3. April 2011, Blutkuppe > Namib Naukluft Park, Naukluft Campsite

Eine Kaskade rauer, bellähnlicher Laute weckt mich frühmorgens – aber es ist kein Schakal, kein Pavian, es ist Heinz, der sich neben mir die Seele aus dem Leib hustet. Spätestens nach einem Blick auf seine triefende Nase ist klar, dass er sich einen ausgewachsenen Schnupfen eingefangen hat – und eine nicht weniger ausgewachsene Bronchitis. Bis gestern Abend noch hatten wir sein Gebelle für einen Reizhusten aufgrund der trockenen Luft gehalten, aber das war, wie sich jetzt zeigt, leider ein Irrtum. Mein armer Schneck, das hätte es nun wirklich nicht gebraucht! Glücklicherweise haben wir heute kein besonders anstrengendes Programm vor uns, wir müssen lediglich unser Camp in den Naukluftbergen erreichen und das ist sooo weit nicht. Naja, es sind immerhin rund 300 Kilometer, somit also nicht wirklich um die Ecke, und es zehrt schon deutlich an der Substanz, wenn man mit Wattekopf bei 35 Grad stundenlang im rüttelnden Auto sitzen muss. Damit Heinz den Tag so gut wie möglich übersteht und zur Linderung der schlimmsten Symptome seiner Erkältung tischen wir heute zum Frühstück deshalb nicht nur die üblichen Fressalien auf, sondern auch alles, was unsere mitgebrachten Apotheken-Kistchen so hergeben und Heinz stärkt sich mit einschlägigen Präparaten für die Fahrt.


1) Julodis sp., 2) Rhoptropus sp., 3) Mylabris sp., 4) Landschaft bei der Blutkuppe

Dementsprechend gemächlich gestalten wir auch unseren Aufbruch: Annette erklimmt noch schnell die Blutkuppe, Jochen und Heinz stöbern in aller Ruhe zwischen den umliegenden Felsen nach Echsen und Euphorbien, während ich mich mit dem Perlhuhnehepaar „unterhalte“, das erneut auf Kontrollbesuch ist und gerade sorgsam jede auch noch so kleine Fleischfaser vom lauwarmen Grillrost pickt. Nebenbei versuche ich, brauchbare Fotos von den im Wind wippenden Blister Beetles zu machen, die immer wieder dem Zoom meiner Kamera entwischen. Wir lassen uns richtig Zeit, diese wundervolle Umgebung zu erkunden, bevor wir dann doch so gegen 10 Uhr – die Medikamente tun bereits ihre Wirkung – das Lager abbrechen und uns Richtung Archers Rock aufmachen. Abermals umfängt uns eine Märchenlandschaft: wogende Grasfelder, durchzogen von bizarren Felsformationen, vereinzelten Köcherbäumen, üppigen Blumenwiesen und großen Gruppen von säuligen Eurphorbien. Klar, dass wir hier nur sehr langsam vorankommen. Andauernd gibt es einen besonders schönen Ausblick, einen bezaubernden Anblick, etwas völlig Neues, etwas unglaublich Interessantes zu sehen.


1-3) Köcherbaum mit und ohne Blutkuppe, Blutkuppe mit und ohne Köcherbaum 😉 

So also zieht sich die Strecke über Klein und Mittel Tinkas im allerpositivsten Sinne sehr in die Länge, immer wieder unterbrochen von ausgiebigen Foto-, Erkundungs- und Staune-Stopps. Zudem kreuzen ständig Chamäleons eiligen Fußes unseren Weg, Schmetterlinge flappen aufreizend bunt an unseren Autofenstern vorbei, Käfer torkeln brummend durch die Luft – all das trägt auch nicht gerade zu unserer Geschwindkeit bei. Und dann, als wir gerade eine steile Felswand am Rande des Gawib River passieren, sehen wir plötzlich eine flüchtige Bewegung zwischen den Gesteinsritzen.


