April 1967–März 2013, Vorbereitungen

Jeder Mensch muss seinen Weg gehen, ob er will oder nicht. Wo dieser Weg endet, das wissen wir alle, welch verschlungene Routen er bis dorthin allerdings nimmt, ist nicht vorherzusehen. Oft aber werden schon in frühester Kindheit Grundsteine für den groben Streckenverlauf gelegt – ein Verlauf, der zwar stets variabel bleibt, die Lebenstour in gewisser Weise jedoch positiv beeinflussen, mannigfaltig fächern, bereichern und, im Idealfall, sogar mehrspurig machen kann. Meine Eltern haben genau dieses Kunststück geschafft und mir mit ihrer Erziehung und Liebe unzählige Perspektiven und „Fahrspuren“ eröffnet. So düse ich heute mit guter Bodenhaftung auf meiner Haupt-Pad dahin, Stoßdämpfer mildern so manche Unebenheit des Lebens, ein inneres Navi manövriert mich aus hinterhältigen Sackgassen, es gibt eine Panoramastraße, Parkplätze, Tankstellen, attraktive Umwege und – ganz wichtig – eine Erholspur. Diese wurde mir praktisch in die Wiege gelegt: die extreme Naturverbundenheit meiner Eltern, ihre Detail- und Erklärungsfreude und, nicht zuletzt, ihre reichhaltige Bibliothek, prägten mich von Anfang an. Ich konnte noch nicht lesen, da steckte ich schon mit der Nase tief in Tier- und Pflanzenbüchern, in Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ und „Kein Platz für wilde Tiere“, fuhr mit meinen Kleinkinderfingern begeistert auf der Weltkarte umher. Sehr früh schon reifte so in mir der Traum von Afrika, das mir bereits damals als Garten Eden dessen erschien, was ich so sehr liebte: Tiere und Pflanzen.

Der Traum blieb allerdings noch lange Zeit ein solcher, denn vor dreißig, vierzig Jahren zählte eine Afrikareise durchaus nicht zum Standardprogramm eines Durchschnittstouristen – es war fern, fremd, gefährlich, unerschwinglich. Dann endlich aber, mit fünfundzwanzig, erfüllte sich meine tiefe Sehnsucht – auf einer dreiwöchigen Südafrika-Tour mit meinem damaligen Freund, mit Zelt, Schlafsack und einem gemieteten, hellblauen City-Golf. Ich stieg in Johannesburg aus dem Flugzeug, atmete tief durch und wußte, meine Ahnung hatte mich nicht getrogen: ich war zuhause, in meiner zweiten Heimat, ich war angekommen. Dieses Gefühl von Geborgenheit umfängt mich nun jedes Mal, wenn ich afrikanischen Boden betrete, jedes einzelne Mal – und das seit über zwei Jahrzehnten. Und so wird es auch heuer sein, auf meiner zwanzigsten Afrika-Reise, einer Vier-Wochen-Jubiläums-Tour, die – mal wieder – eine ganz besondere sein wird und wie maßgeschneidert zu den speziellen Vorlieben passt, die sich in den letzten Jahren bei mir herauskristallisiert haben. Mit meinem Schneck Heinz und unseren beiden Freunden Annette und Jochen werde ich also die nächsten 28 Tage auf meiner ganz persönlichen Erholspur unterwegs sein: im Zickzack zu den Hotspots der Sukkulenten-Karoo, gipfelnd im Richtersveld, hinauf in die wundervolle Landschaft der Tirasberge, hinüber in die nahezu unendlichen Weiten der Zentralkalahari, weiter ostwärts zu den monumentalen Viktoriafällen und schließlich, in einem großen Bogen über den sympathischen Hwange Nationalpark, wieder hinunter, nach Johannesburg.

Allerdings wäre ich nicht das Kind meiner Eltern und Produkt ihrer detailverbundenen Erziehung, träte ich diese Tour einfach nur selig grinsend und voller Vorfreude an. Nein, so etwas bereite ich natürlich gründlich auf die mir eigene Art und Weise vor – eine Art und Weise, die meinen Reisegenossen so manches Schmunzeln entlockt… Unser Schwerpunkt liegt ja diesmal eindeutig auf der überbordenden Pflanzenwelt der Sukkulenten-Karoo, wozu Heinz und ich tonnenweise Fachliteratur besitzen. Leider sind die Bücher fast allesamt unhandlich, extrem gewichtig und sauteuer, somit also recht reiseuntauglich. Der eigentliche Hund jedoch liegt anderswo begraben: derartige Literatur ist meist nur in englischer Sprache erhältlich, englischer Fachsprache wohlgemerkt, und an der beiße ich mir regelmäßig die Zähne aus. Passagen wie die folgenden treiben mich immer wieder in den kapitulierenden Wahnsinn: „… cortex usually with, rarely without additional vascular bundles, bladder cells usually mesomorphic, rarely somewhat xeromorphic, mostly distinct…“ oder „Flowers in dense terminal dichasia, corolla urceolate…“ oder „The glabrous leaves have hydathodes scattered over the entire surface. Compare peculiaris: Leaves petiolate, ovate to elliptic, hirsute…“ Was genau heißt jetzt das, wie muss man sich das in der Praxis vorstellen? Doch es gibt, Larry Page sei Dank, beinahe nichts, wofür man im Internet nicht eine probate Lösung finden würde, nun ja, zumindest eine semi-probate. Nach langer Recherche fische ich tatsächlich eine ellenlange Liste aus dem hintersten Winkel des Web: botanische Fachbegriffe und deren Erklärungen – alles auf englisch. Meine Freude währt allerdings nur kurz, denn diese explanativen Ausführungen stellen mich vor das nächste, altbekannte Problem; auch sie ergießen sich mit angelsächsischem Fachchinesisch in mein sperriges Hirn und ich verstehe nach wie vor nur Bahnhof. Kurzerhand kaufe ich mir deshalb einen 1.600 Seiten starken „Bio“-Langenscheidt, bereite die englische Liste tabellarisch auf und verbringe die nächsten Wochen damit, zwei leere, extra zu diesem Behufe angelegte Spalten zu befüllen: deutscher Fachbegriff, deutsche, verständliche Erklärung. Zur weiteren Verdeutlichung erstelle ich einen Anhang mit zweisprachig beschrifteten Abbildungen aller erdenklichen Blattformen, Kelchquerschnitte, Blütendiagramme, Taxonomiebäume, Blütenanordnungsformen… Es folgen weiterhin 24 Seiten Speziesliste Knersvlakte, 38 Seiten Speziesliste Namaqualand/West Coast Nationalpark, Detailkarten verschiedener Vegetationszonen, hilfreiche Kontaktadressen für all unsere Reisestationen und – last but not least – ein Paar Knieschützer zum gepflegten Umherrobben nebst einer kleinen Sprühflasche, mit der ich die hygrochastischen Eigenschaften der Samenkapseln von Aizoaceen erforschen will, ohne meine kostbare Spucke vergeuden zu müssen. Heinz bleibt die Spucke ob dieses Präparationswahnsinns schon im Vorfeld beinahe weg, aber ich finde es klasse und packe meine Spezial-Mappe mit gutem Gefühl und zwei ausgewählten, handlichen Fachbüchern ins Handgepäck. Können wir jetzt endlich fahren?

Was man halt so braucht: Literatur, Kartenmaterial, Knieschoner, Sprühflasche
und was ICH so brauche…  😉

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