staffeln sich nun bläuliche Berge verschiedener Struktur wie Fächer hintereinander. Große Säuleneuphorbien setzen grüne, vertikale Akzente, die gegravelte D707 fräst sich nahezu schnurgerade, quasi als horizontales Gegengewicht, durch die samtig aussehenden Grasfelder. Und je nachdem, welcher Beschaffenheit der unter der Straße liegende Boden ist, wechselt auch deren Farbe von zartrosa über pastellgelb bis hin zu gleißend weiß. Doch was ist das da vorne? Zwei unterschiedlich große, dunkle Flecken verunstalten in einiger Entfernung das ebenmäßige Schotterband. Gespannt nähern wir uns den wie übergroße Kuhfladen wirkenden Klecksen, halten an und inspizieren die seltsamen Flundern. Oh, nein, verdammt, das sind drei tote Löffelhunde, erbarmungslos plattgewalzt, dem Erdboden gleich gemacht. Ein einzelnes Tier, alle Viere von sich gestreckt, bildet den kleineren der beiden Flecken, der größere hingegen besteht aus zwei der Ohrenfüchslein, die das Schicksal wohl mitten aus dem (Liebes-)Spiel gerissen hat. Welch ein ausgesprochenes Pech, auf dieser alles andere als dicht befahrenen Straße unter die Räder zu geraten! Etwas bedrückt klettern wir wieder in unser Auto, setzen unseren Weg fort und hoffen, nicht auch auf unvermutet die Straße querende Tiere zu treffen, denn ein Ausweichmanöver oder gar eine Vollbremsung sind besonders auf einem schotterigen Straßenbelag wie diesem undenkbar.










Doch ohne jeden weiteren Zwischenfall erreichen wir bald darauf die von einem Gatter verschlossene Einfahrt zur Farm Koiimasis. 20 Kilometer sind es noch bis zum Farmhaus, das verkündet ein Schild am Tor, nach weiteren 16 Kilometern könne man dann „Landsberg“ erreichen. Heinz amüsiert sich königlich bei dem Gedanken, in der Nähe von Landsberg Quartier zu beziehen – bei uns zuhause nämlich gibt es ebenfalls einen Ort gleichen Namens – dafür aber hätten wir nun wirklich nicht so weit fliegen/fahren müssen, meint er grinsend. Aber natürlich hat sich die Reise auf jeden Fall gelohnt, wie uns allein die wundervolle Landschaft eindrücklich beweist. Auf einer ausgedehnten Ebene wogt weißlich-gelbes Gras, am Horizont staffeln sich hohe Berge in unterschiedlichsten, zarten Blautönen, große Anhäufungen runder roter Felsen liegen, wie von der Hand eines Riesen hingeworfen, immer wieder unvermittelt in der Gegend, riesige Oryx- und Springbockherden ziehen dekorativ durch diese Postkarten-Idylle und ein paar Mal sehen wir sogar Pferde.





Es sind keine klassischen Wildpferde, wie man denken könnte, sondern ausgewilderte Farmpferde, die, zusammen mit zwei Quarterhorse-Hengsten, zur Zucht verwendet werden – das erfahren wir, als wir endlich am Farmhaus angekommen sind. Freundlich werden wir von der Hausherrin, einem kleinen Hund und dem aufgeregten Geschnatter unzähliger Gänse und Enten empfangen und fühlen uns gleich wie zuhause. Während Annette rasch die Formalitäten erledigt, gehen Heinz und ich auf eine kurze Entdeckungstour, denn Schneck will unbedingt wissen, wo genau das lärmende Federvieh wohnt. Schnell sind die Unterkünfte der Schnatterschnäbel gefunden: neben dem Farmhaus wurde eine riesige Voliere errichtet und dort tummelt sich alles, was die Geflügelwelt zu bieten hat. Unterschiedliche Gänse von imposanter Größe, watschelnde Enten in allen Farbstellungen, eine Vielzahl von puschelfedrigen Hühnern und stolze Gockel mit buntem, metallisch glänzendem Gefieder. Heinz, der eine ausgeprägte Leidenschaft für Hühnervögel hegt, ist restlos begeistert und würde sich am liebsten in die Voliere beamen, um den gackernden Tieren möglichst nahe zu sein. Leider aber sind seine Beamfähigkeiten noch nicht ganz ausgereift, so dass er sich mit einem Blick von draußen begnügen muss. Doch bald darauf kommt ohnehin Annette eiligen Schrittes aus dem Farmhaus gestiefelt und gibt das Signal zum Aufbruch. Schweren Herzens trennt sich Heinz von seinen Hühnern und wir klettern ins Auto, um weiter zum Campingplatz zu fahren.





Ein paar Kilometer nur – trotzdem aber außer Sichtweite des Farmhauses – und schon sind wir angekommen. Malerisch erstrecken sich vier Campsites am Fuße eines gewaltigen roten Berges, jede von ihnen hat einen Essplatz, der von einem Windfang umfriedet und einem ausladenden Schattendach behütet wird. Als momentan einzige Campinggäste haben wir freie Wahl und entscheiden uns nach sorgfältiger Inspektion für den großzügigsten der Plätze, der praktischerweise auch noch in bequemer Nähe des Waschgebäudes liegt. Zufrieden und erschöpft lassen wir uns im Schatten unseres Windwalls auf ein kühles Ankunftsbier nieder, das nach diesem extrem eindrucksreichen Tag und der langen Fahrt unglaublich gut tut. Hach, welch wohliger Sundowner inmitten dieser pittoresken Landschaft! Wir genießen den Hopfentee aus der Dose, beobachten die vielen Klippschliefer, die auf den umliegenden Felsen herumturnen und beginnen dann allmählich, als wir entspannt genug sind, uns häuslich einzurichten. Bald darauf stehen die Zelte, das Küchenequipment ist an seinem Platz und der wirklich geruhsame Teil des Abends kann losgehen. Schnell ist ein Abendessen zubereitet und verzehrt, verdauend und voll wohliger Gefühle ziehen wir um an unser prasselndes Lagerfeuer, wo wir freien Blick auf den Nachthimmel haben. Wie eine kitschige Domkuppel überspannt uns ein großartiger Sternenteppich, wie tausende Diamanten funkeln die Gestirne, wie eine sahnige Wolke schwebt die Milchstraße inmitten dieser himmlischen Glitzersteine und wir stellen mal wieder fest, dass das Leben einfach herrlich ist. Diese Eindrücke, diese Schönheit kosten zwar vergleichsweise mehr Kraft als ein harter, beschissener Arbeitstag, aber sie geben uns auch so viel mehr zurück – Energie, Freude und Elan – und es ist eine rundum positive Erschöpfung, die uns bald in unsere Schlafsäcke treibt: behütet von einem grandiosen Sternenhimmel, in den Schlaf gesungen vom Gekeife der Klippschliefer und voller Vorfreude auf morgen – einen Ruhetag, der mit Sicherheit nicht langweilig werden wird…

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