2. April 2011, Sophia Dale > Welwitschia Drive > Blutkuppe (Teil 1)

Die Morgensonne, gerade ist sie aufgegangen, brennt trotz des Schattendachs so gnadenlos auf unser Zelt, dass ich schweißgebadet erwache. Gemischt mit dem Salzfilm unseres gestrigen Küstenausflugs fühlt sich das Ganze unangenehm klebrig an. Also nichts wie raus aus unserem Stoffhäuschen! Heinz und ich krabbeln aus dem Zelt, genießen die leichte Brise, die unseren Schweiß trocknet und klagen uns gegenseitig unser Leid: Schneck hat wieder kaum geschlafen und wird nun auch noch von einem trockenen Husten geplagt, mich piesackt unverändert meine Schulter. Super, wie zwei 80-Jährige… Unsere Unpäßlichkeiten verdrängend, decken wir den Tisch, frühstücken und bauen anschließend unser Lager ab, was bei der Hitze recht schweißtreibend ist. Umso wohltuender ist die Dusche, die wir uns vor unserer Weiterfahrt noch gönnen.

Als ich mir gerade den letzten Schaum aus den Haaren spüle, mischt sich eine altbekannte, durchdringende Stimme in das Rauschen des Wassers. Oh, nein, das ist Einschieh und sie ist nahe! Deutlich kann ich hören, wie sie mit Geschirr klappert und dabei rege plaudert. Shit, die Spüle befindet sich direkt neben dem Ausgang meiner Dusche und ich muss wohl oder übel an ihr vorbei, wenn ich keine Wurzeln schlagen möchte. Vielleicht ist die Gute ja abgelenkt und sieht mich gar nicht, so hoffe ich wenigstens inständig beim möglichst geräuschlosen Öffnen der Tür. Vorsichtshalber halte ich mir zusätzlich noch mein Handtuch in Kopfhöhe neben das Gesicht, gerade so, als würde ich es ausschütteln oder zusammenlegen wollen und gebe Gas. Vergebens. „Hallihallo, Barbara, guten Morgen!“ „Ach, hallo Angie, guten Morgen, ich hab’ dich gar nicht gesehen.“ „Na, das ist aber gefährlich, in Afrika so blind herumzulaufen, hier muss man immer auf alles gefasst sein!“ Wie wahr… „Konntest du denn gut schlafen, so im Zelt, ist ja bestimmt ungewohnt für dich?“ „Ne, ne, alles prima, hab super geschlafen.“ „Schön! Dann kannst du ja ausgeschlafen ins Abenteuer ziehen. Was habt ihr denn heute vor?“ „Über den Welwitschia Drive zur Blutkuppe.“ „Toll! Das ist das perfekte Einstiegsprogramm, um Afrika kennenzulernen. Du wirst staunen, was es alles zu sehen gibt. Bist du schon aufgeregt?“ „Na klar, wie jedes Mal, wenn ich in Afrika bin, es gibt ja immer was Neues zu entdecken und da freue ich mich natürlich drauf.“ „Ach, du warst schon mal hier?!“ Jetzt wird sie nervös – ich genieße es und hole zum finalen Todesstoß aus: „Naja, ich bin seit 20 Jahren afrikasüchtig und wenn man der Leidenschaft regelmäßig nachgibt, kommt man schon ganz schön rum.“ Einschieh schnappt hörbar nach Luft. „20 Jahre? Warst du denn auch schon mal woanders oder immer in Namibia?“ „Ach, schon in vielen Ländern. Afrika ist so groß und Namibia nur ein winziger Teil davon. Ich möchte halt so viel wie möglich kennenlernen. Jedes Land, jede Gegend ist anders, Flora und Fauna unterscheiden sich überall und ich muss bestimmt noch hundert Jahre leben, um das alles zu sehen. „20 Jahre!“, stammelt Einschieh, „Und ich dachte, du bist zum ersten Mal hier. Dann hab noch viel Spaß und eine gute Reise!“ Spricht’s, dreht sich um und verschwindet.

