27. Oktober 2018, Besuch des Rova, Shopping-Tour auf dem Digue Market

Rova, Andafiavaratra, Digue – touristische Zauberwörter …

Unser letzter Tag bricht an! Wir stehen früh auf, um in aller Ruhe frühstücken zu können, bevor wir zu unserer heutigen Tour starten, die diesmal in allen Belangen einem ausgewachsenem Touri-Programm entspricht. Zuerst eine kleine Stadtrundfahrt hinauf zum Königspalast, den wir ja nun schon mehrfach aus der Ferne gesehen haben, dann folgt dessen Besichtigung, danach ein Besuch im Palast des Ministerpräsidenten und zum krönenden Abschluss – oje, oje – eine Shopping-Visite auf dem Digue Market, Madagaskars größtem Souvenir- und Kunsthandwerker-Markt mit Hunderten von Händlern. Doch bevor wir shoppen gehen dürfen, steht erst mal Geschichte auf dem Plan und ich, die ich historisch nicht so wahnsinnig interessiert bin, blicke diesem Ereignis mit leichtem Schaudern entgegen. Einen abgebrannten Palast zu begutachten und mir anzuhören, was man hätte sehen können, hätte das Feuer nicht gewütet, ist mir eigentlich ein bisschen zu viel des trockenen Stoffs und auch ein bisschen zu viel des Konjunktivs. Aber gut, wir werden sehen.

Touristenprogramm ab!

Pünktlich holen uns Fitah und Aina vom Hotel ab und wir stürzen uns in das erste Abenteuer, die „Kleine Stadtrundfahrt“. Und es ist wahrlich abenteuerlich, denn der Palast steht so ziemlich in der Mitte der Stadt und noch dazu auf deren zweithöchsten Erhebung. Das wiederum bedeutet nicht nur viel Verkehr und enge Gassen, sondern fürchterlich viel Verkehr in tierisch steilen, sehr engen Gassen! Oh mein Gott, müsste ich hier selbst fahren, ich würde das Auto wahrscheinlich schon nach ein paar hundert Metern stehen lassen und mir heulend ein Taxi rufen! Aber ich muss ja nicht fahren und Aina ist, im Gegensatz zu mir, solchen Verkehr und derartige Steigungen gewöhnt – hier lernt man übrigens, nur so am Rande bemerkt, das Anfahren am Berg in aller Gründlichkeit… Doch Aina macht seinen Job ganz sicher und gelassen und so können wir als Passagiere uns aufs Schauen und Beobachten konzentrieren – eine sehr lohnende Angelegenheit! Und da es nur im Stop-and-Go vorangeht, ist sogar die nötige Zeit, sich in die eine oder andere Szene zu vertiefen, in Hülle und Fülle vorhanden.

Geheimisvolle Welt der Altstadt – mit Wermutstropfen

Und so entdecken wir winzige, geheimnisvolle Uralt-Läden, ebenso winzige, aber hochmoderne und stark frequentierte Schönheitssalons, wo sich am heutigen Samstag Bräute in vollem Ornat die Klinke in die Hand geben, wir sehen zahlreiche Citroën 2CV, die hier als Taxen sehr beliebt sind und sich blechern tuckernd und schnaufend die steilen Straßen nach oben quälen. Wir wundern uns über gerade mal drei Meter breite Wohnhäuser, in denen die Hälfte der Wohnfläche wohl von Treppen eingenommen wird und deren Haustür hangaufwärts im zweiten oder dritten Stock liegt, während das Erdgeschoss, hangabwärts und auf tiefstem Tiefgaragenniveau gelegen, nicht mehr als 2 Quadratmeter messen kann. Was, um Himmels willen, macht man hier, wenn man alt ist und Knie und Hüfte nicht mehr mitspielen? Ich mag es mir nicht näher ausmalen!

