7. Oktober 2014; Richtersveld NP, Potjiespram > De Hoop

In aller Einsamkeit und frühmorgendlicher Ruhe erwachen wir erholt in unserem  verbuschten Camp Potjiespram, sparen uns aber die obligatorische Morgenpirsch per pedes, denn hier braucht man eine Machete, um ans Ufer des Oranje vorzudringen – der einzigen Richtung, in der man etwas Sehenswertes entdecken könnte. Selbst die dichten Baumkronen über unseren Köpfen, meist Garanten für die Sichtung zumindest einiger Vogelarten, sind heuer fast wie leergefegt. Was allerdings im Überfluss vorhanden ist, das sind Ziegen, die überall durchs Gebüsch zockeln und einen Teppich von Kötteln hinterlassen… Ich weiß genau, warum ich Potjiespram nicht sonderlich mag; da kann auch die Tatsache, dass es sicher nie überfüllt ist, nichts daran ändern. Leider aber ist es als Erstübernachtungscamp beinahe unvermeidlich, vor allen Dingen, wenn man von weiter her, sprich von den Augrabies Falls oder, wie in unserem Fall, aus Skilpad anreist. Näher gelegene Zwischenübernachtungs-Orte, die zeitlich ein Überspringen Potjiesprams erlauben würden, sind Port Nolloth oder Alexander Bay – die jedoch stellen keine wirklich hübschere Alternative dar. Besser ist also, die irre Fahrstecke nach Potjiespram auf sich zu nehmen; dann ist man wenigstens bereits direkt vor Ort, da, wo „unser“ Richtersveld so richtig beginnt.

Wir verlassen Potjiespram
Noch ist es diesig
Pachypodium namaquanum
Blütenknospen
Aloe ramosissima

Und nach einem relaxten Frühstück, begleitet von der fast alltäglichen Packaktion, machen wir uns endlich auf den Weg in diese unergründlich schönen Tiefen eines Fleckchens Erde, das spezieller nicht sein könnte! Wir verlassen leichter Herzen das Oranjetal und juckeln hinauf über den Swartpoort Pass, einem „Pass“, der seinen Namen nicht wirklich zurecht trägt. Es geht halt ein bisschen bergauf, herauf vom Flusstal, in eine sandige Ebene, die aber kaum Highlights bietet. Gut, vor einigen Jahren sahen wir hier einige Hoodias in voller Blüte, doch, wie auch letztes Mal, ist hier heuer eher tote Hose angesagt. Macht aber nix, denn wir sind ja gerade erst losgefahren… Wir bringen also die relativ uninteressante Strecke hinter uns, biegen am Kreuzungspunkt R1, wo wir gestern Nachmittag nach Potjiespram runtergefahren waren, aus Westen kommend, in östliche Richtung ab und nehmen Kurs auf den Halfmens Pass. Auch der verdient die Bezeichnung Pass nicht, zumindest nicht im klassischen Sinne, dafür aber – um so mehr – seinen „Vornamen“ Halfmens, denn die steilen Hänge rechts und links der Fahrspur sind Standort eines der bekanntesten Endemiten dieser Region – des legendären Pachypodium namaquanum, das mit seiner mehr oder weniger an Menschen erinnernden Form seit jeher Stoff für Legenden liefert – und natürlich für botanisch Interessierte ein besonderes Highlight darstellt.

Ergiebige Hänge
Blick in die Berge
Crassula subacaulis ssp. erosula

 

Es ist schon ein besonderes Ereignis, solch seltene Pflanzen zum ersten Mal „in echt“ an ihrem natürlichen Standort zu sehen; entsprechend begeistert waren selbstverständlich auch wir bei unserem ersten Besuch im Richtersveld. Heute jedoch sind wir bereits zum wiederholten Male vor Ort, was aber nichts an unserer Begeisterung ändert, im Gegenteil. Denn es kommt noch ein ganz spezielles Gefühl dazu, das uns warm und wohlig umfängt – die Wiedersehensfreude mit alten Freunden! Strahlend klettern wir bergan und begrüßen sie, die uns wohlbekannten, skurrilen Pflanzengestalten, indem wir ihnen sanft über die gekräuselten Blattschöpfe streicheln, ihren langen, dünnen Dornen sirrende Töne entlocken oder ihnen einfach nur zunicken. Und heute krabbeln nicht nur Heinz und ich zwischen den Felsbrocken der Hänge umher, auch unsere Mitreisenden sind mit von der Partie – und das ebenfalls mit großer Freude. Sogar Ute war gespannt auf diese bizarren Hundsgiftgewächse, die als Highlight in jedem Reiseführer (sofern er das Richtersveld überhaupt beinhaltet) genannt werden. Doch die Pachypodien, so eindrucksvoll und faszinierend sie auch sind – vor allen Dingen, weil einige Exemplare gerade zu blühen anfangen – sind natürlich nicht die einzigen Pflanzen, die hier wachsen und etwas zu bieten haben.

