07. Oktober 2010; Kurzchillen im Chiemgau 1

Fast schon hat es Tradition, unser Mädls-Chill-Wochenende; fast, denn heuer fahren wir zum zweiten Mal. Wir, das sind Chrissie, Moni und ich. Nachdem wir letztes Jahr ein paar extrem fröhliche Tage in Südtirol zugebracht hatten, wollten wir auch heuer nicht auf unseren Entspannungs-Ausflug verzichten. Nur wohin? Nicht zu weit weg und nicht zu teuer sollte es sein und den Touristenströmen wollen wir auch aus dem Weg gehen. Moment! Moni und ich hatten vor 5 Jahren ein verlängertes Wochenende im Chiemgau verbracht, weitab vom See, inmitten herrlicher Landschaft, in einer sehr familiären Pension in einem malerischen Dörflein namens Offmering. Somit war die Entscheidung gefallen, die perfekte Location für unsere diesjährigen Chilltage gefunden! Ich kümmerte mich um die Reservierung unseres Pensionszimmers, was nicht ganz so einfach war, denn die schon recht betagte Vermieterin machte am Telefon einen etwas wirren Eindruck: ob ich am nächsten Tag nochmal anrufen könne; sie sei schon im ersten Stock und das Buch läge unten… Am nächsten Tag erwischte ich sie auf Höhe des besagten Buches, sie schrieb sich alle relevanten Daten auf und schloss unser Telefongespräch mit den Worten: „Oiso guad, so machma des. Da wer i na scho do sei. Ah, wenn ned, dann is eppa anda do. Pfia God!“ Soso! Zur Sicherheit rief ich eine Woche vor unserer Abfahrt abermals an, bestätigte die Buchung und bekam wieder zu hören: „Da wer i na scho do sei! Und wenn ned – schbädastns am Omnd kummi wieda. Oiso, pfia God!“ Nun gut, wir werden sehen… An einem nebeligen Donnerstag Nachmittag geht es endlich los: gegen 15 Uhr verlassen wir München, tuckern gemächlich über die Salzburger Autobahn, fahren bei Rosenheim ab und schaukeln den Rest der Strecke durch zahlreiche, kleine Dörfchen, bis wir schließlich gegen 17 Uhr in Offmering ankommen. Wir parken das Auto im Hinterhof und schon bei der ersten Außen-Inspektion des Hauses wird klar: unsere Pensionswirtin, die Pointner Gisi, ist tatsächlich nicht da. Etwas unentschlossen stehen wir herum, als ein weiteres Auto in den Hof kommt. Ein junger Mann in Arbeitskluft entspringt dem Gefährt, winkt uns kurz zu, läuft zur Hintertür, sperrt diese auf und entschwindet im Haus. Während wir noch rätseln, wer das gewesen sein könnte, sehen wir die Gisi vom gegenüberliegenden Friedhof herabkommen, schwer beladen mit einigen leeren Blumenschalen. In Ermangelung freier Hände wackelt sie freudig grüßend mit dem Kopf. „Ja, do seids ja scho! Jetz war i grad am Friedhof drom und hob ma denkt, do muaß i doch amoi schaun, obs scho do seids. Kummts nur glei mid rei, dann zoag i eich eia Zimma.“ Sprichts, deponiert die Schalen auf der Hausbank und eilt, mit uns im Gefolge, hinein ins Haus, die steile Wendeltreppe nach oben und reißt die Tür von Zimmer 1 auf. Vorsichtig merke ich an, dass wir eigentlich gerne Zimmer 2 gehabt hätten, das mit dem Balkon. „Ja, i woaß scho, aba da wohnt no ebba drin. Aba des wern ma glei ham!“, sagt die Gisi, saust aus dem Zimmer, hinaus auf den Flur und beginnt, an einer Tür zu hämmern, hinter der sich offen hörbar eine in Betrieb befindliche Dusche verbirgt. „Hajo? Hajo!“, schreit sie, „bist du da drin? Hajo, sag!?“ Durch das Rauschen hindurch hört man ein kurzes, heiseres „Ja!“. „Du, Hajo, fahrst du heid no hoam?“ Keine Antwort. Gisi hämmert heftiger und rüttelt an der Klinke. „Fahrst du heid no hoam, Hajo?“ Erneut ist ein heiseres „Ja“ zu vernehmen. „Na is scho guad, Hajo, lass da nur Zeid, Hauptsach, du fahrst heid no hoam!