5. April 2011, Namib Naukluft Park > Sesriem Campsite

Eigentlich könnten wir heute ausschlafen, weil keine großartige Strecke, kein Wanderprogramm vor uns liegt, doch wer kann schon ruhig in den Federn bleiben, wenn draußen das Leben tobt! Kaum sind wir aus dem Zelt gekrabbelt, erhalten wir schon wieder Besuch vom Maskenweber, der aber diesmal seine Spiegelbilder links liegen lässt und sich ausschließlich dem Sammeln von Baumaterial widmet – je perfekter das Nest, desto größer die Chancen bei den Damen. Und ein paar Baumängel waren ja durchaus noch zu sehen… Während der Vogel schwer arbeitet, lassen wir uns zu einem üppigen Frühstück an unserem Tisch mit Flussblick nieder und saugen die Eindrücke dieses idyllischen Fleckchens Erde ein letztes Mal in uns auf: der Naukluft gluckert leise, der Maskenweber sammelt emsig, ein Bergstar nimmt ein Bad, plustert sich anschließend zum Trocknen neben uns auf, ein Maskenbülbül füttert seine heftig bettelnden Jungen, im Baum über uns poppen die Käfer – und wir thronen wie die Könige inmitten dieser überbordenden Natur. Genüßlich beenden wir unser Morgenmahl, bevor wir schließlich doch mit dem unvermeidlichen Abbau des Lagers beginnen. Dabei stelle ich beglückt fest, dass meine schmerzende Schulter ein ganzes Stück besser geworden ist; der Ruck, der mir gestern wie ein Messerstich durch das Gelenk fuhr, als Jochen mir über den Kanal half, scheint eine einrenkende Wirkung gehabt zu haben. Und auch Heinz, der zwar immer noch erbärmlich hustet, fühlt sich viel fitter und sieht auch so aus.


1-3) Abschied von der Naukluft-Campsite und ihren Dauer-Bewohnern


Na, dann können wir ja fast wie neugeboren zur Fahrt aufbrechen, die uns heute nach Sesriem führen soll. Wohlgemut durchqueren wir den Naukluft River, verlassen dessen üppig grünes Tal und biegen hinaus auf die D854. Sofort umfängt uns dort eine völlig andere Landschaft, trocken und karg, die nach der reichhaltigen Botanik des Naukluft-Tals fast ein wenig öde erscheint. Aber auch sie hat ihre Reize: Berge mit interessanten Gesteinsschichtungen ziehen an uns vorbei, quergestreift wie eine Prinzregententorte – die „Schokobänder“ laufen absolut parallel zu den Drähten der Stromleitungen neben der Straße – ab und zu sieht man sogar schon erste Sanddünen, die klein und auch nicht wirklich rot sind, aber immerhin. Wir queren den Zebra River, dessen spärliche Fluten durch eine künstliche Beton-Furt quer über die Pad plätschern, erreichen bald darauf die C19, folgen ihr für rund 30 Kilometer gen Norden, schwenken dann auf die C27 Richtung Westen und nach weiteren elf Kilometern sind wir am Ziel – Sesriem, das Eingangstor zu den weltberühmten roten Dünen rund um Sossusvlei. Wir haben eine Campsite vorreserviert, müssen nur noch die nötigen Formalitäten erledigen und schon ist alles in trockenen Tüchern.




1) Die „Prinzregenten-Berge”; 2) Fagonia rangei mit Minischrecke; 3) Radyera urens