Ach Gottle, die Arme, jetzt tut sie mir fast leid. Sie ist doch so voller Mitteilungs- und Belehrungsfreude und war ganz glücklich, in mir endlich einen vermeintlich ahnungslosen Afrikafrischling gefunden zu haben, dem sie mit ihrem Wissensschatz den Morgen versüßen und, auf längere Sicht gesehen, wahrscheinlich sogar das Leben hätte retten können. Und nun entpuppe ich mich gemeinerweise als Eingeweihte, die zu allem Überfluss zwei Jahrzehnte des Reisens auf diesem fremden, unergründlichen und ach so gefährlichen Kontinent schadlos an Leib und Seele überlebt hat – und das ganz ohne Einschiehs fürsorgliche Beratung. Das Leben kann schon grausam sein, denke ich mir boshaft grinsend und taste mich vorsichtig zu unserem Stellplatz zurück – stets alle potentiellen Gefahren der unwirtlichen Wildnis Sophia Dales im Blick. Unverletzt und frisch geduscht retten wir uns in den schützenden Kokon unseres Land Rovers und wagen einen weiteren Vorstoß auf unbekanntes Terrain – der Welwitschia Drive wartet auf uns! Ich bin schon sehr gespannt, was diese rund 50 Kilometer lange Strecke inmitten der Namib für uns bereithalten wird.

Die Route ist ja nicht unbedingt ein touristisches Muss, ein in jedem Reiseführer detailliert beschriebenes Highlight, aber die Informationen, die ich darüber gefunden habe, schüren meine Vorfreude. 12 gekennzeichnete Stationen soll es geben, die allesamt kleine oder auch größere Schätze der Wüste markieren. Bevor wir jedoch Station 1 erreichen, entzückt uns bereits ein Schild am Straßenrand; weiß auf grün wird hier eine Teststrecke für Staubfreiheit angekündigt. Was das wohl sein mag? Zwei Kilometer später wissen wir es: die Gravel Road wurde für besagten Abschnitt einfach ordentlich mit Salzwasser begossen – das gute alte Salzpad-Prinzip. Und ein Blick in den Rückspiegel zeigt, dass dieses „bahnbrechende“ Experiment tatsächlich und völlig unerwarteterweise von Erfolg gekrönt ist: es staubt nicht mehr! Was für eine Sensation – und natürlich auch eine unschätzbare Entlastung für die Atemwege aller nicht existenten Anrainer dieser Hustenpiste…

 
 

1) Wegweiser Welwitschia Drive, 2-3) Die letzten Mohikaner – Flechten

Kurz darauf, es staubt schon wieder, erreichen wir die erste Station, ein Flechtenfeld. Mit Wasserflaschen bewaffnet steigen wir aus dem Auto und bekommen gerade noch die schulterzuckende Abfahrt zweier anderer Touristen mit. Tja, recht haben sie mit ihrem Schulterzucken, denn viel gibt es hier leider nicht zu sehen. Nicht mehr; so wenigstens informiert uns eine kleine Tafel: aufgrund der vielen Touristenfüße, die hier rücksichtslos umhergestiefelt sind, wurden die Flechtenfelder weitestgehend zerstört beziehungsweise verschwanden steinchenweise in den Taschen nicht minder rücksichtsloser Reisender. Den kläglichen Rest hat man um das Schild herum drapiert – ein paar Kiesel, bewachsen von hellgrau-grünen Flechten. Angeblich sollen diese interessanten Wesen ja ihre Form und Farbe verändern, wenn man sie mit Wasser begießt, regelrecht aufblühen und auch deutlich grüner werden. Nun gut, fast jedes Material verändert sich farblich und physisch, wenn es in Kontakt mit H2O kommt, das ist so erstaunlich nicht. Doch diese Flechten reagieren null, kein bisschen, nicht im Geringsten – was aber auch nicht weiter verwundern sollte, denn es dürften die meistgegossenen Flechten dieser Welt sein, denen man eben, gesättigt wie sie sind, kein müdes Lächeln mehr entlocken kann.

