17. Oktober 2014; Augrabies Falls NP > Upington; Heimflug

Ute und Annette sind schon eine ganze Weile weg, als wir im ersten Sonnenlicht erwachen. Von ihrer Abreise haben wir nichts mitbekommen, haben noch fest geschlafen. Jetzt aber weckt uns das betriebsame Geraschle Jochens, der schon emsig zugange ist, alles in seinen Augen Unnötige im Auto zu verstauen – und für ihn sind ganz viele Dinge nur unnützes Beiwerk… So kommt es, dass wir schließlich an einem recht übersichtlichen Frühstückstisch Platz nehmen und das, was noch zur Verfügung steht, zu uns nehmen – mit den Gerätschaften, die noch nicht verräumt wurden. Na ja, immerhin gibt es reichlich Kaffee und etwas zwischen die Zähne, und der Abwasch fällt auch spärlicher aus als sonst.

Nachdem wir schließlich unsere Kaffeegelüste befriedigt und uns ausreichend sattgegessen haben, geht es an finale Packen. Heinz und ich quetschen rasch unsere Schlafzimmereinrichtung ins Gepäck, säubern das Zelt von innen und von außen, reißen es ab und verpacken es sorgfältig, auf dass unsere Nachfolger heute Abend ein, nun ja, nicht ganz jungfräuliches Stoffhäuschen in Gebrauch nehmen können – die Gäste für die Folgetour werden wir nämlich schon mittags in Upington in Empfang nehmen. Dann assistieren wir Jochen beim Packen des Rest-Equipments, polieren das Auto auf Hochglanz, gehen schnell duschen und werfen uns zum Schluss in unsere Rückreiseklamotten. Zivilisiert duftend und reisefertig nehmen wir zu guter Letzt noch wehmütigen Abschied von unseren gefiederten Freunden, bevor wir uns Jochen zuwenden, der entspannt am Auto lehnt und raucht. „Fertig! Wir können!“. Jochen nickt, wir klettern in den Wagen – und staunen nicht schlecht, als Jochen diesen erst zum Waschhaus lenkt, dann auf dem Campgelände herumsteuert und schließlich bei einem Wasserhahn stehenbleibt.

Hä? „Wir müssen noch Wasser auffüllen, hab aber keinen Schlauch…“, brabbelt Jochen in seinen Bart. Doppel-Hä? „Muss das jetzt sein? Können wir das nicht in Upington an einer Tanke erledigen?“ „Nee, was ma ham, des hamma!“ Aha, fragt sich nur, wie wir das ohne Schlauch bewerkstelligen sollen… Jochen versucht es mit einer abenteuerlichen Konstruktion: eine abgeschnittene Wasserflasche fungiert als Trichter und soll nun das Wasser aus dem Hahn in den Tank leiten; leider aber liegt die Öffnung des Hahns viel zu tief. Seufzend machen wir uns auf dem umliegenden Gelände auf die Suche nach etwas Brauchbarerem und fluchen dabei insgeheim vor uns hin – warum muss so etwas immer auf den letzten Drücker erledigt werden? Schließlich finde ich ein längeres Stück eines alten Leerrohrs; normalerweise werden damit Kabel unter Putz verlegt und es ist wohl noch irgendwelchen Bauarbeiten übriggeblieben. Vorsichtig grabe ich das alte Teil aus dem staubig-harten Boden und bringe es zu Jochen, der glücklich lächelt.

Wir spülen es durch, dichten mit allen verfügbaren Händen den Übergang zum Hahn ab und schon gluckert das Wasser in den Tank. Nach zwanzig Minuten ist dieser endlich voll, Jochen zufrieden – und wir sehen aus wie die Schweine. Rückreiseklamotten, drei Wochen geruchs- und staubdicht durch den Urlaub gerettet, um wie ein zivilisierter Mensch heimfliegen zu können – warum? Achselzuckend sehen Heinz und ich uns an, klopfen losen Staub aus unserer ehemals sauberen Kleidung, hoffen, dass sich bis Upington auch noch der mit Wasser vermatschte Rest entfernen lässt und schlichten uns, etwas schief grinsend, ins Auto. Dann steht ja unserer Fahrt nach Upington nichts mehr im Wege – denken wir…

 Und tatsächlich fressen wir nach dem Verlassen des Augrabies Falls Nationalparks erst mal diverse stoppfreie Kilometer, bis wir, zirka auf halber Strecke, den Ort Keimoes erreichen, wo Jochen nun abermals mehr oder weniger zielgerichtet anhält. Mhm? „Wir brauchen noch Gas. Das sollte es hier geben.“ Sollte… Wir fragen uns durch. Und dann beginnt eine Odyssee, wie sie schöner nicht sein könnte: Laden A, der kein Gas auffüllt, aber so aussieht, schickt uns zurück an den Ortsausgang, zu Händler B. Wir wenden, fahren bis zum Ende des Kaffs, doch benanntes Geschäft existiert offenbar nicht mehr. Also wieder rein nach Keimoes, jemand anderen befragen. Wir werden an das andere Ortsende geschickt. Wieder Fehlanzeige. Erneutes Fragen. Unsere letzte Fahrt, denn auch Jochen verlässt nun allmählich die Geduld, führt uns in ein recht ominöses Viertel von Keimoes, halb Wohngebiet, halb Industriegelände. Kein Mensch auf der Straße, weit und breit kein Gas-Laden in Sicht. Das Ende vom Lied: nach fast einer Stunde der vergeblichen Suche nach einem Gas-Dealer in Keimoes kehren wir dem Ort den Rücken und fahren endlich weiter nach Upington. Hier könne man sicher auffüllen, sagt Jochen. Warum sind wir dann hier rumgekurvt?

