11. April, Erkundungstag im Richtersveld Nationalpark

Mitten in der Nacht schrecke ich hoch. Es ist zwar stockfinster und ich kann nichts sehen, dafür aber spüren – und irgendetwas ist soeben über meinen Hals gesaust, unter meiner Schulter verschwunden und verharrt dort nun regungslos. Mist, das fühlte sich an wie ein leichtfüßiges Krabbeltier, genau so, wie der Skolopender, der mich vor Jahren in Indien gebissen und mir ein brennendes, schmerzendes Andenken verschafft hatte. Oh, nein, mein Freund, wer auch immer du bist, so etwas brauche ich nicht nochmal! Supervorsichtig taste ich gerade nach der Taschenlampe, um dem Untier bei Licht einen Riegel vorschieben zu können, als erneut etwas über meine Haut läuft, exakt auf dem selben Weg wie das vorige Chitin-Phantom.

Eine klebrige Nacht

Herrschaft, jetzt bin ich aber reingefallen! Vor Erleichterung muss ich beinahe laut loslachen, denn mein schlafumnebeltes Hirn realisiert plötzlich, dass es sich bei den vermeintlichen Insekten lediglich um harmlose, aber munter rinnende Schweißtropfen handelt. Na, dann kann ich mich ja beruhigt umdrehen und weiterschlafen. Wenn ich nur könnte… Die 90-Grad-Wende erfordert richtig Kraft, außerdem scheuert es überall. Unwillig taste ich über meinen Körper, die Therm-A-Rest, das Kopfkissen und stelle fest, dass ich nicht nur patschnass bin, sondern auch in einer sandigen Pfütze liege – es fühlt sich an, als wäre ich ein sandhäutiger, schneckenklebriger Hai, der soeben in einer Sauna angelandet ist. Aber nein, ich bin nur ein schweißgebadetes Menschlein, das sich bei ungefähr 35 Grad auf einer sandig-nassen Matratze zu drehen versucht, und, so sagt mir ein Blick auf meine hilfreich leuchtende Armbanduhr, noch vier Stunden bis Sonnenaufgang dort zu verharren hat. Nein, ohne mich! Leise öffne ich den Reißverschluss des Zelteingangs, krabble nach draussen und atme – in Erwartung einer frischen Brise – tief durch. Doch denkste! Auch außerhalb des Zelts regt sich kein Lüftchen, feuchte Hitze brütet hier wie da, ich fühle mich verdreckt, pappig und zudem ziemlich unwohl. Missmutig beschließe ich, dieses abartige Klima, das einem erholsamen Schlaf alles andere als zuträglich ist, dann aber doch lieber im Liegen als im Stehen zu ertragen und klettere zurück in unsere Schwitzhütte. Und kaum habe ich mich in meinem scheuernden Schweißsee einigermaßen bequem zurechtgerückt, bin ich auch schon wieder eingeschlafen. Vier Stunden später erwache ich erneut: es dämmert, es ist bedeckt, es hat 22 Grad und ich fühle mich plötzlich viel, viel besser.

Habe ich das Ganze denn nur geträumt? Nein, hab ich wohl nicht, denn Heinz, Annette und Jochen, klebrig und sandig wie ich selbst, klagen ebenfalls über eine recht unerquickliche Nacht. Die kühle Morgentemperatur aber belebt uns alle und auch, wenn wir uns nicht erklären können, warum es plötzlich so viel frischer ist, so genießen wir diese Tatsache dennoch in vollen Zügen und ergehen uns wohlgelaunt in Frühstückspräparationen. Kaum haben wir den Tisch gedeckt, appetitlich getoastete Weißbrotscheiben auf den Tellern verteilt und mit dem Verzehr des opulenten Morgenmahls begonnen, erhalten wir Besuch. Die Frankolin-Familie von gestern Abend ist zurück! Recht angelegentlich umrunden die Hühnchen unseren Tisch, kümmern sich aber umso hingebungsvoller um jedes zu Boden gefallene Krümelchen und lassen diese in ihren sorgfältig pickenden Schnäbeln verschwinden. Plötzlich jedoch halten sie in ihrem Tun inne, schauen etwas irritiert in die Runde, stieben auseinander und verschwinden erregt gackernd in einem nahen Gebüsch. Was ist denn jetzt los?

Wir sind nicht allein!

