26. November 2009 – Rooiputs > Twee Rivieren > Garas Quivertree Camp, Keetmanshoop

Die Löwen, deren Gebrüll wir gestern Abend beim Einschlafen gehört hatten, sind uns nachts nicht besuchen gekommen, dafür aber sagt uns heute Morgen Jan Hallo. Er ist Südafrikaner und hat sich zu Forschungszwecken häuslich in Rooiputs eingerichtet. Bereits gestern stellte er sich uns kurz vor, hauptsächlich um uns vor den Löwen zu warnen: es seien zwei männliche Tiere, Brüder, schon recht betagt und einer der beiden sei verletzt. Das war gut zu wissen. Normalerweise ist ein nächtlicher Löwenbesuch zwar kein Problem, doch wenn ein Tier durch eine Verletzung geschwächt und hungrig ist, kann so eine Begegnung schon mal recht unangenehm werden. Aber Gott sei Dank ist dieser Fall ja nicht eingetreten.

Farbkontraste in der Kalahari
Farbkontraste in der Kalahari

Vor lauter Löwen und nettem Geplauder mit Jan hatte ich allerdings gestern Abend die Gelegenheit verpasst, diesen Vor-Ort-Fachmann nach unseren lachenden Freunden zu befragen, was ich jetzt nachhole. Er weiß sofort, was ich meine und wirft seinen Laptop an, um seine Erklärungen mit einem „Fahndungsfoto“ zu untermalen. Die mysteriösen Kichertiere sind Bellgeckos (Ptenopus garrulus; Barking Gecko), sehen ein bisschen aus wie eine in die Länge gezogene Kröte mit übergroßem Kopf und stumpeligem Schwanz und hausen in 30 bis 40 Zentimeter tiefen, spiralförmigen Bauten im Sand. Ihr schadenfrohes Gelächter dient der akustischen Sicherung ihrer zirka 1 Quadratmeter kleinen Territorien und natürlich der Becircung der holden Weiblichkeit. Auch uns haben die kleinen Reptilien, die sich einfach nicht zeigen wollten, damit erfolgreich betört und wir sind glücklich, nun endlich zu wissen, wessen „Hehehehe“ wir da verfallen sind.

Stundenlang könnten wir mit Jan noch Fachgespräche führen, aber die Zeit drängt; so also verabschieden wir uns, brechen das Lager ab und sind bald darauf abreisebereit. Kurzfristig packt mich die Wehmut, als wir von unserem Hügel herunter rollen, denn mit Verlassen dieser letzten „wilden“ Station, dem bevorstehenden Eintauchen in die Zivilisation, ist der Urlaub als solcher für mich, zumindest gefühlsmäßig, vorbei. Meine Freude also hält sich in Grenzen, zumal wir heute mal wieder richtig Strecke vor uns haben: knapp 400 Kilometer sind es bis Keetmanshoop, wo wir das Garas Quivertree Camp ansteuern wollen. Doch allein die Aussicht, dass Heinz in einigen Stunden vor unzähligen, leibhaftigen Köcherbäumen stehen wird, läßt meine leichte Trauer rasch verfliegen. Bevor es aber so weit ist, müssen wir erst mal Meilen schrubben und das machen wir extrem bravourös – indem wir uns dummerweise, aber freiwillig, gleich noch 85 Zusatzkilometer aufhalsen: am Fuße des Hügels müssten wir jetzt eigentlich links abbiegen, doch an der Abzweigung steht ein Gesperrt-Schild. Auch gestern Abend, als wir vom Nossob Highway nach Rooiputs abbogen, prangte dort ein ähnliches, das aber Rooiputs-Gästen die Durchfahrt ausdrücklich gestattete. Dieser Zusatz jedoch fehlt hier. Etwas verunsichert bleiben wir stehen, diskutieren, was wir tun sollen und entscheiden schließlich sicherheitshalber, die viel längere Strecke über Kij Kij und Auchterloni nach Twee Rivieren zu nehmen – völlig unnötigerweise, wie sich später herausstellen wird.