 
 

 

1) Agama planiceps, 2) Jamesbrittenia sp., 3) Chascanum gariepense
 


 
 

 

1) Crotularia meyeriana, 2) Hermbstaedtia fleckii, 3) Euphorbia virosa 

Vollbremsung! Was war das denn? Mehr als ein paar huschende Schatten sind nicht zu erkennen. Aber wir üben uns in Geduld und lauern für eine Weile mucksmäuschenstill, dann endlich materialisiert sich das undeutliche Gehusche. Wir erblicken zwei etwa meerschweinchengroße Nagetiere, schlank, mit haselnussbraunem Fell, schwarzen Knopfäuglein und einem körperlangen Schwanz, der zu einem kleinen Teil glatt behaart ist, zu zwei Dritteln aber einer vielgebrauchten Flaschenbürste ähnelt. Ein Blick in die Säugetierabteilung unserer Bordbibliothek outet die possierlichen Tierchen als Felsenratten (Petromus typicus) – sie sind sehr scheu und extrem schreckhaft, aber auch superputzig. Schade, dass sie bei der geringsten Bewegung unsererseits sofort wieder in irgendeine Felsritze verschwinden und erst Minuten später an ganz anderer Stelle wieder auftauchen. Es muss ziemlich bescheuert aussehen, wie wir da wie gebannt auf Ritze A starren, Ritze B gerade noch so im Augenwinkel behaltend, und uns trotzdem fast entgeht, dass sich bei Ritze C etwas bewegt. Und kaum dreht man den Kopf dorthin, sind sie wieder weg. Wirklich schade, wir würden die Ratten so gerne etwas genauer unter die Lupe nehmen! Doch, was wir jetzt noch nicht ahnen, werden uns die Tiere in ein paar Tagen erneut begegnen, dann allerdings in wesentlich zutraulicherer Form, und uns die Gelegenheit geben, sie eingehend zu beobachten. Hier jedoch ist unsere Mission beendet; nach einer halben Stunde und einigen wenigen Blicken auf die schreckhaften Nager nehmen wir Abschied und erreichen bald darauf Archers Rock.


 
 

 

1) Petromus typicus, 2) Archers Rock, 3) blühende Landschaft 

Ein brückenförmiger Fels steht da mitten in der Landschaft, nicht groß, nicht monumental, nicht vergleichbar mit „baugleichen“ Gesteinsformationen dieser Welt, aber wenn man ihn aus der richtigen Position heraus betrachtet, macht auch er eine gute Figur.

 
 

1) Aptosimum sp. 2) Trichodesma africanum, 3) Hermbstaedtia fleckii mit Cleome angustifolia

 
 

1) Sesamum triphyllum, 2) Sesamum schinzianum, 3) Barleria lancifolia, 4) Hermbstaedtia fleckii

Noch besser jedoch gefällt mir die örtliche Pflanzenwelt, die sich farbenprächtig offenbart, sobald man sich ein wenig bückt. Es hat natürlich nichts von der Opulenz eines Tulpenbeets oder einer Rosenrabatte, was sich unseren Augen hier präsentiert, aber jede einzelne Blüte, und sei sie auch noch so klein, ist dennoch ein Kunstwerk für sich. Da sind blaue Blepharis-Zünglein mit ihrem Fischgrätmuster, weiße Chascanum-Kelche in zerbrechlich wirkender Trompetenform, blau-violette, kontrastreich gefleckte Aptosimum-Blüten und pink-gemaserte Indigastrum-Rispen, um nur einige zu nennen. Je intensiver man schaut, desto mehr entdeckt man auf diesem kargen Boden, dem man eine solche Vielfalt auf den ersten Blick eigentlich nicht zutraut. Herrjeh, ich darf gar nicht daran denken, an welchen Schätzen wir vorbeifahren, ohne sie zu sehen, wenn wir mit dem Auto unterwegs sind! Wenn das Land nur nicht so groß wäre, die Distanzen so weit und wir nicht so viele verschiedene Orte besuchen möchten – wir sollten ja fast mal über einen reinen Wanderurlaub nachdenken… Den Gedanken merke ich für einen späteren Zeitpunkt vor (denn es ist ein verlockender), jetzt aber genießen wir erst mal diese autofreien Momente.