Crassula deceptor
Crassula tomentosa
Cotyledon orbiculatus

Mit diesen jedoch verbindet nur Heinz und mich ein inniges Band der Freundschaft, unsere Freunde gehen zumeist achtlos an ihnen vorbei – den winzigen Crassulaceen, den unscheinbaren Stapelien in ihrer Ruhephase, den seltsamen Cerarias und vielen anderen, die weder mit Größe noch mit spektakulären Blüten beeindrucken können. Ganz kann ich diese, ich will es nicht wirklich Desinteresse nennen, besser ist vielleicht Leidenschaftslosigkeit oder Ungerührtheit, nicht verstehen, denn alles, was hier an Pflanzen zu sehen ist, ist so besonders, so wundervoll, so schön und zudem auch ganz einzigartig. Jochen hatte sich auf unserer letzten Tour ja mal ansatzweise beschwert, wir würden nichts über die Gewächse erzählen. Aber was sollen wir denn zum Besten geben? Mehrfach habe ich bereits versucht, die Nama-Legende bezüglich der Halfmense an den Mann zu bringen und die Überlebensstrategie der Pachypodien darzulegen, über den Cassulaceen-Säuresstoffwechsel zu referieren, mein Wissen über die Hybridisierungsfähigkeiten der drei Baumaloe-Arten des Richtersvelds zu teilen und über die wissenschaftlich bewiesene Notwendigkeit eines gewissen Weidedrucks auf dieses hochsensible Vegetationsgebiet zu erzählen, mich über die mikroklimatischen Auswirkungen von Quarzkieselansammlungen auf die Vegetation auszubreiten, über die Relevanz von Zellzusammensetzung bezüglich der evolutorisch bedeutsamen Vermehrungsstrategie gewisser Asteraceen zu berichten… Aha, ach, ok – das waren die Reaktionen. Ach Mann, was soll ich denn noch machen? Interessanter wird es nicht – kann es nicht werden, denn das ist bereits ultimativ interessant. Und ich, das bilde ich mir zumindest ein, kann ganz gut erzählen, die teils schwer verständlichen, wissenschaftlichen Berichte, die ich in großer Zahl lese, recht anschaulich übersetzen und sie einigermaßen unterhaltsam und informativ wiedergeben. Ahöm, klar, ein Löwenrudel, das dösend im Schatten liegt und dessen Mitglieder sich maximal einmal pro Stunde bewegen – Schwanzgewackel hier, Ohrengeschlackere da und, boah, einer dreht sich allen Ernstes um – ist für viele Menschen anscheinend ungleich prickelnder.

Monsonia ciliata
Stapelia similis
Kleinia longiflora

Nun ja, was das anbelangt, werden wir wohl nie ganz zusammenkommen, aber wir alle geben uns redliche Mühe, uns zumindest in der Mitte zu treffen. Und das gelingt uns ganz gut. Deshalb erklären wir uns jetzt auch ohne Murren bereit, von den Halfmens-bestückten Hängen zu klettern und den Weg fortzusetzen. Langsam juckeln wir weiter durch die abwechslungsreiche Landschaft, genießen die schönen Ausblicke und freuen uns auf den Akkedis Pass, den wir uns einige Zeit später nach oben schrauben, um auf dessen höchster Erhebung erneut anzuhalten. Und auch hier erklimmen wir selbstverständlich die umliegenden Hänge, die eine ähnlich dichte, aber deutlich andere Vegetation beherbergen. Es gibt keine Namaqua-Pachypodien, dafür aber zahlreiche Euphorbien, Cerarien, Mesembs und Crassulaceen. Dem Botanik-Laien wird dieser Unterschied kaum ins Auge stechen, doch Heinz und ich wissen um die unglaubliche Diversität und Standortabhängigkeit im Richtersveld und sind jedes Mal aufs Neue davon begeistert. Eine ganze Weile machen wir freudig Bestandsaufnahme und delektieren uns an unseren kleinen Freunden, während unsere Reisegenossen ebenfalls zwischen den Felsen umherstapfen und sich ihrerseits freuen, sich körperlich betätigen zu können. So nutzen wir alle unseren Halt für das, was uns am meisten Spaß macht, ohne uns gegenseitig zu nerven.

