25. November 2009 – Nossob > Rooiputs

Ein weiterer Tag dämmert herauf und folgt einer ruhigen Nacht; auch die feierfreudigen Südafrikaner wurden offenbar recht früh, geschwächt durch reichlichen Fleisch- und Biergenuss, von der Bettschwere gepackt. Der schmalbrüstige Servant beseitigt heute Morgen bereits emsig die Überreste des gestrigen Braai-Gelages, von den Schwergewichten selbst hingegen ist noch nichts zu sehen. Auch wir lassen den Tag gemächlich angehen, denn die rund 160 Kilometer gegravelter Straße nach Rooiputs sind ein Klacks – so haben wir genug Zeit für ein gemütliches Frühstück und ein paar Einkäufe im campeigenen Shop. Der Laden ist recht spärlich sortiert und meine Hoffnungen, dort interessante Fachliteratur oder gar Briefmarken zu bekommen, erfüllen sich leider nicht. Immerhin aber können wir unsere Getränkevorräte wieder auffüllen und das angeschimmelte Restbrot durch frisches ersetzen. Dann verlassen wir das Camp voller Vorfreude auf eine weitere, letzte Nacht im zivilisatorischen Abseits. Die Strecke dorthin allerdings ist sehr zivilisiert: gut zwei Autos breit und in bestem Zustand schlängelt sie sich am Ufer des wasserlosen Nossob River entlang, mäandert auf der Grenzlinie zwischen Botswana und Südafrika hin und her. Vergangene Nacht übrigens haben wir auf südafrikanischem Staatsgebiet verbracht, mit Verlassen des Camps aber befindet sich wieder botswanischer Boden unter unseren Reifen und das alles ohne Grenzformalitäten – ein Vorteil des länderübergreifenden Nationalparks.

Links von uns, auf der östlichen Seite des trockenen Flussbettes, türmen sich die roten Dünen der Kalahari, leuchten um die Wette mit dem strahlenden Blau des Himmels und dem warmen Gelb des wogenden Grases, üppig belaubte Bäume setzen grüne Akzente im grandiosen Farbenspiel der Natur. Wir passieren das erste, künstlich angelegte Wasserloch, das ohne aus ihm trinkendes Leben wie ein leeres, spiegelndes Auge in der Morgensonne liegt. Dafür aber entdecken wir ein paar Kilometer weiter eine Löwenmama mit zwei noch blauäugigen Jungen, gut verborgen unter einem Busch direkt neben der Fahrbahn. Nun, entdecken ist zu viel gesagt, denn stünde dort nicht bereits ein anderes Fahrzeug, dessen Insassen angestrengt ins Gestrüpp starren, wären die 3 Katzen sicher unserer Aufmerksamkeit entgangen. Es ist eine tolle, recht unerwartete Sichtung, hier am Nossob Highway, sofern man in diesem Falle von sehen sprechen kann, denn der Busch deckt gnädig seine Zweiglein über das traute Mutterglück und egal, in welche Position wir unsere Autos manövrieren, mehr als ein paar blauer Äuglein, tapsiger Pfoten und Mamas Schwanzspitze bekommen wir nicht zu Gesicht. Wir lassen die drei Miezen in Ruhe und konzentrieren uns lieber auf die anderen Tiere, die immer wieder im Flussbett stehen. Kleine Oryxherden blicken wie festbetoniert zu uns herüber, ein paar Hartebeests galoppieren übermütig mit ihrem Nachwuchs durch den Sand und eine Straußengruppe schreitet würdevoll durch das Flimmern der Hitze. In einem Baum direkt neben der Straße sitzt ein Weißbürzel-Singhabicht (Melierax poliopterus, Pale Chanting Goshawk) im Jugendkleid und starrt mit seinen stechend gelben Augen in unsere besonnenbrillten, bevor er sich sicherheitshalber, aber sehr majestätisch, in die Lüfte erhebt.

Recht kurzweilig geht es so dahin, nur die zahlreichen Wasserlöcher auf der Strecke sind seltsamerweise fast allesamt wie ausgestorben. An einem aber, wir haben schon ganz schön Kilometer hinter uns gebracht, regt sich dann doch noch Leben. Regen – eigentlich das falsche Wort: im Schatten einer ausladenden Baumkrone räkeln sich drei faule Junglöwen, die vor lauter Müdigkeit nicht in der Lage sind, Schwereres als ein einzelnes Augenlid zu heben. Es ist schön, sie wie hingegossen dort liegen zu sehen, aneinander gekuschelt, ab und zu blinzelnd. Weiße Kinnhärchen stehen in die Luft, Schwanzspitzen klopfen sachte in den Staub und riesige Pfoten treteln wohlig-katzentypisch. Die Schläfrigkeit der Löwen allerdings ist irgendwie ansteckend; daran ändert auch der „Kraftakt“ eines der Tiere nicht viel, das sich auf einmal im Zeitlupentempo erhebt, ein paar Schritte tut, den Baumstamm halb umrundet, verschlafen dahinter hervorlugt und sich gleich darauf wieder fallen läßt. Bevor auch uns die Augen zufallen, fahren wir im grünen Landy lieber weiter, die „Meerkat“-Besatzung hingegen kann sich nicht losreißen und bleibt noch ein wenig.

