1. April 2011, Windhoek > Swakopmund; Sophia Dale

Mhm, gut habe ich geschlafen! Ich blinzle zu Heinz hinüber und strecke mich wohlig, was mir aber nicht wirklich bekommt. Schon gestern im Flugzeug hatte ich bemerkt, dass meine linke Schulter bei unbedachten Bewegungen wehtut, aber jetzt, als ich die Arme nach oben recke, durchzuckt mich ein heftiger Schmerz, der sich wie ein Messerstich anfühlt. Meine Schulterpartie, dauerverspannt von der Computerarbeit, muckt ja gerne mal auf, aber das ist eine neue Art von Schmerz, die mir ganz und gar nicht gefällt. Hoffentlich beruhigt sich das bald wieder, sonst könnten das Gerüttel im Auto und die täglichen Auf- und Abbauarbeiten zur Qual werden. Doch nicht nur ich habe so meine Sorgen, auch Heinz sieht recht knitterig aus – er hat nicht gut geschlafen, einfach nicht die richtige Position gefunden und fühlt sich deshalb nicht besonders ausgeruht, geschweige denn fit. Nach einer Runde tröstenden Kuschelns und gegenseitigen Mitleids rappeln wir uns dennoch tapfer hoch, schließlich ist heute unser erster richtiger Urlaubstag und den wollen wir uns von solchen Unpäßlichkeiten nicht verderben lassen.
Eine sonnengeküßte Bergkette, darauf grasende Oryxantilopen, eine uns begrüßende Camp-Mieze und ein gedeckter Frühstückstisch lassen uns unsere Beschwerden schnell vergessen. Wir genießen das Frühstück mit Ausblick und packen zusammen, was wider Erwarten relativ schmerzfrei klappt, nur auf’s Autodach kann ich nichts hochreichen. Dann verlassen wir Monteiro, verlassen Windhoek und nehmen Kurs auf Swakopmund, eine Strecke, die zu dieser Jahreszeit recht abwechslungsreich ist: solange wir im Khomas-Hochland unterwegs sind, begeistern uns das üppige Grün und die zahlreichen Trockenflüsse, die allesamt Wasser führen. An dem oft malerisch drapierten Schwemmgut kann man deutlich sehen, wie viel Regen in den letzten Wochen herunter gekommen sein muss! Doch je mehr wir an Höhe verlieren, desto gelber wird das Gras – wie goldener Tüll mit weißen, changierenden Reflexen wogt die vergehende Pracht im Wind, ein Anblick, an dem ich mich nicht sattsehen kann. Die Zeit, die Kilometer fliegen an uns vorbei, jede Kurve enthüllt neue optische Schätze und am liebsten würde ich alle paar Minuten zum Fotografieren anhalten.







1) Oberlauf des Swakop River; 2) Nubebberg; 3) Spitzkuppe; 4) Mesembryanthemum sp.

Unsere erste Pause aber machen wir erst weit nach Usakos, als wir einen besonders schönen Blick auf die Spitzkuppe haben. Leider ist es ein wenig diesig und auch die schon recht hoch stehende Sonne ist einem fotografischen Meisterwerk nicht gerade zuträglich. Trotzdem oder, besser gesagt, gerade deswegen hat das Ganze aber einen sehr besonderen Reiz. Der dunstig-blaue Himmel, der pastellblau-rötliche Berg, der 700 Meter aus der Ebene ragt und die weißen Ähren des hüfthohen Grases wirken wie ein Compton-Gemälde. Doch das „Matterhorn Namibias“ ist bei weitem nicht das einzige, was es zu bestaunen gibt: winzige Blümchen bedecken den Boden zwischen dem erstaunlich licht stehenden Gras, sich paarende Schrecken, die perfekt getarnt sind, sorgen für Nachwuchs, kleine sandfarbene Agamen huschen geschäftig umher und im einzigen nennenswerten Baum weit und breit sitzen etwa hundert Sattelschrecken. Sie sind mir ja nicht ganz geheuer mit ihren langen Beinen, den noch längeren Fühlern, der stacheligen Chitinpanzerung und den roten Augen, aber jetzt, da man sie, auf dünnen Zweigen sitzend, auch von unten bewundern kann, enthüllen sie eine wunderschöne Bauchseite in limettengrün, zitronengelb und schwarz. Faszinierende Monster! Sie vorsichtshalber dennoch nicht aus den Augen lassend, nutze ich den Schutz des Busches noch, um Morgentee abzulassen, dann machen wir uns wieder auf den Weg.