Tylecodon buchholzianus
Ceraria namaquensis
Euphorbia gummifera

Nichtsdestotrotz müssen wir nach einer erquicklichen Stunde langsam ans Weiterfahren denken, denn es liegt noch ordentlich Strecke vor uns. So kommt es, dass wir wenig später wieder an Bord gehen, uns vom Akkedis Pass verabschieden und talwärts ötteln, hinunter in die Koeroegab Plains, die botanisch nicht allzu viel zu bieten haben. Im Herbst wuchern hier zwar beeindruckende Mittagsblumen – Mesembryanthemum barklyi – deren Blätter über und über mit in der Sonne glitzernden, perlenförmigen Wasserbläschen bedeckt sind, die an den gekräuselten Blatträndern von sattem Grün zu einem intensiven Himbeerrot wechseln und mit diesem Farbkontrast einen wunderschönen Anblick bieten. Doch jetzt, im Frühling, ist von den krautigen Mesembs noch nicht viel zu sehen, sodass wir guten Gewissens ohne Stopp durchfahren können. Erst einige Stunden später, wir haben De Hoop schon fast erreicht, halten wir erneut an. Ein kleines Tal führt hinab zum Oranje und ist an beiden Seiten von schroffen Felsen bestanden, in deren Ritzen besondere Schätze wachsen: es sind Euphorbien, deren Wuchsform stark an Kakteen erinnert und die von vielen Touristen auch für solche gehalten werde. Doch in Afrika gibt es, bis auf eine Gattung (Rhipsalis), ursprünglich keine Kakteen. Das, was man auf dem Schwarzen Kontinent an Kakteenartigem sieht, sind also entweder eingeführte Exemplare oder aber Euphorbien.

Euphorbia virosa
Euphorbia virosa – Blüten
Euphorbia virosa

Hier, an den Rändern des Tals, handelt es sich zum Beispiel um besonders schöne Exemplare der Spezies Euphorbia virosa. Allerdings hat es das unschuldig aussehende Wolfsmilchgewächs in sich – es zählt mit zu den giftigsten Vertretern dieser Gattung, und nicht zu Unrecht ist sein afrikaanser Name „Gifboom“. Die Virosa sondert bei Verletzung, wie übrigens auch alle anderen Euphorbien, einen Milchsaft ab, im Falle der Virosa aber ist der besonders giftig. Er enthält große Mengen von krebsauslösendem und auch sonst nicht gerade bekömmlichem Phorbolester, kombiniert mit ätzender Tiglinsäure und haut- und atemwegsreizender Isobuttersäure. Der Milchsaft wurde – und wird – von den San als Pfeilgift benutzt, ruft bei Hautkontakt heftigen Ausschlag und Verätzungen hervor und kann, ins Auge gerieben, zu dauerhafter Blindheit führen. Es sind sogar Fälle bekannt, bei denen Menschen zu Tode kamen: beim Feuerholzsammeln vergriffen sie sich unwissentlich an vertrockneten Virosa-Zweigen, die beim Verbrennen dann ihren immer noch aktiven Giftcocktail freisetzten, der, über die Atemwege aufgenommen, seine tödliche Wirkung entfaltete. Ein weniger schönes Ende am abendlichen Lagerfeuer…

