30. März 2013, Motopi Pan > Sunday Pan

Die Schlafsäcke geben uns wieder frei, der Vollmond hat sein magisches Licht im Schein der aufgehenden Sonne bereits ausgehaucht und wir stehen von Neuem inmitten unserer Buschlandschaft. Beim gemeinsamen Frühstück lassen wir unseren kurzen Aufenthalt in der Motopi Pan revue passieren und stellen fest, dass wir diesen Platz von der Liste unserer Traumcamps leider streichen müssen. Nix gegen Motopi, vielleicht waren wir nur zur falschen Zeit am falschen Ort – doch nein, hierher wird uns unser Weg trotzdem nicht nochmal führen. In diesem Bewusstsein nehmen wir das Frühstück ein und freuen uns dabei auf den Umzug zur Sunday Pan, die viel weiter südlich liegt und damit eventuell andere Landschaft verspricht.

Nach diesem resümierenden Morgenmahl folgt dann, wie fast jeden Tag, das Zusammenpacken unserer Habseligkeiten. Wir befinden uns dabei schon in der Schlussphase – die Zelte nebst Inneneinrichtung sind bereits verstaut, die Stühle zusammengefaltet, lediglich der Tisch und die Kisten stehen noch; wir müssen nun nur noch abspülen, um dann auch den Rest verräumen zu können. Und den Spüldienst verrichten heute Heinz und ich. Nun befinden wir uns hier in einem der trockensten Teile der Kalahari, was zur Folge hat, dass jegliche Präsenz von Wasser – und sei es nur Abspülwasser – mindestens ein Lebewesen dürstend, lechzend und gierig aus seiner Deckung lockt. So auch heute Morgen: eine riesige Wegwespe umsurrt, wie aus dem Nichts kommend, unser nasses Geschirr, unseren Schwamm, das feuchte Trockentuch – und unsere nassen Hände. Auch meine – und das mit besonderer Vorliebe! Das gefährlich aussehende Insekt, das eine beeindruckende Körperlänge von sicher sechseinhalb Zentimetern aufweist, beim Fliegen bedrohlich surrt und in wespentypischer Manier seinen Hinterleib beim Fliegen schräg nach unten richtet, hat es, wie offenbar die meisten Insekten, akkurat und fast ausschließlich auf mich abgesehen. Vernehmlich quiekend fliehe ich immer wieder aus der Landezone der Wespe, werfe Schwamm und Geschirr auf den Tisch, doch sie will mich trotzdem nicht in Ruhe lassen. Heinz, ganz begeistert von dem schwarz-blauen Monster, versucht mich zu überzeugen: „Die ist doch ganz lieb und außerdem total schön!“ Ja, sie ist schön, wunderschön sogar – mit ihrem schwarz-blauen Körper, ihren transparenten, ölig schillernden Flügeln, der hübschen Taille und den glänzenden Kieferwerkzeugen, die in der Morgensonne funkeln. Ja, ja, ja, sie ist schön. Aber nur, solange sie mich nicht gezielt anfliegt, sondern stattdessen das von mir extra verkleckerte Spülwasser vom Tisch trinkt. Tut sie aber nicht! Schließlich erbarmt sich Heinz meiner phobischen Anfälle, macht seine eigenen Hände ordentlich nass und lenkt das Vieh von mir ab. So können wir unseren Abwasch zu aller Zufriedenheit abschließen: die Wespe trinkt von Heinz’ Händen, ich beende das Geplätscher, verräume alles Feuchte und beobachte anschließend entspannt, wie mein Liebster von dem Monster ausgiebig benuckelt wird. Die Wespe ist wirklich lieb: sie sticht nicht, sie beisst nicht und sie bleibt mir fern!

Schön ist sie ja,
die Wegwespe!
Aber lieb???