1) Geigeria ornativa; 2) Indigastrum argyraeum; 3) Erste Pause





1) Kissenia capensis; 2-3) Euphorbia damarana



1) Camponotus sp; 2) „Schreckliche” Paarung; 3) Agama aculeata; 4) Unterseite einer Sattelschrecke

Kaum merklich verlieren wir weiter an Höhe, die Landschaft verändert sich nun aber sichtlich. Leicht hügeliges, grasiges Gelände geht allmählich in wellig-flache Sand-Geröllwüste über, die Farbe des Bodens wird immer gräulicher, die Vegetation immer spärlicher – wir nähern uns der Uranminen-Hochburg Namibias. Das Tagebau-Gebuddel, bei dem sich Sprengungen bis zu 300 Meter in die Tiefe vorarbeiten, hinterlässt deutliche Spuren in der sensiblen Wüstenlandschaft. Klar, wenn dabei das Oberste zuunterst gekehrt wird… Aber nicht nur das. Seit Kilometern schon sehen wir riesige schwarze Pipelines, die sich über den geschändeten Boden schlängeln. Sie transportieren entsalztes Meerwasser zu den Minen, das dort in großen Mengen zum Waschen des abgebauten Gesteins benötigt wird. Eine gute Sache eigentlich, denn bis vor kurzem noch deckte man den gesamten, sehr massiven Bedarf, indem man die Grundwasserreservoirs der umliegenden Riviere (Khan, Kuiseb und Swakop) anzapfte. Das wiederum brachte auf Dauer die Trinkwasserversorgung diverser Städte in Gefahr und, noch viel schlimmer, die Flora und Fauna völlig aus dem Gleichgewicht. Nun bringt die Entsalzungsanlage dahingehend Entlastung, aber irgendwo muss das gebrauchte Waschwasser ja auch wieder entsorgt werden. Es wird praktischerweise ins Meer zurückgeleitet; schwer mit Salzen angereichert und mit dem Chlorgehalt eines Swimmingpools. Natürlich ohne jegliche Gefahr für die Natur, so sagt wenigstens der Betreiber der Entsalzungsanlage. Logisch, was soll er auch sonst sagen!




