1. Oktober 2014; Tankwa Karoo NP > Vanrhynsdorp; Caravan Park

Auch heute Nacht war es wieder zapfig kalt. Doch wir lagen fest eingemummt in unseren Zelten und haben sehr gut geschlafen. Eigentlich. Denn ein paar Mal wurde unsere Ruhe durch ein extrem seltsames, durchdringendes Geräusch gestört: in meinen Ohren klang es wie das schneidend-vibrierende Summen eines langen Glasfaserkabels, das durch die Luft sirrt und, wie beim bayrischen Goaßlschnalzen, ein abruptes Ende findet, allerdings ohne den charakteristisch schnalzenden Knall. Gestern Nacht hatte ich dieses eigenartige, fremd anmutende Geräusch auch schon vernommen, und beim Frühstück davon erzählt. Keiner wußte, was ich meinte. Heute Nacht aber haben wir alle es gehört! Was könnte das gewesen sein? Am wahrscheinlichsten ist wohl ein Vogel, eine Nachtschwalbe. Klären werden wir das nicht können, doch der sirrende Ton hallt uns lange in den Ohren nach und macht die vergangene Nacht zu einer besonders mystischen: wenn man durch ein derartiges Geräusch aus tiefem Schlaf erwacht, nimmt man es in völlig anderer Art und Weise wahr, als man das in hellwachem Zustand tun würde. Es bettet sich in Träume ein, gleichzeitig ranken sich Träume um das Geräusch und man ist völlig weggetreten, obwohl man sich bei vollem Bewusstsein wähnt. Ein spannender Zustand, ein abenteuerliches Erleben!

Spannend jedoch ist auch, was sich nächtens wirklich getan hat, was unsere Kameras aufgezeichnet haben. Heinz schält sich aus seinem Schlafsack und spurtet voller Erwartung sofort los, während wir anderen inzwischen den Frühstückstisch decken und versuchen, die ersten Sonnenstrahlen einzufangen, die zögerliche Wärme zu tanken. Immer noch reichlich verfroren sitzen wir bereits am Tisch und schlürfen heißen Kaffee, als Heinz wiederkehrt und, durch den ausgiebigen Marsch schön aufgewärmt, die Kameras mitbringt. Beide haben mehrmals ausgelöst! Aufgeregt durchforstet Heinz die aufgezeichneten Bildsequenzen und ist begeistert: zum ersten Mal – seit drei Jahren – ist da was Erkennbares drauf! Ein paar Vögel, eine Fuchsmanguste, ein Böckchen, ein schwirrendes Insekt, das im Licht der LEDs einen gefächerten, gleißend-hellen Lichtbogen hinterlassen hat. Wahrlich nichts Spektakuläres – aber dennoch endlich – ETWAS! Heinz vergisst vor lauter Begeisterung fast zu frühstücken, und auch wir sind fasziniert von den Bildern. Was sich da alles tut, um uns herum, wenn wir schlafen! Jeder ahnt es, jeder weiß es, keiner sieht es. Doch heute Nacht konnten wir zumindest ein paar Eindrücke einfangen und uns nun daran erfreuen. Und unser Urlaub hat ja auch gerade erst richtig angefangen – es besteht also durchaus Hoffnung auf mehr!

Einsame Oryx
Tylecodon paniculatus
Tylecodon wallichii
Im Tylecodon-Tal
Wohin das Auge blickt:
spannende Pflanzen