Ein paar Wegbiegungen später erregt erneut etwas unsere Aufmerksamkeit: eine weitere Amaryllis-Art leuchtet aus dem roten Sand. Es ist eine Vlei-Lilie (Nerine laticoma), die uns da mit dem grellen Weiß ihrer Blüten blendet. Jedes einzelne Blütenblatt wird von einem pinken Mittelstrich geziert, aus der Mitte einer jeden Blume recken sich leicht gebogene, fragile Arme mit himbeerfarbenen Staubgefäßen und auf einem der zarten Blütengebilde sitzt, wie zur Dekoration, eine Raupe – knallgelb mit schwarzen Flecken und orangenem Köpfchen. Wir sind begeistert, nicht nur von der Schönheit der Pflanze und der Raupe, sondern auch, weil wir hiermit nun alle Amaryllisgewächse der Kalahari gesehen haben – fast alle, denn das kurzlebige „Aandblommetjie“ (Pancratium tenuifolium) fehlt uns noch; aber diese Pflanze blüht nur für wenige Tage direkt nach Regenfällen, die uns ja nun schon seit Tagen verschont haben.

Dieses – trotz „fehlender“ Amaryllis – geradezu sagenhafte Glück hat uns wohl eine Art rosaroter Brille aufgesetzt, denn die langsam über uns dahinziehenden Cumuluswolken scheinen mit einem Mal in leichtes Rosé getaucht. Doch nein, ein genauerer Blick zeigt, es ist keine von Fortuna geschickte Halluzination, keine Sinnestäuschung, sondern schlicht und einfach roter Sand, der von den Wolken transportiert wird. Und auch wenn die Ursache der Verfärbung eine natürliche ist, so sehen die zuckerwattigen Gebilde doch irgendwie künstlich aus. Wir stehen gerade am Fahrbahnrand im Schatten eines Baumes und sind in den Anblick der kitschigen Plastikwolken versunken, als die „Meerkat“ wieder zu uns aufschließt. Auch Patricia, Sven, Tommi und Jürg machten, als sie sich an den Löwen satt gesehen hatten, einen Fotostopp bei der Vleililie. Doch justament in dem Augenblick, als Jürg in altbekannter Manier flach auf dem Boden lag und die Pflanze macroskopierte, hielt ein Ranger neben den Vieren und erteilte ihnen einen gehörigen Rüffel: Aussteigen verboten! Ach ja, das hatten wir beinahe vergessen nach den ganzen Tagen in der Abgeschiedenheit der Kalahari – da sind wir aus dem Auto geklettert, wann immer wir wollten und kein Hahn krähte danach. Doch hier, in diesem von Touristen hochfrequentierten Gebiet, kann das teuer werden. Die Vier allerdings hatten Glück und kamen mit einer Verwarnung davon – und wir noch mehr, da uns niemand erwischt hat…

