15. Juli 2008 – Lake Waka Waka > Bangweulu Swamps, Nsobe Camp

Trotz meiner Boshaftigkeit hatte ich eine gute Nacht und werde zudem noch mit einem fulminanten Sonnenaufgang belohnt. Der See dampft in der Morgenkälte, der Himmel ist vanillefarben und das tiefstehende Licht lässt die Tautropfen auf der Ufervegetation wie tausend Diamanten funkeln. Leider sind solche Momente immer nur von kurzer Dauer, leider, was die wundervolle Gesamtstimmung anbelangt, aber trotzdem begrüßen wir die rasch höher steigende Sonne, die uns endlich ein bisschen wärmt. Dick eingemümmelt nehmen wir unser Frühstück am Ufer des Sees ein, packen rasch zusammen und machen uns dann auf den Weg Richtung Bangweulu-Sümpfe. Unseren schotenpflückenden Platzkeeper nehmen wir noch ein Stück des Weges mit, denn er muss zu seinem Dorf, das stolze 15 km vom Camp entfernt liegt. Normalerweise latscht er diese Strecke zu Fuß und ist Stunden unterwegs, doch heute drängen wir uns im Auto einfach ein bisschen zusammen, können den Knaben mitnehmen und ihn ein wenig mit unseren Fragen löchern. Peter hatte uns nämlich am Vorabend erzählt, die Bisa (denen ja auch unser Platzkeeper angehört), sollten aus den Bangweulus vertrieben werden. Die Bisa sind saisonal in den Sümpfen als Fischer tätig, aber ihre Präsenz hätte so überhand genommen, dass die Tiere und insbesondere der Schuhschnabelstorch immer weiter ins Innere der Sümpfe zurückweichen. Nun solle das Sumpfgebiet den Status eines Nationalparks erhalten und somit die Bisa daraus verwiesen werden.

Ich persönlich empfinde das ja als sehr zweischneidig, wenn Menschen, die schon immer an solchen Orten leben, auf einmal zugunsten von Wildtieren ihrer Existenzgrundlage beraubt werden sollen. Natürlich sieht der „Bereinigungs“-Plan nur ein „Du-darfst-da-nimmer-rein“ vor, bietet den Bisa aber keine Alternativen; so die Aussage von Peter. Doch wo sollen die ganzen Menschen denn hingehen, wenn der Staat kein adäquates Ausweich-Gebiet zur Verfügung stellt? Unser Platzkeeper hat von dem Gerücht auch schon gehört, erklärt die Sachlage aber völlig anders: Es solle ein Trust, ähnlich dem Kasanka Trust gegründet werden und für eine befruchtende, friedliche Koexistenz zwischen Schuhschnabelstörchen, allen anderen Tieren und den Bisa sorgen. Das wäre mit Sicherheit die bessere Lösung, aber was letzendlich wirklich passiert, wird sich zeigen, wenn es denn so weit ist. Wir nähern uns, in interessante Gespräche verwickelt, dem Dorf unseres Platzkeepers, immer wieder stehen hübsche junge Mädls am Straßenrand und er ist sichtlich stolz, heute mal per Auto anzukommen. Mit geschwellter Brust steigt er aus und wir fahren weiter.

