2. Oktober 2015, Bwindi NP > Lake Bunyonyi, Bugombe Gateway Camp,Safari

Beim ersten Vogelgezwitscher (und das beginnt ziemlich früh am Morgen), erwache auch ich – und fühle mich pumperlg’sund! Keine Fröstelei, keine Übelkeit, einfach wie neugeboren. Mein Unwohlsein gestern Abend hatte also tatsächlich, wie ich schon vermutete, psychische Ursachen. Früher, als ich noch Kind und Jugendliche war, ereilte mich manchmal so eine ominöse Kurzkrankheit, wenn die Schule vorbei war und die ersten Tage der Ferien ins Land gingen. Der ganze Stress fiel von mir ab und der Körper, der endlich nicht mehr nur funktionieren musste, gesundheitlich wie auch anderweitig, nahm sich eine kurze Auszeit, um zu demonstrieren, dass er durchaus ein Eigenleben hat. Vor dreißig Jahren zum Beispiel, fuhr ich mit zwei Freundinnen (wir hatten gerade das Abitur hinter uns gebracht), mit Rucksack und Interrail-Ticket nach Süditalien, von wo aus wir vier Wochen Inselhopping in Griechenland machen wollten. Allerdings bekamen wir in Brindisi kein Ticket für die Fähre nach Korfu, unserer ersten geplanten Station. Eine Woche hingen wir unter widrigsten Bedingungen in dieser Stadt am Hafen fest, nächtigten unter freiem Himmel, wuschen uns im Stadtbrunnen und verrichteten unsere Notdurft des nächtens in dunklen, unbeleuchteten Gassen, weil das öffentliche Klo da geschlossen hatte. Es war eine wilde, eine aufregende Woche, in der wir allerhand erlebten, was unseren Eltern sicher den Angstschweiß auf die Stirne getrieben hätte… Unter anderem lernten wir auch einen Österreicher kennen, der uns einen Wild-Camper-Strand auf Korfu empfahl, und der, als wir endlich die ersehnten Tickets für die Fähre ergattert hatten, kurzerhand mit uns nach Korfu zurückschipperte, wo wir, wie sollte es anders sein, die nächsten drei Wochen an besagtem Strand hängenblieben. Wir stellten ein kleines Zelt auf, um unser Gepäck unterzubringen, für uns selbst bauten wir  Hüttchen aus eigenhändig geerntetem Pfahlrohr, das an einer kleinen Bachmündung wuchs. Und dann ereilte es mich: Abitur geschafft, Lehrstelle gesichert, endlich angekommen. Von einer Minute auf die andere bekam ich hohes Fieber, mir war übel und ich wollte nur noch sterben. Bei sengender Mittagshitze verkroch ich mich in unserem Zelt, das in der prallen Sonne stand, schlief ein paar Stunden und erwachte schließlich in meinem eigenen Saft – wie neugeboren!

Dass ich ausgerechnet jetzt und hier ähnliche Symptome entwickelte, zeigt deutlich, wie sehr mich das mit dem Gorilla-Tracking im Vorfeld beschäftigt hatte. Wie schon erwähnt, hatte ich ja große Sorgen wegen des Verlaufs der Tour und in Bezug auf meine Kondition. Und ich hatte Angst, eine Erkältung zu bekommen; schniefende Leute dürfen nicht mit zu den Gorillas. Mehrere Wochen vor unserem Urlaub besuchte ich deshalb meine Hausärztin und bat sie um eine Gammaglobulin-Injektion, die mein Immunsystem mit fast hundertprozentiger Garantie stabil machen sollte. Frau Doktor allerdings verweigerte mir die Spritze. Es läge keine Indikation vor und das Risiko einer ungewollten Virusübertragung – Gammaglobulin wird aus menschlichen Plasma-Zellen gewonnen – sei zu groß. Also reiste ich ohne Gammaglobulin. Tja, und dann verlief das Tracking so reibungslos, so stressfrei, so glatt und ich war völlig gesund, sodass alle Sorgen völlig umsonst gewesen waren. Und als diese gestern wie Wackersteine von meiner Seele fielen, zeigte mein Körper die bekannte Reaktion. Doch nun ist alles wieder gut und der Urlaub kann weitergehen. Es steht nichts Stressiges mehr bevor, nur noch Schönes – so denken wir zumindest – und packen unsere Sachen, um sie anschließend aus den Tiefen unseres Tales wieder ganz nach oben zu schleppen. Danach geht es erneut ein Stückchen runter, auf die Terrasse unserer Freunde, wo wir noch gemütlich frühstücken wollen.