Annette und Jochen amüsieren sich übrigens die ganze Zeit schon über meinen zaghaften Umgang mit dem Surrteil, vor allen Dingen Annette. Als Heinz und ich allerdings alles Feuchte in die Kisten gepackt, unsere Hände getrocknet und uns unauffällig aus der Wespenzone entfernt haben, übernimmt Annette das nasse Geschirrtuch – und ist nun ihrerseits am Quieken und Flüchten. Siehste! Tapferkeit demonstrieren kann man immer – sofern man selbst nicht betroffen ist…

Heinz ist und war ja schon immer der wahre, unerschrockene Insektenheld, Annette hingegen spielt ihre Rolle als Beflogenene gerade nicht besser als ich. Egal. Die Wespe hinter uns lassend – wir haben sie mit dem in den Sand geschütteten Spülwasser erfolgreich abgelenkt – machen wir uns vom Acker, verlassen Motopi. Den Platz inmitten der Zentralkalahari, den wir für die paar Übernachtungs-Stunden hart umkämpfen mussten. Hat es sich gelohnt? Ja, nein, nein, ja? Ja, weil der Platz ruhig und abgelegen ist, weil einen absolute Wildnis umgibt – und der Mond so schön durch das Gesträuch schien. Nein, weil die Gegend total verbuscht ist und ich die Weite der Kalahari hier nicht mal ansatzweise spüren konnte. Also ein klares Nein.

Landschaftsimpressionen:
Die ersehnte Weite
der Kalahari

Doch wir haben noch eine weitere, lange Durststrecke vor uns, bevor uns endlich die Kalahari umgibt, die wir so lieben. Stundenlang ötteln wir durch dichtes Buschland, sehen nichts außer Gestrüpp und können dem Ganzen auch beim besten Willen nicht viel Positives abgewinnen. Aber das dröge Gezockle lohnt sich schließlich doch. Gen Mittag weitet sich die Landschaft, unsere Augen können wieder schweifen und entdecken sogleich auch riesige Ansammlungen von Springböcken, die sich im Schatten weniger Bäume schutzsuchend zusammendrängen. Eine Giraffe stakst über eine goldgrasige Ebene und all das versöhnt uns sofort mit mit unserem „erlittenen“ Schicksal. Unsere Fahrapathie legt sich beinahe augenblicklich und wir sehnen uns nach einer Rast, die uns aus dem Auto heraus, hinein in die Welt der Kalahari bringt. So halten wir an einer besonders schönen Stelle, nehmen uns über eine Stunde Zeit, die Eindrücke in uns aufzusaugen.

Gedränge im Schatten
Springböcke
Giraffe flimmert in der Hitze

Und die sind mannigfaltig: auf den niedrigen Bäumen, die unseren Rastplatz beschatten, tummeln sich viele Vögel, vorwiegend Mahaliweber. Sie ziehen gerade ihre Jungen auf und fliegen dabei emsig umher, um Fressbares für ihren Nachwuchs zu sammeln. Im Zuge dessen müssen natürlich auch wir und unsere Brotzeit auf’s Genaueste inspiziert werden. Hingerissen von der unverbildeten Neugier der Vögelchen, vergessen wir beinahe, unseren Mittagssnack zu uns zu nehmen. Außerdem bewundern wir einige strotzende, früchtetragende Misteln, deren Verbreitungsstrategie sich hier überdeutlich demonstriert: die Samen des pflanzlichen Parasiten sind von einem Fruchtfleisch umhüllt, das in appetitlichem Rot leuchtet und somit fast alle Fresswilligen anspricht (uns nicht ausgeschlossen). Sobald aber die rote Beerenhülle durchstoßen wird, gibt sie ein Fruchtfleisch frei, das extrem klebrig ist und auf allem haften bleibt, was da des Weges kommt. Der Vogelschnabel zum Beispiel trägt die Frucht fort, sie fällt herunter, bleibt, mit viel Glück, am nächstbesten Ast kleben und beginnt, mit noch mehr Glück, auszutreiben. Faszinierend! Doch das sind nicht die einzigen Pflanzen, die hier unter extremen Bedingungen erfolgreich gedeihen. Wir, die wir ja frisch aus der Sukkulenten-Karoo kommen, müssen uns erst wieder an diese völlig andere botanische Welt gewöhnen, die nicht minder interessant ist – wenngleich wohl auch nur ich das so empfinde…

Plocepasser mahali:
Spähen und die Lage checken
Nö, hier ist nix zu holen!

