22. November 2009 – Ghanzi > Mabuasehube, Khiding Pan

Ganz früh kriechen wir heute aus den Zelten, denn es liegt eine weitere Monsterstrecke vor uns – rund 475 Kilometer – einen höllischen Sandritt von 140 Kilometern, für den wir vor 2 Jahren mehrere Stunden gebraucht hatten, inklusive. Ein bisschen unwohl ist mir bei dem Gedanken daran, denn ich befürchte, die anstrengende Fahrerei könnte die momentan geglättete Gesamtstimmung wieder zum Kippen bringen. Doch noch ist sie gut – wir frühstücken ausgiebig, gehen alle nochmal duschen und brechen dann das Lager ab. Heinz kniet gerade auf dem Autodach und schichtet Zelte in die Kiste, als er sich beim Umdrehen im Geäst eines Büffeldorns (Ziziphus mucronata) verheddert. Die Akazie wird nicht umsonst Wart-ein-bisschen-Baum genannt, denn ihre widerhakenartigen Dornen lassen ihr Opfer nicht mehr los. Egal, wie Heinz sich dreht und wendet, er hängt fest und nur ein paar helfende Hände können ihn aus der stacheligen Umarmung befreien. Als wir ihn unverletzt dem Griff des Büffeldorns entwunden haben und alles Equipment sicher verstaut ist, tanken wir noch Wasser in die Autos und schon geht es los. Zur Abwechslung steuert heute Annette den weißen Landy und Tommi fährt bequem als Beifahrer bei uns mit.

Die lange Strecke bis Kang, reine Teerstraße, ist ja eigentlich reicht eintönig, aber trotzdem gibt es immer wieder etwas zu entdecken. Am Straßenrand zum Beipiel blühen Erd-Burzeldorn und Astern, deren gelbe Blütenteppiche einen reizvollen Kontrast zum blauen, schäfchenwolkigen Himmel und dem üppigen Grün der Bäume bilden. In dieser Frühlingskulisse macht sich die Straußengruppe, die flugs die Straße überquert, besonders gut. Als wir den Wendekreis des Steinbocks passieren, halten wir kurz, obwohl die Umgebung nichts von der Besonderheit der Stelle widerspiegelt. Leider ist hier auch kein Rastplatz und erst recht kein Gebüsch, leider, denn schön langsam drücken unsere Blasen vom Morgentee. Also fahren wir ein Stück weiter, bis wir einen geeigneten Platz ausfindig machen, wo wir pinkeln und uns kurz die Beine vertreten, bevor wir nach einer Weile wieder in die Autos klettern. Jochen gibt Gas, fährt aber nach 10 Minuten erneut links ran, denn die „Meerkat“ ist nicht zu sehen – die Straße ist schnurgerade und man kann kilometerweit blicken – unser zweites Auto scheint weit zurück gefallen zu sein oder es ist gar nicht losgefahren. Wir warten einige Minuten und wollen gerade besorgt umkehren, um nach dem Rechten zu sehen, als die „Meerkat“ schließlich doch auftaucht. Na, dann ist ja alles gut, denken wir und geben wieder Stoff. Doch nicht alles ist gut, wie wir am nächsten Tag erfahren sollen: der Grund für die Verzögerung war ein heftiger Streit zwischen Annette und Patricia, der Anlass ein nichtiger, nämlich der defekte Dichtungsgummi an der rechten Hintertür der „Meerkat“. Der lose Gummi erschwert von Anbeginn der Tour das Schließen der Tür und darüber gerieten sich die beiden derart in die Haare, dass nun eisige Stimmung herrscht, eine Stimmung, die leider bis zum Ende des Urlaubs anhalten wird.