Aber es geschieht ja nichts, ohne nicht auch gute Seiten zu haben. Da wäre zum Beispiel das Löwenrudel, das unweit unseres Camps faul im Schatten liegt. Die Tiere sind relativ weit weg, aber immerhin… Kurz darauf sehen wir noch ein paar Erdmännchen, auch nicht wirklich in Streichelnähe, doch sie machen allerliebste Abschieds-Männchen, nur für uns. Bald danach erreichen wir Kij Kij, wo unsere Exklusiv-Straße wieder auf den Highway abzweigt und sehen dort erneut Löwen. Diese allerdings werden von derart vielen Autos belagert, dass wir uns gar nicht mehr die Mühe machen, anzuhalten. Kilometer um Kilometer kurven wir durch die roten Dünen, deren Farben sich permanent ändern. Mal scheinen sie orangerot, mal rostfarben, mal mehr, mal weniger intensiv – je nach Sonnenstand, Blickwinkel und Eisenoxidgehalt. Nur eines haben sie gemeinsam: sie lassen sich in ihrer ganzen Pracht fotografisch nicht wirklich zufriedenstellend einfangen, dazu sie sind einfach zu nahe vor unserer Nase. Dafür aber bieten sie prima Versteckmöglichkeiten für all die Tiere, die hier zuhause sind. Bis auf ein paar Tele-Oryxe, Gnus, Red Hartebeests und einen flüchtenden Sekretär nämlich bekommen wir kaum noch Wildlife zu Gesicht. Ein kleines Highlight immerhin ist die Boophane am Wegesrand, die zweite in diesem Urlaub. Im Gegensatz zu unserem Erstfund steht sie zwar nicht in Blüte, entzückt uns dafür aber mit einem makellosen, welligen Blattfächer. Ein wenig später, auf der Höhe von Auchterloni, ragt ein steiler Sandwall zu unserer Rechten auf, aus dessen Flanken etwas leuchtet, was Heinz in Erregung versetzt; er hat einen tausendprozentigen Blick für sukkulente Gewächse und die über den ganzen Hang verstreuten Blütennester der Wüstenrosen (Adenium oleifolium; Desert Rose) sofort erspäht. Wir stoppen und schwärmen aus, unter völliger Missachtung des Aussteigeverbotes – doch das müssen wir uns aus der Nähe ansehen. Zu Dutzenden blühen die zierlichen Pflanzen hier und jedes der Büschel aus zartgrünen, lanzettförmigen Blättern trägt Blüten in einem anderen Farbton – von Weiß über Zartrosé bis hin zu Tiefpink. Heinz, und nicht nur er, ist begeistert, seine Wangen glühen mit den dunkelsten der Blüten um die Wette. Ausgiebig bewundern und genießen wir die Pracht, bevor wir unentdeckt und ungetadelt wieder in die Autos steigen.

Bereits ein, zwei Kilometer weiter entdecken wir den noch recht frischen Kadaver einer Oryx, der verlassen und aufgebläht in der Vormittagssonne liegt. Das wiederum erweckt Jochens und Annettes Jagdtrieb, doch unsere Suche nach dem Jäger, die uns auf einen steilen Felsenkamm nach links lenkt, direkt hinauf zum Auchterloni-Steinhüttchen, führt zu keinem Ergebnis. Wir geben bald auf und schlagen uns, ohne weitere Ereignisse, die letzten 40 Kilometer durch die Dünen, bis wir schließlich in Twee Rivieren ankommen. Dieses durchorganisierte Riesencamp ist ein Albtraum, es wirkt steril, unpersönlich und alles hat hier seinen quadratisch-praktischen Platz: die Tankstelle, die reihenhausähnlichen Bungalowanlagen, die Schattendächer auf dem zentralen Parkplatz, der Pool, der Shop. Ein Ort, der mir Gänsehaut verursacht, für andere aber wohl eher eine Art gepflegter Wohnstätte inmitten der gefährlichen Natur darstellt, für manche vielleicht sogar das ultimative Abenteuer. Trotz des Gruselfaktors, den das Camp für mich und meine Reisegenossen hat – wir müssen hier ein paar Vorräte auffüllen. Und das geht wunderbar: der Shop ist wohlsortiert und bietet alles, was das Herz begehrt – sogar Briefmarken. Mit rautenförmigen Glitzer-Stamps formvollendet und geschmackvoll frankiert, können wir nun endlich unsere in Maun gekauften und in der Zentralkalahari geschriebenen Postkarten der örtlichen Mailbox anvertrauen, in der Hoffnung, sie alle mögen ihren Zielort erreichen.