Vor De Hoop
Bächlein auf der Straße
Fast schon sumpfig…

Uns hält das toxische Gepflänz allerdings nicht davon ab, zwischen den Felsen herumzuklettern und eine Virosa nach der anderen ausgiebig zu bewundern. Unsere Reisekollegen hingegen halten lieber Abstand und vergnügen sich mit der harmloseren Vegetation, die an einem munter plätschernden Rinnsal am Talboden gedeiht – hübsche Grasbüschel, verschiedenste Algen und diverses Buschwerk mit ansprechenden Blüten und flauschigen Samenständen. Als wir uns schließlich alle ausreichend umgesehen haben, nehmen wir die letzten Meter nach De Hoop in Angriff, voller Vorfreude auf ein paar sonnige Musestunden am Ufer des mächtigen Oranje, auf ein Bad in dessen kühlen Fluten, auf unsere nackten Füße im Ufersand, auf einen Nachmittagskaffee und auf die Ruhe dieses Ortes, untermalt vom leisen Plätschern des Flusses… Tja, so kannten wir das und hatten uns das natürlich auch wieder so vorgestellt. Die wahre Situation jedoch präsentiert sich völlig anders, als wir um die letzte Kurve biegen – das weitläufige, sandstrandartige Areal De Hoops ist kaum wiederzuerkennen: unzählige Geländewagen, Trailer, Bush Lapas und Zelte drängen sich aneinander, dazwischen wimmeln geschäftige Menschen umher, fläzen weniger geschäftige auf Campingstühlen und auf im Sand ausgebreiteten Handtüchern herum, Kinder kreischen auf Luftmatratzen und in Gummibooten, alarmierend gut gelaunte Herren angeln laut gröhlend am Ufer und durchdringend schnatternde Damen runden das extrem abtörnende Bild schließlich schreckerregend perfekt ab! Heilige Scheiße, was ist denn hier los? Unsere wohlige Wildnis-Laune sinkt augenblicklich in den Keller, unsere entspannten Gesichtszüge entgleisen beim Anblick dieses unerwarteten Rummels und die Vorfreude sinkt in sich zusammen wie ein Soufflée, das kalte Luft abbekommen hat. Man, man, man, da haben wir wohl bei der Planung der Reise einen Ferientermin übersehen. Selbst schuld; aber da müssen wir jetzt durch, so ätzend das auch sein mag.

Zu allererst gilt nun es natürlich einen geeigneten Standplatz für unsere zwei Autos und die drei Zelte zu finden – groß genug sollte er sein und bitte nicht ganz im Zentrum des Geschehens. Das jedoch erweist sich als echt schwierig: entweder ist der Platz zu klein, zu uneben oder zu abschüssig, zu nahe an anderen Leuten oder schlichtweg unattraktiv. Wer will schon am Oranje nächtigen und dabei das Waschgebäude direkt vor der Nase haben oder gar einen riesigen Off-Road-Trailer, aus dessen Tiefen mehrere Generatoren hervorbrummen?! Wir sind genervt. Bevor unsere Stimmung jedoch in blanke Verzweiflung umschlägt, finden wir doch noch, was wir suchten. Der Platz ist mehr als ausreichend groß, befindet sich direkt am Oranje und ist eigentlich ganz lauschig, er hat nur einen Nachteil: er liegt in einem Areal, in dem die Berge besonders nahe ans Ufer vorstoßen und große Felsbrocken aus dem Sand ragen, eine natürliche Engstelle sozusagen, was zur Folge hat, dass alle Fahrzeuge, die hier durch wollen, verdammt nahe an uns vorbei müssen. Aber vielleicht haben wir ja Glück und der motorisierte Beweggungsdrang unserer südafrikanischen Ferien-Kumpels hält sich in Grenzen…

Ein Foto ohne Menschen…
… ist gar nicht so einfach!
Berge bei De Hoop

Halbwegs mit dem Schicksal versöhnt, errichten wir also hier unser Lager und genießen dann einen Nachmittagskaffee im Schatten unseres zentral platzierten Gazebos, um richtig anzukommen und auch, um ein bisschen runterzukommen. Der unerwartete Rummel in De Hoop hat uns wirklich schockiert. Doch jetzt haben wir ja zumindest einen ganz guten Platz ergattert und können von hier aus die Sache auf uns wirken lassen. Und die wirkt, dem Anschein zum Trotze, erstaunlich gut: gefühlte hundert Südafrikaner in Ferienlaune sind normalerweise alles andere als ein erfreulicher Anblick und auch die Ohren leiden oftmals erheblich. Doch wir profitieren davon, dass sich die Herrschaften noch immer im eigenen Land befinden, was offenbar einen mäßigenden Einfluss auf deren Partygebaren hat. Da habe ich, zum Beispiel in Botswana, schon ganz andere Dinge erleben dürfen. Aber gut, vielleicht ist das ja so wie mit den Deutschen auf Malle – in einem fremden Land die Sau rauslassen bis zum Fremdschämen, zuhause jedoch benimmt man sich gesitteter – könnt’ einen ja jemand sehen…