Peter, der die nun folgende Strecke ja schon gefahren war, hatte uns auch noch ausdrücklich angehalten, wir sollten doch bitte höllisch aufpassen. Die Straßenränder bestünden aus hohem Schilf und aus diesem stürzten sich alle paar Meter größere und kleinere Kinder hervor, um zu betteln. Da heiße es aufpassen, weil man will ja niemanden überfahren, auch wenn das Ganze schon recht lästig sei. Und hier zeigt sich abermals, wie sehr persönliche Wünsche oder Aversionen eine Schilderung prägen. Klar, man hat den Eindruck, durch ein einziges, zusammenhängendes Dorf zu fahren, das sich fast die gesamte Strecke entlang zieht und klar, überall sind Kinder, die uns kommen hören, schon lange, bevor wir sie sehen. Und ja, sie betteln uns laut schreiend nach Sweets an, kommen mit ausgestreckten Händen aus den kleinen Lehmhäuschen gesaust, aber wir haben nie Sorge, jemanden zu überfahren. Im Gegenteil. Alles, was sich auf oder an der Straße vor uns bewegt, hält respektvollen Abstand. Das geht soweit, dass schwer beladene Radfahrer es deutlich bevorzugen, stürzend in das Schilf auszuweichen, als sich auf eine Konfrontation mit unserem Auto einzulassen. Dabei nähern wir uns wirklich vorsichtig und signalisieren auch unsere Ausweichbereitschaft. Offenbar aber sind die Leute hier einen anderen Fahrstil gewöhnt, was ja auch sehr aussagekräftig ist. Das einzige, worauf man tatsächlich achten sollte, ist nicht zu langsam durch Dörfer zu fahren oder gar anzuhalten, denn die Kinder nutzen jede Chance, hinten auf’s Auto aufzuspringen und ein Stück mitzufahren. Und das ist wirklich gefährlich. Auf dieser Strecke denke ich oft an den Lkw mit den aufgeschweißten Anti-Aufspringzacken…

Doch auch ohne diese Zacken erreichen wir nach geraumer Zeit ohne Zwischenfälle Chiundaponde, eine der beiden größeren Ansiedlungen auf unserem Weg. In der Karte sieht alles ganz easy aus, einfach durchfahren und gut ist’s, in der Praxis gestaltet sich’s ein wenig schwieriger. Chiundaponde ist eine weitläufige Ansiedlung mit ein paar Shops, Schulen und einer, so sehen wir das, Hauptstraße. Dieser folgen wir und stehen plötzlich vor einer total maroden Brücke. Ehemals bestand die wohl aus Beton, ist aber mittlerweile eingebrochen und wurde mit stabilitätstechnisch äußerst zweifelhaften Baumstämmen ausgebessert. Da können wir nicht drüber. Aber wir wären nicht in Afrika, nicht in Sambia, würden da nicht plötzlich einige Menschen aus dem Nichts auftauchen, die zwar alle des Englischen nicht mächtig sind, aber genau wissen, wo Touristen so hin wollen. Mit Händen und Füßen bekommen wir erklärt, dass wir wieder zurück müssen und woanders links abbiegen sollen. Die Menschen sind alle sehr hilfsbereit, aber sie stecken ein wenig in der Zwickmühle. Auf der einen Seite wollen sie helfen, auf der anderen möchten sie die Gunst der Minute, neben einem Auto zu stehen und sich mit Weißen zu unterhalten, so lange wie möglich ausdehnen. Das zieht die Sache etwas in die Länge, aber was soll’s, wir haben doch Urlaub!

So fahren wir schließlich zurück Richtung Dorfmitte, können aber nichts entdecken, was nach richtigem Weg aussieht. Und auch hier sind die Bewohner sofort hilfsbereit zur Stelle: Männer, Frauen, Kinder, überall sehen wir braune Arme, die alle in eine bestimmte Richtung deuten. Wir folgen dankend den Zeichen und tatsächlich stehen wir kurz darauf vor einer vertrauenerweckenden Betonbrücke, die wir nun überqueren. Danach verfahren wir uns nur noch noch zweimal, bis wir endlich vor dem Gate der Chikuni GMA stehen. Dort registrieren wir uns bei einem sehr streng wirkenden, aber sehr freundlichen Officer und setzen unseren Weg fort. Weiter geht es durch unzählige Dörfer, überall erklingen die uns nun schon bekannten Schreie nach Sweets, Radfahrer stürzen sich todesmutig ins Schilf und irgendwann sind wir in Muwele. Auch Muwele ist eine etwas größere Ansiedlung und hier scheint gerade so etwas wie ein Sportfest gefeiert zu werden. Hunderte von Köpfen drehen sich in unsere Richtung, die Blicke folgen uns, die Sportler sind indessen unbeachtet. Nach Muwele werden die Dörfer weniger und bald schon, laut Reiseführer, sollen wir eine ausgeschilderte Abzweigung zum Nsobe Camp erreichen. Wohl sehen wir die beschriebenen Termitenhügel, auch die Ebene, die sich vor uns auftut, allein die versprochene Beschilderung fehlt. Auf gut Glück biegen wir links ab, juckeln durch mannshohes Gras, drehen aber wieder um, denn der Weg sieht wenig befahren aus und nirgendwo sind Zeichen eines Camps zu erkennen. Also folgen wir wieder dem Hauptweg, der alsbald, dammartig leicht erhöht, in eine riesige offene Grasebene führt. Hier ist es wie ausgestorben; keine Menschen, keine Tiere. Ratlos machen wir Pinkelpause und schon, kaum ist die Hose wieder droben, ist ein Radfahrer zur Stelle. Jaja, Nsobe, deutet er, da hinten.