Gut gelaunt betrete ich die Veranda und signalisiere meinen Reisekollegen, dass ich wieder Okay bin, als es unter meinen Schuhsohlen vernehmlich raschelt. Erstaunt sehe ich zu Boden und blicke auf ein Meer von Insektenflügeln. „Hallo, was war denn hier los? Hattet ihr vergessen zu duschen und habt die Viecher mit eurem Duft zum Absturz gebracht?“ „Ne, Barbara, du machst dir keine Vorstellungen, was da gestern noch abgegangen ist! Kaum warst du weg, sind hier Myriaden von Termiten eingeflogen! Du konntest nicht g’scheit essen, weil die Viecher im Teller landeten, du konntest nicht trinken, weil sie in der Dose ertranken, du konntest manchmal die Person am anderen Ende des Tischs nicht sehen, weil die überall waren. Und so viele!“ Ja, das sehe ich! Der Boden der Veranda und rings um das Zelt ist mit einem fast lückenlosen, dicken Teppich aus Flügeln und Termitenleibern bedeckt. Termiten auf Hochzeitsflug! Als mir meine Freunde die Fotos von gestern Abend zeigen, bin ich einerseits ein bisschen traurig, das nicht live mitbekommen zu haben, auf der anderen Seite aber auch durchaus erleichtert – mit allzu dichtem Geflattere hab ich’s ja nicht so. Grinsend pflücke ich einen Flügel, den wohl der Wind herbeigeweht hat, aus meiner Kaffeetasse und freue mich stattdessen, dass ich wieder gesund bin und es weitergeht – meinem Traumziel Katavi entgegen. Wenn ich allerdings ahnen würde, was uns bis dahin noch bevorsteht, würde ich nicht so selig lächeln…

Abschied von Bwindi:
Rhipsalis, ein echter
afrikanischer Kaktus

Nach dem Frühstück jedoch bin ich noch guter Dinge, wir schleppen die Küchenkisten zum Auto hoch, verstauen unsere Habseligkeiten und machen uns anschließend auf den Weg zum Lake Bunyonyi, der in etwa eine halbe Tagesfahrt entfernt ist. Entsprechend gemächlich nehmen wir die heutige Tagestour in Angriff und kurven zunächst durch eine abwechslungreiche Berglandschaft, die uns manchmal fast nachhause zurückversetzt: schwarzweiße Kühe weiden auf sanften, grasigen Hügeln, kleine Kiefernwäldchen säumen hin und wieder die Straße – nur die Menschen, die überall unterwegs sind und zahlreiche, rauchende Köhlerhaufen erinnern uns immer wieder daran, wo wir wirklich sind.

