2. April 2011, Sophia Dale > Welwitschia Drive > Blutkuppe (Teil 2)

Nein, stopp, das führt jetzt wirklich zu weit, setzen wir doch lieber unseren Weg fort. Er führt uns nun zu den Husabbergen, die sich alsbald vor uns auftun und deren Kämme von markanten Doleritbändern durchzogen sind. Dolerit ist ein schwarz-graues Gestein magmatischen Ursprungs, das es vor rund 130 Millionen Jahren, als das Auseinanderbrechen des Gondwana-Kontinents für tektonische Unruhe sorgte, nach oben presste. Das dunkle Felsmaterial ist extrem verwitterungsresistent, hat sich aus dem umliegenden, weicheren Nebengestein deutlich sichtbar herauspräpariert und ziert nun in vielen Landesteilen Namibias die Gebirgszüge; die auffälligen, fast schwarzen Linien an Felskämmen oder Berghängen werden uns während des Urlaubs noch öfter begegnen. Doch abgesehen von dieser geologischen Besonderheit erfreuen die Husabberge auch so unsere Augen. Ihre Flanken nämlich sind von einem leichten grünen Flaum überzogen, der mit den Pastelltönen der gelblichen Ebene, der bläulich-roten Berge und des blauen Himmels einen phantastischen, irgendwie sehr anrührenden Kontrast bildet. Ich bin zum ersten Mal in einem so grünen Namibia unterwegs und fand die Landschaft hier schon immer sehr anziehend – nach den Regenfällen aber macht mich ihre Schönheit manchmal wirklich sprachlos.

 

 
 

1-3) Husabberge (das braune Teil ist ein Welwitschia-Stamm)

Auch Heinz verliert kurzfristig seine Sprache vor Begeisterung – wir sehen unsere erste Welwitschia auf dieser Strecke und müssen natürlich sofort anhalten, um dieses eigenwillige Gewächs genau zu inspizieren. Als der österreichische Botaniker Friedrich Welwitsch 1862 einem Kollegen ein Exemplar nach England schickte, ließ dieser einen wahrhaft historischen Satz vom Stapel, wie er treffender nicht sein könnte. „Ohne Frage ist dies die wundervollste Pflanze, die je hierher gebracht wurde – aber auch eine der häßlichsten!“ Und wo er recht hat, hat er recht. Diese Urweltpflanze aus der Ordnung der Nacktsamer ist entfernt mit Farnen, Palmfarnen und anderen gynospermen, längst ausgestorbenen Gewächsen verwandt, zeichnet sich aber aufgrund ihres recht einzigartigen Aufbaus nicht gerade durch besondere Schönheit aus. Aus ihrem sehr kurzen konkaven Stamm nämlich, der diesen Namen nur im botanischen, nicht aber im herkömmlichen Sinne verdient, treiben lediglich zwei einzelne Laubblätter, die die Pflanze ein Leben lang nicht abwirft. Diese zwei Blätter wachsen extrem langsam, können jedoch mehrere Meter lang werden und sind somit zeitlebens den Unbillen ihrer Umwelt ausgesetzt. Sie werden von Tieren angefressen, von starken Unwettern gebeutelt, von Sandstürmen zerfleddert und vom Staub der Wüste bedeckt. Kein Wunder also, dass die beiden grünen Zungen oft recht mitgenommen aussehen und mit ihren trockenen, strohig-faserigen Enden nicht unbedingt eine rechte Augenweide sind. Das aber tut unserer Begeisterung keinen Abbruch.

 
 

1) Männliche Welwitschia-Blütenstände, 2) Weibliche Blütenstände, 3) Odontopus sexpunctatus 

In gebührlichem Abstand, um die Wurzeln nicht zu schädigen, umrunden wir die Welwitschia und freuen uns an jedem Detail: dem knorrig-ovalen Schüsselchen des Stammendes, aus dem über die ganze Breite auf jeder Seite je ein welliges Blatt entwächst, den zapfenartigen Blüten, die bei männlichen Pflanzen ganz anders aussehen als bei weiblichen und den sich eifrig paarenden Blattwanzen (Odontopus sexpunctatus), denen man nachsagt, alleinige Bestäuber der Welwitschia zu sein. Es ist toll, das alles mit eigenen Augen sehen zu können, aber noch viel schöner ist es, das zusammen mit Gleichgesinnten zu genießen, ohne Hetze und Eile durch die Gegend zu schaukeln und, wenn einer den Wunsch hat, bei jedem auch noch so kümmerlichen Pflänzchen einfach anzuhalten.