Vereinzelt sieht man aber auch wunderschöne, großzügige Villen mit hübschen Dachterrassen, Balkonen und gepflegten Gärten, von denen aus die Sicht über die Stadt grandios sein muss. Doch in all diesen malerisch verwinkelten Gassen gibt es auch etwas, was das pittoreske Stadtstillleben erheblich trübt – und das ist mal wieder der Müll. Wir fragen deshalb Fitah, wie sich das hier so gestaltet mit der Müllentsorgung. Er erzählt uns, dass es durchaus eine Müllabfuhr gäbe, die auch regelmäßig komme und die Container auswechsle. Ein System mit Mülltonnen, die zu einem einzelnen Haus gehören, würde hingegen nicht existieren. Wir staunen, denn das Bild, das sich uns darbietet, ist ein völlig anderes. Zwar sehen wir immer wieder riesige Müllcontainer – es ist allein schon ein Rätsel, wie diese in die engen Gassen gelangt sind -, doch sie sind teilweise völlig verrostet und nicht mehr zum Abtransport geeignet. Zudem scheinen sich Menschen in dem einen oder anderen Container ein notdürftiges Zuhause eingerichtet zu haben.

Ja, wirklich, da wohnen Leute in den rostigen Blechmonstern, die immer noch mit komprimierten Abfall gefüllt sind! Eine über Eck gespannte Plane schützt sie notdürftig vor den schlimmsten Unbilden des Wetters, doch ansonsten ist das Ganze alles andere als wohnlich. Da liegt jemand auf altem, stinkendem Abfall, in das hinterste Eck eines Containers gedrückt – an sich schon ein Unding -, gleichzeitig aber wird von anderen Anrainern, die das Glück haben, ein festes Dach über dem Kopf zu besitzen, weiterhin Unrat in die transportunfähigen Container geworfen. Und das ist leider kein Einzelfall, vielmehr scheint es, zumindest in manchen Stadtvierteln, die Regel zu sein.

Der krasse Gegensätze von arm und reich, von Wohlstand und Elend wird hier, in der Innenstadt mit ihrem langsamen Verkehr und der drangvollen Enge noch viel deutlicher als in anderen Stadtvierteln, die flacher gelegen sind und die man in der Regel nur von breiten Hauptverkehrsstraßen aus zu Gesicht bekommt. Eine bestürzende Erfahrung und richtig schwere Kost für einen verwöhnten Mitteleuropäer! Selbst für uns, die wir in anderen Ländern dieser Erde schon einiges Vergleichbares gesehen haben…

Rundgang bei Königs

Diese Fahrt voller Kontraste findet ein Ende, als wir schließlich, nach fast zwei Stunden des Gezockels durch die Gassen der Altstadt, einen kleinen Parkplatz vor dem Gelände des Königspalastes erreichen. Aina quetscht sich, nachdem er uns hat aussteigen lassen, in eine der wenigen, für unser Auto geeignete Parklücken, dann stapfen wir los und nehmen die letzten Meter bis zum Eingangsportal zu Fuß im Angriff: ein Rundbogen, flankiert von vier Säulen, auf dem ein Bronze-Adler von beachtlichen Ausmaßen thront. Heinz und ich schicken uns sogleich an, durch das Tor zu stürmen, werden aber von Fitah zurückgehalten. „Stopp, wir müssen erst Eintritt bezahlen und uns einen Führer zuteilen lassen!“ Na ja, eigentlich klar, dass man so eine Anlage nicht einfach kosten- und führerlos betreten darf. Folgsam warten wir also, bis die Bezahlung erledigt und ein Guide gefunden ist. Und letzterer begrüßt uns dann tatsächlich freudig strahlend auf deutsch! Sein Name sei Alfred, er sei unser Führer, wisse alles über den Königspalast, spreche 10 Sprachen, die Führung aber mache er lieber auf Englisch.