1-6) Die Namib im Großraum der Uranminen
Logisch ist auch, dass der Uranabbau Arbeitsplätze schafft – rund 1400 Mitarbeiter sind fest angestellt bzw. profitieren als Subunternehmer oder deren Dienstleister von der Mine. Dass der fortwährende Raubbau an der Umwelt auf längere Sicht aber mindestens ebenso viele Arbeitsplätze an anderer Stelle (Fischerei- und Tourismusindustrie) kosten könnte, davon spricht mal wieder keiner. Auch über die Verluste, die die Minen nun schon seit Jahren aufgrund des gesunkenen Weltmarktpreises für Uran einfahren, wird gerne geschwiegen. Stattdessen sollen weitere Gebiete für den Abbau erschlossen, noch mehr Wüste zerstört werden. Um noch mehr Miese zu machen? Der Mensch ist schon ein selten dummes Vieh! In Gedanken versunken passieren wir häßliche Abraumhalden, das schwarze Arbeiterghetto Arandis und eine nicht enden wollende Kolonne von Autos, die uns alle entgegenkommen. Da ist wohl Schichtwechsel in den Minen… Kurz nach 14 Uhr wechseln auch wir, allerdings nur die Straße und biegen Richtung Sophia Dale Base Camp ab, wo wir heute nächtigen werden. Auf dem Schild am Eingang heißt uns eine „Familie Lütz“ willkommen, neben der namibischen Flagge weht eine deutsche. Alles klar! Wenig später zeigt uns Manfred Lütz in persona voller Stolz sein Camp. Wir dürfen uns einen Stellplatz aussuchen und richten uns häuslich unter einem der rustikalen Schattendächer ein, während Manfred unser vorbestelltes Fleisch holen geht. Telefonisch hatten wir am Vortag ein Kilo Springbockfilet geordert und das bekommen wir jetzt übereignet – mitsamt dem belustigten Kommentar Manfreds, der, das darf man nicht vergessen, gelernter Metzger ist: „Was? Ein Kilo für vier Leute? Und das reicht euch? Ich war ja neulich mit zwei Freunden am Braaien, da hatten wir acht Kilo zu dritt – und ’n Salat dazu!“ Mit beiden Händen deutet er den Umfang des Salatkopfes an, der in etwa die Größe eines Tennisballs gehabt haben muss und lacht sich schlapp. Typisch „Südwester“, könnte man meinen, aber Manfred ist erst 2009 nach Namibia ausgewandert, hat dort zusammen mit seiner Frau Michaela das Camp übernommen und sich damit einen Lebenstraum verwirklicht. Da gehört es natürlich auch dazu, sich den Grillgepflogenheiten und carnivorischen Mengenvorstellungen vor Ort anzupassen, insbesondere als Fleischer. Wir können hierbei nicht ganz mithalten mit unseren mickerigen 250 Gramm pro Person, dafür aber haben wir deutlich mehr Salat im Kühlschrank…





1) Stellplatz auf Sophia Dale; 2) Heinz und Jochen inspizieren erste Sukkulenten 3) Mesembryanthemum sp.
Apropos Kühlschrank: es ist ziemlich heiß und, bevor wir nach Swakopmund weiterfahren, lassen wir uns jeder ein kühles Bier im Schatten unserer überdachten Sitzgruppe schmecken. Das tut gut, das zischt und hui, das spürt man bei der Hitze auch ganz schön! Durch unseren kurzfristigen, bierbeseelten Nebel fräst sich auf einmal eine recht durchdringende weibliche Stimme, deren Besitzerin sich uns als „Einschieh“ vorstellt. Die blonde, nicht mehr ganz junge Deutsche, aus deren Mund die freundliche Begrüßung (und noch mehr) schallt, scheint eine Namibia-Kennerin zu sein. Uns genau diesen Eindruck zu vermitteln, ist wohl, neben der Befriedigung ihrer unglaublichen Neugier, ihr primäres Anliegen. Im Stakkato fragt sie unser Tourprogramm ab und kommentiert es in einer Art und Weise, die man schon fast als herablassend bezeichnend könnte. Sie hat Ahnung, keine Frage, und kennt sich aus, liefert uns sogar ein paar, nicht ganz unwichtige Neuigkeiten, aber sie behandelt uns dabei wie ahnungslose Vollidioten, denen sie nicht zutraut, auch nur einen Tag in diesem Land zu überleben. Heinz und ich halten uns mehr oder weniger belustigt im Hintergrund, Jochen sagt auch nicht viel, aber Annette kann sich kaum noch beherrschen. Doch auch mich, das muss ich zugeben, macht diese blecherne Quäkstimme und das zur Schau getragene Expertentum ziemlich aggressiv. Bevor Einschieh nun noch mehr gönnerhaft-wissende Weisheiten von sich gibt und Annette ihr an den Kragen geht oder ich mich einmischen muss, brechen wir dann lieber mal auf. Betont freundlich verabschieden wir uns von dem landeskundigen Plaudertäschchen, klettern ins Auto und lassen sie mitsamt ihrem Know-How im Sand der Campsite stehen.