Noch wissen wir davon aber nichts und setzen wohlgemut unseren Weg fort. In Kang biegen wir rechts ab und befinden uns alsbald auf einer schmalen Teerstraße, die, obwohl gut in Schuss, in Bälde ausgedient haben wird – auch hier wird eifrig an einer neuen, parallel laufenden Straße gebaut. Wir finden das zwar etwas seltsam, ziehen aber durchaus unseren Vorteil aus dieser Tatsache. Dringend müssen wir noch unsere Brennholzvorräte aufstocken und wenn hier sowieso alles platt gemacht wird, können wir uns ja guten Gewissens den schönsten toten Baum aussuchen. Bald entdecken wir ein Prachtexemplar, dessen kahle, trockene Äste sich trotzig in den blauen Himmel recken. Unsere Männer werfen sich probehalber gegen den Stamm, der aber ebenso trotzig standhält. Hier muss schwere Technik ran, meint Jochen, fährt den grünen Landy näher, macht den Abschleppgurt an Baum und Auto fest und gibt vorsichtig Gas. Ächzend neigt sich der Baum, fällt mit lautem Geknacke und wird anschließend mit der Axt und roher körperlicher Gewalt in handliche Stücke zerteilt. Schwer beladen mit reichlich Brennholz für die nächsten Tage tuckern wir weiter. Nur wenige Kilometer später ist der nächste Stopp fällig; am rechten Fahrbahnrand liegt der aufgeblähte Kadaver einer Kuh und in den umliegenden Bäumen sitzen lauernd zahlreiche Geier. Sie sind vor unseren herannahenden Autos geflüchtet und wir hoffen, dass sie, wenn wir uns recht still verhalten, wieder zu dem toten Rind zurückkehren. Wir warten lange, aber die Aasfresser trauen sich einfach nicht mehr von ihren Aussichtsplätzen. Schade, ihr Feiglinge, aber wir müssen jetzt wirklich weiter.

Gen Mittag erreichen wir Hukuntsi, es ist Sonntag, das Kaff wirkt wie ausgestorben. Never ever hätten wir hier Batterien bekommen, auch nicht an der kleinen Tankstelle, an der wir jetzt unsere Tanks für die nächsten Tage randvoll machen. Während der Diesel behäbig in die Autos gluckert, erfreuen wir uns am Lokalkolorit: eine handgepinselte Kondomwerbung prangt an einer Hausmauer, zwei Damen genießen in ihren Plastikgartenstühlen den Schatten des Tankstellendachs, auf der gegenüberliegenden Straßenseite werben handgemalte Inschriften für eine „Auto-Waschanlage“ und eine „Reifen-Zentrale“. Kein Mensch würde in unserer perfekten Konsumwelt auf derart unprofessionelle, laienhafte Reklame ansprechen, doch hier ist – Gott sei Dank – noch alles ein bisschen anders. Das hat Charme, die vor uns liegende Strecke hingegen weniger.

Noch 10 geteerte Kilometer bis Lokgwabe, dann beginnt der Höllenritt, für den Jochen wieder das Steuer übernommen hat. Doch hallo, was ist hier los? Die ersten 11 Kilometer der ehemals tiefsandigen, kaum erkennbaren Zufahrt sind sauber gegravelt, danach wird es zwar sandig, doch es ist lange nicht so schlimm wie noch vor 2 Jahren. Damals frästen sich zwei tiefe, waschbrettige Spuren, getrennt durch einen meterhohen Mittelwall durch den roten Sand der Kalahari. Heute ist da nur noch eine Spur, die ohne große Rütteleien zu befahren ist und uns schnell vorankommen läßt. So schnell, dass wir bereits zwei Stunden später mehr als zwei Drittel der Sandstrecke hinter uns gebracht haben. Zeit für eine Pause! Trotz der recht entspannten Fahrerei tut es unendlich gut, die Beine zu strecken und sich ein wenig zu bewegen. Und es ist, wie immer, wenn wir mitten in der Botanik anhalten: man kommt aus den Entdeckungen gar nicht mehr heraus. Auch hier bedecken gelbe Blütenteppiche den Boden, doch – obwohl die Blüten auf den ersten Blick denen des Erd-Burzeldorns sehr ähnlich sind – handelt es sich in diesem Falle um Wüstenprimeln (Grielum humifusum; Desert Primrose). Wie der Burzeldorn sind auch sie Indikatoren für „bewegten“ Boden, also Boden, der häufigen Störungen ausgesetzt ist, zum Beispiel durch Wildwechsel oder, wie in unserem Falle, durch die offenbar erst kürzlich erfolgten Straßenarbeiten.