Ach du liebe Güte, da hinten, direkt neben unserem Zelt, sind zwei struppige Köter aufgetaucht. Mit zwischen den Hinterbeinen eingeklemmten Ruten schleichen sie nervös, aber sichtlich hungrig und gierig um unser Camp herum. Hallo? Wir sind doch in einem Nationalpark, was zum Teufel haben da Hunde zu suchen? Na klar – fällt es mir ein – das sind Hirtenhunde der im Park ansässigen Nama. Dass hier Mensch und geschützte Natur Hand in Hand einträchtig nebeneinander, ja, sogar voneinander leben, ist unter anderem dem bereits erwähnten Hans-Dieter Ihlenfeldt zu verdanken. 1961 reiste der Professor zum ersten Mal ins Richtersveld und kehrte fortan immer wieder, denn dieser botanische Hot Spot zog ihn magisch an. Im Laufe der Jahre aber sah er dieses Paradies zunehmend bedroht. Durch die wachsende Anzahl der schaf- und ziegenhirtenden Nama und die immense Vergrößerung ihrer Herden geriet die Vegetation schwer unter Druck und schwand kontinuierlich. Ihlenfeldt alarmierte die zuständige Naturschutzbehörde und drängte mit überzeugenden Argumenten zum Schutz dieser einmaligen Region. 

Doch Behördenmühlen mahlen langsam, was sich aber gerade in diesem speziellen Fall als äußerst vorteilhaft erwies. Im Zuge andauernder Forschungsarbeiten nämlich stellte der Professor fest, dass der natürliche Weidetierbesatz (sprich Antilopen) mehr und mehr ausdünnte, je größer die Herden der Nama wurden, gleichzeitig erkannte er jedoch auch, dass die hoch spezialisierte Flora im Richtersveld von einem gewissen Weidedruck abhängig ist. Da aber die weidenden Wildtiere auf Kosten der domestizierten Graser fast verschwunden waren, erlangten nun die Ziegen und Schafe eine neue, nie geahnte Bedeutung für den Erhalt der einmaligen Vegetation des Richtersvelds. Doch, wie gesagt, die Mühlen mahlten langsam. Nach langwierigen Verhandlungen, zähem Ringen um die Bedingungen und heißen Diskussionen dann wurde im Jahre 1991 ein großer Teil des Richtersvelds zum Nationalpark erhoben – endlich und unter Berücksichtigung aller relevanten Forschungsergebnisse. Die Nama und ihre Tiere durften bleiben, selbstverständlich unter strengen Auflagen, was die Größe der Herden anbelangte. Als Gegenleistung für diese Verdienstschmälerung wurden sie ins Parkmanagement eingebunden und verdienten damit auch am Tourismus. So war eine Lösung gefunden, von der Mensch, Tier und Natur gleichermaßen profitierten; ein Naturschutzkonzept, das heute gerne in dieser Form praktiziert wird, damals aber absolut ungewöhnlich und völlig neu war.

So, da nun das Rätsel um die streunenden Hunde gelöst und unser Frühstück beendet ist, können wir beruhigt und gestärkt in einen spannenden Tag starten. Heinz ist ohnehin schon ganz hibbelig, denn, so schön das Camp De Hoop auch gelegen ist, so sehr lässt dessen Vegetation zu wünschen übrig. Bis auf ein paar sparrige Büsche wächst hier nichts, was von botanischem Interesse wäre. Voller Vorfreude machen wir uns deshalb nun auf, weitere Gebiete des Richtersvelds in aller Ausführlichkeit und Ruhe zu erkunden.