“, meint Gisi zufrieden und erklärt uns, dass der gute Hajo ein Montagearbeiter sei, der übers Wochenende heim nach Sachsen führe und wir derweil gerne den Balkon seines Zimmers benutzen könnten. So hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe: einen Balkon mit Blick auf die Straße zum Draußensitzen und ein ruhiges Schlafgemach zum Hinterhof. Uns soll das recht sein, nur ob der Hajo es so klasse findet, dass drei fremde Damen die nächsten Tage durch sein Zimmer stolpern? Nun ja, die Gisi wird schon wissen, was sie tut! Etwas amüsiert, aber hochzufrieden winden wir uns die schwindelerregende, linksdrehende Wendeltreppe wieder nach unten, um unser Gepäck zu holen und uns gemütlich einzurichten. Doch im Erdgeschoss angekommen, fallen wir erneut Gisis Fürsorge und auch ihrer Neugier anheim: „Ja, was dean jetzad drei so hübsche, junge Grazien wia ihr in Offmering; do is doch nix los und zum Badn is a scho z’koid?!? Wias es ogruafa habts, hab i ma scho denkt, was machan de de ganze Zeid do. Hoffendlich weads dene ned langweilig. Aber ihr weads scho wissn, warum’s do hea kumma seids. So, und jetzt zoag i eich no, wo da Schlüssl is, fois amoi zuagschbarrd warad und wo de Liachtschoita san.“ Eifrig knipst sie an diversen, in dunklen Winkeln verborgenen Schaltern herum und strahlt mit den der Reihe nach aufleuchtenden Glühbirnen um die Wette. „So, dann wissts des jetzt a, weil ihr kummts ja bestimmt amoi schbada hoam, gei! Obwoi i oiwei no ned woaß, was ihr do so doa woids, wo doch nix los ist…!“ Wir versuchen der Gisi zu erklären, dass genau das „Nix-Los“ es wäre, was wir wollten: Ruhe, kein Trubel, kein Aktions-Zwang, Abhängen, Rumhängen, ein bisschen spazierengehen, gut essen und früh schlafen. Verständnisvoll nickt die Gisi mit dem Kopf, obwohl sie als ausgesprochenes Energiebündel wahrscheinlich noch keine einzige Minute ihres fast achtzigjährigen Lebens abgehangen hat. Apropos gut essen: als Moni und ich vor 5 Jahren in Offmering waren, gab es hier einen Gasthof, der unglaublich gute Speisen weit jenseits der gutbürgerlichen Landküche kredenzte. Jeden Abend waren wir hier zu Gast und mampften uns mit Begeisterung durch die umfangreiche Speisekarte. Allerdings, das bekamen wir Abend für Abend live mit, kriselte es heftig zwischen Wirt und Wirtin. Da das Paar den Jägerwirt gepachtet hatte, steht nun zu befürchten, dass nach der Trennung der beiden (auch die hatten wir live erlebt), wohl auch der Pächter gewechselt hat. Gisi bestätigt unsere Ahnungen: Na, na, der Schorschi is scho lang nimmer do, der hod si mit seiner Tusnelda zagriagt. Jetzt is do oane ausm Nordn. S’Essn soi recht guad sei, sagn d’Leid, aber ganz schee deirig.“ Na, das wollen wir uns doch mal ansehen! Wir lassen das Gepäck im Auto und spazieren hinauf zum Jägerwirt. Die in einem Glaskasten aushängende Speisekarte klingt nicht schlecht, haut uns aber auch nicht vom Hocker. Wir beschließen, das Lokal von innen zu inspizieren und, damit es nicht so auffällt, gleich einen „Welcomer“ zu uns zu nehmen. Die ehemals schummrige, in einem Stilgemisch aus Gründerzeit und Biedermeier eingerichtete Gaststube ist jetzt hell erleuchtet, mit den üblichen Brauereimöbeln bestückt und wirkt ein bisschen wie der Speisesaal eines Erholungsheimes. An den Fenstern hängen Leinenimitatvorhänge mit Jagdmotiven, die wohl stilvoll wirken sollen, aber in ihrer Unentschiedenheit zwischen Rustikalität und designermäßigem Gestaltungselement seltsam deplatziert scheinen. Die Wände, teilweise in frischem Jägersgrün getüncht, wirken