  

1) Zygophyllum simplex, 2) Wüstenlandschaft, 3) Begutachtung der traurigen Überreste

In einer Art Übersprungshandlung lebe ich meine gärtnerischen Instinkte stattdessen an ein paar niedrig krauchenden Zygophyllum-simplex-Pflänzchen aus, die zwar auch nicht mit unmittelbarer Dankbarkeit reagieren, zumindest aber mit ihren prallen, sukkulenten Miniblättchen zeigen, dass sie einen kleinen Schluck durchaus zu schätzen wissen. Jede Lebensform in dieser unwirtlichen Umgebung ist ein Wunder für sich, ein Spezialist, wie es keinem Menschen je gelingen wird, einer zu sein. Doch je spezialisierter ein Wesen ist, desto empfindlicher reagiert es leider auch auf noch so winzige Störungen seiner Survival-Nische. Dieses Wissen erlaubt uns nun eine gewisse Freude über die Existenz der Zygophyllae, doch ansonsten überwiegt die Enttäuschung. Die Flechten, eine einzigartige Lebensgemeinschaft von Pilz und Alge, unscheinbare Lebewesen mit unendlich langsamem Wachstum, wurden zerstört, Jahrhunderte des Zeitlupengedeihens unwiederbringlich zunichte gemacht, Äonen verstauben nun nutzlos und tot in irgendwelchen Nippeskästen und Vitrinen. Das ist wirklich bedauerlich und bestätigt mal wieder meine Meinung über die menschliche Spezies: die Krone der Schöpfung schlägt dem eigenen Fass immer wieder den Boden aus und merkt’s nicht mal…

 

1) Arthraerua leubnitziae, 2) Zygophyllum stapfii, 3) Wüstenlandschaft

Nun hoffen wir, die wir ja unvermeidlicherweise auch einen Beitrag zum Zerstörungsprozess dieser sensiblen Umwelt leisten, auf ein bisschen mehr Glück an der nächsten Station. Dort soll man zwei endemische Pflanzenarten bewundern können – und tatsächlich, da stehen sie: Talerbüsche (Zygophyllum stapfii) und Bleistiftbüsche (Arthraerua leubnitziae). Auf den ersten Blick keine besonderen Schönheiten, dennoch offenbaren sie bei näherem Hinsehen einige hübsche und interessante Details. Die Talerbüsche zum Beispiel tragen sechskantige, wachsig glänzende Schoten, die Bleistiftbüsche kleine weiße, recht fluffige Samenstände und zeigen hiermit deutlich, dass der ewige Kreislauf des Lebens auch in dieser feindseligen Umgebung funktioniert; man muss nur wissen, wie man das Optimum herausholt. Und darin sind die beiden Pflanzen wahre Experten. Der Bleistiftbusch zapft mit seinen bis zu drei Meter langen Hauptwurzeln das Grundwasser an, mit wesentlich kürzeren, flacheren Wurzeln zieht er seinen Nutzen aus den seltenen Regenfällen nebst der nächtlichen Bodenfeuchte und oberirdisch bedient er sich auch an der Feuchtigkeit des Nebels. Mit einer Multifunktions-Wachsschicht schützt er sich gegen die Verdunstung des mühevoll gesammelten Wassers und imprägniert sich gleichzeitiggegen den Ausfall des Nebels, der auf keinen Fall die Spaltöffnungen der Pflanze blockieren darf – so ist er allzeit bereit, das für die Photosynthese nötige CO2 aufnehmen zu können. Sein Kollege Talerbusch verfolgt ähnliche Strategien, wenngleich er auch den größten Teil seines Wasserbedarfs aus dem Nachtnebel deckt und die absorbierte Feuchtigkeit in seinen sukkulenten Blättern speichert. Es ist wirklich unendlich faszinierend, was sich die Natur alles einfallen lässt, um das Überleben sicherzustellen!