Wir starten unseren Erkundungstag im Richtersveld

Zunächst schrauben wir uns vom Flussufer über einen recht engen, felsigen Pfad nach oben – Hummer-Passage haben wir diesen Streckenabschnitt gestern Abend getauft, denn für ein Fahrzeug dieser Marke stehen die Felsbrocken rechts und links der Pad definitiv zu nahe beisammen. Für unseren Landy mit Jochen am Steuer allerdings ist das kein Problem und so erreichen wir bald darauf, eine Etage höher, eine weite Ebene, auf der besenartige Büsche mit wunderschönen gelben Blüten wachsen. Na ja, was halt von den Blüten noch übrig ist, denn sie scheinen sehr beliebte Käferkost zu sein. An jeder Knospe, an jeder Blume, hängt mindestens eines dieser gefräßigen Insekten und mampft voller Hingabe. Dennoch haben es zahlreiche Blüten bis zur Samenreife geschafft – davon zeugen eine Menge hübscher, sehr flauschiger Samenstände, die uns, charakteristisch wie sie sind, eine Identifizierung der Pflanze sehr einfach machen. Sisyndite spartea, Desert Broom, aus der Familie der Zygophyllaceae, erklärt uns das Pflanzenbuch, das Heinz in Swakopmund erstanden hat. Und auch eine zweite, sehr augenfällige Pflanze, die hier in trauter Nachbarschaft mit den Sisyndites gedeiht, ist rasch bestimmt: sie hat lange, schlauchförmige, gelbe Blüten, verhältnismäßig große, sattgrüne Blätter und wird von den verfressenen Käfern in keinster Weise beachtet. Aber klar, es handelt sich hierbei ja um ein Tabakgewächs, genauer gesagt eine Nicotiana glauca (übrigens auch ein Neophyt aus Südamerika), deren alkaloide Inhaltsstoffe die Insekten wahrscheinlich vergiften würden – oder vielleicht auch nur nicht schmecken.

Hinter jeder Kurve gibt es Neues zu entdecken

Mann, macht das Spaß! Mit guter Bestimmungsliteratur, viel Zeit im Gepäck und scharfen, interessierten Augen lässt sich dieser wildarme Nationalpark wirklich mit allen Sinnen auf das Schönste erleben. Doch dass ich nicht lüge! Kaum nämlich sitzen wir wieder im Auto und fahren um die nächste Kurve, prescht plötzlich eine stattliche Oryx vor uns davon. Kurz darauf entdecken wir sogar noch zwei zauselige Klippspringer in den steilen Felsen hoch über der Fahrspur und noch ein wenig später tauchen wir in ein kleines Trockenflusstal ab, das über und über mit Kötteln übersät ist. Von wegen hier gibt es keine Tiere! Nun ja gut, die Köttelproduzenten lassen sich zwar bedauerlicherweise nicht blicken (es könnten auch Ziegen gewesen sein), dafür aber präsentiert sich uns eine kleine Stachelagame – leider nur ganz kurz, bevor sie in einem unordentlichen Gestrüpp an der steilen Böschung abtaucht. Doch der recht unscheinbare Zufluchtsort des kleinen Reptils trägt hochinteressante Früchte! 

Und diese mehr als faustgroßen, grünen Stachelmelonen gehören zu einem Kürbisgewächs namens Cucumis rigidus, vielleicht besser bekannt als Stachelgurke – oder vielleicht auch nicht, denn diese Pflanze kommt nur in den Gestaden des Oranje-Tals vor und ist deshalb wenig erforscht. Doch das rankende Gürkchen hat nahe Verwandte, die der Wissenschaft in vielen Details bekannt sind und so vielleicht Rückschlüsse auf die Bedeutung der Cucumis zulassen. Da ist zum Beispiel die Nara-Melone (Acanthosicyos horridus), deren Früchte eine wichtige Rolle in der Ernährung diverser Wüstenbewohner spielen, die sich durch den Verzehr der ölhaltigen Samen Energie zuführen. Außerdem enthalten die Naras einige lebenswichtige Mineralstoffe, eine gute Portion Vitamin C, Proteine und bestehen zu etwa 90 Prozent aus Wasser; eine nicht ganz unerhebliche Tatsache in der Wüste. Neben den Tieren macht sich natürlich auch der Mensch den Nährstoff- und Wassergehalt der Kürbisse zunutze, brät das in Scheiben geschnittene, mehr oder weniger bittere Fruchtfleisch, verarbeitet die gerösteten Samen zu Mehl oder isst die saftigen Kugelgurken als Getränkeersatz. Doch der Mensch wäre keiner, hätte er nicht noch mehr Nützlichkeiten der Kürbispflanze für seine Zwecke entdeckt: sparsam und verantwortungsvoll eingesetzt, kann das in den Wurzeln enthaltene Cucurbitacin für medizinische Zwecke verwendet werden, in höherer Dosis hingegen findet es Verwendung als Pfeilgift, es sind aber auch Fälle bekannt, in denen Menschen mit diesem cytotoxischen Wirkstoff von wenig wohlmeinenden Artgenossen um die Ecke gebracht wurden…