So, so! Auf jeden Fall ist er sympathisch, scheint ein lustiges Kerlchen zu sein und legt auch gleich los, uns alles zu erklären. „Das Portal wurde 1845 erbaut, der Adler aus Bronze ist eine Gabe des Franzosen Laborde, wird auf Malagasy „voromahery“ genannt und ist ein Symbol für militärische Macht. Fragen?“ Bevor wir auch nur den Mund aufmachen können, saust Alfred schon durch den Rundbogen, trabt über den Hof, dessen Boden aus einem Flickwerk von einer Art grobem Kopfsteinpflaster und Teer besteht – und textet munter weiter. „Nun sind wir auf dem Gelände des ehemaligen Königspalasts. Der erste Palast entstand 1610, es wurde aber noch einiges hinzugebaut und wieder abgerissen und das Areal ständig erweitert. Heute ist es zirka 13000 Quadratmeter groß. Fragen?“ Er galoppiert weiter, vorbei an einigen, in einer Reihe stehenden Hüttchen, die wie kleine Garten- oder Ferienhäuschen aussehen. „Hier die Grabstätten der königlichen Herrscher und ihrer Familienmitglieder. In den größeren sind die Könige bestattet, in den kleineren deren Ehefrauen, wie es sich gehört. Fragen?“ „Der Rova steht auf der zweithöchsten Erhebung der Stadt, dem Analamanga, in 1462 m Höhe. Warum die zweithöchste Erhebung? Damals konnten die Leute noch nicht so präzise messen und haben deshalb einen Fehler gemacht, sonst wäre der Palast sicher auf dem höchsten Hügel erbaut worden. Aber man hat auch von hier einen tollen Blick über die Stadt. Wollt ihr sehen?“ Und schon stehen wir an einer taillenhohen, steinernen Begrenzungsmauer, die senkrecht nach unten abfällt, von wo aus man aber tatsächlich eine fantastische Sicht über einen Teil Tanas hat. Und wir endlich die Gelegenheit haben, ein paar Fragen loszuwerden.

Alfred beantwortet auch alle getreulich und ausführlich – wobei ich meine Hand nicht dafür ins Feuer legen möchte, dass es inhaltlich immer so ganz hundertprozentig korrekt ist. Unser Guide scheint nämlich sehr viel Wert auf einen gewissen Wortwitz zu legen, dem zuliebe, so habe ich zumindest den Eindruck, die ein oder andere Tatsache geopfert oder in seinem Sinne ausgelegt wird. Doch das ist uns relativ egal, denn auf diese Weise verbringen wir immerhin zwei recht unterhaltsame Stunden auf dem Gelände des Rova, kriechen in diesen und jenen Winkel und betreten das ein oder andere Gebäude („Immer mit dem rechten Fuß zuerst und rückwärts wieder raus auch mit dem rechten Fuß zuerst!“). Die Zeit vergeht wie im Flug, sogar für mich, die ich ja, wie bereits erwähnt, nicht die passionierteste Historikerin bin.

Reste von Macht, Pracht und Reichtum

Dann sind wir durch, haben alles ausgiebig besichtigt, auch die Herzstücke des Areals, Fionganana, die Kirche und Manjakamiadana, den Palast, den wir ja mehrfach von unten schon auf dem Hügel hatten thronen sehen. Leider aber kann man diese Gebäude nicht von innen besichtigen, denn 1995 wütete hier ein Feuer, das fast alle Bauten des Rova dem Erdboden gleich machte. Was noch übrig geblieben war, wurde in den folgenden 15 Jahren aufwändig saniert, der Rest so gut wie möglich rekonstruiert, doch noch immer ist nicht alles komplett wiederhergestellt und kann folglich auch nicht betreten werden.

Der Brand, von dem man übrigens bis heute nicht weiß, ob es ein Unfall war oder ob sich ein politisch motivierter Feuerteufel zu schaffen gemacht hatte, verhinderte außerdem die Erhebung des Rova in den Stand eines UNESCO-Weltkulturerbes. Diese Anerkennung nämlich sollte dem Rova kurz vor Ausbruch des Feuers zuteil werden, doch natürlich konnte die Ehrung angesichts der zu Asche gewordenen Prachtbauten nicht mehr erfolgen – und wurde auch bis heute nicht nachgeholt.

