19. Oktober 2018; Heinz’ Geburtstag, V.O.I.M.M.A. Community Reserve

Die Indris singen ein Ständchen und ein Wunsch geht in Erfüllung

Und wieder stimmen die Indris im gegenüberliegenden Analamazaotra Nationalpark ihren Morgengesang an. Heinz grunzt wohlig, während ich mich aus dem Bett schäle und einen Klogang vorschütze, um meinen Geburtstagsschneck mit drei Schwimmkerzen in abgeschnittenen Wasserflaschen an seinem Ehrentag willkommen zu heißen. Dann kuschle ich mich nochmal kurz zu ihm ins Bett, bevor wir gemeinsam aufstehen und uns bereit machen für einen neuen Tag. Nach dem Frühstück kutschiert uns Mamy ins V.O.I.M.M.A Community Reserve, das direkt an den Analamazaotra Nationalpark angrenzt und von einer Kooperative aus ortsansässigen Einheimischen geführt wird, die so am Tourismus in dieser Gegend partizipieren. Der Eintritt ist etwas günstiger als im Nationalpark, das Reservat deutlich kleiner, aber da der Nationalpark ja nicht eingezäunt ist und die Tiere sich nicht um menschengemachte Grenzen scheren, hat man auch hier gute Sichtungschancen.

Gespannt stapfen wir los und erfreuen uns in der ersten Stunde unseres Walks an einer Vielzahl von Insekten und diversen Blühpflanzen wie Orchideen und ellenlangen Schlinggewächsen, die prächtige Blütenstände zur Schau stellen. Wenig später entdeckt Sahouli etwas, das auf unserer Wunschliste ganz weit oben steht: einen Giraffenhalskäfer! Es ist „nur“ ein Weibchen, deren Hals deutlich kürzer ist als der des Männchens, doch auch die Lady macht ihrem Namen alle Ehre und sieht wirklich skurril aus. Ein zirka ein Zentimeter langer, schlanker Körper mit tomatenroten Deckflügeln wird von einem kleinen, schwarzen Köpfchen gekrönt, das auf einem überdimensional langen Hals sitzt, der mich ein wenig an einen Baukran erinnert. Entzückt betrachten wir das seltsame Insekt, als es neben meinem Ohr leise brummt – und ein männlicher Käfer auf einem benachbarten Blatt landet. Ach, wie geil! Und nun sehe ich es mit eigenen Augen und kann es kaum glauben: Sein Hals ist fast doppelt so lange wie der seiner holden Käferbraut. Wahnsinn, wie die sechsbeinige Giraffe so überhaupt noch fliegen kann! Der Käfer gibt uns ein wenig Zeit, ihn zu fotografieren, dann führt er es uns vor. Tja, der Hals scheint seine Flugtauglichkeit tatsächlich nicht gerade zu verbessern, doch immerhin schafft er es, problemlos abzuheben und er taumelt nur wenig mehr als viele seiner kurzhalsigen Brüder, die ja auch nicht gerade als elegante Flugakrobaten bekannt sind.

Ein Bäby, ein Bäby – ganz für uns allein!

Hah, ist das schön, wir haben Giraffenhalskäfer gesehen! Begeistert setzen wir unseren Weg fort und stoßen kurz darauf auf einen Trupp Brauner Makis, die grunzend und schnarrend neben dem Weg in den Bäumen umherturnen. Die putzigen Lemuren, vor denen Fitah so großen Respekt hat, haben erst kürzlich Zuwachs in ihrer Gruppe bekommen, wie Heinz und ich freudig feststellen. Unwillkürlich rechne ich schon fast mit einer deutschen Touristin, die ihrem Spross s’Bäby näherbringen will, doch diesmal bleiben wir ungestört und können die Lemuren in aller Ruhe beobachten. Und besonders der Kleine ist wirklich herzallerliebst. Mit winzigen Fingern krallt er sich im Fell seiner Mutter fest und lugt über deren Kopf und Rücken hinweg neugierig zu uns rüber. Sein Köpfchen sitzt etwas wackelig auf seinem Hals und seine Augen haben den typisch glasigen Blick eines erst vor kurzem geborenen Säuglings, doch das hindert ihn nicht daran, uns eingehend zu begutachten. Wir genießen die Zeit mit den Lemuren und beobachten sie unsererseits nicht weniger eingehend.