Apropos um die Ecke: hier sind die Dimensionen ja etwas großzügiger als bei uns zuhause, nichts liegt mal eben so um die Ecke – und da wir möglichst viel von dieser traumhaften Gegend sehen möchten, trennen wir uns von dem trockenen Flusstal, um weiter zu kurven. Doch keine fünf Minuten später bleiben wir erneut hängen: Euphorbien! Und zwar ganz viele, dicht gedrängt in einem kleinen, engen Felstal. Kakteenartige Virosas, geweihförmige Gariepinas und verzweigte-errötende Gummiferas. Und kaum sind wir ausgestiegen, entdecken wir weitere Floral-Kleinodien dieses sagenhaften Botanik-Hot-Spots, die wir nur zum Teil bestimmen können, sie aber voller Augen-Genuss in uns aufsaugen. Corallocarpus, Blepharis, Aptosimum, Sarcocaulon, Lycium, Kissenia, Monechma, Acanthopsis, etcetera. Es ist phantastisch, unglaublich, unfassbar, grandios, es ist schlichtweg ohne Worte! Besonders Heinz und ich schweben in einem Zustand seliger Entrückung – aus irgendwie den selben und doch völlig unterschiedlichen Gründen. Heinz hat seit Jahrzehnten ein ausgeprägtes Faible für exotische Pflanzen, speziell Sukkulenten, beherbergt und pflegt Hunderte davon in seinem Haus und kennt seine Schützlinge alle mit ihren wissenschaftlichen Namen. Er zieht neue Pflanzen aus selbst gesammelten, aber auch gekauften Samen heran, versorgt jeden noch so kümmerlichen Keimling voller Hingabe und gerät über jeden neuen Trieb, jede neue Blüte in Verzückung. Für ihn sind seine Pflanzen gleichbedeutend mit Ruhe und bescheren ihm immer wieder kontemplative Momente.

Auch ich bin lange Jahre schon fasziniert von sukkulenten Gewächsen, hege eine besondere Leidenschaft für Caudexpflanzen, insbesondere aber Pachypodien. Ihre bizarre Erscheinung spricht mich unwahrscheinlich an: entweder sie haben einen dicken stacheligen Stamm (z. B. Pachypodium namaquanum) und sehen eher aus wie Kakteen, wenn da der üppige Blattschopf nicht wäre oder sie treiben aus knollig-holzigen Knubbelgebilden, zu denen die saftig-grünen Blätter auf den ersten Blick so gar nicht passen wollen. Ihr widersprüchliches Äußeres ist in meinen Augen ungemein reizvoll und macht mir die Sukkulenten aus unerklärlichen Gründen wahnsinnig sympathisch. Im Gegensatz zu Heinz allerdings bin ich keine globale Exoten-Sammlerin, sondern beschränke mich auf afrikanische Arten und meine Fensterbretter sind daher sehr viel sparsamer bestückt als die seinigen. Auch wenn meine Mama das ein bisschen anders sieht, wenn sie mal wieder Urlaubs-Gießvertretung machen darf. Naja, gut, ein paar Crassulas und Senecien habe ich wohl gerade unterschlagen…

Attacke der Eurphorbien!

Doch wie auch immer wir zu unseren Pflanzen stehen, wie viele wir auch haben oder eben nicht: solch eine Vielfalt und Pracht an ihrem, an einem derartig grandiosen Naturstandort sehen zu können, macht Heinz und mich gleichermaßen glücklich. Und, so pathetisch das auch klingen mag: uns durchflutet eine unglaubliche Dankbarkeit, hier sein zu können – was ja beileibe alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Mit diesem erhebenden Gefühl im Herzen durchstreifen wir das traumhafte Tal, inspizieren alles ganz genau, schlagen das Gesehene in unserem Pflanzenführer nach und fotografieren eifrig – jeder auf seine eigene Art und Weise. Während Heinz darauf achtet, die jeweilige Pflanze so abzulichten, dass eine spätere Bestimmung möglichst detailgenau durchführbar ist, haben es mir vorwiegend die Formen, Farben und grafisch wirkenden Einzelheiten angetan. In manches Gewächs krieche ich förmlich hinein, um möglichst nahe dran zu sein, um die schönste Perspektive zu bekommen, was aber, gerade bei Euphorbien, nicht die allerbeste Idee ist. Diese nämlich enthalten allesamt einen Milchsaft, der, je nach Art der Euphorbie, hochgiftig sein kann. Kommt man damit in Berührung, so kann das ernsthafte Konsequenzen haben: von Hautreizungen über Verätzungen bis hin zu vorübergehender Erblindung ist alles drin. 