Mit dem Permit für morgen im Gepäck tuckern wir zu dem uns zugewiesenen Stellplatz, der am Rande des Geländes, aber dennoch ganz in der Nähe des Waschgebäudes liegt und von einer riesigen Akazie beschattet wird. Unsere Freude über den netten Platz allerdings währt nicht lange, denn wir müssen feststellen, dass er bereits besetzt ist. Zwei junge Damen in knappen Bikinis haben ihr gesamtes Hab und Gut über die halbe Site verteilt, picknicken gerade gemütlich und sehen uns etwas erschrocken an, als wir unser Auto unter dem Baum parken. Sofort stürmt eine der beiden Grazien auf uns zu und will wissen, ob wir eine Reservierung für diesen Platz hätten. In der Tat! Ach so, nun ja, sie und ihre Freundin würden hier nur zu Mittag essen, bevor sie wieder aufbrächen; ob das für uns okay sei. Das malerisch ausgebreitete Equipment spricht zwar eine andere Sprache, solange die Mädls aber kampflos das Feld räumen, wollen wir mal nicht so sein. Freilich hindern uns die Okkupantinnen mit ihren verstreuten Ausrüstungsgegenständen am Aufbau unserer Zelte, doch es ist ohnehin so heiß, dass wir das gerne auf die kühleren Abendstunden verschieben. Rasch zerren wir Tisch und Stühle vom Autodach, lassen uns im Schatten nieder und beraten über den weiteren Tagesverlauf. Wir könnten ja zum Sesriem Canyon fahren und dort mit Heerscharen anderer Touristen in der Schlucht umherstapfen oder aber einfach hier bleiben, faullenzen, lesen, Postkarten schreiben und alle Viere gerade sein lassen.





 1, 2) Unterwegs nach Sesriem; 3) Unsere Campsite

Die Entscheidung fällt uns nicht schwer – hier bleiben! Annette und Jochen kramen sofort ein paar Bücher hervor, Heinz erkundet die Umgebung und ich widme mich meiner Urlaubspost, obwohl ich eigentlich keine rechte Lust darauf habe. Da kommt mir der stramme Thermikwind, der über den Platz fegt und ständig etwas vom Tisch weht, als Ausrede gerade recht: ich klebe Briefmarken auf meine 18 zu schreibenden Karten, versehe sie mit Adressen und lege dann das Projekt erst mal wieder ad acta, gebe mich stattdessen einer meiner Lieblingsbeschäftigungen hin – Leute beobachten. Sonnenbrille auf, zurücklehnen und los geht’s. Muppetieren nannten meine Freundin Ute und ich das immer; wie Waldorf und Statler aus der Muppetshow platzierten wir uns abseits unserer damaligen Reisegruppe, beobachteten und kommentierten deren Treiben. Eine lästerliche, aber sehr vergnügliche Beschäftigung! Auch heute mangelt es nicht an unterhaltsamen Opfern: da sind zum Beispiel unsere beiden Bikinischönheiten, die ihr Mittagessen gerade beendet haben und nun umständlich ihr Equipment im Auto verstauen. Die eine der beiden, eine Blondine, ist recht tatkräftig und scheint eine praktische Ader zu besitzen, wohingegen die andere, ihr dunkelhaariges Gegenstück, mit zwei linken Händen, völliger Elanfreiheit und der Im-Weg-steh-Gabe gesegnet ist. Blondie ist genervt, teilt der wenig hilfreichen Freundin wortreich gestikulierend einige leichte „Frauenaufgaben“ zu, zu deren Erledigung sich die Gescholtene lustlos anschickt. Quälend langsam und völlig planlos beginnt sie, die Geschirrkiste einzuräumen, verzweifelt an dem zur Verfügung stehenden Platz, bricht sich einen ihrer aufgeklebten, bunt lackierten Fingernägel ab und wirft das Handtuch. Anklagend hält sie der schuftenden Freundin ihren nun schmucklosen Finger unter die Nase, wird aber rüde beiseite geschoben und verzieht sich daraufhin schmollend ins Waschgebäude.