In diesem spannenden Bewusstsein beenden wir unser Frühstück, packen, verschließen sorgfältig alle Türen und liefern zu guter Letzt unseren Schlüssel im Büro ab, bevor wir zu neuen, alten Zielen aufbrechen. Als erstes ist der Tylecodon-Wald an der Reihe, der am Fuße des Gannaga-Passes liegt. Wir informieren Ute, dass es etwas länger dauern könnte und schwärmen aus. Ute schraubt sich sofort bergauf, während wir, wie sollte es auch anders sein, bereits nach wenigen Schritten in die Hocke gehen. Die Vegetation ist zwar weit vom einem „Blütenmeer“ entfernt, zeigt sich aber trotzdem um vieles üppiger als letztes Jahr. Es grünt und blüht, die Tylecodons leuchten in der Sonne und wir entdecken permanent etwas Neues, aber auch Bekanntes, was wir in einem derart grünen Zustand noch nie gesehen haben. Nicht alles sind hierbei Sukkulenten, doch das tut unserer Freude keinen Abbruch. In dieser Freude verlieren sich Heinz, Annette und Jochen allmählich und schwelgend im Gelände, ich hingegen spurte kurz noch mal zum Auto, weil ich vergessen hatte, meine Knieschoner anzulegen. Gerade klette ich die Polster fest und will wieder losstürmen, als ein Auto neben mir hält. Der Fahrer, ein älterer, recht kerniger Herr, erkundigt sich besorgt, ob alles in Ordnung sei. Ja, Dank der Nachfrage! Wirklich? Mit scheelem Blick beäugt er meine Knieschoner. Erst, als ich ihm hoch und heilig schwöre, dass alles Okay sei und erkläre, warum ich diese seltamen Kniedinger trage, ist er beruhigt. „Ah, Sie haben Interesse an Pflanzen! Ich bin Farmer und kann Ihnen da einiges zeigen!“ Spricht’s und springt aus dem Wagen. „Folgen Sie mir!“ Er steuert ins Gelände und hebt mit seinen Erklärungen an, die mich fast zum Kichern bringen, weil sie so anders sind, als ich erwartet hätte. Er kennt zwar wirklich viele Gewächse, kann aber kein einziges bei seinem wirklichen Namen nennen, sondern hat nur Schimpfworte parat. Formulierungen wie Unkraut und Gestrüpp sind hierbei noch die freundlichsten, Pferdemörder und Schwiegermuttergift die weniger charmanten. In seinen Farmersaugen ist einfach alles, was hier wächst, unnütz und eine Plage.

Eriocephalus microphyllus
Pteronia divaricata
Phyllobolus nitidus

Eine Weile höre ich mir sein schimpfendes Dozieren an, dann aber versuche ich ihn über meine Sichtweise aufzuklären. Das kommt gar nicht gut an. „Sie kennen auch noch die Namen von dem ganzen Zeug?! Dabei muss man doch nur wissen, wie man es los wird!“ Verständnis- bis fassungslos mustert er mich von oben bis unten, lüftet kurz seinen Hut und hat es plötzlich verdächtig eilig. Amüsiert sehe ich der Staubwolke hinterher, die er bei seinem Kavaliersstart hinterlässt und staune kopfschüttelnd, wie unterschiedlich Menschen Dinge sehen können. Natürlich kann ich seine landwirtschaftlich geprägte Kategorisierung in Ansätzen nachvollziehen, trotzdem aber finde ich es extrem schade, dass er so gar keinen Draht zur wundervollen Vegetation seines Landes hat. Auch meine Freunde, denen ich bei ihrer Rückkehr von meiner Begegnung erzähle, staunen nicht schlecht über die rigorose Sicht des Farmers, noch mehr aber über seine Unhöflichkeit, mich grußlos und alleine inmitten des wuchernden „Unkrauts“ stehen zu lassen. Tja, so etwas ist mir im südlichen Afrika auch noch nicht passiert! Höchstens mal, in ähnlicher Form, bei einer heißen Diskussion mit einem unbelehrbaren Großwildjäger in Tansania…

Stachys aurea
Microloma sagittatum
Aptosimum indivisum

Uns wundernd, klettern wir in unsere Autos und fangen dann Ute weit, weit oben wieder ein. Bald jedoch müssen wir erneut anhalten, um die Aussicht vom Gannaga-Pass zu genießen, kurz darauf abermals, weil plötzlich ein ganzes Feld roter Gladiolen vor uns liegt und drei Kilometer später schon wieder, da Heinz eine besondere Aloe erspäht hat. Dabei passieren wir, ganz nebenbei, das schreckliche Lodge-Gebäude, das mich auf der letzten Tour so unangenehm berührt hatte. Heuer finde ich es zwar immer noch nicht sonderlich einladend, doch lange nicht mehr so abstoßend – was sicher der reichlich blühenden Pflanzenwelt zuzuschreiben ist. Und die ist heuer so üppig, dass ich auf der weiteren Strecke nicht mal die altbekannten Probleme mit dem nicht endenwollenden Hochplateau bekomme! Alle naslang taucht ein neues Pölsterchen, ein neues Pflänzchen vor uns auf, und Heinz und ich würden am liebsten zu Fuß weitergehen, um nur ja nichts zu verpassen.