Neu bestückt mit diversen Leckereien und post-erleichtert verlassen wir das Camp Richtung Grenzstation, wobei wir die Abzweigung hinauf nach Rooiputs passieren. Das dort im Sand steckende Schild führt uns die Unnötigkeit unseres 85-Kilometer-Umwegs schwarz auf weiß vor Augen – als Rooiputs-Gäste hätten wir völlig legal die kürzere Strecke befahren dürfen… Doch was soll’s, es bringt nichts, sich zu zürnen, wenngleich uns der Umweg wertvolle Zeit gekostet hat, die uns heute Abend ärgerlicherweise fehlen wird. Dessen sind wir uns jetzt aber noch nicht bewusst und steuern deshalb ungetrübter Laune das Grenzgebäude an, das extrem neu aussieht. Polierte Steinstufen führen uns direkt ins geräumige Herz dieses klimatisierten Formalitäten-Tempels, in dessen Heiligen Hallen den wartenden Touristen ein Flatscreen mit Naturfilmen zu unterhalten versucht. Doch außer uns ist hier niemand und warten müssen wir auch nicht, nur ein kleines Formular ausfüllen, nach dessen Begutachtung der botswanische Grenzbeamte ohne zu zögern einen Ausreisestempel in unseren Pässen platziert. Eine 180-Grad-Wende und 10 Schritte bringen uns zum gegenüberliegenden Südafrika-Desk, wo wir nach Angabe unseres Auto-Kennzeichens ebenso problemlos die Einreisegenehmigungen erhalten. Das ging ja mal schnell! Ein gestrenger Officer wirft noch einen kurzen Blick in das Innere unserer Autos, bemängelt meine stattliche Adlerfeder, die ich auf dem Wilderness Trail aufgesammelt hatte und befiehlt mir, sie hier zu lassen. Bevor ich auch nur „Ja“ sagen kann, hat er sich schon wieder umgedreht und ist verschwunden. So also bleibt sie, wo sie ist und samt der illegalen Feder passieren wir das Grenztor, das sich quietschfrei hinter uns schließt.

Ein paar Meter noch ruckeln wir über Gravel, dann haben wir allerfeinsten Teer unter den Reifen. Die nächsten 160 Kilometer sind somit zwar holperfrei, aber auch recht eintönig, nur ab und zu lockern rote Dünen das Bild auf. Zur Entschädigung kommen wir schnell voran und erreichen nach knapp zwei Stunden den nächsten Grenzposten – Rietfontein. Mit einem Piep des Scanners werden wir anstandslos aus Südafrika entlassen und entern alsbald das benachbarte namibische Grenzgebäude. Hier ist nix mit Piep und Scanner, hier wird noch per Hand gearbeitet. Allerdings bringen die namibischen Grenzer zuerst in aller Ruhe ihre Partie Pool Billard zu Ende, bevor sie sich endlich bequemen, uns einreisen zu lassen. So etwas wie „Dienstaufsichtsbeschwerde“ scheint man hier nicht zu kennen, zumindest nicht wegen einer mutwilligen Verzögerung von Amtshandlungen aus privaten, vergnügungstechnischen Gründen. Aber verständlich ist das durchaus, denn bis auf die paar abfertigungsgeilen Touris pro Tag tut sich hier offensichtlich sonst nicht viel – und irgendwie muss die Zeit ja rumgebracht werden. Wie leicht verschieben sich so beim Versuch, der tödlichen Langeweile zu entkommen, die Prioritäten – Rietfontein wirkt wie das klassische Epizentrum lebensbedrohlicher Monotonie, ein Ort in The Middle of Dusty Nowhere, ein Kaff, in dem ich nicht mal tot über dem Zaun hängen möchte.