Bad im Oranje
Schlangenhalsvogel
beim Federntrocknen
Wasserpflanze

Nach dem Kaffee und einem Bad im Oranje präsentiert sich die Sachlage also schon wieder ganz positiv, unsere Laune hebt sich deutlich und wir müssen konstatieren, dass wir es schlechter hätten treffen können. Es gelingt uns also tatsächlich, uns in diesem trubeligen Umfeld gemütlich einzurichten und zu entspannen – hauptsächlich indem wir den Rummel einfach ausblenden und so tun, als wären wir ganz alleine – und dergestalt einen vergnüglichen Nachmittag an den Gestaden des rammelvollen Oranje zu verbringen. Nun ja, zwei Wermutströpfchen wären da doch noch zu erwähnen. Das erste betrifft mich direkt und allein: seit geraumer Zeit schon verspüre ich ein Rühren im Gedärm, zuerst nur leicht, doch allmählich formiert es sich zu einem dringenden Bedürfnis. Deshalb beobachte ich von meinem Campingstuhl aus, ob das ständige Kommen und Gehen beim (einzigen) Damenklo mal kurz abreißt. Tut es aber nicht. Irgendwann hilft’s nix mehr und ich reihe mich deshalb gezwungenermaßen in die Schlange vor der Notdurftanstalt ein. Dort geht es relativ zügig voran, die Wände jedoch bestehen nun leider mal aus nicht gerade dicht geflochtenen Strohmatten, weswegen jede der wartenden Damen das Geschäft der gerade Sitzenden in allen akustischen Einzelheiten mitverfolgen kann. Ich bin echt nicht gschamig, aber so etwas finde ich extrem unangenehm. Doch wie gesagt, es hilft ja nix. Als ich nun endlich an der Reihe bin, atme ich erleichtert auf, denn es hat sich niemand mehr hinter mir angestellt! Doch mein seliges Glück dauert nicht lange: kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, höre ich zwei Mädls kichern und giggeln (durch die Strohmatte kann ich sie sogar erahnen) und an der Tür rütteln. „Occupied!“, rufe ich. „Beset, beset, hihihi!“ glucksen die Zwei. Das alleine schon schmälert meine intestinale Erleichterung ungemein, als sich aber gleich darauf auch noch die Finger einer Zehnjährigen durchs Stroh wühlen und ihre blauen Augen mich neugierig begutachten, während ich gerade auf dem Thron sitze, ist es um meine Contenance geschehen und ich muss mal kurz sehr unhöflich und laut werden. Was ich sage, entspricht keiner zwischenmenschlich-höflichen Etikette, darum wiederhole ich es an dieser Stelle auch nicht, aber es wirkt! Augenblicklich verzieht sich das Gör aus dem Stroh und ich kann das zu Ende bringen, was ich angefangen habe. Natürlich ist mir bewusst, dass die beiden die ganze Zeit vor der Türe stehen, bis ich fertig bin…

Doch weil mir mein Ausbruch von eben fast schon wieder leid tut, lächle ich die beiden Verschüchterten nach Beendigung meines Geschäftes besonders freundlich an und halte ihnen einladend die Tür auf, bevor ich hoheitsvoll zum Waschbecken entschwebe, das direkt vor der Klotür platziert ist. Soll ich jetzt gemein sein und zur Rache auch mal durch das Stroh lugen? Ne, genug, muss nicht sein. Mir geht’s gut, der Abend bricht herein, bald wird es dunkel und irgendwann stellt sich schon Ruhe ein. Wohlgemut und erleichtert kehre ich zu unserem Lager zurück, schrecke jedoch gleich wieder zurück: das zweite Wermutströpfchen in Form einer völlig aufgelösten Annette, die sich tränenreich mit einem erbosten Jochen streitet! Es geht um unseren morgigen Ausflug Richtung Helskloof: Jochen würde gerne mal eine Fahrpause einlegen und wandern gehen, weswegen er Annette bittet, uns zu fahren – dazu aber ist sie offenbar partout nicht bereit. Ich halte mich wohlweislich – uihuihuih – dezent und unsichtbar im Hintergrund, denn auf der einen Seite will ich nicht in diese sehr private Situation reinplatzen, andererseits interessiert mich natürlich deren Ausgang ungemein; schließlich geht es um Heinz’ und meinen Top-Wunsch-Trip zum Helskloof-Sukkulenten-Paradies, auf den wir unter keinen Umständen verzichten wollen. Doch die schließlich zu vernehmende Einigung fällt zu unseren Gunsten aus und lautet: Jochen wird uns bringen und auch wieder holen. Heinz und ich bekommen also, was wir wollen – allein der Preis, auch wenn er innerehelich beheimatet ist, schmälert meine Vorfreude… Natürlich berichte ich Heinz von meiner unbeabsichtigten Lauschaktion und bin mal wieder echt überrascht; er ist da wesentlich pragmatischer als ich und trennt das Wohlbefinden unserer Reisegenossen in diesem recht speziellen Fall sehr deutlich von seinem eigenem bzw. dem unsrigen. „Die beiden sind sich ja jetzt offenbar einig. Und ganz ehrlich – Hauptsache, wir kommen da morgen hin, das war ausgemacht.“ Basta und recht hat er! Ich verdränge also meine unguten Gefühle und freue mich stattdessen mit meinem Schneck auf eine ungestörte Pflanzenexkursion, wenngleich ja noch immer die Angst vor der Hitze mitschwingt…

