28. Juni 2008 – North Gate > Khwai Community Camp

Eigentlich wollten wir den Tag heute ganz ruhig angehen. Eigentlich. Wir schlürfen gerade unseren Morgentee und heizen das Toastfeuer an, als sich ein recht offiziell aussehender Wagen mit einem noch offizieller aussehenden, uniformierten Fahrer nähert. Finstergesichtig starrt er zu uns herüber und mir fällt wieder ein, dass unser Stellplatz so gar kein offizieller ist. Als er sich auch noch erklärend zu seinen Safarigästen beugt und mit dem Finger auf uns deutet, ist es klar – es gibt Ärger. Und da hält er schon an. Uih, kann der böse schauen. Unfreundlich weist er uns auf unsere Verfehlung hin. Unsere Müllargumente tut er verächtlich ab. Wir seien Gäste seines Landes und hätten uns den bestehenden Regeln zu beugen. Und was den Müll anbelangt – unsere Generation hätte die Paviane gefüttert, jetzt hätten wir es auch auszubaden. Ja, prinzipiell hat er natürlich recht, aber ist man ein guter Gastgeber, wenn man seinen Gästen ein verdrecktes Schlafzimmer anbietet? Und sie dann auch noch schilt, wenn sie auf dem Balkon nächtigen? Nein, definitiv nicht. Es hat aber keinen Sinn, weiter zu argumentieren und den Finsterling noch mehr zu verärgern, zudem er drohend hinzufügt: Er sage einem Kollegen Bescheid und wenn wir Guys in 20 Minuten nicht verschwunden wären, gäbe es richtig Ärger. OK, Bwana Ranger, sicher doch!

Warum er nun ausgerechnet eine zwanzigminütige und keine halbstündige Frist angesetzt hat, erschließt sich uns nicht. Doch wir sind ein eingespieltes Team und in afrikanischen 20 Minuten sind die Zelte abgebaut, alles verpackt und verstaut, das Toastfeuer mit Sand bedeckt und wir sitzen im Auto. Der erste Weg führt uns zurück zum Teppichlöwen. Die Marabus sitzen zwar noch in den umliegenden Bäumen, der Kadaver aber ist weg und zwar rest- und spurlos. Schade, dieses Rätsel werden wir nicht mehr lösen.

Ein paar Stündchen kurven wir noch in der North Gate-Gegend herum. Wir beobachten eine Wasserbockmama mit ihrem Kalb, das einen Riesenspaß beim Impala-Jagen hat. Immer wieder attackiert das Kleine die verdutzten Impalas, pickt sich ein Opfer heraus und hetzt diesem mit übermütigen Bocksprüngen hinterher. Die Mama sieht das ebenso gelassen wie die Sporengänse am nahen Tümpel, deren eigentlich unscheinbares Gefieder metallisch in der Morgensonne glänzt. Ein paar Kilometer weiter verzaubert uns die kunstvolle Nahrungssuche eines Pied Kingfisher. Unermüdlich startet er von seinem Ast, überfliegt spähend die Wasseroberfläche, hält rüttelnd im Flug inne, um schließlich mit einem eleganten, pfeilschnellen Stoß kurz einzutauchen. Seine Manöver sind nicht immer von Erfolg gekrönt, aber es ist sehr spannend, ihn zu beobachten.

Auf der anderen Tümpelseite steht eine nette Ansammlung etwas größeren Federviehs. Mehrere Marabus machen mit ihren eingezogenen Hälsen einen recht verfrorenen Eindruck, während sich die Rosa- und die Rötelpelikane schon eifrig putzen, zwei Sattelstörche dösen noch vor sich hin. Ein echt drolliger Anblick, von dem wir uns jedoch alsbald lösen müssen, denn gegen 11.00 Uhr sollten wir den Park verlassen haben.