 „Schneck, wie schaust’n du aus?“, meint Heinz plötzlich und sieht mich entsetzt an. Hoppala, da hab ich mich in meinem Fotoeifer doch tatsächlich so weit in eine der Wolfsmilchsukkulenten hineingebeugt, dass ich diese verletzt und sie mich im Gegenzug über und über mit Milchsaft bekleckert hat. Beide Unterarme und das T-Shirt sind voller weißer Tropfen! Heinz zerrt mich zum Auto und kontrolliert mit Adleraugen das Ergebnis meiner sofort vorgenommenen Waschung. Hier und da spült und rubbelt er nochmal nach, ganz zufrieden allerdings ist er erst, als ich auch das T-Shirt gewechselt habe – sicher ist sicher. Übertrieben ist diese Gründlichkeit bestimmt nicht, wird doch in manchen Regionen Afrikas der Milchsaft von einigen Euphorbien zum Fischfang oder gar als Pfeilgift benutzt; und da ich nicht weiß, von welchem der Wolfsmilchgewächse der Saft stammt, geschweige denn, wie giftig das Zeug wirklich ist, kann man in der Tat nicht vorsichtig genug sein.

Durch Heinz’ Fürsorge den eventuell unangenehmen Folgen des Milchsaft-Vollkontakts von der Schippe gesprungen, lasse ich meine weiteren Aktionen etwas überlegter angehen, doch allzu lange bleiben wir ohnehin nicht mehr hier, denn die Zeit ist schon wieder wie im Fluge vergangen und es gibt noch so viel zu sehen. Nach über einer Stunde botanischer Kurzweil brechen wir schließlich auf, fahren aus dem Wolfsmilchtal hinaus, Richtung Osten, Richtung Tatasberg, überqueren einige niedrige Höhenzüge und landen bald darauf erneut in einem Tal. Es ist ziemlich weitläufig, landschaftlich recht reizvoll und wird, sehr merkwürdig, auf ganzer Breite von einer weißen Perlenschnur durchzogen. Beim Näherfahren entpuppt sich die seltsame Kette dann allerdings als nicht enden wollender Strom von Ziegen – hübsche weiße Tiere mit rotbraunen Köpfchen, eines nach dem anderen. Das nenne ich mal Weidedruck pur! Staunend beobachten wir die Riesenherde bei ihrer Wanderung quer durch die Senke, doch es sind so viele Tiere, dass wir das Ende der Karawane nicht erwarten können – und auch nicht wollen, es wartet ja schließlich noch der nächste Aussichtspunkt auf uns und natürlich der ganze Weg zurück nach De Hoop. 

Ein phantastischer Aussichtspunkt: der Tatasberg

In aller Kürze verabschieden wir uns also von den stoisch dahin trottenden Ziegen und holpern rasch weiter. Nach einigen Kilometern dann erreichen wir unser angestrebtes Ziel am Fuße einer mächtigen Granitkuppe. Vor uns tut sich nun ein Anblick auf, der uns, ähnlich wie die Mondlandschaft im Swakoptal, fast den Atem raubt: rote, von Wind und Wetter rund geschliffene Felsen rahmen den natürlichen Balkon, von dem aus wir eine schier unendliche Sicht hinab ins Oranje-Tal haben. Der Fluss selbst bleibt uns zwar verborgen, der Himmel ist nach wie vor bedeckt, gerade aber das Fehlen des grellen Sonnenlichts lässt die Szenerie besonders eindrucksvoll, ja geradezu märchenhaft wirken. So märchenhaft, so unwirklich, dass man erneut glauben könnte, es wäre das Werk eines Landschaftsgärtners, das Meisterstück eines Kulissenmalers. Die unterschiedlichen Rottöne des Granits, die beinahe organisch anmutenden Felsbrocken aller Größen, die treppenartig fallende Steinterrasse, bewachsen von allerlei Sukkulenten – all das liegt wie ein kleiner Garten Eden vor dem Hintergrund wolkenverhangenen Himmels und aufgefächerter, verschiedenfarbiger Bergketten in der Ferne.