Muss ich ja Gott sei Dank auch nicht, wir alle nicht. Was wir aber müssen und das unbedingt, um unsere Einreise perfekt zu machen – so instruieren uns die gelangweilten Beamten – ist die Tätigung des Erwerbs einer Bestätigung zum Nachweis der Bezahlung der namibischen Cross Boarder Charge, auch Road Tax genannt. Aha! Hier? Nein, wo denken wir denn hin!?! Dafür gibt es eine extra Außenstelle, die zur Entlastung unterbeschäftigter Bällchenbeweger der Abteilung „Immigration“ in einem 35 Kilometer entfernten Supermarkt/Restaurant(!) eingerichtet wurde. Alles klar! Delegieren, outsourcen, ressortspezifischer Workflow unter akribischer Vermeidung persönlicher Involvierung zum Wohle der eigenen Füße und Eier, die ja regelmäßig gekrault und geschaukelt werden wollen. Kommt mir irgendwie verdammt bekannt vor; hier amüsiert mich das, zuhause jedoch nicht im Mindesten…

Aroab übrigens heißt der Ort, in dem sich die genannte Außenstelle befindet, ein ebenfalls recht trostloses Kuhdorf, das wir über eine staubige Straße erreichen und sofort bei Ankunft von ebenso staubigen Jungs umringt werden. Annette, Jochen und Tommi verschwinden zu Behufe des Erwerbs besagter Bestätigung in den Tiefen eines heruntergekommenen Gebäudes, der Rest der Truppe hingegen ist inzwischen mit der Bewachung unseres Habs und Guts betraut. Wir haben zunächst alle Hände voll zu tun, diverse Wertgegenstände vor der Umeignung zu bewahren, doch die potentiell langfingerigen Knaben merken bald, dass uns ihre Tricks und Ablenkungsmanöver durchaus bekannt sind. Daraufhin verlegen sie sich auf verbale Geldmittelbeschaffung, indem sie uns allerlei Geschichten auftischen, die uns wohl so mitleidig stimmen sollen, dass wir freiwillig größere Spenden an den Mann, oder besser gesagt, an den Knaben bringen. Als auch das nicht funktioniert, kommt eine recht entspannte, interessante Unterhaltung zustande: Hansi, der Wortführer mit der Ed-Hardy-Strickmütze, berichtet uns vom öden Alltag in Aroab, über dessen Grenzen noch keiner der Jungs hinausgekommen ist. Sie alle sprechen Englisch, Afrikaans und mehrere einheimische Sprachen, klagt er, ihre Förderung in der Schule aber, die ohnehin schon minimal sei, hänge zudem noch von der Stammeszugehörigkeit der jeweiligen Lehrkraft ab. Er, der Namastämmige, hätte zum Beispiel derzeit einen Ovambo-Lehrer, der ihn und seine Stammesgenossen links liegen ließe und sich nur um die Ovambo-Schüler kümmere. Angesichts von lediglich sieben Pflichtschuljahren ist das echt bitter. Noch schlimmer aber ist, dass die Kinder nur unregelmäßig zur Schule gehen können, da sie zuhause eingespannt werden, was den Lehrer wiederum wenig kümmert, sofern es sich dabei um Nama-Schüler handelt. Und zuhause sei auch nicht alles eitel Sonnenschein, berichtet Hansi weiter und tippt sich dabei auf eine tiefe Narbe unterhalb seines Auges. Die hätte ihm seine angetrunkene Mutter beigebracht, als sie ihm für ein Vergehen seiner jüngeren Schwester kurzerhand eine Bierflasche überbriet. Ob all das nun hundertprozentig der Wahrheit entspricht, können wir nicht beurteilen, aber völlig frei erfunden ist es sicher auch nicht. So plaudern wir eine ganze Weile und die Buben freuen sich, dass wir zuhören, Fragen stellen und auch etwas von uns erzählen. Zum Abschied dann wünschen sich die drei Jungs ein Gemeinschaftsfoto und dass wir sie in guter Erinnerung behalten sollen; bescheidene Wünsche, verglichen mit den anfänglichen Forderungen…