 
 

 

1) Homo inamoratus, 2-3) Chameleo namaquensis, 4) stumme Zwiesprache

Lange stöbern wir um Archers Rock herum, bevor wir uns schließlich auf den Rückweg nach Mittel Tinkas machen. Kurz vor der Abzweigung Richtung Tinkas-Damm jedoch bremst uns schon wieder etwas aus: ein Chamäleon will gerade die Sandpad überqueren, flüchtet aber nicht vor uns, wie all die anderen Artgenossen, sondern verharrt stur in unserer Fahrspur. Da wir das Reptil natürlich nicht plattmachen wollen, müssen wir es wohl oder übel beiseite tragen. Eine unglaublich „unangenehme“ Aufgabe! Heinz lässt das unwillige Tierchen auf seine Hand klettern und ich kann mich an dem Mini-Dinosaurier, den er mir direkt vor’s Gesicht hält, gar nicht sattsehen. Als das Echslein aber von Heinz’ Hand ganz bedächtig auf die meine wechselt, ist es vollends um mich geschehen. Diese kegelförmigen Äuglein, die mich prüfend anrotieren, die kleinen Greiffüßchen, die meine Finger fest umklammern, der dünne Schwanz, der sich haltsuchend um meinen kleinen Finger ringelt, das sonnenwarme, samtweiche Bäuchlein und der faltige Kehlsack, den sich das Tier nach anfänglicher Skepsis wohlig von mir kraulen lässt – das ist ein unfassbar bewegendes Erlebnis. Mir ist schon klar, dass ich das aus rein menschlicher Sicht betrachte – wahrscheinlich macht sich das kleine Reptil vor Angst gerade ins Schuppenkleid – aber es ist sooo schön! Behutsam setze ich das Chamäleon schweren Herzens nach einer Weile dann doch abseits der Pad in einen Busch und nehme das Gefühl seiner Berührungen mit ins Auto. Heinz schließt mich in die Arme, zwickt mich sanft in den Zeigefinger, hakt seinen kleinen Finger um den meinen und schielt mich liebevoll an. Ach Mensch, mein Schneck versteht so genau, was ich empfinde und das macht mich gerade vollends glücklich.


 
 

1-3) Landschaft in allen Farben 

Allerdings kann ich auch gut nachvollziehen, wie er sich im Moment fühlen muss: es ist heiß, die Luft knochentrocken, er schnieft und hustet erbärmlich und seine Augen sind glasig. Hilflos leide ich mit ihm. Er sieht so elend aus, hört sich so mitgenommen an, schläft immer wieder im Sitzen ein, will sich aber partout nicht auf der Rückbank und meinem Schoß niederlegen. „Ich möchte doch was sehen, Schneck!“, sagt er und schon wieder fallen ihm die Augen zu. An wirklichen Schlaf ist natürlich im Auto nicht zu denken, dazu ist die Piste viel zu holperig, die Landschaft viel zu interessant – die kurzen Minuten des Wegdösens allerdings tragen nur unwesentlich zu seiner Erholung bei. Aber wenigstens sorgt die vorbeiziehende Kulisse für ein wenig Ablenkung von seinem Schnupfenleid.

Wir durchfahren grasiges Land, auf dem riesige Beseneuphorbien ihre mit Samenkapseln beladenen „Steckerl“ gen Himmel recken, queren das Flussbett des Tinkas River, das bis auf ein paar Restpfützen recht trocken ist, kreuzen die C28 und bewegen uns dann lange direkt am Zaun des Namib Naukluft Parks entlang. Obwohl die Strecke schnurgerade und in gutem Zustand ist, gelingt es uns dennoch nicht, richtig Kilometer zu machen, denn eine wahre Invasion von Chamäleons bevölkert die Fahrspur – so viele auf einmal habe ich noch nie gesehen. Jochen muss höllisch aufpassen, keines der perfekt getarnten Reptilien zu überfahren und reduziert natürlich entsprechend die Geschwindigkeit. Mann, wenn das so weitergeht, kommen wir heute nicht mehr in unser Camp… Was mir ja wiederum fast egal wäre, denn, ginge es nach mir, würden wir bei jedem einzelnen Echslein anhalten und es bekuscheln. Doch ich behalte meine geheimen Wünsche für mich, zügle meine Schmusegelüste zugunsten der Tageskilometer (und auch zugunsten der Reptilien) und erfreue mich stattdessen weiter an der Landschaft. Nach rund 50 Kilometern erreichen wir schließlich die C14, die uns, völlig chamäleonfrei, nun rascher voranbringt und gegen 15.30 Uhr haben wir dann tatsächlich auch schon den 905 Meter hohen Kuiseb Pass erklommen. Ganz oben gibt es einen Parkplatz, den wir sofort ansteuern, denn so können wir das phantastische Panorama, das sich vor uns auftut, in aller Ruhe und ohne Auto-Gewackel genießen: schroffe, quergerillte Berge sind so dicht von gelblich-grünem Gras bewachsen, dass sie beinahe wie sanfte Hügel wirken. Über Kilometer staffeln sich diese malerischen Felskämme in pastelligen Farbtönen hintereinander und man könnte sich beinahe in Irland wähnen, wäre es nur nicht so verdammt heiß hier.