Auch ich krieg ein Geschenk

Die Makis klettern gerade aus den Bäumen, um ein Stückchen weiterzuziehen, als uns Sahouli zu sich ruft. Sie war schon ein paar Meter weiter gegangen und hat dort, im Geäst eines kleinen Baumes am Wegesrand, ein Chamäleon entdeckt. Gestern hatte ich ihr erzählt, wie sehr ich diese Reptilien mag und auch, dass ich mich bis dato deutlich unterchamäleonisiert fühle, sodass sie ganz glücklich ist, uns nun eines präsentieren zu können. Es ist ein schlankes, zierliches Tierchen in leuchtendem Orange, das da in Augenhöhe vor uns auf einem dünnen Ast sitzt und uns mit rotierenden Kegelaugen anblickt. Es ist wunderschön und ich kann mich gar nicht sattsehen an der subtil gemusterten, orangefarbenen Haut, den kleinen Greifzehen, dem dünnen Schwänzlein, das dem Tier, um einen Ast geringelt, zusätzlichen Halt gibt und den unabhängig voneinander agierenden Augen. „Hast du schöne Fotos gemacht?“ Ich nicke strahlend und will ihr gerade zeigen, was ich da geknipst habe, als Sahouli das Chamäleon vom Ast pflückt und mir auf die Hand setzt. „Gegen die Unterchamälionisierung!“, sagt sie augenzwinkernd. Entzückt spüre ich das Reptil auf meiner Haut, wie es sich mit seinen Greiffüßchen an mir festklammert und seinen Schwanz haltsuchend um meinen kleinen Finger ringelt. Ganz vorsichtig kraule ich den Hals des Tierchens, lasse es von einer Hand auf die andere klettern und setze es schließlich behutsam in den Baum zurück. Leicht debil grinsend blicke ich dem Chamäleon hinterher, das sich mit ruckelnden Schritten auf einen höherliegenden Ast bewegt und sich so weiteren Zugriffen unsererseits entzieht – und bin glücklich.

Hui, was wir heute schon wieder alles gesehen haben! Doch jetzt, da wir uns erst richtig warmgelaufen und -geguckt hätten, verkündet Sahouli bereits das Ende unserer Exkursion im V.O.I.M.M.A. Ach, wie schade, es gäbe bestimmt noch vieles andere zu sehen. „Nun ja, wir sehen uns ja heute Abend, sofern das Wetter mitspielt“, tröstet uns Sahouli. Na, dann wollen wir mal hoffen, dass uns der Wettergott heute keinen Strich durch die Rechnung macht und wir auch hier endlich mal auf Nachtexkursion gehen können!

Und da sag einer nochmal, Schweizer seien eher ruhig …

So kehren wir gegen 13:30 Uhr gut gelaunt ins Resort zurück und gönnen uns gleich mal einen kleinen Lunch. Dabei fällt uns eine Frau auf, die unterhalb der Terrasse auf der Wiese umherstakst, neugierig in fremde Bungalows späht, ein paar Blumen pflückt, dabei ständig übertrieben laute Kommentare von sich gibt und sich hin und wieder vor Lachen ausschüttet. Ihrer Sprache nach kommt sie eindeutig aus der Schweiz, ihr Gesprächspartner jedoch scheint eine imaginäre Person zu sein, denn außer ihr sehen wir weit und breit niemanden. Seltsam!

Doch wir machen uns keine weiteren Gedanken über diese etwas merkwürdige Frau, verzehren unseren Lunch, besuchen einen nahegelegenen Laden, erwerben zwei T-Shirts für Heinz und klettern dann zu unserem Häuschen empor, um den freien Nachmittag zu genießen. Ein bisschen lesen, ein wenig faulenzen, duschen, bevor es wieder zu kalt wird und einfach mal alle Viere gerade sein lassen – das tut gut!