Blick vom Gannaga-Pass
Farbmalereien
Blick vom Gannaga-Pass

Doch das geht natürlich nicht, denn es liegt erstens noch einiges an Tagesstrecke vor uns und, zweitens, dürfen wir die Geduld unserer Mitreisenden nicht überstrapazieren, so schwer es auch fällt. Den einen oder anderen Blumenstopp aber schinden wir schon noch raus. Zum Beispiel da, wo die R354 auf die R355 trifft. Dort, am Fuße der Hantamberge, die für ihren Reichtum an Zwiebelgewächsen bekannt sind, werden wir auch direkt neben der Straße fündig! Verführt durch üppig und in allen Rosa-Violett-Tönen blühende Mittagsblumenpolster, leiern wir unseren Mitreisenden, die sich dem Geblühe ebenfalls nicht abgeneigt zeigen, einen weiteren Halt aus den Rippen, schwärmen aus und entdecken dabei pflanzliche Kleinodien im Bankett, die man hier, im Kiesstreifen einer Verkehrsstraße, eher nicht vermuten würde: zum Beispiel eine Lachenalia zebrina forma zebrina!

Drosanthemum sp.
Aridaria noctiflora
Ornithogalum conicum
ssp. strictum
Aloe variegata
Lachenalia zebrina
forma zebrina
Sutherlandia
frutescens
Lachenalia zebrina
forma zebrina

Manch ein Zwiebelliebhaber sucht sein Leben lang nach einem wild wachsenden Exemplar und wird nicht fündig – neben uns, direkt zu unseren Füßen jedoch, gedeihen mehrere stattliche Exemplare dieses aufregenden Hyazinthengewächses. Natürlich erregt das wieder mal niemanden außer uns… Aber schee sans, so schee scho, de Pflanzl – wie der Bayer sagt; ein schwungvoll gebogenes Blatt in undefinierbarem Grün, auf dem sich ziegel- bis burgunderrote Muster in einer eigenen Kreationsmischung aus Zebra- und Tigerstreifen darbieten. Auch die Blütenstände, die mit ihren blass grüngelben oder rosa überhauchten Glöckchen beinahe gegen die spektakulären Blätter abkacken, gefallen Heinz und mir ausnehmend gut. Doch die Lachenalias sind nicht die einzigen Pflanzen, die hier gedeihen. Überall wuchern Mittagsblumen mit Blüten in allen Farbabstufungen zwischen weiß und violett, dazwischen recken Gazanien ihre gelbbraunen Köpfchen plakativ gen Himmel und so manch andere Asterngewächse sind ebenfalls zu finden. Entzückt sausen wir herum, honigsammelnden Bienen gleich, von einer Pflanze zur anderen. Nebenbei pflücke ich noch hier und da eine Samenkapsel von den diversen Mesembs ab, in der Hoffnung, sie heute Abend genauer unter die Lupe nehmen zu können.

Formschöne Berge
Wir nähern uns
den Hantam-Bergen
Marlboro Country

Nach einer sehr interessanten halben Stunde schließlich setzen wir unseren Weg fort, biegen auf die R355 Richtung Calvinia ab – und kommen nicht mal fünf Kilometer weit, als wir schon wieder halten müssen. Eine riesige, armdicke Puffotter liegt mitten auf der Straße! Jochen fährt einen eleganten, reifenquietschenden Bogen um das Reptil, sucht nach einer passenden Gelegenheit zum Wenden, während ich per Walkietalkie die weit hinter uns fahrenden Annette und Ute anfunke. „Was? Ne Puffotter? Wo? Wir sehen nix!“ Wir drehen, fahren zurück, begegnen den beiden ratlosen Frauen – und sehen auch nichts mehr. Schade! Aber gut für die Giftschlange: wir hatten gedacht, sie sei angefahren worden und tot oder zumindest schwer verletzt. Doch offenbar wollte sie, quicklebendig, lediglich die Teerstraße überqueren und hat sich mittlerweile völlig unversehrt aus dem Staub gemacht. Wir freuen uns für das Riesenreptil, obwohl wir es natürlich gerne von Nahem gesehen hätten.