Umso junfräulicher wirkt der Sand neben der Straßenböschung; er wurde zu einer gleichmäßigen Fläche plattgeregnet, deutlich sieht man die „Einschlagkrater“ der einzelnen Tropfen. Aus dieser homogenen Fläche erheben sich zahlreiche, kreisrunde Wälle mit ca. 8-15 Zentimetern Durchmesser, in deren jeweiligen Mitte ein kleines Loch gähnt. Ganz eindeutig sind das die sorgfältig gebauten Fallgruben von Ameisenlöwen, den Larven der Ameisenjungfern, deren Trichter man in allen sandigen Böden finden kann. Doch meist ist der verbaute Sand trocken, der Wall relativ diffus. Hier aber wurden die Fallen aus feuchtem Sand errichtet; statt der losen, rieselnden Einzelkörner stapeln sich Sandkügelchen in definierter Form um die Öffnungen und zeichnen optisch reizvolle Kringel. Einer dieser Nahrungsbeschaffungs-Wälle hat es mir besonders angetan, denn ihm entsprießt ein kleines Wildhirsepflänzchen. Begeistert vom Kontrast der Farben, Formen und Strukturen, umrunde ich dieses Kunstwerk und fotografiere es in diversen Einstellungen. Auf einem der Bilder, so entdecke ich Wochen später am heimischen Bildschirm, ist sogar der kleine Jäger zu sehen – Kopf und Kieferzangen eines Ameisenlöwen. Volltreffer! Ein Bild für den Titel meines Urlaubsbuches ist gefunden; ein Bild, das für mich alle Aspekte des Zaubers einer Regenzeit in der Kalahari in sich vereint und schön ist es noch dazu!

Heinz, wie immer auf der Suche nach sukkulenten Pflanzen und deren Samen, ist ebenfalls fündig geworden und kehrt mit leuchtenden Augen nebst Beute von einer kleinen Fußexkursion zurück. Stolz und glücklich präsentiert er mir ein paar Samen, deren leuchtend rote Fruchthüllen nicht nur sein Sammeltüchlein, sondern bereits auch die Hosentasche durchfärbt haben. Das geerntete Saatgut stammt von einer recht unscheinbaren, blattlosen Pflanze; stopfnadeldicke, blassgrüne „Steckerl“ bilden unordentliche Gestrüppnester, die wohl nur einen wahren Sukkulentenfan wie Heinz begeistern können. Wurmstrauch (Cadaba aphylla; Desert Spray), halbsukkulent, Kaperngewächs, sagt der van Rooyen sachlich; „So schön“, sagt Heinz und strahlt.

Eine Stunde später erreichen wir das Mabuasehube Gate, unser Eingangstor zum Kgalagadi Transfrontier Park (KTP) und begehren Einlass. Eine khakigewandete Gatewächterin sitzt im Büro und eilt sofort zum nahe gelegenen Rangercamp, um den diensthabenden Officer, der die nötigen Kompetenzen für unseren Eintritt besitzt, herbeizuholen. In der Zwischenzeit blättern wir im Besucherbuch, in dem leider keine besonderen Wildsichtungen jüngster Zeit verzeichnet sind, beobachten vergeblich die liebevoll gemauerte Vogeltränke und warten. Beim Umherschlendern entdecke ich das alte Holzschild, das noch vor zwei Jahren den Eingang zum Gemsbok National Park markierte. Ein Park, der damals schon nicht mehr unter diesem Namen existierte, sondern bereits 1999 mit dem südafrikanischen Kalahari Gemsbok Nationalpark und dem Mabuasehube Game Reserve zum KTP zusammengelegt wurde. Doch in Afrika wird so schnell nichts weggeworfen, nur weil das falsche draufsteht. Eine pfiffige Sparnase hat das Schild auf den neuesten Stand gebracht, indem der alte, geschnitzte Schriftzug kurzerhand überpinselt wurde – nur das K, das T und das P blieben in Weiß dort stehen. Nun tanzen die drei Lettern etwas ungeordnet über das Schild, aber der Name ist korrekt – Recycling auf afrikanisch.