Heinz ist halt einfach eher an Sukkulenten interessiert und Annette und Jochen haben ihren Fokus mehr auf Tieren, als auf Pflanzen der weniger spektakulären Art. Doch unspektakulär ist hier gar nichts, zumindest nicht, wenn man sich ein wenig näher damit beschäftigt und die geeignete Fachliteratur zur Hand hat. Die habe ich und bestimme mit Begeisterung, lese nach, woher der wissenschaftliche Name kommt, unter welchen Bedingungen die jeweilige Pflanze gedeiht und, besonders interessant, welch medizinischen Nutzen sie hat. Und wieder mal stelle ich fest, dass die Kalahari jeder gut sortierten Apotheke Konkurrenz machen könnte, wenn man deren Schätze denn nachhaltig nutzen würde. Das Wissen wäre da, allein die verdammte Pharmaindustrie lobbyiert halt mal wieder allzu erfolgreich… Aber das ist ein endloses Thema, von dem ich mich im Moment nicht ärgern lassen möchte. Viel zu schön ist es hier für derart unerfreuliche Gedanken – und lieber genieße ich die Zeit, die mir mein alljährlicher Urlaub beschert, als gedanklich gegen Windmühlen zu kämpfen, gegen deren Flügel ich ohnehin wenig bis keine Chancen habe.

Schlechte Landung
Gute Landung
Landung mit Hoffnung

Ja, wir sind hier; das Leben meint es so gut mit uns, dass wir uns fast jedes Jahr einen derartigen Urlaub leisten können, dass wir Gegenden bereisen dürfen, die andere allenfalls im Fernsehen auf Distanz erfühlen und bewundern können – uns wird dieses Privileg immer wieder zuteil und wir fühlen uns deshalb auch wirklich vom Leben bevorzugt. Zugegeben, das besagte, erhebende Gefühl erleidet so hin und wieder eine kleine Baisse – wie zum Beispiel an der Motopi Pan – doch alles in allem wissen wir das Geschenk unserer Urlaube sehr zu schätzen! Und aus dem kurzfristigen Motopi-Tief sind wir ja auch schon wieder seit einer ganzen Weile aufgetaucht, hier im Passarge Valley, das wir bald nach unserer Pause verlassen, um nach Südosten, Richtung Sunday Pan abzubiegen.

Springbock
Jeder Baum wird genutzt
Wolkenstimmung

Die Landschaft präsentiert sich nach wie vor vielversprechend, als wir dreizehn Kilometer nach dem Abzweig auf das weitere Umfeld der Campsite treffen, die uns für die nächsten zwei Tage beherbergen wird – die Sunday Pan. Bei unserer Buchung hatten wir als Wunschsites die Plätze CKS02 und 03 angegeben, da diese der Pfanne am nächsten liegen. Zufrieden nahmen wir eine Bestätigung für die 02 entgegen, nicht ahnend, dass sich durch die Privatisierung der Siteverwaltung auch eine Umnummerierung vollzogen hatte: eins ist jetzt zwei, zwei ist vier, drei blieb drei und die neue eins ist nun der Einzelplatz an der Leopard Pan. Und das Vorkürzel hat sich ebenfalls geändert. Aus dem ehemaligen CKS wurde CKSUN, was für zusätzliche Verwirrung sorgt, denn demnach haben wir die alte Site 01, ganz im Süden der Sunday Pan und somit nicht den Platz, den wir eigentlich wollten. In der Buchung aber stand noch das alte Kürzel, kombiniert mit der neuen Nummer, also CKS02, doch das Schild „CKSUN02“ besagt dennoch relativ eindeutig, dass wir hier richtig sind, zumal der Platz auch unbesetzt ist. Oder sind wir doch falsch? Bei diesem Chaos kennt sich kein Mensch mehr aus! Entsprechend unsicher und sparsam in der Equipmentverteilung lassen wir uns nun erst mal nieder, immer noch rätselnd, was es mit der ominösen, undurchschaubaren Umnummerierung auf sich haben könnte. Der Platz ist, naja, nicht ganz das, was wir uns vorgestellt hatten, aber schlecht ist er dennoch nicht: leicht erhöht und von dichtem Buschwerk umgeben, liegt er fernab der anderen Campsites – Stille und Ruhe garantiert. Zur Sunday Pan muss man zwar ein paar Kilometer fahren, doch eine unmittelbare Nähe zur Pan ist ja auch lediglich ein Wild-Versprechen, keine Garantie.