1) Und der Wind weht; 2) Fachwerkfassade des Brückenhofs; 3) Hohenzollernhaus
Ein paar Kilometer vor Swakopmund, man kann die Stadt im Dunst noch gar nicht richtig sehen, dringt bereits merklich kühlere, nach Salz riechende Luft ins Auto, aber als wir unseren Landy dann in der City abstellen, hat es mit Sicherheit 15 Grad weniger als in der Wüste. Puh, da nehme ich mir als alte Frostbeule besser mal meine Fleecejacke mit! Auch ein Hut kann nicht schaden, denn durch die Reflexion des Meeres und der salzhaltigen Luft ist die UV-Strahlung hier extrem hoch – zu hoch für ein, wenn auch sonnengecremtes, Blondchen wie mich. Zu guter Letzt packe ich mir noch meinen Rucksack auf den Rücken, hänge mir die Kamera schussbereit um den Hals, klappe meine Hutkrempe wegen der besseren Sicht vorne nach oben und dann marschieren wir los. Oh, Mann, wie gut, dass ich mich selbst nicht sehen kann und mich hier keiner kennt! Mein klischeehafter Touristenlook ist mir leicht peinlich – und er wäre Wasser auf Einschiehs Checker-Mühlen! Aber die ist ja glücklicherweise nicht da und so können wir völlig entspannt und schamlos bummeln gehen.





1) Blick auf die Jetty; 2-3) Blick von der Jetty auf die Stadt
Im Vierer-Konvoi biegen wir rechts in die nächste Straße ein, bewundern das Hohenzollernhaus, die Fachwerkfassade des Brückenhofs und nehmen zielstrebig Kurs auf das Meer. Nach ein paar Metern merke ich plötzlich, dass Heinz nicht mehr an meiner Seite ist. Ein junger schwarzer Mann hat ihn abgefangen und labert ihn nun voll, radebrecht und kauderwelscht auf deutsch. Oh weia, Schneck ist einem Nüßchenschnitzer in die Hände gefallen! Ich drehe um, steuere auf die beiden zu und kann leider nicht mehr verhindern, dass Heinz dem Nussfuzzi freundlich händeschüttelnd seinen Namen nennt. Too late! Flugs fliegen die Späne und ein paar verkaufsankurbelnde Worte später präsentiert der geschäftstüchtige Makalani-Man sein Produkt, das er nun gerne gegen klingende Münze tauschen möchte. Heinz aber will partout kein Nüßchen, ist allerdings viel zu gutmütig und höflich, um den Aufdringlichen einfach so zurückzuweisen. Er erklärt stattdessen, kein Geld dabei zu haben, was Mr. Makalani natürlich nicht glaubt und daraufhin prompt sein Glück bei mir versucht. Aber, Entschuldigung, sehe ich etwa aus, als hätte ich Geld dabei? Nun kommt die übliche Leier von Frau und Kindern, von „kein Job“ und der leidigen Nuss, die ja jetzt personalisiert wäre und, würde Heinz sie nicht kaufen, völlig wertlos sei. Tja, Pech, kann ich da nur sagen. Mit tröstenden Worten und der Versicherung, es würden ganz viele Deutsche Heinz heißen, lassen wir den Schnitz-Toni einfach stehen und dackeln weiter, direkt auf Swakops berühmte Jetty zu. Der kalte Südatlantik umzüngelt mit trüben, kabbeligen Wellen die dicken Tragestelzen dieses 300 Meter ins Meer ragenden Stegs. Hin und wieder bricht sich eine besonders große an einer der vorderen Stelzen und schwappt ihre Gischt bis auf die Jetty hoch. Auch Heinz bekommt eine Dusche ab, mitsamt seiner Kamera, aber Gottseidank nehmen weder er noch der Fotoapparat Schaden. Etwas angefeuchtet kämpfen wir uns durch den kalten Wind bis an das Ende des Stegs und genießen von dort aus den Rundblick auf die Stadt. Aus dieser Ferne sieht Swakopmund richtig einladend aus mit seinen bunten, im Sonnenlicht leuchtenden Häusern und dem Grün der Uferpromenade, leben jedoch möchte ich hier nicht. Ich kann zwar gut verstehen, dass es so viele Namibier besonders während der heißen Sommermonate in die von der Meeresbrise gekühlte Stadt zieht, aber das Wetter hat auch andere Seiten hier. Und da muss man schon eine gewisse Meeres-Affinität besitzen, um das schön zu finden – diese aber fehlt mir definitiv. Mich turnt schon der ewige Wind total ab, aber die salzige Luft, die alles klamm macht und den Rostfaktor um das Zehnfache steigert, würde mir den Rest geben, vom Nebel ganz zu schweigen. Da bin halt einfach viel mehr ein Kind der Berge, Wälder und Wüsten. Doch ein Wohnsitzwechsel nach Swakopmund steht ja auch in keinster Form zur Debatte, nicht mal der Liebe wegen, denke ich mir dankbar, als ich mir das Salz in Schlieren auf den Brillengläsern verteile und Heinz auf seine salzigen Lippen küsse; meine Liebe wohnt schließlich, fernab des Meeres, in Oberbayern!
Entspannt bummeln wir zurück auf die Uferpromenade, schlendern im Schatten der mächtigen Palmen Richtung Leuchtturm, amüsieren uns über den als Palme getarnten Sendemast und die vielen deutschsprachigen Schilder. Blendet man die zahlreichen schwarzen Kinder mal aus, die sich fröhlich bibbernd im eiskalten Wasser des Benguela-Stroms tummeln, man könnte sich wirklich in einem deutschen Seebad wähnen. Oder aber in einer der Teutonen-Ferienhochburgen wie Mallorca oder Gran Canaria. Auch auf diesen, von deutschen Touristen innig geliebten Inseln sind ähnliche Bausünden zu finden, wie wir sie auf unserem weiteren Weg entlang der Waterfront zu Gesicht bekommen: häßliche Bungalow-Siedlungsklötze im Einheitslook, Urlaubsghettos, gepanzert mit wenig individuellen, verschiedenfarbigen Fliesen (der besseren Abwaschbarkeit und Wetterbeständigkeit wegen), Wohnsilos, die zum größten Teil so phantasievolle deutsche Namen wie „Die Welle“ oder „Dünenblick“ tragen. Ein Traum für jeden, der sich in solcher Umgebung wohl fühlt. Ich tu’s nicht und Heinz meint nur: „Naja, geschenkt würde ich es nehmen.“