Doch Entschädigung für die entgangene Sichtung naht: kaum sind wir wieder losgefahren, legt Jochen die nächste Vollbremsung hin, denn er hat einen kleinen Schwarm auffällig gefärbter Vögel entdeckt. Männliche Oryxweber in vollem Balz-Ornat! Normalerweise gleichen diese Vögel normalen Haussperlingen, aber zur Balzzeit wechseln die Männchen ihr Erscheinungsbild, und aus den eher unscheinbaren Tieren werden leuchtend orangerote Federbälle mit tiefschwarzer Brust und Gesichtsmaske. Jochen und Heinz sind ganz aufgeregt – die Oryxweber allerdings auch. Unruhig flattern sie von Zaunpfahl zu Zaunpfahl, immer weiter weg von uns, der Reichweite unserer Zooms und der Ferngläser. Dennoch können wir sie eine ganze Weile recht gut beobachten und freuen uns über diese schöne Sichtung. Annette jedoch entwickelt allmählich eine ähnliche Unruhe wie die Weber – besser gesagt, sie wird ungeduldig. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, quäkt es entnervt aus dem Walkietalkie. „Oryxweber!“ „Meine Güte! Ich fahre jetzt mal vor und wir treffen uns in Calvinia. Herrschaften, wir müssen noch einkaufen!“ Ja, ist ja gut! Aber die bunten Weber sind nun ohnehin entschwunden, also klettern wir wieder ins Auto, holen Annette und Ute rasch ein, überholen sie und trudeln bald darauf in Calvinia ein. Zielstrebig kurven wir zum (einzigen) Supermarkt, den wir ja schon von unserer letzten Tour her kennen und nehmen die übliche Aufgabenverteilung vor. Annette und Jochen gehen einkaufen und wir bewachen die Autos. Bah, dieses Gebettel vor dem Laden ist echt nervig! Noch nerviger aber ist, dass wir die beiden Wagen auf allen Seiten im Auge behalten müssen, denn es passiert immer wieder, dass abgewiesene Bettler ihren Frust mit einem Messer an den Reifen der reichen weißen Geizkrägen auslassen. Nein, das ist nicht überall so, aber gerade in kleineren Städten, die weit und breit die einzige Einkaufsmöglichkeit bieten, leider nicht unüblich. Also patroullieren wir um unsere Land Rover herum und lassen sie nicht aus den Augen. Gottseidank geben Annette und Jochen beim Einkaufen Gas und wir müssen nur eine dreiviertel Stunde einen auf Wachhund machen – eine Aufgabe, die ich wahrlich nicht sonderlich mag. Aber immer noch besser, als selbst einkaufen zu müssen…

Als unsere Freunde nun schwer beladen aus den Tiefen des Supermarkts wieder auftauchen, muss alles im Laderaum verstaut werden. Alle packen mit an – nur ich mache mich kurz aus dem Staub: mich nervt nämlich das Chaos im Auto, speziell hinten, auf dem freien Platz auf dem Rücksitz. Alles wird nur nach hinten gepfeffert, wandert dann beim Fahren und verschwindet unter den Vordersitzen oder fällt beim Türöffnen aus dem Wagen. Das muss anders werden! Zu diesem Behufe organisiere ich jetzt im Supermarkt einen geeigneten Pappkarton, der genau auf den Rücksitz passt, deshalb auch nicht rutschen kann, und instruiere meine „Nach-hinten-Pfefferer“ über unseren neuen Mitreisenden. Jochen ist von derartigen Maßnahmen in der Regel wenig begeistert, aber im Laufe unserer Tour freundet er sich sehr eng mit dem Karton, das Büro genannt, an. Fragen der oft und gern gestellten Art „Wo iss’n..“” oder „Hast du das und das irgendwo gesehen?“ werden fortan prompt und wahrheitsgemäß von mir, der Herrin des Kartons, beantwortet: „Im Büro!“ Geht doch!