1-3) Blick vom Kuiseb Pass 

Die Sonne brennt uns fast das Hirn weg; mit Rücksicht auf den maladen Heinz und die fortgeschrittene Tageszeit schlichten wir uns deswegen bald wieder ins Auto und stürzen uns die Gravel Road auf der anderen Seite des Passes hinab, die am Fuße der Berge einen großen Bogen nach Süden beschreibt. Nach weiteren 30 Kilometern überqueren wir den Gaub River, der seine schlammigen Fluten in östlicher Richtung einer Vereinigung mit dem ebenfalls gut gefüllten Kuiseb River, der schon eine Weile hinter uns liegt, entgegenwälzt. Zahlreiche Camper am schmalen Ufer des Flusses und viele Schaulustige auf der Brücke verdeutlichen uns erneut die Besonderheit der wasserführenden Riviere: wir sind erst seit drei Tagen in diesem jetzt so grünen Wüstenland unterwegs, doch schon haben wir uns an den Anblick von Gras und Wasser derart gewöhnt, dass wir bisweilen fast vergessen, wie trocken es hier in der Regel ist. Wenn man diese strotzende Natur Kilometer um Kilometer an sich vorüber ziehen sieht, fällt es auch wirklich schwer, es sich anders vorzustellen. Und diese Üppigkeit ist so berauschend, die Kontraste von opulentem Grün, cyanfarbenem Himmel und rötlichem Gestein sind derart reizvoll, dass die weitere Strecke über Solitaire und Büllsport wie ein buntes, unterhaltsames Bilderbuch an uns vorbeifliegt – und die Zeit mit ihr.

 

1) Kuiseb River, 2) Gaub River, 3) flinkes Echslein 

Gegen 17 Uhr dann erreichen wir die D854, deren Verlauf wir kurz folgen, um bald darauf zum Gate des Namib Naukluft Parks abzubiegen. Rasch erledigt Annette dort die nötigen Formalitäten, während wir den kühlen Abendschatten der Naukluftberge genießen und uns die vom langen Sitzen verkrampften Beine vertreten. Dann machen wir uns auf zum Endspurt des heutigen Tages und kommen in bereits einsetzender Dämmerung endlich auf der Naukluft Campsite an. Von großen Bäumen überschattet liegt diese am Ufer des Naukluft River, der, wie sollte es anders sein, munter vor sich hin gluckert. Das Camp bietet Stellplätze auf zwei Etagen: oben, da wo man reingefahren kommt, sind die Sites großzügig geschnitten und auf einer Ebene mit dem Waschgebäude, ein „Stockwerk“ tiefer hingegen sind die Plätze etwas kleiner, dafür aber logiert man direkt am Fluss. Und dort lassen wir uns nun nieder. Rasch machen wir uns sesshaft und begießen den langen Fahrtag, den wir wie immer unterschätzt haben, genüsslich mit einem kühlen Sundowner aus der Dose – umgeben von einer fast alpenländisch anmutenden Landschaft.

 

1) Zographus plicaticollis, 2) Ceroplesis ferrugator 3) Hersilia sp.