Wir brauchen einige Zeit, uns aus unserer Ehrfurchts- und Genuss-Starre zu lösen, dann aber beginnen wir neugierig, dieses Paradies zu erkunden. Da ist zum Beispiel ein hinkelsteinförmiger Fels mit fast mannshoher Höhlung, in die wir uns alle nacheinander hineinquetschen und, wie die Kinder vor Freude kichernd, uns gegenseitig ablichten, da weht eine frische Brise vom Tal herauf, die uns zu hollywoodreifen Posen am Rande der titanischen Terrassenstufen verführt und es gibt wieder viele Pflanzen zu entdecken. Unter anderem auch eine, die ich bereits am Akkedis Pass gesehen habe und die mich schon dort in ihren Bann zog: holzige braune Ästchen, wirr verstrüppt, anmutig geneigt oder demütig in die vorherrschende Windrichtung gereckt, über und über bewachsen von ovalen, direkt dem Ast entspringenden, sukkulenten Miniblättchen, igelartig, seltsam, bizarr – das ist die Ceraria namaquensis.

In früheren Jahren führte das wundersame Portulakgewächs einen recht unschönen afrikaansen Namen, nämlich Hotnotsriem, Hottentottenriemen – ob die Weißen ihre „Hottentotten“ mit den faserigen Ästen fesselten oder gar schlugen, entzieht sich meiner Kenntnis – heute aber ist diese diskriminierende Bezeichnung nicht mehr in Gebrauch; es heißt jetzt recht wertfrei Wolftoon oder einfach Namaqua Porkbush. Klingt zwar auch nicht gerade schmeichelnd und wird der hübschen Pflanze in meinen Augen in keinster Weise gerecht, aber egal. Ich freue mich einfach nur, hier zu sein, mit meinem Schneck, mit Annette und Jochen, die die Zeit im Richtersveld ebenso genießen wie ich. Und dieser heutige Tag ist, wie auch der gestrige schon, ein Geschenk, wie man es selten erhält – kostbar und ziemlich einzigartig. Gerührt und hingerissen klettere ich an diesem magischen Ort umher und kann mich kaum trennen, als Annette zum Aufbruch bläst. Doch ein Blick auf die Uhr gibt ihr recht: es ist bereits früher Nachmittag und unser Weg zurück nach De Hoop ein langer.

Zurück im Lager: Was ist denn hier geschehen???

So also machen wir uns wieder auf, fahren eine großzügige Schleife, kreuzen erneut die Zufahrt zum Wolfsmilchtal, biegen in die Sisyndite-Ebene ein (natürlich nicht ohne immer wieder anzuhalten) und erreichen gegen 16 Uhr den Beginn der Hummer-Passage. Doch dieses letzte Stück hinab zu unserem Camp wird von einem Wegelagerer blockiert: eine knochige Kuh starrt uns gelangweilt an, weigert sich beharrlich, den Weg freizugeben. Geduldig warten wir, bis sie sich aus ihrem Phlegma löst und schließlich doch einen beherzten Satz zur Seite macht, laut muhend und unter sich lassend. Nun steht unserer Heimkehr nichts mehr im Wege, vorsichtig tasten wir uns die letzten engen Meter durch die Felsen, freuen uns auf einen gemütlichen Abend, erleben aber bei Ankunft eine böse Überraschung: Annettes und Jochens Zelt, prominent platziert auf einer Sandbank nahe des Ufers, steht nicht mehr. Auf der Seite liegend und leicht derangiert entdecken wir es – 50 Meter weiter links, direkt am Wasser. Gott sei Dank, es ist noch da! Aber was zum Teufel ist hier geschehen? 