Das hätten wir also. Jetzt aber stehen weitere Pflichten an, zu deren Erledigung wir uns kurz aufteilen: Annette und Ute fahren Getränke kaufen, während Jochen, Heinz und ich die nächste Tankstelle ansteuern, um unseren Wassertank im Landy aufzufüllen. Letztes Jahr nämlich hatte sich Jochen verweigert, rechtzeitig Wasser aufzunehmen, sodass wir schließlich genötigt waren, am Gate des Namaqua NPs mit natronhaltiger Brühe nachzufüllen. Bäh, damit war der Morgenkaffee alles andere als ein Genuss! Einer Wiederholung dieses Zustandes beugen wir nun vor – darauf hatte ich bestanden, und war erstaunlicherweise nicht auf Gegenwehr gestoßen… Anschließend warten wir auf Annette und Ute, deren Auto auch noch befüllt wird, während ich die Scheiben unserer Gefährte auf Hochglanz bringe. So, alles erledigt, wir können endlich weiter! Weiter Richtung Vanrhynsdorp, wo wir unser heutiges Nachtquartier aufschlagen werden.

Blick vom Van Rhyns Pass
Blick vom Van Rhyns Pass
Die Passstraße

Es geht hinunter über den Van Rhyns Pass, von dem wir heuer eine ungetrübte und großartige Aussicht auf die weiten, darunterliegenden Ebenen haben und dann ist es nicht mehr weit. Am späten Nachmittag treffen wir im Caravan Park ein, werden, wie auch letztes Jahr schon, von freundlichen Hunden empfangen und checken ein. Aber, holla die Waldfee, wir dürfen diesmal auf das offizielle Campinggelände, müssen uns nicht auf dubioses Nebenterrain quetschen und auch nicht mit der retardierten Schnapsdrossel von 2013 rumschlagen. Zufrieden kurven wir auf den uns gezeigten Platz, grüßen dabei diverse neugierig schauende, ebenfalls campende Einheimische und lassen uns mitsamt unserem Krempel am östlichen Ende des Areals nieder. Mhm, ein wenig merkwürdig mutet dieser Caravanpark trotz fehlender Schnapsdrossel und offiziellem Stellplatz auch diesmal an – fast, als würde man als Fremder auf einer Dauercampe am Rheinufer einlaufen… Doch von Flussufer ist hier weit und breit nichts zu sehen – was also tun die alle hier?! Egal, Hauptsache wir haben ein Plätzchen für die Nacht und können uns wohl und sicher fühlen! Vertrauensvoll akkomodieren wir uns und nutzen dann den Rest des Tages zum Rumlungern, Waschen, Duschen, Kochen, Trinken, Lesen, Schauen und was man halt sonst noch tun möchte. Während Heinz zum Beispiel einigen nestbauenden Webervögeln auf der Spur ist, packe ich meine prä-calvinianischen Mittagsblumenkapseln aus und schreite zu deren Bestimmung.

Im Camp
Maskenweber beim Nestbau
Stolzer Hausbesitzer

Zuerst lege ich die Kapseln auf dem Tisch aus, stelle ein Schüsselchen Wasser dazu und zücke dann mein selbst gemachtes Mesemb-Buch, das sich jetzt erstmals in der Praxis bewähren muss. Mann, bin ich gespannt! Zur Erklärung: letztes Jahr hatte Heinz ein 400 Seiten starkes Mittagsblumen-Buch gekauft, das mich zunächst sehr begeisterte. Im Zuge meiner Bestimmungsarbeiten aber entdeckte ich diverse Schwächen in puncto Aufmachung und Übersichtlichkeit. Diese wollte ich ausmerzen, indem ich begleitende Tabellen vorbereitete, die Aufschluss über Verbreitungsgebiete und Kammernanzahl der Kapseln geben sollten. Ach, und Blütenfarbe und Blütezeit wären auch noch wichtig… Mhm, was will ich im Feld mit Kulturhinweisen? Je tiefer ich in das Buch einstieg, desto unpraktischer fand ich es. Das Ende vom Lied war, dass ich das gesamte Werk scannte, alle Texte nach meinem Gusto editierte, ein neues Layout strickte, so weit wie möglich eigene Bilder einband und ein Farb- und Symbol-Leitsystem integrierte, das auf den ersten Blick zeigte, wann, wo und in welchen Farben eine bestimmte Pflanze blüht und wie viele Kammern die jeweilige Samenkapsel hat. Diese wichtigen Informationen erfasste ich anschließend auch in tabellarischer Form und sortierte diese nach unterschiedlichen Kriterien: Kammernanzahl, Verbreitungsgebiet, Gruppenzugehörigkeit. Im Appendix noch ein botanisches Wörterbuch „Englisch-Deutsch“ zur Erklärung der unzähligen, recht kryptischen Fachbegriffe – und fertig war meine eigene, semi-legale, 200-seitige Mesemb-Bibel, die nun meine Recherche-Arbeit erleichtern soll. Also los!