 

1) Weibliche Blütenstände, 2) Hoodia gordonii, 3) Oberteil eines Welwitschiastammes 

Zunächst aber machen wir wieder ein paar Kilometer, biegen an einer T-Kreuzung links ab, passieren, nun parallel zu den Husabbergen, ein riesiges Doleritband, das fast bis zur Piste herabführt und erreichen bald darauf das Tal des Swakop River, das normalerweise knochentrocken ist. Doch diesmal rauscht auf einer Breite von ca. 70 Metern schlammig-braunes Wasser das Flussbett herab, die ganze Talsohle ist von einem gelben Blumenteppich bedeckt und große Tamarisken und Kameldornakazien strotzen vor saftig grünem Laub. Jochen krempelt seine Hose hoch und stakst vorsichtig durch den Fluss, der ihm an der tiefsten Stelle zwar nur bis knapp über die Knie geht, aber dennoch so viel Kraft hat, dass es ihm fast die Beine wegzieht. Für unser Auto jedoch sollte das kein Problem sein.


 
 

1) Durchquerung des Swakop, 2-3) Das Swakop-Tal 

Annette und Heinz lassen sich den Spaß nicht nehmen und waten ebenfalls per pedes ans andere Ufer, ich hingegen lasse mich bequem hinüberchauffieren und erfreue mich an der Bugwelle, die wir bei der Durchquerung vor uns her schieben. Wir sammeln die beiden Fußgänger wieder auf und setzen unseren Weg fort, weit jedoch kommen wir nicht. Annette entdeckt eine Hoodia rechts der Piste. „Eine Hoodia!“, jubelt Heinz und wie der Pfeil ist er bei ihr. Zuhause hat er 14 verschiedene Aasblumen, unter anderem auch zwei Hoodia-Arten und für ihn ist es das Größte, ein solches Exemplar in freier Natur zu sehen. Strahlend umkreist er die kaktusähnlichen Stachelwürste, die knapp einen halben Meter aus dem sandigen Boden ragen, ist aber dennoch ein wenig enttäuscht: die Hoodia trägt pralle Knospen, blüht aber leider nicht – wie schon die verflixte Tridentea im CKGR vor zwei Jahren. Schade! Aber wir haben ja noch ein paar Wochen vor uns, Schneck, vielleicht ist uns das Glück ja noch hold.


 
 

1) Fußdurchquerung des Swakop, 2) “Mama Mirabilis”, 3) Heinz und seine Hoodia 

Nach gründlicher Bewunderung der zurückhaltenden Asclepia fahren wir weiter, durchqueren die Welwitschia Vlakte, eine weitläufige Ebene, auf der ca. 6000 dieser urtümlichen Pflanzen wachsen; eine unvorstellbare Anzahl, die sich aber auf der riesigen Fläche so verteilt, dass die einzelnen Welwitschias eher nur wie große Kuhfladen wirken. Beeindruckend ist es trotzdem und zudem landschaftlich wunderschön. Dann, gen Nachmittag, erreichen wir Big Mama – DIE Welwitschia – eine Pflanze, deren Alter auf etwa 1500 Jahre geschätzt wird. Sie hat die Größe eines Kleinwagens und ist ein wirklich monumentales Gewächs. Leider musste sie zum Schutz ihrer Wurzeln und auch, um nicht von Souvenir-Jägern sämtlicher Bestandteile beraubt zu werden, hinter Gitter. Das ist eine sinnvolle und sicher auch unumgängliche Maßnahme gewesen, doch irgendwie, so empfinde ich jedenfalls, beraubt sie die gigantische Urmutter ihrer Würde. 1500 Jahre hat sie ohne das häßliche Drahtgefängnis überlebt und nun, da der Mensch ihr auf die Pelle rückt, um sie zu bewundern, muss sie vor der Rücksichtslosigkeit ihrer Bewunderer geschützt werden. Eine seltsame Ironie…