Tja, who knows…

Trotz unserer mehr oder weniger erheiternden Extrarunden kommen wir schließlich dennoch einigermaßen pünktlich am Flughafen in Upington an, wo Annette natürlich schon ungeduldig auf uns wartet. Sie hatte Ute rechtzeitig abgesetzt, war dann noch beim Einkaufen und harrt nun seit geraumer Zeit unserer Ankunft – gemeinsam mit Jochen wollte sie die getätigten Einkäufe auf beide Autos verteilen. Dazu ist jetzt aber keine Zeit mehr, denn der Mittagsflieger aus Johannesburg ist bereits gelandet und vier neue Gäste müssen in Empfang genommen werden.

Heinz und ich, die wir ja Zeit haben, übernehmen die Bewachung beider Fahrzeuge, während Annette und Jochen ihren Pflichten als Veranstalter nachkommen und dem Empfangsterminal zustreben.

Eine halbe Stunde kehren sie wieder; mit Anke, Gabi, Simone und Karl-Heinz im Schlepptau. Ich freue mich sehr, denn Gabi und Anke kenne ich, über meine Arbeit, schon seit Jahren. Freudig umarmen wir uns, alle anderen stellen sich gegenseitig vor, Annette kramt einen Empfangsdrink aus dem Kühlschrank und schon sind wir vergangene und künftige Mitreisende fröhlich am Plaudern. Annette und Jochen kümmern sich währenddessen, wie üblich laut streitend, um die Verteilung der erworbenen Lebensmittel in den beiden Autos. Anke und Gabi sehen mich angesichts des hektischen Gezeters fragend an. „Passt scho, so sind die beiden halt. Aber es klappt alles meistens trotzdem wie am Schnürchen!“

Beruhigt vertiefen wir uns erneut in unsere Erwartungs- und Erlebnisschilderungen, als Annette mich plötzlich fragt: „Sag mal, Barbara, gibt es in Rietfontein eigentlich eine Tankstelle? Ich hab’s hier nämlich nimmer geschafft.“ „Was? Rietfontein? Ihr wollt doch über Twee Rivieren in den KTP, da liegt Rietfontein gar nicht auf der Strecke!“ „Stimmt…“, konstatiert Annette verwirrt, während sich Ankes Mund an mein Ohr bewegt und leise, aber dennoch hörbar flüstert: „Wer ist hier eigentlich der Guide? Das kann ja heiter werden…“ „Das wird es, im positivsten Sinne, ich verspreche es euch!“, versichere ich den neuen Gästen aus vollem Herzen. „So sind die beiden halt, sobald sie auf Zivilisation und Formalitäten treffen. Aber sie wissen genau, was sie tun!“ Mein Gott, jeder hat so seine Eigenheiten! Ich kann verstehen, dass das soeben Erlebte die Neuankömmlinge ein wenig verunsichert, dennoch lege ich meine Hand dafür ins Feuer, dass jede Tour mit Annette und Jochen ein ganz besonderes, eigenes, persönliches und ungewöhnliches Ereignis sein wird. Die beiden lieben den schwarzen Kontinent und nehmen dort, auf ihre eigene, bewundernswerte Art und Weise, ihren Weg – zuverlässig und extrem sympathisch.

 In diesem Sinne nehmen wir nun alle Abschied voneinander; die neue Truppe voller Hoffnungen und zu erfüllender Erwartungen, Heinz und ich voller Wehmut, bereits erfüllter und schon wieder neuer Erwartungen. Nächstes Jahr geht es nämlich nach Uganda, Ruanda und Tansania, und wir freuen uns jetzt schon wie wahnsinnig drauf! So sehr, dass wir auch nach der endgültigen Verabschiedung von unseren Freunden und der neuen Reisetruppe unsere vierstündige Wartezeit am Flughafen von Upington trotz alledem positiv erleben: es werden Dutzende von Mitarbeitern des Monats gewählt, der gesamte Betrieb ist für Stunden wie lahmgelegt, man kann nichts zu trinken erwerben, kein Gepäck aufgeben, keine Sicherheitskontrolle durchschreiten, geschweige denn irgendetwas anderes bewerkstelligen. Amüsiert grinsend beobachten Heinz und ich den Ehrungsrummel und das daraus resultierende Chaos – TIA – This Is Africa! Und trotzdem, auch das ist Afrika, startet der Flieger nach Johannesburg pünklich – mit uns und unserem Gepäck an Bord. Auf Wiedersehen, bis nächstes Jahr!

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