Ein Brand mit verheerenden Folgen also, der Materielles und Immaterielles gleichermaßen vernichtete. Die wenigen Wertgegenstände, die dem Inferno doch unversehrt entrissen werden konnten, befinden sich heute in einem kleinen Museum im Palast des Ministerpräsidenten, gleich schräg gegenüber des Rova – und dieses ist nun unser nächstes Ziel. Andafiavaratra, so wird der Präsidenten-Palast genannt, ist ein auf den ersten Blick gepflegtes Gebäude mit historischem Charme, aber bereits der zweite Blick offenbart, dass die Substanz an allen Ecken und Enden doch recht angegriffen ist. In einem Prunksaal in der Mitte des Palastes, der von einer wunderschönen Glaskuppel überspannt wird, stehen zum Beispiel diverse Plastikwannen, um den Holzboden vor durchsickerndem Himmelssegen zu bewahren.

Und wie das ganze Gebäude, so präsentieren sich auch die Exponate in vorwiegend desolatem Zustand. Zudem erfolgt die Präsentation der königlichen Pretiosen recht rustikal, ja, fast schon lieblos. Gemälde mit übertrieben glänzendem Firnis hängen schief und ohne erkennbaren thematischen Faden an den Wänden, Möbel, Schmuck und ein paar Insignien der vergangenen Macht wurden auf einige dunkle, muffig riechende Zimmer verteilt – wahrscheinlich regnet es hier nicht ganz so stark rein -, dafür aber lässt die dürftige Beschriftung uns als Besucher des Museums im Regen der Uninformiertheit stehen. Auch Alfred trägt wenig zu unserer Erhellung bei; er hat mittlerweile viel von seinem wortwitzigen Elan eingebüßt und zieht es vor, sich mit ein paar gelangweilten Museumswärtern zu unterhalten. Und auch wir verspüren allmählich ein sich ausbreitendes Desinteresse, besonders ich, deren Bedarf an Historie für heute mehr als gedeckt ist.

Darum sind wir auch ganz froh, als sich Alfred von seinen Kumpels losreißt und kundtut, dass wir nun alles gesehen hätten. Artig nicken wir, drücken jeder nochmal 10000 Ariary Eintrittsgeld ab (was die Sache definitiv nicht wert ist), entlohnen unseren spaßigen Guide mit einem angemessenen Trinkgeld und lösen dann unsere Geschichtsgruppe auf. Aina fährt den Wagen vor, – unser Auto wurde mittlerweile so zugeparkt, dass er nur noch mit Mühe einsteigen kann – und stürzen uns erneut ins Verkehrsgewühl. Hah, was freuen wir uns jetzt auf den Markt! Doch in den vergangenen drei Wochen haben wir genug gelernt, um zu wissen, dass vorher ganz sicher noch ein Lunch fällig ist. Und so ist es auch: Kaum sitzen wir alle im Wagen und sind die ersten Meter bergab gerollt, dreht sich Fitah zu uns um und verkündet, dass wir jetzt dann gleich ein schönes Restaurant besuchen würden, um dort unseren mittäglichen Hunger zu stillen. Heinz und ich haben auch genug gelernt, dass es absolut keinen Sinn hat, sich dagegen zu sträuben, denn dann, so fürchten wir, würden unsere Jungs in eine Art Hungerkoma fallen – und wir brauchen sie doch noch!