Schwitzend beendet die Blonde die Aufräumarbeiten und harrt anschließend mit verschränkten Armen des Wiederauftauchens ihrer kosmetik-affinen Urlaubspartnerin. Frisch geduscht kehrt diese zurück, wird erneut angeblökt, setzt sich aber völlig unbeeindruckt, nur mit einem Bikinioberteil und einem knappen Minirock bekleidet, trotzig-demonstrativ auf den Beifahrersitz, um gleich darauf quiekend wieder hochzuspringen. Das Auto stand in der prallen Sonne – blanke Haut auf glühendem Kunstleder ist nicht wirklich angenehm, aber daran hatte die brünette Hohlräumige wohl nicht gedacht. Nun geht das Gekrame erneut los, adäquate Klamotten müssen her – obwohl das feuchte Duschhandtuch als isolierende Unterlage ja griffbereit wäre… Oh Herr, lass Hirn herab, denke ganz offensichtlich nicht nur ich mir – Blondie rollt ebenfalls heftig mit den Augen. Schließlich aber sind die beiden doch endlich abreisebereit, brausen grußlos vom Platz und ich muss mir neue Opfer suchen – die jedoch sind nahe.

Unauffällig drehe ich meinen Stuhl um 90 Grad und richte den Blick auf eine südafrikanische Familie direkt auf dem Nachbarplatz. Vater, Mutter, eine Tochter und zwei Jungs sitzen im Schatten ihres Riesenzeltes und verschlingen heißhungrig monströse Fleisch- und Pommesportionen (ach, eine Fritteuse haben die auch dabei?!?), dazu wird literweise Cola konsumiert. Dass die Fünf gerne deftig und vor allen Dingen reichlich essen, ist nicht zu übersehen: über Papas beeindruckender Wampe spannt sich das karierte Hemd gefährlich und auch die Kinder sind mehr als nur pummelig. Den Vogel aber schießt Mutti ab: ein specknackiger, kinnloser Kopf geht nahtlos in das Dekolleté zweier gewaltiger Brüste über, unter denen sich körperumspannend weitere Michelin-Männchen-Ringe abzeichnen. Ihre ventrale Fettschürze – Bauch kann man das leider nicht mehr nennen – hat sie in geblümte Leggings gepresst, ebenso die gewaltigen Oberschenkel, die mit kecken Fettrollen oberhalb der Knie enden. Die imposante Gesamt-Fülle wird schließlich von zwei auffallend formschönen und schlanken Waden abgeschlossen. Verwunderlich, dass diese Steckerl in der Lage sind, die oberen Stockwerke zu tragen, noch mehr aber erstaunt mich die Widerstandskraft des Campingstuhls, dessen Beine sich ordentlich grätschen, als Mutti sich nach dem Auftragen des Desserts (Kuchen und Eis) stöhnend wieder auf die viel zu kleine Sitzfläche plumpsen lässt. Während die grazile Familie ihre süße Nachspeise zelebriert – und ich mir ein Buch zur Tarnung vor die Nase halte – mache ich mir so meine Gedanken über das „Leggings“ genannte Kleidungsstück, das den wenigsten Frauen steht, in der Regel aber genau von denen getragen wird, die es am wenigsten ziert. Eine derartige Klamotte hat sicher ihre Vorteile; sie ist dehnbar, schneidet nicht ein, beengt nicht, man ist bedeckt, die Massen werden, soweit eben möglich, zusammengehalten – aber kleidsam ist das beileibe nicht!

Doch bei Südafrikanern, die beim Campen eine Fritteuse mitführen, hätte ich schon auch einen Ganzkörper-Spiegel im Equipment vermutet! Vielleicht haben sie den sogar dabei, allein Mutti hat nicht reingeschaut oder es ist ihr nicht wichtig – ach, was auch immer. Ist im Prinzip ja auch egal, wie jemand aussieht, was er aus sich macht, mir tun nur die Kinder leid, die von klein auf so etwas vorgelebt bekommen. Und damit meine ich nicht die Leggings, sondern viel mehr das Essverhalten der Eltern, das dem Nachwuchs wenig Chancen lässt – man sieht es deutlich an den drei Pummelchen, die in ihren jungen Jahren schon einen derartigen Ballast mit sich herumschleppen, aus dem man, rein mengenmäßig betrachtet, zwei weitere (Klein-)kinder formen könnte. Leider kann ich daran aber nichts ändern und zudem geht es mich nicht mal was an. Was soll’s!? Der opulente Lunch auf jeden Fall ist nun beendet, die Frauen waschen ab (wie es sich gehört) und folgen dann den drei Herren ins Innere des Zeltes, um ihr Mittagsschläfchen zu absolvieren. Schade, schade! Aber vielleicht auch ganz gut, denn heute habe ich mein Lästerkontingent für die nächsten Monate mehr als ausgeschöpft, ich boshaftes Stück…