1) Sesuvium sesuvioides, 2-3) Hermbstaedtia argenteiformis, 4) Flechte

Doch hier, an Station 2, gibt es noch weitere Überlebenskünstler zu bewundern: da ist diese unscheinbare Pflanze (die ich bis heute nicht identifizieren konnte), deren holzige Ästchen von länglichen, flaumigen Blättern überzogen sind und deren Triebspitzen von winzigen, strohigen Blümchen in weiß mit rosafarbenem Innenkranz gekrönt werden. Da ist meine erste (selbst erkannte) Mittagsblume in freier Wildbahn; sie trägt den schönen Namen Sesuvium sesuvioides und rollt ihre fleischigen Blätter zum Schutz gegen die Hitze ein, während sie keck ein paar pinke Blüten präsentiert. Und da sind auch Flechten, die man allerdings nur entdeckt, wenn man ganz genau hinsieht. Dafür aber sind sie wunderschön, diese orangenen, korallenförmigen Fächer der Caloplaca isidiosa, die auf daumennagelgroßen Quarzsteinchen wie winzige, abstrakte Kunstwerke prangen. Ich bin so begeistert, das ich am liebsten ewig hierbleiben würde, oder zumindest so lange, bis ich auch die letzte Flechte gesehen haben.

 

 
 

1-3) Caloplaca namibensis

Trotzdem aber fahren wir natürlich nach gründlicher Inspektion der Station 2 weiter – schließlich haben wir noch ein paar Kilometer bis zur Blutkuppe und außerdem noch 10 weitere Stationen vor uns. Bald erreichen wir Markierung 3; sie kennzeichnet eine uralte Ochsenkarrenspur, die sich fast unauslöschlich in den empfindlichen Wüstenboden gefräst hat. Mhm, Ochsenkarren? Das kann nicht sein, denn es sind deutlich mehrere breitreifige Spuren zu erkennen, die kreuz und quer laufen. Die stammen aber wohl eher von dämlichen Off-Roadern, die partout nicht auf der Piste bleiben konnten. Naja, solche Gefährte kann man ja ebenfalls getrost als Ochsenkarren bezeichnen; hier sitzt das Rindvieh halt hinter dem Steuer. Und das zeigt abermals: der Mensch lernt es offenbar nie.

 

 

1) Blick von der Mondlandschaft ins Hinterland, 2-3) Blick auf die Mondlandschaft

Rasch lassen wir die Zeugenstätte humanoider Uneinsichtigkeit hinter uns und kurven weiter durch diese, aus dem fahrenden Auto heraus betrachtet, recht öde Gegend. Doch plötzlich tut sich eine sagenhafte Kulisse vor uns auf: die Mondlandschaft. Ihr Anblick raubt uns fast den Atem – so schön, so bizarr, so fremdartig ist sie. Wir fühlen uns wie in einer anderen Welt oder, ja, eben wie auf dem Mond. Beige Hügelketten, durchzogen von horizontalen, dunkleren Gesteinsbänder und vertikalen Schwemmfurchen, liegen in diesem Tal zu unseren Füßen. Die Sonne malt harte Kontraste in die unterschiedlichen Strukturen, lässt hier eine sanfte Flanke glitzern, dort einen scharfkantigen Kamm glänzen. Ganz vorne im Tal herrschen sandfarbene Töne in allen Abstufungen vor, doch je weiter das Auge in die Ferne schweift, desto bläulicher wirken die Hügel. Und ganz hinten am Horizont sieht man die andere Seite des Tals. Dort erheben sich weitere Berge, bilden eine diffuse, blaue Silhouette, die mit dem Blau des Himmels fast verschmilzt. Es ist ein großartiger Ort, der noch mehr fasziniert, wenn man dessen Entstehungsgeschichte betrachtet.