Wir haben uns also gerade semi-bequem eingerichtet, als sich bereits eine vermeintliche Bestätigung unserer Zweifel nähert: ein Drei-Auto-Konvoi vollbesetzter südafrikanischer Wagen, bestückt mit Off-road-Trailern, kurvt in unser Idyll! Ein wackerer Bure steigt aus, steuert auf uns zu, die ganze Begleit-Familie folgt hinterher, bis schließlich zirka 20 Menschen um uns herum Stellung bezogen haben. In Gedanken sehen wir bereits einen Umzug vor uns – doch weit gefehlt! Stattdessen werden wir um Hilfe gebeten: „Wir haben die 03 gebucht, da können wir aber nicht hin, weil dort ein Löwenrudel den Platz besetzt. Das Männchen liegt im Sterben, weshalb wir sie auch nicht vertreiben können. Könnten wir im Notfall bei euch unterkommen? Nur im Notfall. Wir schauen jetzt noch weiter, ob hier eine andere Campsite frei ist, dann gehen wir da hin. Ist ja alles recht chaotisch mit der Umbenennung der Plätze…“ Ach, die haben also auch Probleme mit der Nummernänderung?! Auf der einen Seite fühlen wir uns natürlich endlich unseres Platzes bestätigt, andererseits sind die Südafrikaner genau so verwirrt wie wir. Aber Verwirrung hin oder her: man hilft sich gegenseitig, sobald Not am Mann ist. Also sichern wir der südafrikanischen Großmannschaft unsere Unterstützung zu, wenngleich uns dieses Versprechen in die nächsten, sehr eigennützigen Sorgen stürzt. Wer will schon mit rund zwanzig Mannen, Frauen und Kindern einen Platz in der menschenleeren Wildnis teilen, wer will dem Geräusch von Kompressoren lauschen, wenn er Stille erwartet hatte, wer will enger zusammenrücken, nur weil eine Heerschar lärmenverheissender Personen auftaucht, die viel Platz brauchen?! Wir gehorchen trotzdem freundlich und verständnisvoll diesem unausgesprochenen Gesetz der allübergreifenden Hilfeleistung und sagen selbstverständlich unseren Beistand zu. Immer in der letztendlichen Hoffnung, das Problem möge sich von selbst erledigen.

Annette und Jochen jedoch haben gar kein richtiges Ohr für die Bitte der Südafrikaner, verdrängen die auf uns zukommenden Konsequenzen – denn die beiden haben Wort vernommen, das alle anderen Sorgen auszulöschen scheint: LÖWEN! Fünf Buchstaben, die offenbar magische, nahezu unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. L-Ö-W-E-N! „Da müssen wir hin!“ Sagt Annette – und auch Jochen hat leuchtende Augen. Heinz und ich hingegen haben hauptsächlich das Wort „sterbend“ im Hinterkopf und möchten deshalb dieser Veranstaltung nur zu gerne fernbleiben. Doch wir haben leider nur ein Auto, was Heinz und mir gewisse sicherheitsbedingte Daumenschrauben ansetzt; uns ist nämlich noch nicht klar, wie weit die einzelnen Campsites tatsächlich voneinander entfernt sind. Also fahren wir aus einem gewissen Sicherheitsbedürfnis heraus, aber dennoch schweren und zweifelnden Herzens mit. Und, oh Gott – die schlimmsten unserer Befürchtungen übertreffen sich selbst, dort auf der feliden-okkupierten Site 3.