In Ermangelung weiterer Muppetier-Opfer vertiefe ich mich nun in die Inhalte meines Tarnbuches, einem mehrere hundert Seiten starken Unterkunftsführer, den ich am Flughafen in Windhoek eingesteckt hatte. Interessiert blättere ich mich von Lodge zu Lodge – eine schöner als die andere – frage mich aber gerade, warum ich den Katalog als eingefleischter Camper überhaupt mitgenommen habe, als ich plötzlich auf eine recht allgemein gehaltene Namibia-Landesinfo-Seite stoße: Landesfläche, Einwohnerzahl, Hauptstadt, Klima, Weltzeitzone, Zeitumstellung… Zeitumstellung??? Da war doch was?! Ach ja, richtig, neulich in Swakopmund hatte Annette eine kleine Anekdote zum Besten gegeben: letztes Jahr, ebenfalls Anfang April, waren sie und Jochen schon mal in Sesriem, kamen aber gerade mitten aus dem Busch und hatten deshalb die Umstellung von Sommer- auf Normalzeit völlig vergessen. Morgens um sechs standen sie ebenhier am Gate, um die Fahrt nach Sossusvlei anzutreten, aber die Schranke war zu, niemand da; kein Ranger, keine anderen Touristen. Dass in Afrika die Uhren bisweilen etwas anders gehen, ist nichts Neues, dass sich aber alle hier logierenden Touristen geschlossen diesen Gepflogenheiten angepasst haben sollten, erschien den beiden dann doch recht unwahrscheinlich.

Ungeduldig warteten sie, 55 Minuten später, schön langsam hatte sich jetzt auch schon eine Schlange hinter ihnen gebildet, erschien das Gate-Personal und Punkt sieben Uhr wurde die Schranke gehoben. Natürlich fragten Annette und Jochen nach, was es mit den geänderten Öffnungszeiten auf sich hätte: lachend klärte man sie auf und tröstete sie, dass nach jeder Sommerzeit-Umstellung mindestens ein Auto zu früh an der Schranke stünde. „Heuer kann uns das nicht passieren“, meinte Annette mit Blick auf eine Swakopmunder Uhr, „schließlich kommen wir diesmal frisch aus der Zivilisation und sind voll im Bilde über die korrekte Uhrzeit!“ Denkste! Auf meiner landeskundlichen Seite nämlich steht zu lesen: die Zeitumstellung erfolgt am ersten Aprilwochenende in der Nacht von Samstag auf Sonntag – und da waren wir gerade an der Blutkuppe – ohne Uhr… „Annette?!“ „Mhm?“ „Ich glaub’, wir sollten das mit der aktuellen Zeit nochmal überprüfen.“, merke ich an und lese den Text vor. „Bah, ne, das wär ja der Hammer!“ quiekt Annette und schon flitzt sie los – Richtung Rezeption. Fünfzehn Minuten später kommt sie grinsend zurück. „Barbara, du hast uns soeben eine Stunde Schlaf geschenkt! Gott, wie peinlich, da hätten wir doch beinahe den selben Fehler nochmal gemacht!“ Still danke ich dem Unterkunftsführer, der mir geholfen hat, die Tagesbilanz meines arg belasteten Karma-Kontos wieder ein wenig auszugleichen und stelle meine Armbanduhr ein Stündchen zurück. 