Ach, ich erinnere mich, etwas gelesen zu haben, etwas über die ganz speziellen Thermik-Verhältnisse am unteren Oranje. Die immense Aufheizung der umliegenden Felsen, gepaart mit der relativen Kühle des Flusswassers, erzeugt nachmittägliche Starkwinde, die, kanalisiert durch das enge Tal, mit irren Geschwindigkeiten durch diesen Kamin Richtung Südatlantik pfeifen. Ein paar hundert Meter weiter oben haben wir zwar davon nicht das Geringste mitbekommen, aber so wird es wohl gewesen sein. Was für ein Glück, dass das Zelt dabei nicht im Wasser gelandet ist und bereits oranjeabwärts munter auf den Wellen des Benguelastroms gen Kapstadt schippert. Erleichtert eilen wir zum umgewehten Stoffiglu, um es gemeinsam zum ursprünglichen Standort zurück zu tragen, aber das ist fast unmöglich, denn es ist mit so viel Sand gefüllt, dass es kaum zu lupfen ist. Doch wie kommt eine solche Menge Sand in ein geschlossenes Zelt? Während Annette sich seufzend an die Gewichtsreduzierung, sprich die grobe Grundreinigung ihrer Behausung macht, schwant auch Heinz und mir Böses. Unser Zelt, ordentlich verzurrt am Rande einer Böschung, steht wie ein Einser, aber wie mag es im Inneren aussehen? Und, oh wei, tatsächlich! Zentimeterhoch sind der Boden, unsere Schlafsäcke und Matten von puderzuckerfeinem Sand bedeckt, den es durch den schweren, dicht gewebten Baumwollstoff regelrecht hineingepresst haben muss. Na super! Schicksalsergeben machen wir uns ans Entsanden, räumen alles raus, schaufeln, kehren, klopfen, kehren abermals, räumen das gesäuberte Inventar wieder ein und gruseln uns vor der Nacht. Die Höchsttemperaturen lagen heute zwar bei erstaunlich niedrigen 26 Grad, was kühle Stunden des Schlafes bedeuten könnte, doch sandig werden sie wohl dennoch sein – es rieselt nämlich immer noch gewaltig, sobald man das Zelt berührt…

Es kehrt wieder abendliche Ruhe ein

Davon jedoch wollen wir uns den Abend nicht verderben lassen und gönnen uns, um den Sand hinunterzuspülen, erst Mal ein kühles Bier, bevor wir mit den Vorbereitungen fürs Dinner beginnen. Einträchtig sitzen wir dann beisammen und schnibbeln die Zutaten; unser Hantieren mit Essbarem scheint sich allerdings in Windeseile herumgesprochen zu haben, denn innerhalb von Minuten sind wir von zahlreichen Interessenten umzingelt: als finden sich natürlich die Frankoline ein, die uns bisher zu jeder Mahlzeit besucht haben. Es handelt sich um Kapfrankoline, die, wie der Name ansatzweise schon andeutet, eigentlich ausschließlich in der Kapprovinz vorkommen, vereinzelte Bestände aber gibt es auch am unteren Oranje und wir fühlen uns besonders geehrt, ein paar der versprengten Hühnervögel zu Gast zu haben. Doch bald gesellen sich noch andere Federtiere zu der illustren Runde. 

Eine wunderschöne Palmtaube mit schwarzen Knopfaugen und zimtfarbener Brust, eine distinguierte Kapturteltaube in gedecktem Grau und mit schwarzer Sichel im Nacken – beide Vögel stapfen mit nickenden Köpfchen durch den Sand und picken eifrig. Hinter uns, in einem Schilfbüschel, hüpft ein winziger Kaprohrsänger umher, aus dem Gebüsch daneben werden wir von einer schwarz-weißen Witwenstelze beäugt und auch der Dreiband-Regenpfeifer, der vorhin noch in der Hummer-Passage zugange war, nähert sich angelegentlich. Oh Mann, könnte man schöner in den Abend eines ohnehin schon phantastischen Tages geleitet werden? In vollen Zügen genießen wir diese umfassende Idylle, die auch noch leise gluckernd vom friedlich strömenden Oranje untermalt wird. Bevor sich die Dunkelheit herabsenkt, taucht die untergehende Sonne Fluss und Berge ein letztes Mal in pittoreskes Licht, es ist angenehm kühl, die Vögel suchen ihre Schlafplätze auf, die Geräusche der Nacht erwachen kurz darauf – und unser Essen ist auch fertig.

