26. Oktober 2018; Andasibe > Antananarivo, Résidence de Raphia

Auch, wenn wir heute so gar kein touristentypisches Programm haben, so sind wir doch schon wieder früh auf den Beinen. Schließlich müssen wir die ganze Strecke zurück nach Tana hinter uns bringen und das, das wissen wir bereits, ist kein Spaß. Nach einem ausgiebigen Frühstück, das wir vor lauter „Vorfreude“ etwas in die Länge ziehen, lassen wir schließlich erneut unser Gepäck aus der dritten Bungalow-Etage herabbringen, verabschieden uns ein letztes Mal von dieser hübschen Anlage vor den Toren des Andasibe Nationalparks – und los geht es.

Die letzte Fahretappe geht los: zurück nach Tana

Wir verlassen das mit Wald bestandene Gebiet und schrauben uns nach oben, Meter für Meter, die ganze Strecke, die uns schon bei der Hinfahrt so uneinladend erschienen war. Doch jetzt, da es auch noch bergauf geht, präsentiert sich das Ganze noch übler: Der Verkehr ist unglaublich dicht, es sind viele LKW unterwegs, die ja bergab schon ein Verkehrshindernis sondergleichen waren, bergauf aber noch viel schlimmer sind. Fauchend und qualmend kriechen sie im Zeitlupentempo die serpentinenreiche Passstraße hinauf, die Fahrzeuge, die leichter und wendiger sind, versuchen an jeder möglichen und unmöglichen Stelle zu überholen und immer wieder beobachten wir höchst riskante Situationen und Beinahekollisionen. Aina hingegen zügelt seine Ungeduld und überholt nur, wenn er gute Sicht auf dem Gegenverkehr hat, wofür wir ihm sehr dankbar sind. Lkw für Lkw lassen wir so hinter uns. Das bringt zwar nicht wirklich was, denn vor uns reißt die Lasterkolonne natürlich nicht ab, aber es verschafft uns allen das Gefühl, wenigstens ein bisschen vorwärts zu kommen. Eine kleine Pause zum Füße vertreten ist so allerdings auch nicht drin, wir wären ja blöd, würden wir die ganzen Überholten wieder nach vorne lassen.

Wer will hier schon Pause machen?

Obwohl, unter diesen Umständen, mit den nicht enden wollenden Lasterschlangen, die sich hier in einer Tour nach oben quälen, wäre es eigentlich egal… Doch während wir so aus dem Fenster schauen und die verdieselte Luft einatmen, stellen wir fest, dass wir gar keine Lust verspüren, eine Pause einzulegen, denn überall da, wo man anhalten könnte, ist es unglaublich vermüllt. Teilweise wadentief liegt der Abfall am Straßenrand und zeugt von der absolut unverständlichen Gesinnung vieler Menschen, ihren Dreck da fallen zu lassen, wo sie gerade gehen und stehen. Was wäre wohl dabei, eine leere Dose, eine Chipstüte, eine Flasche wieder mitzunehmen, schließlich haben sie sie ja auch hierher gebracht – und da war sie noch voll, viel schwerer und unter Umständen auch voluminöser. Doch das ist offenbar zu viel verlangt – ein Verhaltensmuster, das leider überall anzutreffen ist. Und auch, dass sich Menschen in ihrer Berechtigung, Müll abzuladen, bestätigt fühlen, wenn an einer bestimmten Stelle bereits etwas liegt. Tja, so kommt eines zum anderen und der Dreckhaufen wächst stetig.