Außer dieses sehr erfreulichen 60-Minuten-Gewinns aber hat meine Zeitentdeckung noch etwas bewirkt: auf ihrer Exkursion zur Rezeption hatte Annette Gelegenheit, den Pool zu inspizieren. Begeistert von den kühlen, gepflegten Fluten überredet sie Jochen nun zu einem Bad; mit Handtüchern bewaffnet ziehen die beiden los, um der nachmittäglichen Hitze ein Schnippchen zu schlagen. Heinz und ich hingegen widmen uns einer seit Tagen schon fälligen Reparaturarbeit: beim allabendlichen Gezerre des Gepäcks aus dem Laderaum hatte sich am Deckel seines Rucksacks eine Schnalle verabschiedet, die leider eine tragende Rolle beim ordnungsgemäßen Verschließen des Gepäckstücks spielte – und natürlich haben wir keine Ersatzschnalle dabei, sodass wir jetzt etwas improvisieren müssen. Zunächst suche ich den Platz nach einem Stückchen Draht ab, kann aber partout nichts finden. Unglaublich, aber wahr: die Site wurde so gründlich mit einem Rechen bearbeitet, dass nicht ein Fitzelchen brauchbaren Materials herumliegt; nicht einmal Draht und den findet man sonst immer und überall. Noch nie habe ich einen Platz erlebt, der so clean war wie dieser – eigentlich ja lobenswert, in diesem speziellen Falle jedoch… Aber egal! Kurzerhand trenne ich ein Stück von meiner textilen Reise-Wäscheleine ab, verschmore die Schnittenden feinsäuberlich, forme einen stabilen Doppelring und nähe diesen sorgfältig zusammen, nachdem ich ihn durch die Deckellasche gefädelt habe. Heinz übernimmt den Rest und nach einer halben Stunde ist der Rucksack fast wieder wie neu. Geschafft!

Wir sind nun so im Arbeits-Flow, dass wir auch gleich unser Zelt aufbauen. Bedächtigt schätzen wir den Lauf der Sonne ab, um morgen, beim Abbauen, möglichst viel Schatten zu haben. Gut gedacht, aber leider mit dem logischen Nachteil behaftet, dass wir natürlich jetzt in der Sonne stehen müssen. Verdammt, ist das heiß! Schweißgebadet stellen wir das Stoffhäuschen zwischen die Wurzeln der Akazie, vertäuen es ordentlich, richten es gemütlich ein und sinken daraufhin durchgeschwitzt in unsere im Schatten stehenden Campingstühle, um wieder Normaltemperatur zu erreichen. Mit einem kühlen Getränk in der Hand steckt Heinz seine Nase in ein Buch und ich ergehe mich in Gedanken über den morgigen Tag, vor dem mir offen gestanden schon ziemlich graut. Das mag jetzt ein wenig seltsam klingen, aber ich kann es nicht anders sagen – alles andere wäre gelogen. In der Hinsicht bin ich wohl ein echt komischer Vogel: mehrmals schon war ich in Namibia, habe aber jedes Mal die Dünen von Sossusvlei großräumig umfahren, weil mir der touristische Mega-Hype einfach zuwider war (und immer noch ist). So zuwider, dass ich es in Kauf nahm, diese atemberaubende Sehenswürdigkeit nicht zu Gesicht zu bekommen. In Neuseeland ging es mir ähnlich: sieben Wochen lang bereiste ich mit meinem damaligen Freund beide Inseln und wir haben uns ohne mit der Wimper zu zucken alles touristisch Relevante angesehen. Von der 90-Mile-Beach über Queenstown, Rotorua und der Coromandel bis hin zu den Pancake Rocks und den Gletschern; nur eines nicht – den Milford Sound. Keine zehn Pferde hätten uns da hingebracht, an diesen Touri-Hot-Spot Nummer Eins, den sonst jeder, aber auch wirklich jeder besucht. Und ich bereue es bis heute nicht, diese mit Sicherheit bezaubernde Gegend nicht gesehen zu haben.