Wie in Oberbayern…
Gehöft an steilem Hang
Köhlerei

Die Fahrt ist kurzweilig und es gibt hinter jeder Kurve etwas Neues und Interessantes zu sehen. Dann aber, kurz nach Hawurma, wird es mit einem Male ziemlich eintönig. Wir schrauben uns einen langgezogenen Bergkamm nach oben und sind plötzlich nur noch von Kiefern umgeben. Auf steilen Hängen wachsen Hunderttausende dieser Nadelbäume und ihr monokulturelles Auftreten weist deutlich auf das Vorhandensein diverser Plantagen hin – heimisch ist dieses schnellwachsende Gehölz hier nämlich sicher nicht, aber es scheint im kühlen Bergklima dieses Landstrichs, der auf bis zu 2500 Höhenmeter hinaufreicht, bestens zu gedeihen. Kiefern, Kiefern, Kiefern, wohin das Auge blickt! Vereinzelt sehen wir auch Menschen, die offenbar mit der Ernte des Holzes beschäftigt sind und beneiden diese nicht, denn die Bäume wachsen fast alle in extrem steilem Gelände und werden, bis auf die Fällung mittels Motorsägen, weitestgehend händisch transportfähig gemacht und anschließend zur Straße gebracht, wo sie dann verladen werden. Bah, muss das eine Schinderei sein! Mitfühlend beobachten wir unzählige schwitzende Forstarbeiter, die ansehnliche Stämme entrinden, bevor sie sie mit vereinten Kräften zu mannshohen Stapeln aufschlichten oder dabei helfen, sie auf betagte Laster zu packen. Alle paar Kilometer kommt uns dann auch so ein ächzendes Vehikel entgegen, völlig überladen, mit qualmendem Auspuff und röhrendem Motor – oder wir müssen eines überholen. Möglichst schnell versuchen wir, diese Gegend hinter uns zu bringen, denn das Geeiere mit den Holztransportern ist nicht nur nervig, sondern auch nicht ganz ungefährlich; die ungeteerte Straße ist schmal, stellenweise ausgewaschen, voller Schlaglöcher und windet sich an beachtlichen Abgründen entlang, die wir ungerne hinabtrudeln würden…

Steiles Gelände
Völlig überladener Laster
Nadelholz-Plantage

Irgendwann aber, wir sind schon auf über 2000 Metern Höhe angekommen, müssen wir anhalten. Annette hat ein Problem mit der Bremse des weißen Landys, die recht rudimentär gehaltene Instrumententafel des Defenders zeigt zudem eine Überhitzung an und in diesem Gelände ist es sicher mehr als ratsam, das genau unter die Lupe zu nehmen. Also stoppen wir an einer erstaunlich flachen Stelle der Straße, an der es uns eine recht spärlich dimensionierte Ausweichstelle möglich macht, uns weitestgehend verkehrsfreundlich einzuparken. Kühle Bergluft nimmt uns in Empfang und wir nutzen die Zwangs-Pause, uns ein bisschen die Füße zu vertreten und uns blasentechnisch zu erleichtern, während Jochen sich des Autoproblems annimmt. Er lugt und späht, er misst und schraubt, er zieht Muttern nach und hämmert an den Bremsklötzen herum, kann aber nichts feststellen. Ein mechanisches Problem, ein Motorproblem, ein Kühlerproblem aufgrund der stetigen Steigung oder doch was mit der Bremse? Es ist nicht einzugrenzen. Besorgt beobachten wir Jochens Bemühungen, sind aber dabei nicht allein: kurz nachdem wir angehalten haben und, Gott sei Dank, auch noch unbeobachtet unsere Notdurft verrichten konnten, tauchte wie aus dem Nichts ein Mofafahrer auf, der nun schon seit geraumer Zeit direkt neben unseren Autos steht und uns interessiert zuschaut. Er grüßt nicht zurück, als wir Hallo sagen, er gibt nicht einen einzigen Kommentar von sich, er bietet keine Hilfe an, er reagiert in keinster Weise auf uns und unser Tun – er guckt nur stumm und neigt bisweilen den Kopf, um besser sehen zu können. Seltsam! Wir wundern uns über den merkwürdigen Knaben, ignorieren ihn aber bald. Jochen nimmt ihn zunächst auch nur leicht verwundert zur Kenntnis, doch je erfolgloser er in seinem Bemühen ist, das Autoproblem zu beseitigen, desto mehr regt ihn der glotzende Mofatyp auf. Schließlich platzt ihm der Kragen und er blafft den schweigsamen Zuschauer auf deutsch an. „Und, interessant? Blöd glotzen, das kannst, sonst aber nix, oder? Komm, hau endlich ab, du Nervensäge!“ Der Jüngling versteht bestimmt nicht, was Jochen ihm an den Kopf geworfen hat, der genervte Tonfall aber dürfte unmissverständlich gewesen sein, dennoch zeigt unser ungebetener Beiwohner keine auch noch so kleine Reaktion – ungerührt glotzt er weiter. Jochen stresst das ungemein und er zieht die Notbremse, bevor er völlig ausflippt. „Annette, start’ den Wagen. Temperaturanzeige? Okay?! Wir fahren langsam weiter und suchen uns einen anderen Platz. Pause machen. Dann schaun wir nochmal nach, falls das Problem wieder auftreten sollte. Aber ich muss hier weg!“ Unter den verhalten enttäuschten Blicken unseres seltsamen Glotzers klettern wir wieder in die Autos, machen uns vom Acker und sehen im Rückspiegel, dass der aus dem Nichts Aufgetauchte sich anschickt, erneut in Selbigem zu verschwinden, bevor wir ihn aufgrund einer sichtverdeckenden Kurve ohnehin aus dem Blick verlieren. Komischer Kauz!