Wir wenden und tatsächlich – kurz darauf erblicken wir eine kaum sichtbare, extrem staubige Fahrspur, die uns letztendlich doch noch zum Nsobe Camp führt. Die Lage des Camps und auch dessen Aussehen sind nun nicht gerade das, was wir uns, ich mir, unter Bangweulu Swamps vorgestellt hatte. Inmitten einer windverblasenen Ebene hat man einen Schilf-Zaun errichtet, ein paar sehr „rustikale“ Schilf-Hütten erbaut, sonst ist da nichts. Wir fahren durch den Einlaß im Zaun und ein Officer kommt herbeigeeilt. Das ist Nsobe, bestätigt er uns. Aha, ok. Wir würden hier gerne campen, vier Personen, ein Auto, drei Zelte. Ja, sagt der Knabe, das ist möglich, das kostet US 25 pro Person und Nacht. Wieviel, spinnt der? Das ist zweieinhalb mal mehr, als unser Reiseführer sagt und mehr, als wir bis dato für totalen Camping-Luxus bezahlt haben. Wir lassen uns die Örtlichkeiten zeigen, aber mehr als ein buckeliger Campground und eine nicht funktionierende Toilette kann man uns nicht präsentieren. Somit beginnen die Preisverhandlungen. Der Officer oder Platzkeeper, was immer er auch sein mag, reagiert auf unsere fehlende Zahlungsbereitschaft, indem er zu einem aberwitzigen Kurs die geforderten Dollar in Kwacha umrechnet und uns versichert, wir könnten auch in Landeswährung zahlen. Bursche, das ist nicht das Problem! Wir fragen ihn, wer denn diese Preise festgesetzt hätte und vor allen Dingen wann. Darauf weiß er keine Antwort, aber er geht mit dem Preis runter, allerdings ziemlich unwesentlich. Auf eine derartige Abzocke haben wir alle keinen Bock und was wir bis dato gesehen haben, kickt uns auch nicht wirklich, also geben wir ihm zu Verstehen, dass wir sofort wieder abreisen, wenn er nicht von seinen absurden Forderungen herunter geht. Und wir fragen, ob wir denn dem Herausgeber unseres Reiseführers melden sollten, dass der Preis bei mehr oder weniger US 25 pPpN läge. Da wird ihm offensichtlich mulmig und er nennt uns US 50 für uns alle zusammen pro Nacht. Das akzeptieren wir schließlich, nicht aber ohne ihn zu fragen, wie es zu diesem Preissturz kam. Preise seien Verhandlungssache, erklärt er uns mit sichtlich schlechtem Gewissen und entfernt sich eilig. Interessant! Auf einem Markt ist das klar, da werden kränkelnde Großmütter ins Feld geführt, unernährbare Familien, riesige Verantwortungen, aber doch bitte nicht auf einer offiziellen, zudem noch unkomfortablen Campsite.

Wir suchen uns möglichst ebene Plätze für unsere Zelte und bauen auf. Und da ist er schon wieder, unser Profi: wie das denn jetzt wäre mit den Dollars und den Kwachas, was er denn nun nehmen solle. Geduldig versuchen wir ihm die Zusammenhänge zwischen Kursschwankungen, Inflation und Tauschraten nahe zu bringen. Begierig saugt er unsere Erklärungen auf, entscheidet sich aber dann doch für eine Bezahlung in Kwacha. Irgendwie verständlich, denn wann kommt der Knabe schon zu einer Bank und kann die guten Dollar tauschen?! Frage ist nur: warum traut er sich, völlig unverfroren, Preise zu einer Verhandlungssache zu machen? Wer kontrolliert ihn, was steckt er, sollte ein Tourist das je bezahlen, selbst ein? Das alles erscheint uns ein wenig seltsam.