Unvermeidlich – der Lunch

Also lassen wir uns widerstandslos zu besagtem Restaurant chauffieren und sind schon gespannt, was uns dort wohl erwartet. Ob es wieder so eine Touristenbude ist wie in Miandrivazo? Das zu erfahren müssen wir uns allerdings noch ein wenig gedulden, denn der Verkehr ist nicht besser geworden, im Gegenteil. So quälen wir uns im Schritttempo hügelabwärts und haben mal wieder genügend Zeit, das Treiben auf der Straße zu beobachten. Diesmal jedoch fahren wir eine Route, die offenbar auf der anderen Seite des Rova-Hügels hinabführt – und deren Flanken besonders steil sind. Ach, du meine Güte, da stehen kleine, aus Brettern zusammengenagelte Läden, hinter denen geht es so steil bergab geht, dass die Shops mit gar abenteuerlichen Konstruktionen stabilisiert und vor dem Absturz bewahrt werden müssen. Puh, wenn diese krummen und schiefen Stützen nicht halten, dann stürzt der Verkäufer samt Bude und Ware ungebremst mindestens zehn Meter in den Abgrund, wo er dann entweder von weiteren Bretterbuden gestoppt wird, oder aber diese weiter mit sich reißt. Und auch die gemauerten Häuser stehen irgendwie, zumindest für meinen Geschmack, verdammt nah am Abgrund. Doch es sind richtig alte Gebäude dabei – also scheinen die eigenwilligen Sicherungsmethoden durchaus erfolgreich zu sein.

Trotzdem, so muss ich ganz ehrlich sagen, wäre mir nicht wohl, in solch einem Haus zu wohnen, in solch einem Shop zu arbeiten. Überhaupt wollte ich in Tana nicht leben, denn es ist eine seltsame Stadt – wenigstens empfinde ich das so. Tana ist nicht mit anderen afrikanischen Großstädten zu vergleichen, doch was genau anders ist, kann ich nicht wirklich in Worte fassen. Die Stadt präsentiert sich als brodelnder Moloch, sie ist laut, schmutzig und scheint aus einer einzigen Blechlawine zu bestehen. Arm und reich, bettelarm und wohlhabend liegen extrem nah beisammen, doch niemand nimmt Notiz von den Verlierern der Gesellschaft, man geht einfach an ihnen vorüber, als würden sie gar nicht existieren. Diese Beschreibung würde allerdings auch auf Lusaka, Kampala oder Dar es Salaam passen. Es muss also etwas anderes sein, etwas, das sich vielleicht am besten als Flair beschreiben lässt – also der Odem, den diese Stadt ausatmet. Ein Flair, das mich nicht mit freundlicher Wärme umfangen hält, sondern eher abstößt.

Doch apropos Flair: Aina wird gerade ein bisschen hektisch, was eigentlich so gar nicht zu ihm passt. Schnell erfahren den Grund dafür. Das Restaurant ist erreicht, doch die Sache mit dem Parkplatz gestaltet sich schwierig. Heinz und ich sehen uns bedeutungsvoll an: Hier soll das als schön angekündigte Restaurant sein? Wir blicken uns um, können aber nur heruntergekommene Fassaden entdecken, höhere Gebäude, die ihre besten Zeiten hinter sich haben, dazwischen kleinere Häuschen, die noch nie gute Zeiten gesehen zu haben scheinen. Und wir befinden uns an einer Art Kreisverkehr, in dessen Mitte ganz traurig ein blühender Jakaranda-Baum steht, um den sich ein aberwitziger Verkehr ringelt. Und hier soll ein schönes Restaurant sein, klar! Nun ja, Fitah wird’s hoffentlich schon wissen. Endlich erspäht Aina so etwas wie einen Parkplatz, den er sich sofort einverleibt – ein normaler Pkw zieht dabei den Kürzeren und reiht sich empört hupend erneut in den Kreisverkehr ein, um sein Glück nach weiteren vergeblichen Runden zu versuchen.