Löwin Eins
Der sterbende Löwe
Löwin Zwei

Wir trudeln also auf dem Platz ein, der uns von den schockierten Südafrikanern als löwenrudel-besetzt gemeldet wurde, und erblicken tatsächlich zwei der Großkatzen. Ein Weibchen liegt ziemlich in der Mitte der Site und hebt ihren Kopf, als wir in ihr Blickfeld kommen. Nur kurz sieht sie uns an, dann sinkt ihr Schädel wieder zu Boden und sie schließt desinteressiert und irgendwie erschöpft die Augen. Auf der rechten Seite, ganz am Rande des Platzes, entdecken wir dann das zweite Mitglied des Rudels – ein Männchen. Bis auf die Knochen abgemagert, kaum noch sichtbar atmend, schwer krank, dem Tode nahe. Sein struppiges Fell liegt wie hingeworfen auf dem Skelett, das man überdeutlich erkennen kann, seine Augen sind verklebt, seine Nase verkrustet und er reagiert auf unser Kommen, indem er mühsam ein Augenlid hebt. Ein Bild des Elends – aber irgendwie ein friedliches. Nur wir stören dabei. So empfinden jedenfalls Heinz und ich, und bitten deshalb unsere Freunde, sofort wieder zu fahren. Die beiden folgen etwas zögerlich, zu zögerlich, unserem Wunsch, aber Jochen wendet tatsächlich gerade das Auto, als eine weitere Löwin auftaucht. Sie hatte im Schatten der Klospirale geruht und will nun wohl nach dem Rechten sehen. Langsam kommt sie aus dem kleinen Holzgebäude heraus, sieht sich um, schüttelt sich und schreitet gemächlichen Schrittes auf ihre liegende Rudelgenossin zu. An deren Seite lässt sie sich dann niederplumsen und schließt ihre Augen. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich dabei, als hätte sie soeben eine große Anstrengung hinter sich gebracht. „Bitte, lasst uns endlich fahren!“, flehen Heinz und ich. Denn Leiden und Sterben sind so private, so intime Vorgänge, dass wir da nicht als Zeugen anwesend sein müssen. Das gehört sich einfach nicht!