Während Jochen schraubt …
… erfreuen wir uns an …
… Pflanzen und Landschaft

Vorsichtig und mit deutlich gedrosselter Geschwindigkeit zockeln wir weiter nach oben, bis sich, nach einigen Kilometern, der Kiefernwald zur rechten Seite lichtet und den Blick auf ein dörflich besiedeltes Tal freigibt. Entschlossen steigt Jochen in die Bremsen, nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass uns der nervig-stumme Pannenbeobachter nicht gefolgt ist. „So, Pause! Und jetzt geh ich auch mal pinkeln! Annette, gibt’s noch ein Problem?“ Annette schüttelt den Kopf und hebt zu einer näheren Erklärung an, doch Jochen ist schon im Gebüsch verschwunden und hat die Schnauze offensichtlich gründlich voll. Ich kann’s verstehen… Nicht nur von seiner Warte aus, sondern auch, weil ich ein ähnlich nerviges Problem habe: seit heute Morgen nämlich zickt mein Objektiv. Das Zoom lässt sich nicht mehr stufenlos verstellen, es hakt, es schleift und klemmt und der Zoomring fühlt sich an, als wäre er in Sand getaucht und anschließend festbetoniert worden. Seufzend lege ich meine Kamera beiseite und nehme mir vor, das gute Stück heute, wenn wir am Lake Bunyonyi angekommen sind, in Ruhe einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Es kann ja nicht so schlimm sein, denke ich noch, als der Autofokus willig scharfstellt und ich ein letztes Testfoto schieße…