Kein menschlicher Nachbar stört dieses alpine Idyll, dafür aber beehren uns zahlreiche Tiere mit ihrer Anwesenheit. Aus dem Fluss zu unseren Füßen tönt ein wohlklingendes Froschkonzert und auf dem Baum, unter den wir unseren Tisch gestellt haben, sind einige recht beachtliche Bockkäfer zugange. Da gibt es mattschwarze mit tomatenroten Rallyestreifen (Ceroplesis sp.), die einzelgängerisch die Äste auf- und absausen und lackschwarz glänzende mit dottergelben Punkten (Zographus oculator), die sich im Paarungsvorgang fest aneinanderklammern. Gerade folge ich einem der Käferweibchen, die ihren etwas kleineren Begatter mühelos über die Rinde trägt, mit den Augen und der Kamera, als mein Blick an einem Lebewesen hängenbleibt, das so gut getarnt ist, dass es kaum zu erkennen ist. Hätte es sich nicht gerade kurz bewegt, wäre es uns wahrscheinlich verborgen geblieben: eine prachtvolle Bark Spider (Hersilia sp.) ist es, die da optisch fast mit der Baumrinde verschmilzt. Ihr Körper ist schwarz-braun gefleckt, kaum zu unterscheiden vom Untergrund, und in etwa nur einen Zentimeter groß. Ihre Beine hingegen sind beneidenswert lang (nicht, dass ich auch gerne acht so borstige Stelzen hätte…) und bringen das Tier auf eine Gesamtgröße von bestimmt zehn Zentimetern. Auffällig ist, dass das dritte Beinpaar deutlich kürzer ist und an ihrem Hinterleib beeindruckende, stachelförmige Spinnwarzen sitzen, die mit ihrer dolchartigen Krümmung richtig gefährlich aussehen und der Spinne ein etwas martialisches Erscheinungsbild verleihen. Allerdings ist sie völlig harmlos, hat mehr Angst vor uns, als wir Respekt vor ihr – unser Geblitze gefällt ihr jedenfalls nicht wirklich. Rasch bringt sie sich vor uns und unseren Kameras in Sicherheit und flüchtet in höhere Baumregionen, wo sie sich im dichten Laub vor unseren Blicken verbirgt. 

Du meine Güte, wenn mir vor zehn Jahren jemand gesagt hätte, dass ich völlig gelassen direkt unter einem derart von Krabbelzeug bevölkerten Baum Platz nehme und in aller Ruhe Gemüse fürs Abendessen schnibble, dann hätte ich denjenigen bestimmt für verrückt erklärt. Nun aber sitze tatsächlich ich ohne jedes Unwohlsein unter poppenden Riesenkäfern und handtellergroßen Spinnen und schäle entspannt Zwiebeln. Naja, ich gebe zu, dass ich wohl ordentlich aufkreischen würde, fiele mir eines dieser Monster in den Kragen, aber ich vertraue den Viechern jetzt einfach mal und freue mich ohne Angst an ihrer Präsenz. Außerdem muss ich gar nicht kreischen, denn das übernimmt jemand anderer für mich. Wir decken gerade den Tisch, als aus der grasigen Böschung hinter uns ein gar gruseliges, sehr lautes Geräusch ertönt. Es klingt nach Todesnot; als würde ein Ferkel abgestochen oder ein kleines Raubtier gerade eine Ratte killen. Wir stürzen zur Böschung, leuchten mit unseren Taschenlampen die Halme ab, doch es ist nicht das Geringste zu sehen – nicht einmal das Gras bewegt sich. Plötzlich bricht das Gekreische abrupt ab und Sekunden später landet ein kleiner Frosch vor unseren Füßen. Ungläubig sehen wir uns an. „Nein, das warst nicht du, gell!“, sage ich und stupse das feucht glänzende Tierchen sanft an. „Kreiiiiiisch!“, antwortet es prompt. Nicht zu fassen, aber die Geräuschquelle ist tatsächlich dieser gerade mal vier Zentimeter große Frosch! Keiner von uns hat jemals solche Töne aus dem Munde eines Amphibiums vernommen, noch war uns bekannt, dass sie in der Lage sind, derartig zu schreien. Leider aber haben wir kein Froschbestimmungsbuch an Bord, um diesem vermeintlichen Phänomen gleich jetzt auf den Grund gehen zu können; also kategorisieren wir den kleinen Hüpfer vorerst mal als „Gemeinen Naukluft-Quietschfrosch“ und ich trage unser angebliches Unikat aus der Gefahrenzone unserer Füße, hinab ans Flussufer, was er ohne weiteren Protest mit sich geschehen lässt. Wochen später allerdings finde ich heraus, dass es sich bei unserem lautstarken Freund um einen Tandy Sandfrosch (Tomopterna tandyi) handelt und dass er tat, was alle Frösche in akuter Todesnot zu tun pflegen – nämlich um ihr Leben zu kreischen. Man lernt echt nie aus!