oben: 1) getarnter Funkmast; 2) Light House; unten: 1-2) Bausünden; 2) Maskenweber
Langsam schrauben wir uns in östlicher Richtung wieder ins Stadtzentrum nach oben, vorbei am Open-Air-Andenkenmarkt, am Alten Amtsgericht, lassen uns von einem kleinen gelben Maskenweber begeistern und gönnen uns noch ein Eis, bevor wir die Swakopmunder Buchhandlung stürmen, in der wir uns ausgiebig im deutsch-, afrikaans- und englischsprachigen Sortiment umsehen. Der Laden mit dem umfangreichen Literaturangebot ist ein absolutes Muss für jeden Bücherwurm; hier findet man immer etwas. Heinz zum Beispiel ersteht ein tolles Blumen-Bestimmungsbuch, ich hingegen kann mich nicht recht zwischen „Flechten“ und „Geologie“ entscheiden und greife deshalb schnell noch ersatzweise zu ein paar hübschen Postkarten und den dazugehörigen Briefmarken – es ist schon fast 18 Uhr und der Shop schließt gleich. Als einer der letzten übrigens, alle anderen haben ihre Gitter schon viel früher heruntergelassen. Ja, hier ist das Leben noch beschaulich, verglichen mit der gewünschten und teilweise auch gelebten Dauerverfügbarkeit bei uns zuhause – was ich als sehr wohltuend empfinde. Also doch auswandern? Nein, sicher nicht, denn deutschsprachige Nachbarn habe ich daheim auch, denke ich bei mir, als das dritte Rentnerpärchen hektischen Schrittes an uns vorbeieilt – eindeutig germanisch konversierend, kein bisschen entspannter als in Good Old Germany, nur ein wenig bräuner…
Zurück am Auto, schlichten wir unsere Einkäufe auf die Sitze und wollen nun noch, bevor die Sonne ganz verschwindet, einen Blick auf den Swakop River erhaschen, der zum ersten Mal seit langen Jahren wieder so viel Wasser führt, dass er den Durchbruch ins Meer geschafft hat. Ein Ereignis, dessen Seltenheitswert man in unseren Breiten nur schwer nachvollziehen kann – wir haben ja Wasser im (scheinbaren) Überfluss und bei uns schwappen Flüsse und Seen in der Regel eher mal über als dass sie austrocknen würden. Ganz anders in Namibia: hier gibt es sogenannte Trockenflüsse (Riviere), die jahrelang keinen sichtbaren Tropfen führen, allein am grünen Vegetationssaum am Rande des wadi-artigen Betts erkennt man die fast immer vorhandene, unterirdische Feuchtigkeit. Wenn es dann allerdings regnet, richtig regnet, füllen sich diese Sandläufe in Minutenschnelle mit Wasser und können beträchtlich anschwellen. Im sandigen Untergrund aber versickern die Fluten meist rasch wieder – und so ist der Durchbruch des etwa 460 Kilometer langen Swakop River, der auf seinem Weg vom Khomas-Hochland viel Sand zu überwinden hat, ein echtes „Jahrhundert-Ereignis“.