kühl – wie auch die Wirtin, die, obwohl sie sehr höflich und beflissen ist, nicht gerade zu einer heimeligen Gesamtatmosphäre beiträgt. Dennoch beschließen wir, heute Abend hier essen zu gehen, es wenigstens mal zu probieren; auf dem Rückweg zu unserer Pension allerdings können wir es uns nicht verkneifen, einen kleinen Umweg zur zweiten Wirtschaft vor Ort zu machen und deren aushängende Speisekarte zu studieren. Ok, die Entscheidung fällt leicht: die „Gans“ hat Ruhetag, heute Abend ist also Jägerwirt angesagt, aber wenn der nichts taugt, gehen wir die restlichen Abende in die „Gans“, deren Karte sehr verlockend klingt! Wohlig entspannt und voll informiert kommen wir bei der Gisi an, laden unser Gepäck aus und tragen es hoch in unser Zimmer im zweiten Stock. Oh weia, Moni und ich sind kurzatmig wie alte Weiber… Mit unseren nicht allzu schweren Taschen keuchen wir die steile Wendeltreppe nach oben, lassen uns schnaufend auf die Betten fallen, holen mehrmals rasselnd Luft und beginnen dann, uns medikamentös zu versorgen. Moni spürt seit gestern Abend die eiserne Brustkorbfaust einer aufkeimenden Bronchitis, die mich wiederum schon seit einigen Tagen voll im Griff hat. Rotzend und hustend packen wir unsere Reiseapotheke aus, sprühen, schlucken, schneuzen, schmieren und grinsen uns halb leidend, halb amüsiert durch die pfefferminzigen Hustensaftschwaden an, die mittlerweile durch unser Zimmer wabern. Nur Chrissie hält sich noch wacker, wird aber auch allmählich vom „Nix-Los“-Virus befallen – und so sinken wir erst mal allesamt flach auf unsere Liegestätten darnieder. Mann, ist das schön, sich so hängen zu lassen, ohne jegliche Verpflichtung zu sein! Heute treibt uns nur noch eines – essen. Langsam senkt sich die Dunkelheit auf unsere Dachfenster herab; das diffuse Licht macht uns so schläfrig, dass wir allen Ernstes befürchten einzuschlafen. Bevor das passiert, rappeln wir uns hoch, packen uns warm ein und marschieren zum Jägerwirt hinüber. Die kühle nordische Wirtin lächelt uns wiedererkennend an und versorgt uns mit Speisekarten. Mehr als heute Nachmittag steht jetzt auch nicht drauf zu lesen; so also ist bald für jeden von uns eine Speise gefunden und wir bestellen, wie angeboten, so bodenständige Gerichte wie Holzfällersteak und Saftgulasch, die auf der Karte haute-cuisinemäßig verbal aufgewertet wurden durch Formulierungen wie „an Bratkartoffeln“ und „Madairajus“ (leider a bissi falsch geschrieben). Was wir dann letztendlich serviert bekommen ist recht durchschnittliche Rustikalküche, der Jus outet sich auf unseren Geschmacksknospen als stinknormale Bratensauce, aber weil es ja Jus ist, gibt’s nicht mehr als ein Löffelchen davon. Nein, Frau Jägerswirtin, so werden wir Vier keine Freunde! Dennoch essen wir die „deirigen“ Gerichte brav auf, begleichen unsere Zeche und schleppen uns anschließend ziemlich vollgefressen durch die kühle Nachtluft zurück zu unserer Pension. Im Zimmer angekommen werfen wir uns sofort in unsere Nachtklamotten, Moni und Chrissie präparieren sich zwei heiße Wärmflaschen (eine „Angezogene“ mit kuscheligem Fleece-Überzug und eine „Nackerte“ ohne) und wir plüschen uns wohlig in unsere Betten. Wir sind so müde, dass uns nicht mal das Fernsehprogramm, das uns aus einem Mini-Monitor entgegenflackert, wachhalten kann. Naja, Fussball und Frauentausch sind soo fesselnd eben auch nicht… Gegen 22 Uhr knipsen wir Glotze und Nachttischlampen aus und lassen uns in Morpheus Arme sinken; wie die alten Weiber…

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