Kabale …
… ist keine schöne Stadt!
Ein Zipfel vom See

Nach einer kurzen Pause an diesem Ort mit Aussicht machen wir uns erneut auf den Weg und es dauert nicht lange, bis die Strecke wieder zu fallen beginnt. All die Höhenmeter, die wir uns nach oben gekämpft haben, geht es nun erneut nach unten, und fast ebenso rasch erreichen wir in unserem Abwärtsrausch Kabale, die hiesige Distrikthauptstadt mit etwa 50000 Einwohnern, tausend Baustellen, staubigen, ungeteerten Straßen, tiefen Abwassergräben und heruntergekommenen Gebäuden. Wir sind froh, dass wir hier nur ein Stück reinfahren müssen, um die Abfahrt zum Lake Bunyonyi zu nehmen und die unsympathische Stadt sogleich wieder hinter uns lassen können. Und es ist erstaunlich, wie schnell sich die Umgebung ändert: kaum sind wir einen Kilometer aus Kabale raus, umgibt uns schon wieder üppiges Grün, die Luft ist sauber und riecht gut, es liegt kein Abfall mehr herum und sogar die Menschen, die hier unterwegs sind, wirken entspannter als die in der Stadt. Ach, ich freue mich auf den See, von dem ich schon so viele wunderschöne Bilder im Internet gesehen habe! Gespannt tuckern wir die steile Staubstraße nach unten und hoffen sekündlich, einen ersten Blick auf das inseldurchsetzte Gewässer werfen zu können. Doch mehr als ein, zwei spärliche Lücken im Grün und die damit verbundene Sicht auf ein wenig Wasser sind uns nicht vergönnt. Egal; wenn wir erst mal unten sind, erhalten wir sicher eine bessere Übersicht, rede ich mir ein und halte meine Vorfreude im Zaum. Tja, und dann sind wir plötzlich unten angelangt und sehen noch immer nichts – außer einer Menge von Gebäuden, die direkt ans Ufer gepflastert wurden und uns jegliche Sicht auf das malerische Gewässer versperren. Wir passieren ein riesiges Overlander-Ressort, diverse Bungalow-Anlagen, hohe Zäune und schließlich ein pittoreskes Hotel namens Bird’s Nest. Ah ja, davon hatte ich schon gelesen! Es gilt als erstes Gebäude, das an den Ufern des Bunyonyi erbaut wurde. Ein Mann namens Frank Kalimuzo, früher Lehrer, später Staatssekretär, war so von der lieblichen Landschaft an den Gestaden des Sees angetan, den er auf einer Reise erstmals besuchte, dass er dort unbedingt wohnen wollte. 1963 begann er deshalb, am Ostufer ein riesiges Haus zu errichten, das er selbst zu beziehen beabsichtigte. Doch daraus wurde nichts. Bereits während der Bauphase schlugen permanent Reisende auf, die hier Urlaub zu machen begehrten. Und als das Haus fertig war, konnte sich Kalimuzo gegen den Ansturm der Touristen, die aus Kabale und dem ganzen Land anreisten, nicht mehr erwehren – der Tourismus am Lake Bunyonyi war geboren, wenn auch nicht absichtlich. Kalimuzo, seines Wohntraumes enthoben, arbeitete in den folgenden Jahren an seiner Karriere. Er avancierte zum Chef des Öffentlichen Dienstes, wurde Staatssekretär des Premierministers und schließlich auch noch Vizekanzler der Makerere Universität. Ein kometenhafter Aufstieg, an dem Ugandas Präsident Obote nicht ganz unbeteiligt war. Dieser Umstand wurde Kalimuzo im Jahre 1972 allerdings zum Verhängnis: ein Militärputsch brachte Idi Amin an die Macht, einen erklärten Feind Obotes, Mitglieder seiner „Säuberungseinheit für Öffentliche Sicherheit“ verwüsteten Kalimuzos Haus, verhafteten ihn und ließen ihn auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Kalimuzos Witwe versuchte verzweifelt, den Hotelbetrieb aufrecht zu erhalten, scheiterte aber auf ganzer Front. Das Regime hatte wichtige Straßen im ganzen Land zerstört, die Touristen blieben aus, das Hotel wurde mehrfach geplündert und litt weiter unter dem grenzenlosen Vandalismus der Regierungstruppen Amins. Es verfiel und wurde zur Ruine.

Annette überquert den Graben
Bugombe Gateway Camp
Blick auf den See

Eine bewegte Geschichte, die man dem Hotel heute nicht mehr ansieht, zumindest den negativen Teil. Heute steht es da, das Bird’s Nest (Bunyonyi bedeutet Platz der vielen kleinen Vögel), wunderschön gelegen und einladend renoviert, modernisiert und in seiner Kapazität von ursprünglich 4 Zimmern auf 14 erweitert. Doch leider würde dieses Etablissement unseren finanziellen Rahmen leicht sprengen, weshalb wir weiter an der Uferstraße entlangkurven, um etwas für uns Geeignetes zu finden. Und die Auswahl ist groß! Eine Anlage reiht sich an die nächste, sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen, was wohl an den typischen, vor Ort erhältlichen Baumaterialien liegt. Doch nur wenige bieten Camping an. Nach langem Geschunkel, vorbei an unzähligen Riesenzäunen, die den See vor unseren Blicken abschirmen, erspähen wir endlich ein Ressort, das auch uns Campern ein Unterkommen verspricht. Bugombe Gateway Camp nennt sich der Platz, wirbt mit einem unübersehbaren Schild für angemessene Preise, gepflegtes Ambiente, ein Restaurant, moderne Bungalows in rustikalem Stil und heißt auch Camper mit diversen Annehmlichkeiten willkommen. Das schauen wir uns an! Beherzt klingeln wir an einem mehrere Meter hohen Tor, das rasch für uns geöffnet wird und stellen unsere Autos auf einem kleinen Parkplatz, direkt dahinter, ab. Mehrere Personen eilen herbei, wir tragen unser Ansinnen vor, hier mit Zelten übernachten und vorher das Gelände besichtigen zu wollen, und werden herzlich eingeladen, uns umzusehen. Ja, hübsch, sieht gut aus! Doch wo ist die Campsite? „Unten, am Ufer, da, auf dem Rasen unter den Kiefern, schön schattig!“, preist ein Bediensteter die Stellplätze an. Mhm, sehr nett, echt. Aber wir müssen da mit den Autos runter und das geht nicht wirklich, denn ein zirka fünfzig Zentimeter breiter und anderthalb Meter tiefer Abflussgraben, stabil gemauert, und leider quer über die Zufahrt zum Campground führend, versperrt uns den Weg. Da kommen wir nicht drüber! Die Angestellten beginnen zu begreifen, was unser Problem ist – es scheint das erste Mal zu sein, dass hier jemand runter will. Eilfertig schleppen mehrere Leute deshalb klobiges Bauholz herbei und werfen es in die Rinne, bis diese locker gefüllt ist. Jochen checkt die Lage, bessert schlichtungstechnisch nach, lässt nachfüllen und rumpelt schließlich als Vorhut über das wackelige Konstrukt, das unter den zwei Tonnen des Land Rovers ächzend nachgibt, aber dennoch weitestgehend stabil bleibt. Die Angestellten des Ressorts klatschen begeistert.