Recht pünktlich rollen wir über die Knüppelbrücke am Gate, tragen uns aus und fallen dann erst mal im Khwai Shop ein. Ein winziger Laden, in den ich immer wieder gerne reingehe. Auf wenigen Quadratmetern erhält man alles, was man braucht oder eben auch nicht. Von Wasser und Bier über Obst und Gemüse bis hin zu Konserven, Kosmetik und Parfum gibt es hier vieles zu bestaunen. Bleichcreme für die pflegebewusste Afrikanerin steht gleich neben der schwülstigen Duftwasser-Packung „Tropic Amorous Feelings“ und dem Dolce&Nobleman EdT für den modernen Verführer. Insektensprays schmiegen sich an riesige Tastic-Reisbeutel, Grillkohleanzünder stehen im Dialog mit Einwegrasierern, Frühstücksflocken und Kopfschmerztabletten. Der interessierte Kunde wird bereits mit an die Hausmauer gemalten Logos über das unglaubliche Sortiment in Kenntnis gesetzt. Drinnen wird man zuvorkommenst bedient und sogar unsere Frage nach dem Weg zum Office der Khwai Community wird mit einem durchdringenden Pfiff der Verkäuferin praktisch und schnell beantwortet. Sofort eilt ein junger Mann herbei, hilft uns, unsere Einkäufe zu verstauen, setzt sich auf unser Reserverad und dirigiert uns zum Trust-Büro.

Dort erledigen wir die Formalitäten, transportieren unseren netten Helfer noch ein Stück des Weges, bevor wir in der Nähe des Khwai River unser Frühstück nachholen. Zwar ohne Toast, der Genuß des Anblicks vorbeiziehender Elefanten, Giraffen und ein paar neugieriger Warzenschweine aber ist ungleich größer.

Direkt am Fluss geht faunatechnisch dann richtig die Post ab. Elefanten auf beiden Uferseiten, Gnus, Impalas, Lechwes, Giraffen, Hippos im Wasser und an Land, Krokos, Jacanas, Reiher, Coucals, Enten, Gänse, Libellen, Greifvögel, Papageien, Paviane. Hier gibt es keine 10 Meter am Stück, auf denen man mal nichts sehen würde. Diese Vielfalt, die Tierdichte, die paradiesische Landschaft hier am Khwai haut mich jedes Mal wieder vom Hocker. Langsam tasten wir uns am Flussufer voran, halten immer wieder an, beobachten, staunen, fotografieren. Wir erreichen Hippo Island, ein beliebter Strandabschnitt für sonnenhungrige Nilpferde. Hintern an Hintern rösten die Dicken regungslos vor sich hin, einige schon gefährlich rosa. Sie klettern frühmorgens aus dem Wasser, brezeln sich in die Sonne und verschwinden erst gen Sonnenuntergang wieder im Wasser. Ein merkwürdiges Verhalten, aber typisch für diese Stelle am Khwai. Die meisten der Sonnenanbeter haben leuchtend weiße Spritzer Vogelkotes auf dem Körper und im Gesicht, sind durch nichts und niemanden aus der Ruhe zu bringen. Nur manchmal wird unwillig aufgegrunzt, wenn sich ein Kollege im Schlaf zu heftig bewegt. Stunden und Tage könnte ich hier verbringen!

Doch wir nähern uns, zumindest laut der von Jürg im Trustbüro festgehaltenen GPS-Koordinaten der Abzweigung zum Community-Camp. Sie ist wirklich schwer zu finden. Es existieren zahlreiche Abzweigungen nach links, doch so ganz ohne GPS die richtige zu treffen, ist fast unmöglich. Natürlich ist auch nichts beschildert. Dank der Koordinaten aber landen wir beim zweiten Anlauf einen Treffer. Nach wenigen Kilometern durch den üppigen Wald passieren wir eine Lichtung, die von einer Riesengruppe südafrikanischer Camper besetzt ist. Auf unsere Frage, ob sie denn wüssten, wo sich „Magotho II“ befände, antworten sie uns nur, sie wüssten nicht mal, ob sie etwa auf „Magotho I“ stünden, aber wir sollten ruhig weiter fahren, da käme dann schon noch ein Plätzchen zum Hinstellen. Hinter der nächsten Biegung stehen wir vor den Toren eines Luxus-Bushcamps, in dem keine Trespassers erwünscht sind. Wir umkurven dieses Lager und erspähen wenig später tatsächlich eine weitere Lichtung, die sich als Campsite eignen würde.