 

 
 

1) Myrmeleon sp., 2-3) Tomopterna tandyi 

Nach diesem aufregenden Erlebnis nehmen wir nun wieder am Tisch Platz und freuen uns auf ein gemütliches Abendessen, in dessen Verlauf wir jedoch weiterhin aufs Übelste „belästigt“ werden. Es ist stockfinster und, damit wir unseren Tellerinhalt erkennen, fachgerecht zerteilen und unfallfrei zum Munde führen können, haben wir unser Benzinlämpchen in der Mitte der Tafel platziert. Ihr heller, warmer Schein erfreut nicht nur uns, sondern auch eine Vielzahl von Insekten, die uns umflattern, umschwirren, umhüpfen und umkreisen. Natürlich haben sie es nicht auf uns abgesehen, sondern auf das Licht der Lampe. Das allerdings zieht sie so magisch an, macht sie so irre, dass sie wie betrunken umhertorkeln und immer wieder in unseren Tellern, Haaren und T-Shirt-Ausschnitten landen. Von Käfern, die auch hier selbstverständlich mit von der Partie sind, ist man ein derart unkoordiniertes Flugverhalten ja gewöhnt, doch unser Licht macht auch an und für sich gewandte Flieger zu totalen Wirrköpfen.

Da ist zum Beispiel ein Insekt mit durchsichtigen, schwarz gemusterten Flügeln, das sich mehrmals formvollendet nähert, um schließlich mit einem satten Plöpp am Fuße der Lampe zu landen. Dann dreht es völlig durch und kreiselt wie ein bekiffter Derwisch auf dem Tisch umher. Mittlerweile aber hat sich dort etwas Tau abgesetzt und daran bleibt das libellenähnliche Tier nun mit den Flügeln kleben. Einige Male befreien wir es aus seiner misslichen Lage, doch vergebens. Schwirr, kreisel, plöpp – und schon wieder klebt es. Irgendwann geben wir unsere gut gemeinten Rettungsversuche auf und studieren statt dessen das wirklich hübsche Insekt. Es hat wunderschöne Flügel, die wie ein abstraktes Kunstwerk aussehen, einen eleganten, leicht gebogenen Leib und faszinierende Augen. Wie stark gewölbte, übergroße Halbkugeln sitzen diese seitlich am Kopf; wenn sich das Licht darin bricht, leuchtet ein bläulicher Stern auf, der stark an das Logo des Schreibgeräteherstellers Mont Blanc erinnert. Dieser Stern ist es auch, der uns schließlich zur Identifizierung der „Nachtlibelle“ führt: es ist eine Ameisenjungfer. Jeder von uns kennt wohl diese kreisrunden, wallumfriedeten Trichter in sandigen Böden, in denen kleine, zangenbewehrte Wesen auf Beute lauern – die Ameisenlöwen.


 
 

 

1) Myrmeleon sp., 2) Noch ist er nüchtern, 3) Jetzt nimmer! 