Erneute Fehlersuche
Es beginnt zu regnen …
… und hört nicht mehr auf!

Jochen hüpft wieder aus den Auto, begutachtet abermals das gestapelte Holz und winkt dann Annette herbei: „Du kannst drüber!“ Seine Gattin, die eigentlich gehofft hatte, Jochen würde die Fahrt übernehmen, beißt in den sauren Apfel und schickt sich seufzend an, nun ebenfalls über die gefüllte Rinne zu holpern. Der Wagen schaukelt und schwankt, ächzt und knarrt, doch alles geht gut und Minuten später steht Annettes Landy heil neben Jochens. Das wäre für heute erst mal geschafft – an morgen, wo wir das Ganze wieder nach oben müssen, will Annette jetzt nicht denken. Aufatmend schwingt sie sich aus dem Auto, als einer der Angestellten auf uns zueilt, um uns über die sanitäre Lage vor Ort aufzuklären: Also, auf halber Strecke zum Parkplatz, die zu überquerende Rinne inklusive, gäbe es neu gebaute Örtlichkeiten, die allerdings nicht sonderlich luxuriös wären. Aber weil wir den Graben so heroisch überwunden hätten und ohnehin, bis auf ein junges Paar, die einzigen Gäste wären, würde er uns einen der Bungalows öffnen, da könnten wir dann Bad und Toilette nutzen. Der Bungalow jedoch, so setzt er zögerlich hinzu, sei noch nicht ganz fertig… Verwundert und leicht amüsiert nehmen wir seine Offerte zur Kenntnis, danken ihm herzlich und beschließen, uns später mit diesem Problem zu befassen. Erst nämlich müssen wir unser Camp errichten und wohl auch das Gazebo aufbauen, denn am Himmel dräuen schon wieder regenschwangere Wolken. Als das vollbracht ist, stehen weitere Dinge an. Jochen nimmt den weißen Land Rover unter die Lupe und versucht zu erkunden, warum die Bremsen zicken und Temperaturanzeige spackt und ich mache mich an meinem störrischen Objektiv zu schaffen. Relativ zeitgleich beenden wir unsere Inspektionsarbeiten wieder – Jochen kann nicht herausfinden, woran es liegt, ich dagegen schon: offenbar hatte der Mitnehmer des Fokusrings eine schwere Macke abbekommen, die sich nun, im Zuge meines semi-einfühlsamen Testprogramms, zum Totalschaden ausgewachsen hat. Jetzt geht gar nichts mehr! Na super! Doch ich darf mich nicht beschweren. Die Kamera hat am Gorilla-Tag noch brav ihre Dienste verrichtet, Heinz bietet mir sofort an, seinen Apparat fortan mit mir zu teilen und ich bin, mit dieser großzügigen Option im Hintergrund, gar nicht so traurig, den Rest des Urlaubs zur Abwechslung mal weitestgehend ohne Technik vor dem Auge zu verbringen. Es gibt doch fast nichts Doofes, was nicht auch seine guten Seiten hätte.