Wir sitzen gemütlich auf unserer Eingangstreppe, als ein laut singender Endzwanziger die steinernen Stufen hochgeschwankt kommt, vor uns abbiegt und auf den Nachbarbungalow zusteuert. „Cindy, Ciiiindieh, wo bist du, da bin ich!“, schreit er mit deutlichem Schweizer Akzent. Ach nö, der wird doch nicht zu der seltsamen Trulla gehören!? Doch, tut er! Und Selbige erscheint sofort vor dem Häuschen – sie muss sich von uns unbemerkt nach oben geschlichen haben –, die beiden fallen sich in die Arme und kreischen wie blöde. „Cindy, Ciiiindieh, ist der Heinz auch da?“ Der Knabe meint nicht meinen Heinz, sondern offensichtlich eine dritte Person, die wir bis dato noch nicht gesehen haben. „Ach, der alte Langweiler, der schlaft. Lass ihn bloß, der stört uns nur!“ „Hat’s noch was zu trinken?“ „Wart, ich schau!“ Cindy verschwindet im Bungalow, lautes Flaschengeklöngel folgt. „Ja, reichlich!“ „Psssst, der Heinz!“ Das Flaschengeschepper wird lauter und Cindy naht mit Bier und Wodka.

„Hahaha, reichlich, das wird gemütlich!“ „Cindy, pssst, der Heinz!“ „Ach, der alte Depp, der kriegt doch nix mehr mit!“ Spricht’s und lässt sich mit ihrer Flaschenbatterie neben den Jungschweizer auf einen Stuhl plumpsen. Der ist gerade dabei, sich laut kichernd einen Joint zu drehen. „Das wird so geil, Cindy! So geil! Prost! Und der alte Depp kriegt nichts! Nur wir zwei. So geil!“ Und dann geht das Gelage los: Der Alkohol fließt in Strömen und sehr eindeutige Rauchschwaden ziehen zu uns rüber, dabei wird brüllend gelacht, gesungen und sich schreiend unterhalten.

Na, das kann ja heiter werden! Hoffentlich sind die beiden bald so knülle, dass sie einschlafen und wenigstens in der Nacht Ruhe geben. Ein Wunsch, den offenbar nicht nur wir hegen, wie deutlich an der Reaktion mehrerer umliegender Nachbarn zu hören ist. Ein Wunsch, der ein Wunsch bleiben wird…

Die beiden fröhlichen Eidgenossen schwanken singen und schunkelnd über die Terrasse, als zwei Einheimische auftauchen. „We are your guides for tomorrow morning!“ „Cindy, boah, Cindy, ist das geil! Geile Guides! Hahaha!“ „Ja, geil, geile Guides!“ Die beiden Führer sind sichtlich befremdet, wahren aber ihre Fassung und so kommt tatsächlich eine Terminabsprache zustande: morgen Früh um halb acht am Restaurant. „Boah, wie geil! Wir Geilen mit den geilen Guides. Darauf müssen wir trinken!“ Die „geilen Guides“ lehnen höflich dankend ab und machen sich schnellstmöglich vom Acker, Cindy und der Knabe hingegen schütten sich weiter unbeirrt Bier und Wodka in den Rachen.

Ein Nightwalk, wie wir ihn uns nicht vorgestellt hatten

Oh Mann, wo sind wir hier gelandet? Kopfschüttelnd packen Heinz und ich unser Zeug und machen uns auf den Weg nach unten, denn es ist schon wieder Zeit für unseren Nightwalk, dem heute nichts im Wege steht, denn das Wetter ist klar und kein Gewittergrollen zu vernehmen – obwohl es sicher leicht von unseren Nachbarn übertönt worden wäre…

Nein, das Wetter ist tatsächlich gut und Mamy karrt uns die Straße nach hinten, vorbei am Parkeingang des Analamazaotra, vorbei am V.O.I.M.M.A-Reserve, bis wir schließlich an einem kleinen Bahnhof landen. Dort wartet Sahouli auf uns. „Wir dürfen nachts nicht in die Parks, deshalb müssen wir auf der Straße bleiben. Aber auch hier werden wir viel sehen. Lasst uns gehen!