Gegen halb vier verlassen wir Aroab, setzen unseren immer noch langen Weg fort, passieren eine Stunde darauf eine malerische Musterdüne, stoppen aber erst eine weitere halbe Stunde später, um eine Pinkelpause zu machen und uns die Beine zu vertreten. Auf einmal quiekt Patricia ganz aufgeregt: sie hatte gerade etwas im Fußraum der „Meerkat“ gesucht, als sich dort ein flinker Schatten bewegte und unter Svens Fototasche verschwand. Vorsichtig, man kann ja nie wissen, entfernt Jochen die Tasche – und zum Vorschein kommt ein Gecko, der uns erschreckt anstarrt. Uihuihuih, den kleinen blinden Passagier haben wir wohl unwissentlich, aber dennoch illegalerweise aus dem KTP „entfernt“; wenn das der gestrenge Grenzofficer wüßte! Jochen fängt das Tierchen mit einer leeren Crackerschachtel ein, in der es so lange bleiben muss, bis wir einen geeigneten Ort für seine Freilassung gefunden haben; hier, direkt neben der Straße wollen wir das Reptil nicht aussetzen. Nunmehr zu neunt, machen wir uns wieder auf den Weg; die Zeit läuft schneller, als unsere Autos das können. So ist es bereits halb sechs, als wir die ersten Köcherbäume zu Gesicht bekommen. Letzteres, aber auch die immer tiefer stehende Sonne, zaubern ein Leuchten in Heinz Gesicht.

Mein Blick hingegen wandert sorgenvoll zu den Zeigern meiner Armbanduhr, die sich unerbittlich voran bewegen. Die goldene Stunde, die schönste Lichtphase des Tages, hat bereits eingesetzt und wir sind noch nicht mal in Keetmanshoop, wo wir zu allem Überfluss schon wieder einkaufen müssen. Kurz nach 18 Uhr endlich kommen die ersten Häuser in Sicht und wir steuern eilig den nächstgelegenen, uns bekannten Supermarkt an, aber der hat gerade seine Pforten geschlossen. So also dringen wir weiter ins Zentrum der kleinen Wüstenstadt vor, haben dabei Gelegenheit, über die Straßen gespannte, weihnachtliche Leuchtdeko zu bewundern, bis wir schließlich doch noch einen Laden finden, im dem die benötigten Dinge erworben werden können. Annette und Jochen tätigen so rasch wie möglich den Einkauf, während wir draußen warten. Scheiße; ein paar Kilometer entfernt leuchten gerade die Köcherbäume im schönsten Abend-Foto-Licht und wir stehen hier doof herum. Die gefühlten Kohlen unter meinem Hintern glühen immer heißer und ich kann meine Ungeduld, gepaart mit Unmut, kaum noch zügeln, als Annette und Jochen schwer bepackt schon wieder aus dem Laden geflitzt kommen. Schnell stopfen wir das Zeug ins Auto, winden uns aus der Stadt und geben ordentlich Gas. 18.37 Uhr – der Zaun des Garas Quivertree Camps taucht links neben uns auf; 18.49 Uhr – wir durchfahren das Tor; 18.53 Uhr – wir sind endlich da! Jürg, ansonsten die Contenance in Person, verschwindet wortlos und eiligen Schrittes, umgeben von einer greifbaren Wolke hilflosen Zorns, auf der Stelle mit seiner Kamera im Gewirr der markanten Felsbrocken und Köcherbäume. Heinz hingegen nähert sich fast ungläubig der ersten Baum-Aloe – ihm ist das Licht ziemlich egal – umarmt deren Stamm und drückt völlig überwältigt sein Gesicht an die sonnenwarme Rinde. Dann taucht auch er, wie ferngesteuert und glücklich staunend, in den Aloenhain ab. Ich könnte heulen, heulen vor Wut, denn die goldene geht gerade abrupt in die blaue Stunde über und die Köcherbäume verlieren sekündlich an Plastizität – es ist doch unser einziger Abend hier! Aber die Chance ist leider vorbei. Resigniert krame ich meine Kamera aus dem Auto, schnappe mir ein Bier und gehe einfach los, hinein in die Dämmerung.