Mittlerweile sind wir uns auch nicht mehr sicher, ob wir hier wirklich, wie geplant, zwei Nächte bleiben wollen. Ob oder ob nicht, diese Entscheidung machen wir vom nachmittäglichen Gamedrive abhängig, der uns wieder hinaus auf die windige Ebene hinausführt. Und siehe da: die vor Stunden noch wie ausgestorben wirkende Plain hat sich mit hunderten, tausenden von Black Lechwes gut gefüllt. Soweit das Auge reicht, stehen kleinere und größere Herden zusammen, grasen friedlich und lassen sich von uns nicht wirklich stören. Um diesen beeindruckenden Anblick richtig genießen zu können, verlassen wir den Fahrdamm, steigen aus und verschanzen uns direkt, ganz fotojäger-like, hinter dem niedrigen Wall. Doch mit dieser Perspektive sind wir nicht vollends zufrieden: viel Antilope auf viel Fläche ist irgendwie langweilig bezüglich der Bildwirkung. Dies und die immer wieder des Weges kommenden Radfahrer, welche die Lechwes in keinster Weise beunruhigen, veranlassen uns zur „Überrobbung“ des Dammes. Flach ins Gras gedrückt, heben sich für uns nun die Lechwes zwar vom Horizont ab, doch die Bildwirkung verbessert sich trotzdem nicht wesentlich. Außerdem sind wir halt keine Radfahrer, wie sie hier permanent vorbei kommen, sondern komische Wesen, die auf dem Bauch liegen und sich nicht bewegen. Das ist den Lechwes nicht ganz geheuer und sie weichen langsam aber merklich vor uns zurück, wie Schaum vor einem öligen Finger.

Also gut, wir sehen es ein, steigen wieder ins Auto und kurven ein bisschen über die Ebene, natürlich immer auf vorhandenen Wegen. Neben den Lechwes sind auch zahlreiche Vögel unterwegs. Eine mehrköpfige Gruppe von Klunkerkranichen pickt emsig Nahrung vom staubigen Boden, kleine Hirtenregenpfeifer und schön gezeichnete Rotflügel-Brachschwalben flattern vor, neben und über uns umher. Es sind genußvolle, interessante und kurzweilige Stunden, die wir hier in dieser Vielfalft verbringen. Trotzdem zieht es uns ans Wasser, an den Rand der Bangweulu-Sümpfe. Leider kommt man dort nicht ohne weiteres hin – alle Wege zum Nass führen über Chikuni Station, dem offiziellen Gate zu den Sümpfen und wir sprechen dort informationshalber mal vor. Um wenigsten ein bisschen Sumpf-Flair mit zu bekommen, machen wir für den nächsten Morgen einen Termin zum ranger-geführten Selfdrive aus. Es ist uns klar, dass man mit dem Auto nur an der „Waterkant“ umher kurven, nicht aber in die Sümpfe eindringen kann, doch trotz aller Lechwes und gefiederter Freunde übt diese Gegend nicht genügend Faszination auf uns aus, um uns noch eine zweite Nacht hier zu fesseln. Mit dem Termin in der Tasche und einem netten Sonnenuntergang im Rücken schlängeln wir uns durch die Lechwemassen zurück nach Nsobe. Dort hat unser Finanzexperte schon ein kleines Feuerchen für uns angeschürt, an dem wir uns nach dem Kochen niederlassen. Gemütlichkeit kommt nicht so richtig auf, denn der Wind, der den ganzen Tag schon unsere Gebeine durchwehte, hat sich auch zum Sonnenuntergang nicht nennenswert gelegt. Gepaart mit der Kälte der Nacht ist das ein schlagendes Argument für ein frühes Schlafengehen. Das tröstliche Heulen mehrerer Schakale in unmittelbarer Campnähe wärmt mich ebenso wie mein Daunenschlafsack, das Flattern meiner Zeltwände singt mir ein anheimelndes Wiegenlied.

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