Doch heute Abend, als die Dämmerung hereinbricht, ist es sogar hier, im Dampfkessel des Oranjetals, bereits so kühl, dass ich auch diese Furcht leichter Hand beiseite schiebe und mich der Dinge erfreue, die hier vor sich gehen: leise rauscht das Schilf im vornächtlichen Wind, unsere lautstarken, einheimischen Mitcamper und deren Nachwüchse halten sich akustisch sehr zurück, eine Ruhe, bei der man fast glauben könnte, man sei wirklich allein, kehrt ein, Annette und Jochen haben ihre Auseinandersetzung offenbar verdaut, alles ist gut. Erst recht, als Jochen sich anschickt, ein gemütliches Lagerfeuer zu entfachen und Heinz etwas beisteuert, was er unterwegs gezielt aufgesammelt hatte: den trockenen, zu Boden gefallenen Zweig einer Sarcocaulon-Pflanze, die auch unter dem Namen „Bushman’s Candle“ bekannt ist. Die korkig-schilferige Borke dieses stacheligen Storchschnabel-Gewächses enthält enorm viel Harz und brennt wie Zunder – dagegen nimmt sich jeder chemische Grillanzünder fast schwachbrüstig aus. Feuer-Chef Jochen kannte diesen Effekt erstaunlicherweise noch nicht, freut sich aber jetzt wie ein kleiner Junge und pyromant uns ein Lagerfeuer, das seinesgleichen sucht. Und an dieser anheimelnd prasselnden Feuerstatt lassen wir nun einen Tag ausklingen, der so seine Höhen und Tiefen hatte und freuen uns auf den morgigen, der für uns alle ein besonders entspannter werden soll. Na ja, nur Jochen dürfte dabei ein wenig zu kurz kommen…

Weitere Impressionen des Tages:

Crassula deceptor
Pachypodium namaquanum
Blüten
Crassula subacaulis
ssp. erosula
Crassula macowaniana
Kleinia longiflora
Monsonia ciliata
Crassula tomentosa
Aloe ramosissima
Junge Aloe ramosissima
Eberlanzia schneideriana
Aizoaceae
Brownanthus nucifer
Stapelia similis
Ceraria namaquensis
Cotyledon sp.
Euphorbia gummifera
Euphorbia gariepina
Euphorbia sp.
Monsonia ciliata
Hoodia gordonii – Samenstände
Hoodia gordonii
Prenia sladeniana
Prenia sladeniana – Blüte
Mesembryanthemum sp.
mit Camponotus
Euphorbia virosa
Euphorbia virosa – Blüten
Euphorbia virosa –
Pilzerkrankung?
Didelta carnosa
Didelta carnosa
Didelta carnosa
Cucumis rigidus
Pelargonuim sp.
Nymania capensis
Jamesbrittenia ramosissima
Jamesbrittenia glutinosa
Argemone ochroleuca
Codon royenii
Helichrysum gariepinum
Forsskaolea candida
Hirpicium sp.
Blepharis furcata
Heliotropium ovalifolium
Cyperus sp.
Blick in die Koeroegab Plains
Oranje bei De Hoop
Wasserläufer-Spinne
Karoo-Prinie
Witwenstelze
Rote Libelle
Nachmittags in De Hoop
De Hoop am Abend
Pachypodium
namaquanum
Euphorbia dregeana
Tylecodon
reticulatus
Tylecodon wallichii
Euphorbia virosa
Antimima sp.
Ceraria namaquensis
Hoodia sp.

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