Je weiter ich mich von unserem Lager entferne, desto deutlicher merke ich, wie ich entspanne und mir wird mit einem Schlag bewußt, dass es nicht wirklich nur das verpasste Fotolicht ist, das mir so zusetzt. Vielmehr ist es die aus den Fugen geratene Gruppenbalance, die mich sein nunmehr zwei Wochen Schritt für Schritt, Tag für Tag, mehr aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Irgendwie erleichtert ob dieser Erkenntnis, die so banal ist, wie sie banaler nicht sein könnte, beginne ich mich gerade erneut zu ärgern. Über mich selbst, über meine Unfähigkeit, mich solchen Vibrations nicht so ohne weiteres entziehen zu können. In Gedanken versunken, stoße ich plötzlich beinahe mit Heinz zusammen und fühle mich fast wie ein Eindringling in seine spürbare Versunkenheit, Ergriffenheit, die ich deutlich in seinem Gesicht ablesen kann. Aber er nimmt mich einfach in seine Arme, umfängt mich mit seiner Freude und Gelassenheit und alles fühlt sich wieder gut an. Gemeinsam wandern wir zwischen den Felsblöcken umher, saugen die Abendstimmung in uns auf und werden zu guter Letzt doch noch belohnt: von einem grandiosen Sonnenuntergang mit glühenden Wolken, in die die Silhouetten der Köcherbäume wie Scherenschnitt hineinragen. Dann senkt sich ganz schnell völlige Dunkelheit über den Aloenwald und wir tasten uns zurück zum Lager.

Das Abendessen ist schon fast fertig, als wir tierischen Besuch bekommen: es ist ein großer Rottweilermischling, der uns da freundlich wedelnd begrüßt. Der Wächter des Camps geht von einem zum anderen, bis er schließlich bei Heinz hängenbleibt und ihm wohlig-vertrauensvoll seinen großen Kopf auf den Oberschenkel legt. Kurz darauf taucht ein rotgetigerter Kater auf und ich gehe im Geiste bereits in Deckung vor dem zu erwartenden Hund-und-Katz-Streit, aber das ist völlig unnötig. Liebevoll reibt sich die Mieze am Wauwau, wird von diesem ganzkörpertechnisch abgeschlabbert und nimmt dann Platz; natürlich ebenfalls neben Heinz, der heute seine Portion, genötigt von schmelzenden Blicken, mit unseren Gästen teilen darf. Dann, als kein Nachschub mehr zu erwarten ist, verkrümeln sich die beiden wieder, wir räumen das schmutzige Geschirr ins Auto und gönnen uns einen spülfreien Abend. So recht allerdings will keine Stimmung aufkommen, weshalb Heinz und ich uns ziemlich bald mit einem Bier in unsere vier „Wände“ zurückziehen. Bei offenem Zelteingang genießen wir den Blick auf den Nachthimmel, das Sternenzelt und die Schattenrisse der Köcherbäume. Morgen, so beschließen wir, wollen wir ganz früh aufstehen, noch vor Sonnenaufgang, um ja nichts vom Spiel des Lichts zu verpassen – und um gründlich Ausschau nach Aloen-Samen zu halten…

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