 

 

1-2) Der Quarzhügel, 3) Rogeria longiflora,
4) Mesembryanthemum barklyi, 5) Sarcocaulon patersonii, 6) Cleome angustifolia 

Nicht weit neben der einkasernierten Riesenpflanze hat man zum Wohle hungriger Besucher eine kleine Picknickgruppe nebst Schattendach errichtet und dort lassen auch wir uns nun dankbar nieder. Während die Sonne heiß vom Himmel brennt, verzehren wir gut geschützt einen kleinen Snack, werden aber immer wieder von einem bremsenähnlichen, sehr blutgierigen Insekt attackiert, so dass wir bald wieder flüchten und lieber die nähere Umgebung genauer inspizieren. Und es ist sagenhaft, was es hier alles zu entdecken gibt! Allein drei Angehörige der Sesamfamilie entzücken uns mit ihren prachtvollen Blüten: Sesamum schinzianum mit seinen rosafarbenen, fingerhutähnlichen Kelchen, Sesamum triphyllum in Altrosa mit burgunderrotem Schlund und Rogeria longiflora in strahlendem Weiß mit violetten Strichen, die die Landebahn für bestäubungswillige Insekten markieren. Die Rogeria aber, so schön sie anzusehen ist, so gemein kann sie auch sein. Sie bildet Samenschoten aus, die einem doppelhörnigen Orientpantoffel ähneln, sehr hartschalig sind und einem Huftier leicht zum Verhängnis werden können, wenn es sich eine solche Kapsel eintritt. Umgangssprachlich wird diese Pflanze deshalb auch Horse Crippler genannt.

 
 

1) Rhoptropus afer, 2) Aloe asperifolia, 3) Helichrysum roseo-niveum, 4) Aloe asperifolia, Blüte

Ein paar Meter weiter, da, wo die vergangenen Regenfälle die beiden Toilettenhäuschen bedenklich ins Schwanken gebracht haben, wachsen wie angesät ganze Plantagen von jungen Mesembryanthemum-barklyi-Pflänzchen, die sich mit ihren papillosen Blättern vor der unbarmherzigen Sonne schützen und rechts davon, auf einem kleinen, quarzigen Felshügel, geht die Vielfalt weiter. Cleomebüschel zieren die Ablaufrinnen, Hexenringe von dicht gedrängten Aloe-asperifolia-Rosetten krallen sich im kargen Boden fest und ein paar Exemplare von Sarcocaulon patersonii scheinen ihre zarten rosa Blüten mit extraspitzen Stacheln beschützen zu wollen. Kleine sandfarbene Geckos (Pachydactylus punctatus) mit schmirgelpapierfeinen Schuppen und großen Goldaugen huschen auf den glühendheißen Steinen umher, Weißwangenlerchen (Eremopterix leucotis) schwirren durch die Luft und am Fuße des Hügels stolpere ich fast noch über ein winziges „Südwester Edelweiß“ (Helichrysum roseo-niveum).

Bestimmt eine Stunde streifen wir umher, robben auf allen Vieren über den Boden, fotografieren und kriegen uns kaum ein vor Begeisterung. Doch allmählich wird es Zeit, den Rückweg einzuschlagen und auch – wenn ich mir unsere roten Gesichter und verbrannten Waden so ansehe – endlich wieder in den Schatten zu kommen. Schweren Herzens, aber voller Freude über das Gesehene, klettern wir schließlich wieder ins Auto, durchqueren abermals die Welwitschia Vlakte und den Swakop River und halten uns dann an der T-Kreuzung in südlicher Richtung, um heute noch die Blutkuppe zu erreichen. Nach einer Weile stoßen wir auf die C28, biegen aber bald wieder links ab. Laut Karte kann die Blutkuppe nun nicht mehr weit sein, doch wir fahren und fahren und fahren, ohne eine entsprechende Abzweigung zu sehen. Mehrmals konsultieren wir die Karte; wir sind schon auf dem richtigen Weg, nur irgendwie anders, als wir gedacht hatten. Kilometer später endlich passieren wir das ersehnte Hinweisschild und der Weg führt uns nun über eine von malerischen Bergen umrahmte Ebene, auf der hüfthohes Gras seine weißen Ähren in der schrägstehenden Sonne wiegt und hin und wieder ein Köcherbaum Akzente setzt.