Ja, das hatten wir schon im Reiseführer gelesen, dass die Parks nachts tabu sind, aber so, wie der Walk sich jetzt gestaltet, hatten wir uns das nicht vorgestellt. Alle naslang braust ein Auto an uns vorbei und wir müssen uns an den Rand drängen, damit wir nicht angefahren werden. Zudem sind viele Leute unterwegs, Touristen aus den umliegenden Resorts, die alle zur selben Zeit zu dieser Nachtexkursion aufgebrochen sind. Mhm, das hat was Befremdliches an sich – Natur beobachten und nachtaktive Wesen aufspüren, und das direkt an einer nicht gerade unbelebten Straße. Doch wir wollen nicht schon im Vorfeld unken, vielleicht wird es ja doch ganz spannend. Gemächlich traben wir also am Straßenrand entlang und leuchten mit unseren Lampen ins Gebüsch. Wir entdecken zahlreiche Spinnen, die in ihren Netzen sitzen und deren Augen im Schein der Taschenlampen wie Edelsteine glitzern. Auch ein paar Frösche haben sich in der Kühle und Feuchtigkeit der Nacht aus ihren Verstecken gewagt und präsentieren sich fotogen auf taubenetzten Blättern. Sahouli erspäht sogar noch drei Mausmakis und zwei Chamäleons, doch die Tiere sitzen alle hoch oben in stark belaubten Bäumen, sodass man sie kaum erkennen kann. Ich ertappe mich, dass ich immer wieder mal auf die Uhr sehe – ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich mich mangelhaft unterhalten fühle. Und auch Heinz ist nicht wirklich glücklich mit diesem Nightwalk…

Doch wir sind ja jetzt schon anderthalb Stunden unterwegs und haben uns deutlich Richtung Resort vorgearbeitet. So deutlich, dass das Ganze wohl bald ein Ende haben wird. Ein paar hundert Meter gehen wir noch, sehen schon unser Auto weiter vorne stehen, als plötzlich drei Gruppen vor uns ins Gebüsch stürmen und Sahouli, uns hektisch winkend, hinterherhechtet. Na, da muss ja was Aufregendes zu sehen sein! Wir bahnen uns ebenfalls einen Weg ins dichte Gestrüpp und stehen schließlich zu vierzehnt um einen kleinen Mausmaki herum, der, gut sichtbar, in etwa zwei Metern Höhe in einem Bäumchen sitzt. Aus allen Richtungen wird er angestrahlt und weiß offensichtlich nicht, wie er den grellen Lichtern entkommen soll. Er klammert sich an einem Ästchen fest und setzt eine Wurst ab – ob er dabei einem natürlichen Bedürfnis nachkommt oder die Angst vor uns leuchtenden Riesen die Darmentleerung forciert hat, kann ich nicht beurteilen, doch ich habe genug gesehen. Genervt winde ich mich aus dem Gebüsch, zurück auf die Straße, Heinz folgt mir und kurz darauf tauchen auch Sahouli und Fitah wieder auf. Sahouli sieht uns etwas verunsichert an. Wir wollen unsere Führerin natürlich nicht vor den Kopf stoßen und bedanken uns herzlich bei ihr, während wir zum wenige Meter entfernten Auto und dem wartenden Mamy gehen. Sahouli lächelt, aber ich glaube, sie weiß genau, dass dieser Nightwalk kein Highlight für uns war. Hoffentlich weiß sie auch, dass wir wissen, dass sie nichts dafür kann.

Am Auto angelangt, nimmt uns Mamy strahlend in Empfang. Wir fahren Sahouli noch zum Bahnhof, da sie in dessen Nähe wohnt, dann kehren wir ins Resort zurück, wo uns unsere Jungs auf dem Parkplatz ausladen und wir uns einen schönen Abend wünschen. Moment mal! „Mamy, wir sehen uns doch nochmal?“ „Ja, ich komme nachher noch ins Restaurant, dann können wir uns verabschieden.“ Puh, Gott sei Dank! Zwar haben wir schon den ganzen Tag sein Trinkgeldröllchen nebst persönlichem Dankesbrieflein bei uns, um im Falle eines überstürzten Abschieds jederzeit reagieren zu können, aber ein Good bye auf dem Resortparkplatz, zwischen Autos und ebenfalls zurückkehrenden Touristen, das wäre jetzt nicht angemessen. Außerdem, so fällt mir gerade wieder ein, hatte ja Fitah gestern eine Überraschung zu Heinz’ Geburtstag angekündigt. Was haben die beiden Schlingel noch vor? Das größte Geschenk wäre natürlich ein Mamy, der bleiben könnte, aber das wird wohl nicht passieren, da, so wurden wir informiert, Aina heute Nachmittag angekommen ist. Warten wir’s also ab…