Heinz und ich fühlen uns im Moment wie Voyeure der übelsten Sorte, denn es ist offensichtlich, dass keines der Mitglieder des sogenannten Rudels wirklich gesund ist. Weg hier, bitte! Lassen wir doch den kranken beziehungsweise sterbenden Tieren ihre Würde. Unsere Freunde bekämpfen erfolgreich ihren Löwensichtungsdrang und geben unseren Bitten schließlich nach. Doch leider zu spät. Denn in dem Moment, als unser Wagen vollständig gewendet und zur Ausfahrt bereit wäre, kommt eine Karawane von sage und schreibe sechs Autos ums Eck gebogen. Zielstrebig drängen sie sensationslüstern auf den Platz, verstopfen die Zufahrt und wir kommen nicht mehr raus. Dafür kurven die anderen, vor lauter Gedrängel und Geschiebe, dem bedauernswerten, sterbenden Katzenmann beinahe über die weggereckten Pfoten, hupen und schimpfen dabei lautstark. Wir sind fassungslos! Schließlich hat sich der Konvoi endlich strategisch günstig auf Platz 3 festgezeckt – strategisch günstig für sie selbst, nicht aber für uns und schon gar nicht für die drei Löwen. In dieser Situation, wo wir alle praktisch Autotür an Autotür hoffnungslos verkeilt sind, bekommen wir natürlich auch hautnahe mit, was da vor sich geht: unsere südafrikanischen Bittsteller sind offenbar, beim Abklappern weiterer Campsites in der Nähe, auf Landsleute gestoßen. Man hat sich nun patriotisch zusammengerottet, um den tierischen Feind, der nicht vom bezahlten Platz weichen will, gemeinsam zur Flucht zu bewegen. Was ja nur rechtens sein dürfte, oder? Oder auch nicht. Denn es hat, so vermuten wir, einfach keiner der anderen Südafrikaner wirklich Bock, Botswanas Wildnis mit den zwanzig Hilfesuchenden zu teilen, die ihrerseits wiederum froh waren, wenigstens Landsleute vorgefunden zu haben, statt den Deutschen (also uns) auf die Pelle rücken zu müssen. Das reimen wir uns allerdings nur zusammen. Was wir jedoch definitiv bezeugen können, ist die Unterhaltung der helfenden Südafrikaner, die, obwohl nur wenige Dezimeter voneinander und von uns entfernt, natürlich ihren On-board-Sprechfunk nutzen. Und das mit einer Aufgeregtheit, als hätten sie akut den dritten Weltkrieg zu verhindern, einmarschierende Taliban und marodierende IS inkludiert. Und es ist, wäre es nicht so pervers und bitter, tatsächlich amüsant – D-max, das echte Männerprogramm, lässt grüßen: „Zwei an eins: wir müssen was tun!“, schreit der eine Fahrer in sein Funkgerät. Der Adressat, direkt neben dem Absender, beide Vorderfenster offen, brüllt zurück: „Verstanden, Zwei! Ja, wir müssen die Löwen verjagen!“ Zwei beugt daraufhin seinen Oberkörper nebst Haupt aus dem Fahrerfenster und verständigt Drei, ebenfalls über Funk, dann Vier, Fünf und Sechs, die offenbar nicht mit Sprechfunk ausgerüstet sind: „Wir jagen die Löwen hier weg, der Platz muss frei werden!“ „Roger, Zwei! Wie wollen wir es anpacken?“ „Ihr packt hier gar nix an!“, mischen wir uns ein. „Ihr könnt doch nicht allen Ernstes auch nur einen Gedanken dran verschwenden, diese Löwen von hier zu vertreiben! Das Männchen ist nur noch Haut und Knochen, liegt im Sterben und wird wohl kaum in der Lage sein, ein paar Meter zu gehen. Außerdem ist das Tierquälerei. Also untersteht euch gefälligst!“ Feindselig starren uns zahlreiche Augenpaare an. Die Bittsteller jedoch machen einen fast erleichterten Eindruck und nicken heftig. Die Einheiten Eins bis Drei sind darob und auch aufgrund unserer Intervention sichtlich irritiert, geraten jedoch tatsächlich ins Nachdenken und beratschlagen nun lautstark. „Das Männchen sieht echt schlecht aus. Vielleicht kann es wirklich nicht mehr gehen. Aber irgendwie muss es ja auch hierhergekommen sein… Moment, ich versuche mal was.“ Fahrer Eins, der dem sterbenden Tier am nächsten steht, beugt sich aus dem Fenster und beginnt, wir fallen fast vom Glauben ab, zu bellen! „Wauwauwuffwau, knurr, wuff!“ Sind wir hier im falschen Film? Offenbar; denn auch Einheit Zwei und Drei schauen peinlich berührt und stoppen den Hilfswauwau. „Lass das, das bringt doch nix! Wir rufen die Ranger, sollen doch die sich drum kümmern. Rangerstation, hallo, hallo! Halloooo?“, brüllt Zwei in sein Funkgerät. Keine Antwort. Er schraubt an der Frequenz. „Hallo, Ranger bitte kommen, Sunday Pan, Platz drei ruft. Hallo, hallo?“ Keine Antwort. Schließlich geben unsere Hobby-Löwenentferner auf, blasen zum Aufbruch und ziehen im Konvoi wieder ab, genau so, wie sie auch gekommen waren.