Wir hingegen schlängeln uns aus dem Auto und entern ein hohes, ehemals weißes Gebäude, hinter dessen nicht mehr ganz taufrischer Tür sich eine unerwartete Welt auftut. Man kann das Restaurant nicht nobel nennen, das nicht, aber es kommt um vieles gepflegter rüber, als der alte Kasten, hinter dessen Mauern es sich verbirgt, vermuten ließ. Erstaunt und positiv überrascht lassen wir uns an einem Tisch direkt am Fenster nieder, von wo aus wir gute Sicht auf die Stadt haben und vertiefen uns in die Speisekarte. Diese wiederum bietet eine reichhaltige Palette lokaler und internationaler Küche, was uns ebenfalls erstaunt, aber die Wahl nicht gerade erleichtert. Nur unsere Jungs wissen natürlich mal wieder sofort, was auf dem Teller kommen soll – Reis, Reis, Reis, was sonst…

Zufrieden schaufeln sie ihr Essen in sich rein, während Heinz und ich unsererseits unseren nur schwach ausgeprägten Hunger mit einer etwas weniger reislastigen Kleinigkeit stillen. Danach besuchen wir alle die Toilette, um uns frisch zu machen und, vor allen Dingen, um die Blase zu leeren, damit wir für den nun anstehenden Besuch auf dem Digue Market optimal gerüstet sind. Bestens präpariert verlassen wir also das ansprechende Restaurant, quetschen uns wieder in den Wagen und bringen die letzten Kilometer zum größten Kunsthandwerkermarkt des Landes hinter uns, auf den wir uns den ganzen Tag schon gefreut hatten.

Endlich ist Oje-Zeit!

Wir sind da! Gespannt hopsen Heinz und ich aus dem Auto, lassen unsere Tagesrucksäcke bei Aina, der uns auf dieser Shopping-Tour nicht begleiten wird, zurück und ziehen dann los. Boah – der Reiseführer und Fitah haben nicht übertrieben, was die Größe des Marktes anbelangt! Soweit das Auge reicht ziehen sich hölzerne Hüttchen, eines nach dem anderen, über einen Kilometer am Ufer des Flusses Ikopa dahin, zuerst auf beiden Seiten einer staubigen, mit Schlaglöchern übersäten Straße, danach nur noch auf einer. Und fast sind wir froh um diese Tatsache, denn bereits auf den ersten Metern ist zu erkennen, dass dies ein anstrengender Beutezug werden wird. Erstens, weil das Angebot extrem reichhaltig ist – alles, was die Insel an Kunsthandwerk zu bieten hat, reiht sich hier lückenlos in vollgestopften Verkaufsbuden aneinander und macht eine Auswahl nicht gerade leicht. Zweitens, und das verspricht am anstrengendsten zu werden, zeigen die Verkäufer wenig von der sonstigen, den Madagassen eigenen Zurückhaltung. Begeistert versuchen sie uns mit lauten Zurufen in ihre Läden zu locken, sobald wir in greifbare Nähe kommen. Dank der schnurgeraden Reihe von Shops und einer erstaunlich geringen Anzahl anderer Besucher sind wir zudem schon von weitem hervorragend zu sehen, sodass sich auch Händler, zu denen uns durchzukämpfen sicher noch eine Weile dauern wird, bereits jetzt im Position werfen. Heilig’s Blechle, das kann ja heiter werden!

Langsam tasten wir uns vorwärts, Shop für Shop, und versuchen, uns zunächst mal einen Überblick zu verschaffen, wobei ich mehrmals ein seufzendes, aber durchaus nicht unglückliches Oje von mir geben muss. Also wenn wir hier nicht fündig werden! Im Restaurant hatten wir sicherheitshalber nochmals unsere Finanzen überprüft und dabei festgestellt, dass uns immer noch rund eine Million Ariary, etwa 250 Euro, zur Verfügung stehen. Eine stolze Summe, von der wir nur die Essenskosten im Hotel und das Trinkgeld für unsere Jungs abziehen müssen, den Rest können wir sinnlos verprassen! Ein Vorhaben, dessen sind wir uns sicher, das hier ohne jeden Zweifel gelingen wird. In diesem Wissen arbeiten wir uns also voran, wehren höflich, aber bestimmt die auf uns einstürmen Händler ab, und machen uns geistige Notizen, welche Stände wir auf dem Rückweg genauer unter die Lupe nehmen müssen. Oje, oje, das wird harte Arbeit!