1)/2) Der Swakop bahnt sich seinen Weg ins Meer; 3) Allgegenwärtiger Rost
Was wir da bewundern dürfen, ist ein richtiges Delta; vor Tagen schon hat der Pegel seinen Gipfel überschritten, aber noch immer rauschen für Wüstenverhältnisse unvorstellbare Wassermengen den von Schwemmgut übersäten, mehrarmigen Kanal herab, gen Meer, und mischen sich dort mit den salzigen Fluten. Um die Besonderheit dieses Ereignisses nochmals zu verdeutlichen: aus ganz Namibia, ja sogar aus Südafrika, sind in den letzten Tagen hunderte von Schaulustigen herbeigeströmt, um DAS live sehen zu können. Auch wir bewundern jetzt die trüben Fluten, die sich tosend und schlammig an den mächtigen Dünen im Hintergrund vorbeiwälzen, um sich anschließend glitzernd ins Meer zu stürzen und kosten es aus, so en passant an diesem Spektakel der Natur teilhaben zu dürfen. Allerdings treibt uns bald der kalte Wind, der auf der Brücke heftig weht und mit sinkender Sonne immer noch kälter wird, ins Auto zurück. Zügig machen wir uns auf den Weg nach Sophia Dale und geben uns dort auf unserer windgeschützen Site der Präparation unseres Abendessens hin. Mhm, eigentlich wollten wir heute ja das Springbockfilet grillen, aber das Fleisch ist immer noch steinhart gefroren und wir wagen es nicht, es in diesem Zustand auf den Grill zu werfen – nicht, dass wir es noch verderben… Stattdessen gibt es Bobotie mit Salat, gekrönt von einem kühlen Bier, gemütlichen Plaudereien am Lagerfeuer und dem fernen Gequäke Einschiehs, die uns heute abend erstaunlicherweise nicht mehr mit ihrem Charme beglückt. Bald aber rafft uns nach diesem ereignisreichen Tag die Müdigkeit hinweg und wir kriechen in unsere Zelte. Blöd nur, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist! Heinz und ich haben eine feste Liegeseiteneinteilung, die unseren Kuschel- und Einschlafgewohnheiten perfekt entgegenkommt. Heute aber nicht, denn meine Schulter, die mich den ganzen Tag nur wenig beeinträchtigt hatte, tut im seitlichen Liegen derartig weh, dass ich mich auf den Rücken drehen muss und so nur schwer einschlafen kann. Auch Heinz wälzt sich unruhig hin und her – irgendwann aber dämmern wir dann doch endlich weg und schlafen einem neuen, aufregenden Tag entgegen.

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