  

1-4) Impressionen von der Mondlandschaft

Vor rund 500 Millionen Jahren stieg das Granitgestein, aus dem die Mondlandschaft vorwiegend besteht, aus dem Erdinneren nach oben und führte zur Auffaltung eines mächtigen Gebirgszugs. Granit ist in unseren Klimabreiten extrem verwitterungsresistent, nicht aber in der Wüste, nicht in der Nebelzone der Namib. Hier setzen ihm die krassen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht zu, die oberflächliche Durchfeuchtung mit dem salzhaltigen Nebel macht ihn zusätzlich mürbe und so hatte der Zahn der Zeit ein leichtes Spiel, in den vergangenen Jahrmillionen nagte er den Gebirgszug auf Bodenniveau herab. Und dann ist da noch der Swakop River, der selten Wasser führt, aber wenn, dann steuert er sein Scherflein bei; er war es, der letztendlich die Mondlandschaft so zurechtmodelliert hat, wie wir sie gerade sehen. Und der Prozess geht weiter: tief in den Schluchten dieser sogenannten Badlands trägt der Swakop gerade weiteres Gestein ab, fräst sich tiefer. Wir hören es nicht, wir sehen es nicht, aber wir wissen es. Mhm, darf man sich eigentlich Augenzeuge nennen, wenn die Augen nur das Ergebnis, nicht aber die Tat bezeugen können? Egal! Wir fühlen uns als solche und, gepaart mit der Schönheit der Mondlandschaft, erleben wir Augenblicke, die wir wohl nie wieder vergessen werden.

 



1-2) Impressionen von der Mondlandschaft, 3) Gruppenbild: WIR, 4) Cercomela tractrac

Zögernd, fast widerwillig, trennen wir uns von diesem gigantischen Anblick, drehen ihm den Rücken zu und schlendern zurück zum Auto, an dem sich doch tatsächlich jemand zu schaffen macht: ein kleines, weißes Vögelchen nutzt unseren Kühlergrill, an dem zahlreiche Insekten ihr Leben ausgehaucht haben als Buffet. Immer wieder fliegt es den reich gedeckten Tisch an, wählt sorgfältig einen Leckerbissen aus, flattert auf den Boden, um ihn zu verspeisen und kehrt für den nächsten Happen zurück. Der Winzling lässt sich durch unsere Anwesenheit in keinster Weise stören, was uns Gelegenheit gibt, ihn von nahem zu betrachten und auch zu bestimmen: es ist ein Oranjeschmätzer (Cercomela tractrac), dessen fast weißes Federkleid zeigt, dass er ein echtes Kind der Namib ist; seine Kollegen im Rest des südlichen Afrika nämlich sind von gräulicher Färbung. Doch das Wüsten-Weiß passt hervorragend zu seinen schwarzen Knopfäuglein, mit denen er uns hin und wieder interessiert anblickt. Wir lassen ihm Zeit, sich sein flauschiges Bäuchlein vollzuschlagen, genießen seine Unbekümmertheit und Zutraulichkeit, bevor wir ihm dann schließlich doch sein Buffet entführen und weiterfahren, weiter zur nächsten Station.



1) Jochen und Heinz bestimmen, 2) Heinz und ich lauern, 3) Da ist er, der Oranjeschmätzer! 

Hier soll es abermals ein Flechtenfeld zu sehen geben, doch so sehr wir auch Ausschau halten, wir können weder das Zahlentäfelchen noch das Feld entdecken. Dafür aber erreichen wir bald Station 6, den zweiten Aussichtspunkt auf die Mondlandschaft. Sie ist und bleibt grandios, keine Frage, aber vom ersten View Point aus hat sie mir besser gefallen. Ich kann nicht genau sagen, woran es liegt; vielleicht ist es der veränderte Blickwinkel, vielleicht die mittlerweile viel zu hoch stehende Sonne, vielleicht aber ist es auch der fehlende Kick des „ersten Mal“. Oder alles zusammen. Aber es ist ja auch egal, schön ist es trotzdem. Wir genießen den Ausblick ausgiebig, bevor wir wieder ins Auto klettern und weiterfahren. Der nächste Punkt des Welwitschia Drives markiert ein altes Militärlager südafrikanischer Truppen aus dem Jahre 1915, deren metallene Hinterlassenschaften unansehnlich neben der Piste vor sich hinkorrodieren. Dieser historische Rosthaufen ist für uns so uninteressant, dass wir nicht mal anhalten – die tapferen Soldaten des 1. Weltkrieges mögen es uns verzeihen.