Heinz und ich suchen uns einen Platz im Open-Air-Restaurant. Oje, der Schweizer ist auch schon wieder hier und unterhält das ganze Lokal mit dem Schwachsinn, den er in einem nicht enden wollenden Wortstrom absondert. Wir setzen uns möglichst weit von dem seiernden Sabbelmaul weg und wundern uns, dass er überhaupt noch sprechen kann – bei der Alkohol- und Drogenmenge, die er sich einverleibt hat. Aber seine Klappe ist wohl das, was bis zuletzt funktioniert, auch wenn alles andere schon im Nebel des Vergessens abgetaucht ist. Einige andere Gäste sind übrigens ebenfalls unangenehm berührt und verziehen sich ins Innere des Restaurants. Heinz und ich hingegen wollen unbedingt im Freien bleiben, da es hier einfach luftiger und „naturnäher“ ist. Wir müssen nur unter allen Umständen einen, wenn auch nur zufälligen Augenkontakt mit dem bedröhnten Knaben meiden, denn sonst haben wir ihn sofort an der Backe. Also vertiefen wir uns in unsere Speisekarten, als wären sie besonders spannende Bücher.

Geburtstagsüberraschung: Mamy und Fitah übertreffen sich selbst

Wir sind so mit der Auswahl unseres Abendessens und der Vermeidung jeglichen Blickkontakts beschäftigt, dass wir Mamy, Fitah und einen schüchtern lächelnden jungen Mann, der wohl Aina sein muss, erst sehen, als die Drei direkt an unserem Tisch stehen. „Dürfen wir uns zu euch setzen?“ „Nein, ihr esst mit uns?! Ich meine ja, total gerne, setzt euch!“ Ach, ist das schön, ein gemeinsames Abschiedsessen und ein Begrüßungsessen für Aina, und das auch noch an Heinz’ Geburtstag. Die Drei setzen sich also und Mamy stellt uns Aina vor, der uns auf Anhieb sehr sympathisch ist. Er ist etwa 30 Jahre alt, wirkt ziemlich schüchtern, spricht aber offenbar doch besser Englisch, als Mamy angekündigt hatte. Wir sind glücklich und freuen uns, dass wir unseren neuen Driver in so ungezwungener Atmosphäre kennenlernen können. Fröhlich ordern wir alle etwas zu essen und plaudern uns in entspannter Stimmung durch den Abend, während wir unser Essen genießen. Zu fortgeschrittener Stunde beenden wir unser Mahl – der Schweizer ist mittlerweile Gott sei Dank verschwunden -, als Mamy plötzlich aufspringt und sich entschuldigt. Er muss mal. Klar, wat mutt, dat mutt! Mamy verschwindet im Hauptgebäude und es dauert keine Minute, da taucht ein Kellner auf, gefolgt von Mamy. Der Kellner trägt eine kleine Torte vor sich her, auf der ein paar Kerzen brennen und singend halten die beiden an unserem Tisch Einzug. Fitah und Aina fallen sofort in den Gesang ein.

„Happy Birthday, happy Birthday, dear Heinz, happy birthday to you.“ Heinz ist wie vom Blitz getroffen. Am liebsten würde er nämlich seinen Geburtstag gar nicht feiern, ihn einen Tag wie jeden anderen sein lassen, doch trotzdem freut ihn natürlich jede Aufmerksamkeit – besonders, wenn es eine so unerwartete, liebevolle wie diese ist. Der Kellner stellt nun die Torte auf dem Tisch ab: Es ist ein kleines Kunstwerk, bedeckt mit gelben Fondant, geschmückt mit fast wie echt aussehenden Blättern und Blüten, ebenfalls aus Fondant, und einem Glückwunsch-Schriftzug aus Schokolade. Heinz ist sprachlos. Ich bin sprachlos. Meine Güte, ist das eine gelungene Überraschung! Und die Tortendeko ist auch nicht irgendeine, sondern genau auf Heinz und seine Interessen zugeschnitten. Der Kellner zückt ein Messer, reicht es Heinz und fordert ihn auf, die Torte in Stücke zu teilen, nachdem er die Kerzen, dem Torten-Geburtstags-Protokoll folgend, ausgeblasen hat. Heinz, immer noch völlig geplättet, tut, wie ihm geheißen, und bevor ich aus meiner Überraschungsstarre erwache und die Wundertorte fotografieren kann, liegt sie auch schon fein säuberlich und gerecht verteilt auf fünf Tellern. Ach nee, shit, ich bin so doof! Das hätte ich unbedingt dokumentieren müssen! Aber nun ist es leider zu spät. Tja, dann lassen wir es uns eben so schmecken und müssen die Erinnerung an diese ganz besondere Torte allein in unseren Köpfen bewahren. Genüsslich gabeln wir also das zerlegte Kunstwerk in uns hinein, auch wenn wir schon ziemlich gesättigt sind, und Heinz wird nicht müde, sich bei Mamy und Fitah zu bedanken. Die beiden freuen sich über die gelungene Überraschung jedoch mindestens genauso wie Heinz und strahlen mit diesem um die Wette.