Ich öffne also die entsprechende Verbreitungstabelle, zähle Kammern, schlage im Beschreibungsteil nach und grenze so meine Funde bestimmungstechnisch rasch ein. Geil, es funktioniert hervorragend! Nun geht es an die Feinbestimmung, deren Schlüssel die Konstruktion der einzelnen Kapseln ist. Die aber sieht man nur, wenn sie sich bei Befeuchtung öffnen. Deshalb das Wasserschüsselchen. Also tunke ich eifrig und warte gespannt. Doch jetzt geschieht etwas, womit ich nicht gerechnet hatte – nämlich nix! Keine der Kapseln öffnet sich, nicht eine einzige. Shit! Offenbar sind wir zur falschen Zeit hier: die Samenstände der letzten Saison sind schon zu alt und die neuen noch nicht reif genug. Schade, schade, schade! Dennoch bin ich hochzufrieden mit der Funktionalität meines Buches, lege es stolz und glücklich zur Seite, entsorge die widerspenstigen Samenstände und lehne mich entspannt zurück. Die doch nicht ganz unbeträchtliche Arbeit für das Buch hat sich wirklich gelohnt! Inzwischen ist übrigens auch Ute auf mein Werk aufmerksam geworden und blättert es interessiert durch. „Das hast du selbst gemacht? Wahnsinn! Ein irrer Aufwand und sehr professionell! Unglaublich!“ Ich freue mich sehr über ihre Komplimente, noch mehr aber darüber, dass für Ute nun wieder ein Mosaiksteinchen hinzugekommen ist, das ihr zeigt, wie ernst es uns mit dieser Thematik ist, wie heftig wir unser Herz an sukkulente Pflanzen verloren haben. Und das kann nicht schaden, gerade im Hinblick darauf, dass wir morgen einen ausgedehnten Ausflug in die Knersvlakte vorhaben – botanisches Hard-Core-Gebiet vom Feinsten! In diesem vorfreudigen Bewusstsein verfliegt im Nu ein vergnüglicher, entspannter Nachmittag und wir genießen im Anschluss daran einen Abend in zivilisiertem Campingplatz-Ambiente, frisch geduscht, sattgegessen und flankiert von einigen Hunden, die uns und unseren Essensresten äußerst zugetan sind…

Weitere Impressionen des Tages:

Im Tylecodon-Tal
Grüner Hüpfer
Euphorbiental im Tankwa
Eriocephalus microphyllus
Sutherlandia frutescens
Aridaria noctiflora
Aridaria noctiflora
Phyllobolus nitidus
Malephora crassa
Crassula tomentosa
Antimima hantamensis
Antimima hantamensis
Anisodontea bryoniifolia
Phyllobolus nitidus
Prenia pallens
Malephora sp.
Crassula expansa
Anisodontea anomala
Anisodontea bryoniifolia
Albuca longipes
Ornithogalum conicum
ssp. strictum
Moraea minimata
Felicia dregei
Leysera gnaphalodes
Ursinia pilifera
Gazania sp.
Gazania sp.
Arctotheca calendula
Gazania sp.
Felicia sp.
Gazania sp.
Fahrt übers Land
Van Rhyns Pass
Maskenweber
Calvinia
Calvinia
Es blüht am Straßenrand!
Tylecodon
paniculatus
Aridaria
noctiflora
Stachys aurea
Lachenalia zebrina
forma zebrina

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