In Anbetracht dieser Sachlage beschließen wir, unseren Mittagssnack brav an einem offiziellen Picknick-Spot einzunehmen, wo wir legal aussteigen und uns frei bewegen dürfen. Melkvlei heißt der Ort unserer Wahl, der Platz gepflegten Beinevertretens und bietet jeglichen Komfort, den Mensch so braucht: mehrere Tische sowie Sitzgelegenheiten, geschlechtergetrennte Toiletten und klebriges, aber fließendes Wasser. Natürlich sind wir dort nicht allein, sondern teilen das gastliche Stückchen Erde mit mehreren Rastbedürftigen – und mit einigen Tieren, die derart an die Präsenz von Menschen gewöhnt sind, dass sie sich nicht im Geringsten an uns stören. Eine Fuchsmanguste wuselt zwischen den Tischbeinen hindurch, inspiziert den Unterboden unserer Autos, ein Heckensänger lauert mit keck aufgerichtetem Schwänzchen auf herabfallende Brösel und eine kleine Gruppe von Siedelwebern legt in einer Astgabel über uns den Grundstein für ein neues Gemeinschaftsnest. Heinz kann es kaum fassen, was sich da direkt vor seinen Augen tut: Ästchen für Ästchen, Halm für Halm tragen die kleinen Vögel herbei und verweben das Material zur Keimzelle einer neuen Kolonie. Heinz, der seit über 20 Jahren selbst exotische Vögel hält, ist völlig hingerissen – er hätte nie erwartet, einmal Zeuge eines so denkwürdigen Moments in freier Wildbahn zu werden. Das Leuchten will gar nicht mehr aus seinen Augen weichen und die erste Schildkröte, sein bisheriges Highlight, fällt zurück auf Platz 2, so gesteht er uns selig grinsend bei der Weiterfahrt. Wie immer, wenn er so begeistert ist, freue ich mich mit ihm und bin gleichzeitig mal wieder erstaunt, wie „anders“ er ist. Zum ersten Mal in Afrika, prasselte ein wahres Gewitter an Erlebnissen und Tiersichtungen in den letzten Wochen auf ihn herab, wurden von ihm zwar mit höchstem Interesse und Freude genossen, aber ausgerechnet ein paar unscheinbare, nestbauende Sperlingsvögel hauen ihn völlig aus den Latschen. Jeder andere wäre angesichts der Wildhunde, Löwen, Elefanten und Nilpferde völlig außer Rand und Band geraten, hätte die Nerven inmitten der Insektenscharen verloren, nicht jedoch Heinz. So hat eben jeder seine besonderen Vorlieben und Freuden – und MEIN persönliches Hightlight dieses Urlaubs, das steht fest, ist jeder einzelne Moment, den wir gemeinsam zubrachten und erlebten; eine sehr besondere und schöne Erfahrung für mich.

Mit diesen wohligen Empfindungen und Gedanken im Gepäck nähern wir uns allmählich unserem heutigen Übernachtungsort. Auf den letzten Kilometern vor Rooiputs reihen sich kleine Herden von Kuhantilopen, Gnus und Springböcken direkt neben der Fahrbahn, stehen Spalier, um uns in die letzte Nacht in relativer Abgeschiedenheit zu geleiten. Früh am Nachmittag kommen wir im Camp an, suchen unseren Platz und richten uns dort häuslich ein. Die Hitze ballt sich über uns, ebenso wie aufkeimende Gewitterwolken und wir ziehen uns bis zum Evening Drive in den wohltuenden Schatten unseres platzeigenen Holzdaches zurück, schlürfen kühle Getränke und blicken in die Runde. Der Ausblick ist grandios: von einem sanften Hügel herab sehen wir weit in die umliegenden Ebenen, der Horizont flirrt und wabert, helle Cumulusgebilde formieren sich zu finsteren Türmen, Blitze zucken, Regenbogen leuchten, dunkelgraue Wolken werfen in der Ferne ihre feuchte Last in fast greifbaren Sturzbächen ab. Wir genießen diese ständig wechselnden Wolkenformationen und Lichtverhältnisse, beobachten, wie wir von Gewittern eingekreist werden, hören, wie das Donnern immer näher kommt; das Ganze hat beinahe ein bisschen was von Endzeitstimmung, aber es ist wunderschön. Spätnachmittags dann brechen wir bei fast unwirklichem Licht zu einer kurzen Fahrt hinab zum Wasserloch auf, an dem gerade ein einsamer Schakal seinen Durst stillt. Ein Sekretär zieht am Himmel eine Runde, bevor er hinter der nächsten Düne zum Landeanflug ansetzt und hunderte von Kapturteltauben bevölkern Bäume und Boden rund um das Wasserloch. Der Schakal fühlt sich sichtlich von uns gestört, noch mehr aber wohl von den Tauben, die ständig in dichten Schwärmen um ihn herumflattern und sucht das Weite. Wir tun es ihm gleich und fahren wieder hinauf zum Camp, denn wir wollen auf keinen Fall den Sonnenuntergang verpassen, der sich da bereits mit leichtem Glühen am Horizont ankündigt.

Pünktlich zum Beginn des Color-Spektakels sitzen wir, mit einem Bier in der Hand, in unseren Stühlen bereit und genießen, was die Natur uns in den schönsten Farben darbietet – eine würdige Abschiedsveranstaltung für unseren letzten Wildnisabend! Und kaum ist die Sonne verschwunden, setzt auch das nun schon vertraute Gelächter unserer unsichtbaren und immer noch unbekannten Freunde wieder ein, die uns später, begleitet von Löwengebrüll, voller Inbrunst in den Schlaf kichern…

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