Hungrig machen wir uns über die mit Reis und Bobotie gefüllten Teller her – schließlich hatten wir seit dem Frühstück dank des Dauer-Inputs keine Zeit mehr, Futter aufzunehmen – doch schon wieder werden wir dabei beobachtet: die zwei Hunde von heute Morgen sind zurück und warten, mindestens ebenso hungrig wie wir, dass sie etwas abbekommen. Na, dann wollen wir mal nicht so sein. Jochen kredenzt den beiden struppigen, zaundürren Tieren die Reste unserer Mahlzeit, die sie gierig und sich gegenseitig anknurrend verschlingen und daraufhin lautlos in der Nacht verschwinden. Tja, und auch ich muss jetzt kurz mal verschwinden – der Sundowner muss raus. Allerdings kann ich mich, vollgefressen wie ich bin, nicht dazu aufraffen, den weiten Weg bis zum Klohäuschen hochzugehen.

Klogang mit Ginsterkatze …

Also trabe ich das kurze Stück bis zu unserem Zelt die Böschung nach oben, suche mir ein übersichtliches Plätzchen in der Nähe, leuchte die Umgebung ab und lasse beruhigt die Hosen runter. Während nun das gute Castle Lager laut plätschernd meine Blase verlässt, funzle ich gewohnheitsmäßig weiter und blicke plötzlich, von meiner nunmehr hockenden Position aus, in zwei sehr nahe, reflektierende Augen, ein geflecktes Katzengesicht, auf eine feuchte schwarze Nase und einen langen, geringelten Schwanz. Eine Ginsterkatze! Lange starren wir uns gegenseitig wie gebannt und bewegungslos an. Ticktack, ticktack, ticktack. Minuten schon ist mein Strahl versiegt, doch immer noch verharre ich, wie die Katze auch. Wer gibt zuerst auf? Ticktack, ticktack, ticktack. Natürlich bin ich das. Als nämlich die Mücken meinen nackten Hintern aufs Übelste zu traktieren beginnen und meine Beine einschlafen, ist Schluss mit lustig, Ginstermieze hin oder her. Und schwupp, kaum habe ich mich bewegt, schon ist auch die Katze wie der Blitz im Gebüsch untergetaucht.

Freudestrahlend hüpfe die Böschung hinab und erzähle von meiner aufregenden Begegnung. Mein Bericht gilt eigentlich hauptsächlich Heinz, denn der hat noch nie einen dieser ringelig-fleckigen Gesellen gesehen und ich möchte ihm so gerne einen zeigen – auch, wenn es vielleicht nur ein huschender Schatten ist. Leise also schleichen wir beide uns wieder hinauf, Richtung Zelt, und postieren uns, mit Taschenlampen bewaffnet, vor dem Gebüsch. Und tatsächlich! Keine zwei Minuten später lugt die Schleichkatze unter den Zweigen hervor. Und drei Meter daneben noch eine, die sich sogar aus dem Schutz des Gestrüpps herauswagt. Heinz und ich strahlen, doch lange dauert unser Freude nicht, denn plötzlich stapfen Annette und Jochen recht geräuschvoll die Böschung herauf. „Und, habt ihr was gesehen?“ Tja, schon, aber nun sind sie natürlich wieder weg…

„Da hinten, da hinten!“, ruft Annette auf einmal erregt und deutet in die Dunkelheit. Jochen knipst den Suchscheinwerfer an und eine wilde Jagd beginnt – jedoch ohne Heinz und mich. Wir sehen uns nur ziemlich verwundert an und schlendern zurück zum Tisch, von wo aus wir unsere hektisch rennenden Freunde beobachten. Nach einer halben Stunde kommen die beiden wieder, völlig aus dem Häuschen, obwohl sie keine der Ginsterkatzen so richtig zu Gesicht bekommen haben. Als wir wenig später zu Bett gehen, sprechen Heinz und ich nochmal über das doch etwas merkwürdige Verhalten unserer Freunde und kommen grinsend zu dem Schluss, dass die beiden wohl so etwas wie Wild-Entzugserscheinungen haben müssen, wenn sie wegen einer „windigen“ Ginsterkatze so ausflippen. Dabei hatten wir doch gemeinsam eine Kleinteile- und Botaniktour beschlossen, deren nächster Höhepunkt ja noch bevorsteht. Morgen, auf dem Weg nach Potjiespram kommen wir nämlich wieder über den Akkedis Pass und Heinz und ich haben schon einen längeren Erkundungs-Aufenthalt angemeldet. Aber da müssen die beiden wohl durch. Und wir freuen uns schon so…

Weitere Sichtungen und Eindrücke eines eindrucksreichen Tages im Richtersveld:

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