Illegal oder legal? Orchideenverkauf am Straßenrand

Während wir uns gerade mal wieder über diese menschliche Eigenschaft ärgern, gewinnen wir allmählich an Höhe und die Steigungen werden flacher. Mhm, dann könnten wir vielleicht doch bald mal anhalten. Heinz hatte nämlich bereits auf der Fahrt in den Andasibe etwas gesehen, was er jetzt gerne näher inspizieren würde. In diesem etwas flacheren Wegstück erspähte er vor ein paar Tagen zwei Verkaufsstände, die Orchideen feilboten. Und da Heinz ja an allem interessiert ist, was die Botanik an Exotischem zu bieten hat, möchte er natürlich dieses Angebot gerne unter die Lupe nehmen. Also sagen wir Aina Bescheid und lauern. Ach, Mist, am ersten Stand sind wir schon vorbei. Aber da kommt gleich ein zweiter. Diesmal sehen wir ihn rechtzeitig und Aina kann problemlos ausscheren. Erwartungsfroh stürzt eine Frau aus dem Schatten des mit Orchideen behängten Schutzdachs und freut sich offenbar über uns, die vermeintliche Kundschaft. Doch, sie kann es ja nicht wissen: Natürlich werden wir nichts kaufen, denn die Einfuhr gerade solcher Pflanzen ist, ohne das Zertifikat einer anerkannten Behörde, streng verboten. Und Heinz will ja auch nur mal das Angebot sichten. Doch was er da sieht, schockiert ihn: Es handelt sich ziemlich offensichtlich um wild „geerntete“ Pflanzen, die zu allem Überfluss auch noch in Farnstümpfe gestopft wurden – also ein doppelter Verlust für die Natur! Langsam schreitet Heinz den langen Verkaufsstand ab und unterscheidet auf eine Blick drei bis vier verschiedene Arten, die er aber nicht genau identifizieren kann, da sie nicht blühen. Und auch die Verkäuferin kann da nicht weiterhelfen, sie weiß nur, dass es Orchideen sind… Sie ist jedoch sehr enttäuscht, dass wir nichts kaufen. Also bitten wir Fitah, dem wir die Problematik mit Artenschutz, Roter Liste, Raubbau an der Natur, dem deutschen Zoll und unserem eigenen Gewissen schon mehrmals hinlänglich geschildert hatten, eben jenes nun, zumindest in Kurzform, der Frau zu übersetzen. Fitah redet folgsam auf die Dame ein, doch am Gesichtsausdruck der Verkäuferin, aber auch an dem von Fitah und Aina sehen wir, dass sie gar nicht wissen, was genau der Punkt ist und auch keinerlei Unrechtsbewusstsein vorhanden zu sein scheint. Seufzend verabschieden wir uns also von der Orchideen-Lady und reihen uns wieder in den schnaufenden Verkehr ein, der uns nun immer näher an Tana heranbringt.

Ein Feuer außer Kontrolle

Die Besiedelung wird allmählich dichter, die Landschaft flacher und auch die Temperaturen angenehmer. Erneut ziehen all die Dörfer vorüber, die wird bei der Fahrt nach Andasibe bereits gesehen hatten, doch es ist immer noch interessant, das Treiben auf der Straße, in den Höfen und an dem Flüsslein zu sehen, das sich ins Tal hinab ergießt. Plötzlich aber riecht es stark nach Rauch. Wir sehen nichts, doch der Qualm wird immer dichter und reizt unsere Atemwege. Wo kommt der her? Ein paar Kilometer später wissen wir es: Eine breite Hügelflanke zu unserer Linken steht in hellen, lodernden Flammen, die sich in rasender Geschwindigkeit nach oben fressen. Und dort oben stehen Häuser. Als wir um die nächste Kurve biegen, können wir mindestens hundert Menschen sehen, die, bewaffnet mit Brettern und Decken, aufgeregt der Feuerwalze hinterherklettern und versuchen, den Brand zu löschen, indem sie auf die Glut eindreschen. Aber warum bekämpfen sie den Brand auf der falschen Seite? Fita zuckt lakonisch die Schultern. „Das Feuer ist außer Kontrolle geraten. Das passiert hier oft. Es ist zu gefährlich, sich dem Brand entgegenzustellen, also versuchen die Leute, ihn von hinten zu löschen.“ Oje, das ist ja ein völlig sinnloses Unterfangen, zumal mit schmalen Holzleisten und Decken aus Kunstfasern! Da kann man nur hoffen, dass auch unterhalb des Dorfes Leute Stellung bezogen haben, eine Feuerschneise roden und so die lodernde Walze vor den Gebäuden zum Stoppen bringen können. Ansonsten sieht es nicht gut aus für die kleine Ortschaft.

Zurück in Tana – die Durchquerung dauert!

Die Daumen drückend und leicht verstört, so einen derart außer Kontrolle geratenen Brand mit eigenen Augen gesehen zu haben, setzen wir unseren Weg fort und erreichen am frühen Nachmittag die Hauptstadt, die uns sogleich wieder mit ihrem aberwitzigen Verkehr empfängt. Doch mittlerweile kennen wir uns auf den einschlägigen Ausfallstraßen schon ein wenig aus, sodass uns so schnell nichts mehr schockiert. Stattdessen konzentrieren wir uns auf das Geschehen am Straßenrand, das immer das gleiche ist und doch stets etwas Neues fürs Auge bereithält. Zum Beispiel die Gebäude, die neben der RN2 wie graue Pilze aus dem Boden schießen. Über mindestens zwei Kilometer zieht sich die Mega-Baustelle, am Anfang sind die Häuser, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Plattenbau-Hühnerställen haben, schon fast fertig, am anderen Ende räumen schwere Baumaschinen noch Schutt, der aus dem dahinterliegenden Hang gesprengt wurde, beiseite und bereiten den Platz für Neubauten.