Über zwei Stunden brauchen wir, um die Lage gründlich zu sondieren, und das, obwohl wir einen Großteil des angebotenen Sortiments von vornherein ausschließen können. An Papierwaren, Modellautos, Bildern und Edelsteinen sind wir nicht interessiert, ebensowenig an großen, übermäßig schweren Stücken jedweder Art, erst recht nicht an illegalen Dingen wie Pflanzen oder ausgestopften Tieren, die es hier auch in relativ großer Anzahl gibt. Und auch allzu geleckt polierte Holzschnitzereien kommen uns nicht in die Tasche! Trotzdem bleiben summa summarum etwa 10 Shops, denen wir uns nun, da wir am Ende des Marktes angelangt sind, für eine nähere Inspektion zuwenden. Wir drehen also um, stapfen in die andere Richtung zurück und schreiten zur Tat. Nach zähem Handeln und Feilschen, was hier durchaus erwünscht ist und erwartet wird, gehen die ersten Souvenirs in unserem Besitz über. Nicht ganz so günstig wie in den vergangenen Wochen, aber immer noch zu Spottpreisen, verglichen mit anderen afrikanischen Märkten. Witzigster Gegenstand, beziehungsweise die erheiterndste Diskussion zu dessen Erwerb, ist ein kleiner geschnitzter Holz-Dodo. Wir betreten zur Begeisterung des Händlers einen Laden, ich nehme den Dodo ins Visier. „Ah!“, sagt der strahlende Verkäufer. „Gute Wahl, Madame, gute Wahl! Das ist ein madagassischer Vogel!“ Ich sehe ihn grinsend an, schüttle leicht den Kopf und sage: „Das ist ein Dodo.“ „Ah, Sie kennen den Dodo? Okay, das ist kein madagassischer Vogel…“ Sofort sinkt der Preis, denn welcher Tourist will schon ein Souvenir, das gar nichts mit Madagaskar zu tun hat. Na ja, ich, aber das muss ich ja dem etwas betreten wirkenden Shop-Inhaber nun wirklich nicht direkt auf die Nase binden.

So erreichen wir eine ganze Weile später und um einige Andenken reicher wieder unseren Startpunkt, wo Aina schon auf uns wartet. Unsere Jungs wirken erleichtert, dass unser Shopping-Marathon nun beendet zu sein scheint, doch den Gefallen können wir ihnen leider nicht tun: Heinz hatte nämlich, ungefähr in der Mitte der Einkaufsstraße, einen Laden mit besonders schönen Schnitzereien entdeckt, sich aber nicht gleich entscheiden können, tatsächlich etwas zu erwerben. Jetzt aber, da wir wieder am Auto angelangt sind und quasi die allerletzte Chance besteht, doch noch eine Maske zu kaufen, hat er sich eines anderen besonnen. „Ich glaube, wir müssen noch mal zurück…“ Fitah, so vermeine ich zu sehen, verdreht die Augen, Aina hingegen zuckt nur lakonisch die Schultern – und wir wandern erneut an den Buden entlang, zu dem Laden mit den schönen Masken. Doch was ist das? Einige Shops haben mittlerweile ihre Türen schon verrammelt, bei anderen wird gerade die ausgestellte Ware ins Innere geräumt. „Der Markt schließt um 17 Uhr!“, sagt Fitah erklärend, mit einem vielsagenden Blick auf seine Armbanduhr. Oh wei, ja, es ist schon viertel vor fünf Uhr. Jetzt aber Beeilung!

Quasi in letzter Minute erreichen wir besagten Laden, dessen Besitzer ebenfalls schon beginnt, Kisten ins Shopinnere zu verbringen. Doch die Box mit den Masken, auf die Heinz es abgesehen hat, steht noch draußen, Gott sei Dank! Und jetzt geht alles ganz schnell. Heinz pickt sich zwei besonders urige Stücke heraus, es wird kurz, aber erfolgreich verhandelt und schon ist der Deal perfekt. Freude auf allen Seiten, auch bei Fitah, denn nun ist unser Beutezug wirklich beendet, wir können zum Hotel und unsere Jungs endlich ihren wohlverdienten Feierabend antreten.