Und dann ist sie aufgegessen, bis auf einen kleinen Rest, der zurück in die Kühlung wandert. Das heißt, es wird auch schön langsam Zeit für den Abschied von Mamy, der ja morgen früh zeitig raus muss, um seine neue Tour anzutreten. Heinz bedankt sich nochmal herzlich für die Geburtstagsüberraschung und sagt den Jungs, dass sie heute Abend natürlich seine Gäste gewesen seien, doch dann lässt sich der gefürchtete Augenblick nicht mehr länger aufschieben. Abwechselnd umarmen wir Mamy, drücken ihn ein ums andere Mal, danken ihm für die tolle Zeit und wollen ihn gar nicht gehen lassen. Schließlich aber überreicht ihm Heinz sein Trinkgeldröllchen, und wir entlassen die Jungs in die Nacht. Mamy ist sichtlich gerührt und dreht sich noch einige Male um, um uns zuzuwinken – wenig später werden er, Fitah und Aina von der Nacht verschluckt.

Der Tag endet mit weiteren Ständchen, die aber niemand hören will – Eidgenossen im (Drogen-)Rausch

Tja, das war’s dann wohl. Immer noch etwas traurig über diese Tatsache, bezahlen Heinz und ich die Rechnung und klettern dann zu unserem Bungalow hinauf. Wir sind noch nicht in der ersten Etage angekommen, als uns bereits lautes Palaver und Gekicher entgegenschallt. Ach, du liebe Güte, das hört sich ja verdammt nach den Schweizern an. Und tatsächlich – als wir endlich unseren Bungalow erreichen, sehen wir die beiden Gröhlköppe auf der Nachbarterrasse sitzen, umgeben von Flaschen, Dosen und einer eindeutigen Qualmwolke. Puh, das kann ja eine heitere Nacht werden! Schnell verschwinden wir in unserer Behausung und kuscheln uns ins Bett. „Cindy, prost, Cindy!“ Klingelklöngel, schepper, Stuhlgerutsche. „Ich hole uns noch was!“ „Aber pass auf, dass der Heinz ned aufwacht!“ „Freilich!“ Klingelklöngel, noch mehr Geschepper. „Da bin ich wieder!“ „Geil, Nachschub!“ „Ja, geil! Du, ich muass jetzt singen!“ „Cindy, yeah, yeah, sing!“ Und schon hebt die zugedröhnte Cindy an: „Kennsch du des Blüemli i de Bärge, es luegt verträumt…. Joohulidöhdijo… Hasch du des Blüemli gsehn, johuulihuulijoholidöh! „Cindy, Cindy, Cindy, yeah!“ „A Rueh isch, i sing! Kennsch du des Blüemli…“ Voller Inbrunst schmettert Cindy das rührselige Volkslied ins Tal, begleitet vom Beifall und dem irren Gelächter ihres Saufkumpanen. Plötzlich kräht Cindys Heinz, der offenbar schon im Bett liegt: „Cindy, Cindy, komm endlich ins Bett! Cindy, es ist scho spät!“ „Scheiße, jetzt isch der Heinz aufgewacht!“ „Ach, lass ihn, den alten Deppen, der schlaft scho wieder ein. Und kennt der das Blüemli i de Bärge? Na, kennt er ned. Aber i kenns! Johuulihuulijoholidöh!“

Mittlerweile sind schon mehrere andere Gäste von dem Gegröhle erwacht und beschweren sich lautstark, doch Cindy und ihr trinkfreudiger Spezi lassen sich nicht beeindrucken, sodass diese Darbietung eidgenössischer Sangeskunst und Trinkfreudigkeit bis mindestens vier Uhr morgens durchs Tal schallt. Und bei der Akustik haben nicht nur Heinz und ich eine unruhige Nacht…

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