Wir sitzen mit offenen Mündern in unserem Auto und können immer noch nicht glauben, welcher lächerlichen Posse wir da gerade beiwohnen mussten. Wie bekloppt können Menschen sein!?! Kopfschüttelnd starten wir unseren Wagen und verlassen den Ort des Geschehens, werfen dabei einen letzten Blick auf die Tiere, die die Invasion anscheinend ohne gravierendere Schäden überstanden haben. Bei solchen Idioten kann man ja leider nicht sicher sein, ob nicht doch einer dem Löwen über die Pfoten gekurvt ist. Aber alles ist okay, soweit man in dieser Situation eben von okay sprechen kann. Die Reifenspuren führen zwar im Abstand von wenigen Zentimetern an den abgemagerten Tatzen des Männchens vorbei und der Arme hat sich sicher extrem hilflos und bedroht dabei gefühlt, doch immerhin hat ihm niemand noch mehr Leid zugefügt, als er ohnehin schon auszustehen hat. Und die Nummer mit der Vertreibung dürfte auch gegessen sein. Zur Sicherheit aber habe ich vorhin alle Autokennzeichen (demonstrativ) fotografiert und halte nun auch noch die Reifenspuren fest. Morgen werden wir nochmal kommen und die Lage kontrollieren. Sollten wir dabei auf beweisbare Anzeichen eines weiteren Eingreifens durch die Vertreiber-Einheiten Eins bis Drei stoßen, werden wir das Ganze der zuständigen Behörde melden. Das ist Fakt! Doch trotz dieses kämpferischen Vorsatzes und des relativ glimpflichen Ausgang des lachhaften Possenspiels verlassen wir diesen Platz mit schlechtem Gefühl und einem extrem schalen Nachgeschmack. Gute Nacht, ihr Löwinnen, bewacht euren sterbenden Mann gut und begleitet ihn in einen hoffentlich baldigen Tod.

Abenstimmung
Wundervolles Licht
Malerische Wolken

Mit diesen Wünschen kurven wir vom Platz, umrunden anschließend noch die Sunday Pan, sind aber nicht wirklich bei der Sache und deshalb mehr als froh, endlich wieder auf unserer Site anzukommen. Die südafrikanische Großmannschaft, die wir nach dieser unrühmlichen Aktion nun fast sicher zu sehen erwarten, ist augenscheinlich doch anderswo untergekommen. Wir sind, offen gestanden, alles andere als traurig darüber, traurig macht uns nur das unsägliche Verhalten der Menschen, dem wir vorhin live beiwohnen „durften“. Das lässt uns auch den ganzen weiteren Abend nicht mehr los. Nicht mal die vielen interessanten Insekten, die sich vom hellen Schein unserer Lampe angezogen fühlen, können uns wirklich ablenken, sodass wir bald schlafen gehen, den sterbenden Löwen mit in unsere Träume nehmend.

Weitere Impressionen des Tages:

Noch sitzen sie, die Reiher
Mist, aufgescheucht!
Sie schrauben sich höher…
…und höher…
…und höher.
Numida meleagris
Sieht mich denn keiner?
Mahaliweber-Nester
Mistelbeeren
Ipomoea sp.
Barleria senensis
Zauberhafte Lichtung
Aerva leucura
Leucosphera bainesii
Eriocephalus luederitzianus
Aufmerksame Löwendame
Bewacherinnen des Sterbenden
Die Reifenspuren…
Besuch hinter der Autoreling
Braune Gottesanbeterin
Grüne Gottesanbeterin
Bunte Ameisenjungfer
Ameisenjungfer
Nachtaktive Spinne

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