 

1) Landschaft bei der Blutkuppe, 2) Pterocles namaqua, 3) Chameleo namaquensis 

Eine traumhafte Landschaft, die einer Vielzahl von Tieren Nahrung und Schutz bietet – leider nicht vor allem. Jochen steuert den Landy ohnehin schon mit höchster Vorsicht durch das unübersichtliche Grasfeld, aus dem permanent erschreckte Nama-Flughühner (Pterocles namaqua) und anderes Federvieh hochflattert, aber das Wüstenchamäleon, das gerade gut getarnt über die Pad wackelt, sieht er leider zu spät. Annette schreit noch, aber da ist es schon geschehen und wir haben die Echse erwischt. Sofort halten wir an und sehen nach, was wir angerichtet haben: zuckend und mit heraushängender Zunge liegt das Chamäleon im Sand; es lebt noch, ist aber schwer verletzt. Das Tier tut uns unendlich leid und auch, dass wir es angefahren haben, aber es ist nun mal geschehen. Nichtsdestotrotz können wir es nicht einfach so verenden lassen. Mit schmerzvoller Seele erlösen Heinz und Jochen es von seiner Pein und tragen das nunmehr tote Tierchen von der Straße.

 

1) Numida meleagris, 2-3) Felsen der Blutkuppe 

Gedrückter Stimmung und mit nun doppelter Vorsicht setzen wir unseren Weg fort, den vor uns noch mehrere Chamäleons kreuzen, diesmal jedoch, ohne Schaden zu nehmen. Und dann, am späten Nachmittag endlich, erreichen wir die Blutkuppe, deren rotglühende Felsen um diese Tageszeit ihrem Namen alle Ehre machen und schlagen unser Lager dort unter ein paar schattigen Bäumen auf. Meine Güte, ist das traumhaft hier! In südlicher Richtung liegen pastellfarbene Berge vor uns, die Grasebene wogt wie ein silbriges Satin-Laken, hinter uns türmen sich rote, bizarr geformte Felsen, ein Bächlein gluckert neben unseren Zelten vorbei, bunte Blüten nicken unter dem Gewicht zahlreicher rot-schwarzer Blister Beetles und ein Pärchen neugieriger Helmperlhühner stattet uns einen Besuch ab. Wir sind völlig überwältigt von dem, was wir sehen und heute schon gesehen haben, sodass wir uns erst mal mit einem Sundowner im Schatten niedersetzen, um alles in Ruhe auf uns wirken zu lassen.

 

 

1) Unser Lager von oben, 2) Euphorbia virosa, 3) Webervogelnest 

Heinz allerdings hat hoch oben in den Felsen über uns ein paar Euphorbien erspäht und startet noch eine kleine Expedition – ich blicke ihm hinterher und sehe seine Waden mit den roten Felsen der Blutkuppe um die Wette glühen, dann verschwindet er hinter einfamilienhaus-großen Steinbrocken. Wir widmen uns inzwischen der Zubereitung unseres Abendessens – heute ist der Springbock fällig – und als die Filets appetitlich auf dem Grillrost brutzeln, kehrt auch Heinz wieder zurück – mit vielen Bildern der Euphorbien, zahlreicher unbekannter Blüten und bunter Echsen. Sein harter, trockener Husten, der ihn heute immer wieder anfallsweise geschüttelt hatte, ist durch die Kletterei nicht besser geworden, auch nicht sein Sonnenbrand, aber er hat die Exkursion trotzdem sehr genossen.

 
 
 

1) Solanum sp.; 2) Onychognathus nabouroup, 3) Ipomoea adenioides, 4) Blick auf die Blutkuppe

So, wie wir nun alle das Abendessen genießen und uns alsbald erlebnisschwer und müde in unsere Schlafsäcke kuscheln. Leise flüsternd drücken Heinz und ich unsere heißen, verbrannten Gesichter aneinander, lassen den Tag revue passieren, schicken einen letzten Gruß an das tote Chamäleon und schlafen schließlich erledigt, aber glücklich ein. Was für ein Tag!

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