Ohne weiteres Bedauern packe ich meine ausgeknockte Kamera in die große Reisetasche im Laderaum und nehme unser Camp linsenfrei in Augenschein. Mhm, sieht wirklich nett und gepflegt aus hier. Es gibt einen kleinen Steg, eine hübsche Uferbepflanzung, in der sich zahlreiche Vögel tummeln, ein nettes, zum See hin offenes Restaurant und mehrere zweistöckige Bungalows, die sich an einen steilen Hang hinter uns schmiegen. Eigentlich gibt es nichts zu Meckern, nur ich finde natürlich doch etwas. Ich hatte mich ja sehr auf den malerischen Lake Bunyonyi gefreut, muss aber leider feststellen, dass er sich nicht wirklich von Seen in unseren Breiten unterscheidet: Ufergrundstücke sind nun mal heiß begehrt und das führt dazu, dass man nirgendwo so richtig an das Gewässer herankommt. Überall versperren einem Zäune den Weg und Gebäude die Sicht; am Starnberger wie auch am Bunyonyisee! Ich bin schon fast am Überlegen, mir ein Kanu zu mieten (auch sowas bietet unser Ressort an), um mir vom Wasser aus einen besseren Überblick zu verschaffen, als mich die dunklen Wolken und eine gerade aufkommende, strenge Brise dann doch davon abhalten. Besser nicht, das könnte eine stürmische Angelegenheit werden!

Und schon fallen die ersten Tropfen vom Himmel. Rasch verstauen wir alles, was nicht nass werden soll, in Zelten und Autos und verräumen uns selbst unter dem Gazebo. Keine Sekunde zu früh! Der Himmel verfinstert sich zusehends, die düstere Regenfront geht nahtlos in eine ebenso düstere Dämmerung über, es wird ungemütlich kalt und wir widmen uns, in Windjacken und wärmende Anoraks verpackt, der Zubereitung des Abendessens. Selbiges nehmen wir wenig später mit eingezogenen Köpfen zu uns und hatten uns eigentlich auf einen anschließenden gemütlichen Abend gefreut, doch daraus wird nichts. Die Gazebo-Plane, nass und schwer vom Wasser, schlägt ständig klatschend gegen unsere Hinterköpfe, unter unserem Tisch hat sich ein beachtlicher See gebildet, der Zufluss des temporären Gewässers durchweicht Annettes und Jochen Schuhe, der Abfluss zum Ausgleich die unsrigen. Jeder Klogang hinter der Gazebo-Wand artet zur Volldusche aus, der offerierte Sanitär-Bungalow ist ohnehin unerreichbar, da man, um dort hin zu gelangen, erst einen steilen Erdhang erklimmen muss, dessen Flanken momentan wie Schmierseife sind, und auch der Weg zum Waschhäuschen, mal abgesehen vom pladdernden Regen, birgt das Risiko der Überquerung einer brodelnden Abflussrinne, die das Wasser nicht mehr fassen kann, da sie ja mit Bauholz verstopft wurde. Der Gedanke, noch etwas zu trinken und sich dann, aufgrund einer sich vehement meldenden Blase, wieder aus dem gerade aufgewärmten Schlafsack herausschälen zu müssen, lässt uns diesen Abend folglich schnell beenden. Gute Nacht, Lake Bunyonyi, du hast uns nicht wirklich glücklich gemacht!

Weitere Impressionen des Tages:

Baumfarn in Bwindi
Köhlerei
Dörfliches Ambiente
Schulkinder
Mal ist die Straße flacher …
… mal steiler.
Obstverkauf
Landwirtschafliche Werkstatt
Bananenpflanzung
Bananenpflanzung
Kiefernwälder tauchen auf
Es wird immer steiler
Besiedeltes Tal
Beschwerliche Ernte …
… an steilen Hängen
Verbautes Ufer
Maskenweber
Neugierige Kinder

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