Das wäre Ihr Preis gewesen …

Trotzdem dämmert es bereits, als wir im Résidence de Raphia ankommen, die Abholzeit für morgen ausmachen und uns dann für heute verabschieden. Erleichtert fahren Fitah und Aina von dannen, hinein in den dichten Verkehr Tanas, ihrem jeweiligen Wohnort und dem Feierabend entgegen. Während Heinz und ich, glücklich bestückt mit mehreren neuen Souvenirs, beschließen, unsere Packaktion auf später zu verschieben und erst mal unseren Erfolg zu begießen, beziehungsweise unseren Durst mit einem kühlen THB zu stillen. Gesagt, getan. Unsere Beute wandert aufs Zimmer und wir zurück auf die Terrasse, wo wir uns alsbald zuprosten und danach erschöpft alle Viere von uns strecken. Wir lassen gerade den Tag revue passieren, als uns ein Mann anspricht, der bereits seit geraumer Weile auf der Zugangstreppe zum Hotel sitzt und ganz offensichtlich unserem Gespräch gelauscht hat. Er heißt Felix, und ist, so stellt sich heraus, Teilnehmer der offiziellen Gruppentour, die wir, abgewandelt als Individualreise, gerade hinter uns gebracht haben. Felix reist allein, wird sich auf der Gruppenreise ein Zimmer mit einem anderen, ihm unbekannten Teilnehmer teilen müssen und hat so kurzfristig gebucht, dass er, wie er uns gesteht, eigentlich gar keine Zeit hatte, sich mit näheren Einzelheiten des Tourverlaufs auseinanderzusetzen. Und nun hat er natürlich jede Menge Fragen an uns, die wir ihm nach besten Wissen und Gewissen zu beantworten versuchen. Im Zuge dessen kommen wir vom Hölzchen aufs Stöckchen, entdecken allerlei gemeinsame Interessen, und bevor wir uns versehen, sind wir so in ein sehr anregendes Gespräch vertieft, dass wir völlig die Zeit vergessen – und auch, dass wir ja eigentlich noch ein letztes Mal hier zu Abend essen und anschließend packen wollten.

So kommt es, dass wir um halb zehn noch immer mit Felix auf der Terrasse sitzen, mittlerweile schon leicht angeheitert, und uns in Anekdoten vergangener Urlaube ergehen, als plötzlich ein Minibus vorfährt und eine Handvoll Touristen ausspuckt. Uih, das sind die anderen Teilnehmer der Gruppentour und sie wären unsere Mitreisenden gewesen, hätten wir uns nicht entschlossen, alleine reisen zu wollen. Aus diesem Grunde nehmen wir die gerade angekommene Truppe besonders genau unter die Lupe, und Felix, der ja tatsächlich mit diesem Menschen unterwegs sein wird, natürlich erst recht. Erst nach einer Weile der Beobachtung, in der wir uns jeder so seine eigenen Gedanken machen, geben wir uns zu als die zu erkennen, die die Gruppe verschmäht haben. Heinz und ich werden daraufhin mit Fragen bestürmt, während Felix die Gruppenmitglieder abschätzend in Augenschein nimmt und man sich anschließend vorsichtig beschnuppert. So, nun ist die Zeit für Heinz und mich gekommen, die Truppe allein zu lassen und uns um unsere eigenen Belange zu kümmern. Mit den besten Wünschen für eine gute Reise verabschieden wir uns und ziehen uns anschließend in unser Zimmer zurück, wo wir uns noch einen gewaltigen Schubs geben und den Großteil unserer Habseligkeiten im Reisegepäck verstauen, bevor wir ermattet ein letztes Mal auf madagassischem Boden ins Bett sinken und dem Tag unserer Abreise entgegenschlafen – nicht ganz unglücklich darüber, die Tour ohne Gruppe gebucht zu haben.

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