Während ich mich über diese geschickte Aktualisierung amüsiere, ist mittlerweile der Officer im Büro angekommen, prüft rasch unsere Reservierungen, öffnet die Schranke und schon sind wir drin. Sofort umgibt uns üppige Vegetation; in Gold- und Silbertönen wogen lange Halme und Ähren trockenen Grases in der tiefstehenden Sonne und zeugen von kürzlichen Regenfällen. Trocken? Üppig? Ja, in einer Wüste wie der Kalahari ist das so, da muss alles ganz schnell gehen, jeder Tropfen muss sofort genutzt werden. Wenn hier ein Schauer aus den Wolken kommt, dann grünt, wächst und blüht alles nahezu im Zeitraffertempo, bevor es ebenso schnell wieder vertrocknet, jedoch nicht ohne für die Fortpflanzung gesorgt zu haben. Belaubte Bäume stehen wie zum Beweis als Inseln strotzend-grünen Lebens inmitten des schulterhohen Grasgewoges, das uns jegliche Sicht auf eventuelles Wild versperrt. Doch wer braucht schon Wild, wenn es so wild und wunderschön wogt? Staunend durchqueren wir diese Pracht und kommen gegen 18 Uhr an der Mpayathutlwa Pan an, neben der Mabuasehube Pan die für mich schönste, und stoppen. Es sind noch 43 Kilometer bis zur Khiding Pan, unserem heutigen Nachtlager, aber das Licht, die Gegend hier ist so schön, dass wir einfach anhalten und genießen müssen – mit feingliedrigen Strahlen streichelt die Sonne den Pfannenrand und taucht das Szenario in weiches, goldenes Licht.

Heinz entdeckt einen riesigen Tausendfüßer, den größten, den wir bis jetzt gesehen haben. 20 Zentimeter misst der Prachtkerl, dessen Chitinringe in der sanften Abendsonne wie poliert glänzen. Zärtlich wird der fingerdicke Arthropode von Heinz gestreichelt und rollt sich sofort in die typische Schutzhaltung. Begeistert knipse ich dieses schneckenförmige Wunderwerk aus unzähligen Beinchen und glatten, dunkelbraunen Ringsegmenten. Der Tausendfüßer ist so groß, dass er mühelos das volle Format füllt, so perfekt, dass auch er es auf meinen Buchtitel schaffen könnte, so denke ich mir gerade, als er sich wieder entkringelt und mit sich wellenartig bewegenden Beinreihen im nächsten Grasbüschel verschwindet. Für uns wird es ebenfalls Zeit, wenn wir noch vor Einbruch der Dunkelheit in unserem Nachtlager ankommen wollen. Im allerletzten Restlicht erreichen wir schließlich unsere Campsite an der Khiding Pan, bauen alles auf und genießen einen wohlverdienten Sundowner nach einem strapaziösen, aber sehr abwechslungsreichen Fahrtag. Patricia zieht sich bald mit einem Migräneanfall in ihr Zelt zurück, verzichtet auf ein leckeres Abendessen, Sven folgt ihr nach dem Dinner. Wir lassen den Abend noch gemütlich in der Stille der Kalahari ausklingen, bevor es auch uns in die Zelte zieht.

Irgendwas jedoch liegt in der Luft, das spüre ich, irgendetwas Ungutes. Heinz ist nichts derartiges aufgefallen und er beruhigt mich; wir sind ohnehin viel zu müde, um uns heute noch Gedanken zu machen.

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