Wir inspizieren den Platz, der weder gekennzeichnet noch mit irgendwelchen Plumsklos bestückt ist und beschließen, es müsse wohl eine Campsite sein, denn es lauern schon diverse Meerkatzen in den Bäumen; ein sicheres Indiz, dass hier öfter mal Menschen logieren, essen und leichtsinnigerweise Dinge herum liegen lassen. Also deklarieren wir diesen Platz kurzerhand zu „Magotho II“, bauen unsere Zelte auf und verbringen den Nachmittag im kühlenden Schatten der riesigen Bäume.

Gegen 16 Uhr, als das Licht am schönsten ist, starten wir zu einer neuen Pirschfahrt an den Khwai. Annette bleibt im Camp, denn die Meerkatzen scheinen nur darauf zu warten, alles in Ruhe auseinander nehmen zu können. Sie versäumt nichts wirklich Spektakuläres, aber schön ist es trotzdem. Ein Käuzchen sitzt in einem abgestorbenen Baum und sieht uns schläfrig an, auf die Haut der wenigen noch am Hippostrand verbliebenen Nilpferde malt das Wasser wellenartige Reflexe. Ein Elefant nimmt ein ausgiebiges Duschbad und ein Marabu stakt unermüdlich durch einen schlammigen Tümpel. Beinahe hätte er einen Fisch erwischt, aber im letzten Moment glitscht er ihm wieder aus dem Schnabel. Und wir Menschen, wir stehen daneben, mit einer Dose Bier in der Hand, beobachten ihn in seinen fruchtlosen Bemühungen auf der einen Seite, den Sonnenuntergang auf der anderen.

Dunkelheit senkt sich herab und wir packen für den Rückweg den Suchscheinwerfer aus. Vielleicht sehen wir ja noch was Interessantes, zumindest aber können wir rechtzeitig erkennen, ob ein Elefant oder Hippo den Fahrweg kreuzt, was prompt auch geschieht. In gebührendem Abstand bleiben wir stehen und lassen den Dickhäuter passieren, der sich trotzdem recht unwohl zu fühlen scheint. Aber er verschwindet friedlich im Gebüsch, nicht ohne uns noch ein paar Mal ohrenwedelnd beäugt zu haben.

In völliger Finsternis kehren wir zurück und Annette hat ihre Sache gut gemacht. Erfolgreich hat sie unser Hab und Gut gegen die Meerkatzen verteidigt, die jetzt schon alle in den umliegenden Bäumen ihren Frust im Traum abbauen. Dafür kracht seit etwa einer Stunde ein Elefant durch den nahen Wald. Da man ihn aber nur hört, nicht aber sieht, machen wir uns beruhigt an unsere Nahrungszubereitung und -Aufnahme und denken alsbald ans Zubettgehen, denn die nächtliche Kälte greift schon wieder mit ihren spitzen Klauen nach uns. Zudem sind wir wohlig müde ob der ganzen Eindrücke. Der Elefant lässt ein knurrendes Rumpeln vernehmen, eine einsame Hyäne ein Uuuah und ich beschließe, die zwei Dosen Castle Lager, die ich zu mir genommen habe, so weit wie möglich wieder abzulassen, denn die Vorstellung, nächtens, in der Kälte dringend zu müssen, behagt mir nicht wirklich. Der nahe Elefant nimmt mir die Entscheidung irgendwie ab und ich erleichtere mich einen Meter hinter meinem Zelt, immer das Bodengefälle und die Umgebung im Auge behaltend. Danach kuschle ich mich in meinen Daunenschlafsack.

Aber hallo, was ist das? Keine 15 Minuten später ist die Hyäne zur Stelle. Und sie findet meine versickerte Pfütze wohl ungemein interessant. Lautstark schnüffelnd, buddelnd und kieksend macht sie sich unweit meines zur Ruhe gebetteten Kopfes zu schaffen. Nächstes Mal gehst du zum Pinkeln ein paar Meter weiter weg vom Zelt, schwöre ich mir noch, als ich auch schon einschlafe.

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