 
 
 

1-3) Keimlinge in den Ablaufrinnen

Auf den weiteren Kilometern nun verändert sich die Landschaft; die gelblich-graue Ödnis weicht allmählich flacherem Gelände, auf dem immer wieder Grasinseln wogen und sich flache, sandige Schwemmbetten, die man an ihrem relativ grünen Bewuchs erkennt, quer über Piste ziehen. Das Wasser, das hier vor kurzem abgelaufen sein muss, hat nicht nur glänzende Glimmerschiefer-Partikel mit sich getragen, sondern auch die im Boden schlummernden Samen zum Leben erweckt. Unzählige Sämlinge durchbrechen mit ihren Keimblättern energisch den glitzernden Sand und recken sich der Sonne entgegen. An den „Ufern“ dieser Ablaufbetten hingegen stehen erwachsene Pflanzen, die den verflossenen Wassersegen mit grünen Blättern und bunten Blüten quittieren. Da ist zum Beispiel ein Strauch, den ich zunächst für eine Cleome halte. Ihr englischer Name „Mouse Whiskers“, Mäuseschnurrhärchen, beschreibt ziemlich genau die Gestalt einer Cleomeblüte: mit ihren langen, hochgebogenen Staubfäden, den wie Ohren oben sitzenden Blütenblättern und dem kecken Stempel in der Mitte erinnert sie tatsächlich an ein Mäuseschnäuzchen. Doch halt, eine Cleome verholzt nicht, sie trägt keine klebrig-warzigen Schoten wie dieses Gewächs und ihr Stempel ist zudem viel kürzer. Was aber ist das hier? Sorgfältig fotografiere ich alle Details der Pflanze und hoffe, irgendwann herauszufinden, welche Schönheit ich da gerade vor mir habe. Unsere üppige Bordbücherei, bestehend aus allerlei Bestimmungsliteratur, bringt mich im Moment leider nicht weiter und ich verschiebe die Identifizierung notgedrungen auf später.

Manchmal muss ich über mich selbst lachen, manchmal auch fluchen, denn ich möchte immer ganz genau wissen, was ich da gesehen habe. Natürlich genieße ich alles, was die Natur für mich bereithält, aber wenn das Kind einen Namen hat, ist das wie ein Sahnehäubchen, wie ein Zuckerl für mich. Und wenn ich etwas partout nicht herausfinden kann, dann fuchst mich das. Noch heute „plagt“ mich der fehlende Name eines Strauchs, den wir 2008 in Sambia gesehen hatten, als wir vom Tanganjika-See nach Mbala fuhren. Eine Strychnos-Art, ja, aber welche genau? An alle möglichen botanischen Gärten, Exotenforen und Experten vor Ort habe ich meine Anfrage nebst Bildern gesandt. Und? Niemand konnte mir weiterhelfen. Manchmal ist es echt anstrengend, so recherchophil veranlagt zu sein, aber diese detektivische Kleinarbeit macht auch riesigen Spaß. Und es bereitet mir große Freude, immer wieder etwas Neues dazuzulernen. Die cleomeähnlichen Blüten, so habe ich im Nachhinein übrigens doch noch herausgefunden, gehören zu einem Namib Neat’s Foot-Strauch (Adenolobus pechuelii) aus der Familie der Fabaceae, Unterfamilie Caesalpiniaceae, wohingegen die Cleome…

Nein, stopp, das führt jetzt wirklich zu weit. 

Bilder oben: 1) Adenolobus pechuelii, 2) Gomphocarpus filiformis

 

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Ein Kommentar

  1. 2. August 2011
    Antworten

    Hallo, sehr beeindruckende Fotos der Pflanzen und Tierwelt ! Es ist schon etwas mit einer anderen Welt zu vergleichen. Wirklich schön, auch der Bericht ist super geschrieben und es macht Spaß ihn zu lesen. Vielen Dank. Liebe Grüße, John

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