Rational ist das nicht zu erklären; ich kann nur eines sagen: solche Orte lassen bei mir Pusteln sprießen, erwecken in mir den Wunsch, mir eine Papptüte über den Kopf zu stülpen, um unerkannt zu bleiben, ich will da auf Teufel komm raus nicht hin. Tja, komischer Vogel eben… Morgen aber werde ich über meinen seltsamen Schatten springen, weil ich Heinz das Erlebnis nicht vorenthalten möchte. Er soll, unbelastet von meiner Voreingenommenheit, das sehen können, was in jedem Fotoband, Kalender und Filmbericht über Namibia mit hundertprozentiger Sicherheit bildtechnisch thematisiert wird. Ich will ihm keinesfalls im Wege stehen mit meinen eigenartigen Empfindungen, die sogar so eigenartig sind, dass ich tatsächlich ein winziges Quäntchen der Vorfreude empfinde – gerade so, als hätte ich endlich eine passende Entschuldigung gefunden, die Dünen doch besuchen zu können und trotzdem meine Hände in massentouristischer Unschuld zu waschen. Für die meisten Touristen sind meine Gefühle sicher ziemlich befremdlich, doch ich hoffe einfach mal, dass ich damit nicht ganz alleine dastehe und es auch noch andere Menschen gibt, die das zumindest ansatzweise nachvollziehen können.

Leise seufzend schiebe ich meine negativen Anwandlungen mit einiger Mühe beiseite, versuche, das Sein im Jetzt, im Schatten, in Afrika zu genießen und kuschle mich an Heinz’ Schulter. Schließlich ist es bis morgen noch eine Weile hin und zudem haben wir ja unsere gewonnene Zusatzstunde als Extrapuffer… Gerade bin ich, mit diesem tröstlichen Gedanken im Kopf, ein bisschen eingedöst, als Annette und Jochen vom Pool wiederkommen und sich lauthals über die Gepflogenheiten der Badegäste echauffieren – es sei wie auf Malle. Die Anlage gepflegt, das Wasser erfrischend, die wenigen verfügbaren Liegen jedoch seien allesamt mit Handtüchern, nicht aber mit Poolbesuchern belegt gewesen. Selbige tummelten sich natürlich auch nicht in den Fluten, sondern hielten Siesta im Zelt, schwitzten im Canyon oder bei den Dünen – sie waren jedenfalls weit und breit nicht zu sehen.

Annettes und Jochens gute Erziehung verbot den beiden, sich kurzerhand zwei Liegen freizuräumen, meine nicht minder gute Kinderstube hingegen hindert mich nicht daran, mal wieder einen gewissen Unmut über meine Artgenossen zu empfinden. Ich bin beileibe nicht perfekt, benehme mich auch sicher nicht immer ohne Fehl und Tadel, aber diese Gedankenlosigkeit oder, schlimmer noch, Ellbogen- bzw. Hauptsache-Ich-Mentalität, kotzt mich zunehmend an. Klar, der Planet ist vergleichsweise klein für uns rund sieben Milliarden Erdenbürger, zumal jeder einzelne davon um sein eigenes Wohlbefinden und/oder Überleben kämpft. Das Schreckliche ist nur: je besser es einem Menschen geht, umso anspruchsvoller wird er – gerne auch auf Kosten anderer. Und wenn es schon bei solchen Belanglosigkeiten wie schnöden Liegen unter nicht ganz so schnöden Sonnenschirmen zu einem derartigen Ich-Gehabe kommt, lässt sich der Rest, also ernsthaftere Situationen, leicht hochrechnen. Das macht mir Angst und wahrscheinlich ist es auch der Grund, warum ich größere Artgenossen-Ansammlungen gerne meide. 

Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie sehr ich mich auf morgen „freue“…?

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