Und das Insekt, das wir gerade vor uns kleben haben, ist die voll entwickelte Form dieses Mini-Räubers und auch sie ist, wie wir feststellen können, ein echter Fleischfresser. Ein sehr entspannter noch dazu, vielleicht aber auch nur ein extrem hungriger. Mit beiden Flügelpaaren haftet er nun mittlerweile an der Tischplatte, befindet sich also in völlig wehrloser Rückenlage, hat sich aber trotzdem eine kleine, quietschegrüne Wanze gegriffen und verzehrt diese voller Gier. Während wir noch ungläubig dieses erstaunliche Verhalten beobachten, nähert sich bereits das nächste insektuöse Highlight dieses Abends. Ein Falter kreist um unsere Lampe und lässt sich dann entschlossen auf meiner Bierdose nieder. Rasch entrollt er seinen Rüssel und saugt das kühle Kondenswasser, das in Perlen auf dem Blech steht, genüßlich auf. Immer weiter bewegt er sich dabei am Dosenrand hinunter, entdeckt bald die Lücke zwischen Dosenboden und Tisch, erschmeckt dort einen herabgelaufenen Biertropfen – und kommt wohl auf den Geschmack. Um ihm etwas Gutes zu tun, benetze ich ein kleines Zweiglein mit Gerstensaft und locke das Leckermaul mit winzigen Bierpfützchen gezielt auf dem Tisch umher. Begeistert folgt das Tier der gelegten Spur und tupft jeden feuchten Alkoholfleck sorgsam trocken. „Sei doch ned so sparsam!“, tadelt mich Jochen im Spaß und kippt dem Falter beherzt ein ganzes Biermeer vor den Rüssel. Dieser stürzt sich ohne zu zögern auf die großzügige Gabe und beginnt zu saugen. Der fingernagelgroße Alkoholsee, der sich, den Gesetzen der Oberflächenspannung folgend, zuerst deutlich nach oben wölbte, wir zusehends flacher und in der Folge auch kleiner. Schließlich ist die Pfütze fast verschwunden – die Saufnase sitzt daneben und ist völlig betrunken. Ohne Witz! Der vormals ganz normale Falter zeigt Ausfallerscheinungen, die wir kaum fassen können. Vor der Sauforgie hatte das Tier einen wohlgeordneten Pelz auf der Oberseite seines Körpers, zwei straff gebogene, gezielt umhertastende Fühler und einen flinken Saugrüssel, der sich in Bruchteilen von Sekunden einrollen und wieder ausfahren ließ. Nun aber geht gar nichts mehr. Mit verstrubbelter Frisur flätzt der Falter deutlich derangiert vor dem Rest des trunkenmachenden Sees und hat jegliche Kontrolle über seine Extremitäten verloren. Sein Kopf steht schief, die Fühler hängen schlaff nach unten und er laboriert sicher eine Viertelstunde vergeblich an der Aufrollung seines Rüssels herum. Es ist ein Bild für Götter – allerdings für eher schadenfrohe… Auch wir haben fast ein schlechtes Gewissen, weil wir uns so königlich über den sichtbaren Suff des kleinen Falters amüsieren. Während wir uns langsam für die Nacht bereit machen, überlegen wir noch, ob ein Insekt wohl auch Kopfschmerzen bekommen kann. Und wenn ja, ob es daraus etwas lernt; wobei das eher fraglich ist.

Das sind Fragen, auf die wir wohl nie eine Antwort erhalten werden. Zur Sicherheit jedoch wünschen wir dem kleinen Trunkenbold gute Besserung und eine geruhsame Nacht, bevor wir uns selbst in unsere Zelte begeben. Doch halt, wir wollten ja vorher noch unsere Kamera montieren! Seit ein paar Wochen nämlich ist Heinz stolzer Besitzer einer Wildkamera mit Bewegungssensor, Infrarotblitz und sonstigem Pipapo, ein Modell, auf das er schon längere Zeit ein Auge geworfen hatte. Allerdings war es immer verhältnismäßig teuer – zu teuer für die wenigen Einsätze, für die wir es vorgesehen hatten – und er verkniff sich die Anschaffung. Im Februar jedoch wurde er fündig. Ein deutscher Jagdausrüster hatte die Selbstschusskamera im Sonderangebot und Heinz schlug sofort zu. Vier Tage später hielten wir das gute Stück in Händen, dazu einen kleinen Katalog mit weiteren Verkaufsschlagern aus der befremdlichen Welt der Jäger. Was es da nicht alles gibt und welch seltsame Namen diese Gerätschaften tragen! Kirrrohre zur feuchtigkeitsgeschützten Anbringung von Kirrgut direkt an der Kirrung, Vergrämspray zur großräumigen Umlenkung von Wild vor die Flinte und auf dem Autoheck montierbare Zerwirktische, um das erlegte Jagdgut gleich am Ort des Tötens bequem zerlegen zu können. Eine eigenartige Spezies sind sie ja schon, die halalitrötenden Waidmänner…

Wir hingegen gaben uns mit der für Mensch und Tier harmlosen Kamera zufrieden und probierten sie natürlich gleich mal aus – in der Dunkelheit unseres Schlafzimmers. Nein, keine Angst, es folgt nun keine Schilderung pikanter Details, nur so viel: das Ding funktioniert auch bei fast null Licht und löst schon bei geringfügigen Bewegungen zuverlässig aus – so soll es sein. Und jetzt montieren wir das Wunderteil an einem Baum, machen es scharf und begeben uns zu Bett. Gespannt auf den nächsten Morgen lassen wir uns vom Gluckern des Naukluft in den Schlaf murmeln und hoffen auf eine ereignisreiche Nacht.

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