Fitah klärt uns auf, was ist mit diesem Bauwahnsinn auf sich hat: Andry Rajoelina, einer der zahlreichen Präsidentschaftskandidaten – und wohl auch einer der aussichtsreichsten – lässt hier Wohnungen errichten, um schon vor seinem Sieg ein Wahlversprechen einzulösen. Oder sich damit Stimmen zu erkaufen. Aus welchen Quellen allerdings das ganze Geld, das angeblich aus seinem Privatvermögen stammt, genau gesprudelt ist und warum er überhaupt so vermögend ist, weiß keiner so genau – und das ist vielleicht auch besser so. Zumindest für die Reputation des Herrn Präsidentschaftskandidaten …

Wir sinnieren noch über Herrn Rajoelinas Schachzug, da weicht Aina mit einem Male von der uns bereits bekannten Route ab und wir kurven nun durch uns unbekannte, besonders umtriebige Viertel mit großen Marktplätzen und riesigen Menschenansammlungen; Menschen, die sich zu mehr oder weniger gemütlichen Picknicks und Ballspielen im kleinen Stadtparks versammelt haben. Es herrscht ein unvorstellbares Gewimmel, doch die Leute sind zum größten Teil zu Fuß unterwegs und machen uns eine schmale Gasse zum Durchfahren frei, so dass wir trotzdem vorankommen – vielleicht sogar schneller, als auf den verkehrsreichen Groß-Straßen. Und mehr zu sehen gibt es so natürlich auch. Dann, irgendwo zwischen zwei Märkten mit Eis- und Wurstständen, Büchern und Klamotten, scheren wir wieder auf eine dieser Hauptverkehrsadern ein und nehmen Kurs auf das Stadtviertel, in dem unser Hotel steht. Dabei passieren wir noch ein Gallodrom – ein Stadion für Hahnenkämpfe -, etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe und mir auch in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können, wie groß diese Hühnerarena ist, dann wird der Verkehr endlich lichter und wir können uns wieder orientieren. Jetzt ist es nicht mehr weit!

Und tatsächlich: Eine halbe Stunde später laden uns unsere Jungs in der Residenz de Raphia ab, wo wir sogleich einchecken und wieder unser altes Zimmer zugeteilt bekommen. Puh, geschafft!

Ein langer, optisch ereignisreicher Tag liegt hinter uns, wir verabschieden uns von Fitah und Aina, die jetzt wieder durch die Stadt kurven müssen, um nach Hause zu kommen, und lassen uns erstmal aufs Bett plumpsen. Nach einer Ruhe- und Besinnungsphase und einer wohltuenden Dusche suchen wir frisch duftend und voller Vorfreude das Restaurant unseres Hotels auf – das uns zu Beginn unserer Reise mit Abstand das beste Essen auf der gesamten Tour kredenzt hatte. Das können wir nun mit Fug und Recht behaupten!

Müde vom Nichtstun, Schauen und Essen …

Und auch diesmal werden wir nicht enttäuscht – genüsslich lassen wir uns die servierten Köstlichkeiten schmecken und liebäugeln bereits mit den nächsten Gerichten, mit denen wir uns den morgigen Abschiedsabend versüßen wollen, als uns plötzlich eine tiefe, kaum zu bekämpfende Müdigkeit überkommt. Morgen ist unser letzter Tag, dann sind auch unsere drei Urlaubswochen in Madagaskar schon wieder vorüber. Dieses Bewusstsein und die Tatsache, dass wir morgen noch einmal früh aufstehen müssen, um mit Fitah und Aina den Königspalast besichtigen zu können – und anschließend auch noch den größten Kunsthandwerkermarkt des Landes heimsuchen dürfen –, macht uns so müde, versetzt uns in einen so wohligen Zustand der Erschöpfung, dass wir recht früh die Segel streichen und, kaum dass wir unser wieder mal deliziöses Dinner verzehrt haben, erschöpft in unser Bett sinken und tief und traumlos dem nächsten Tag entgegenschlafen.

Unser Ziel für morgen

Weitere Impressionen des Tages:

Menschen


Eindrücke aus Stadt und Land


Nix wie Farbe!

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