9. Mai 2007 – Moremi, North Gate

Bei unserer gestrigen Herumkurverei haben wir ein paar Plätzchen entdeckt, die wir uns heute nochmal näher ansehen wollen. Wir sind noch keine 2 km gefahren, da stehen schon ein paar Elefanten im Ried, Wasserböcke um die nächste Ecke und bald darauf sehen wir ein einige Zebras und zwei Impalamännchen, die gerade aufs heftigste die Fronten klar machen. Kaum zu fassen, welch gruselige Geräusche die anmutigen Antilopen hervor bringen, wenn sie Klartext sprechen. Diese langwimperigen, fragilen Geschöpfe klingen wie kleine Monster aus einem schlecht gemachten Gruselfilm; da muss sogar das Zebra die Ohren mißbilligend waagrecht stellen!

Kurz darauf erreichen wir eine größere Lichtung, sehen einige Elefanten an deren Rand und bleiben stehen. Einer der Dickhäuter pflückt kraftvoll trockenes Gras mit seinem Rüssel, dreht diesen solange hin und her, bis das Grasbüschel wohlgeordnet, Halm an Halm gebündelt ist und steckt es anschließend elegant in den Mund. Dieses Tun fasziniert uns total und erzeugt auch eine beruhigend-wiederkehrende Geräuschkulisse, die plötzlich von lautem Knacken und Geraschel durchbrochen wird. Der sorgfältige Graspflücker ist nur eine Vorhut; wie ein stetig grauer Strom kommen immer mehr Elefanten aus dem Unterholz und ziehen an uns vorbei, hinaus auf die Lichtung. Mindestens 70 Tiere, groß und klein, man hört sie rumpelnd kommunizieren. Irgendwann reißt der Strom ab und auch der Garbenbinder folgt der Herde. Lange noch blicken wir den runzligen Gesellen hinterher, bis der letzte Elefant verschwunden ist.

Das sind Momente, in denen ich nicht glauben kann, dass es das wirklich gibt, dass ich das wirklich sehen darf. Wir, die Menschen, nehmen alles für so selbstverständlich und zerstören im gleichen Atemzug so vieles. Wir, die Menschen, haben genug Hirn, um auf alles Einfluss zu nehmen, zu wenig Hirn aber, diesen altruistischer, gesünder einsetzen. Hätte ich Kinder, wären da vielleicht auch mal Enkel und Urenkel. Ob letztere ein ähnliches Schauspiel auch noch beobachten könnten, wage ich zu bezweifeln. Meine Oma vom Land, 89, dement und heute im Heim, lebt in ihrer geistigen Welt immer noch zwischen Hühnern, Katzen und Kühen, zwischen Milchholen beim benachbarten Bauern und Einkaufen beim örtlichen Kramerladen, der nix hat und doch alles, zwischen Wettersituationen, die die Ernte zerstören oder sie sprießen lassen. Das Pflegepersonal, an den Umgang mit dementen Personen und deren Eigenheiten gewöhnt, nickt brav, liebevoll und folgsam, wenn sie ihre scheinbar seltsam anmutenden Aussagen von sich gibt. Verstehen kann das keiner von denen, denn keiner hat die Zeit je erlebt, keiner kennt ihr Leben vor der Demenz. Werde ich auch irgendwann mal im Heim landen und von den Tieren, die ich gesehen habe erzählen? Wird dann auch eine Pflegeperson der anderen zutuscheln: heute phantasiert sie wieder, die aus Zimmer xy, von 70 Elefanten und davon, dass sie sie wirklich gesehen hat?!

Meine philosophischen Kopfexkursionen dauern nicht lange, denn es kommt viel zu viel Input übers Auge: Spechte, Wiedehopfe, Hornraben, Krokodile, Nimmersatte, Schreiseeadler, Kudus, Lechwes, Tsessebes. Wir kurven über die idylischen Paradise Pools, entlang an unzähligen anderen Pools, um schließlich auf dem Aussichtsturm des Hippo Pools Mittagspause zu machen. Dort geht der Input nonstop weiter: Hippos, Schlangenhalsvögel, die sich mit ausgebreiteten Flügeln zum Trocknen auf Hipporücken setzen, laut schnatternde Braundrosslinge, Frankolins, Rotschnabeltokos, neugierige Glanzstare, Giraffen. Man kommt vor lauter Schauen gar nicht richtig zum Essen und ich könnte stundenlang hier sitzen bleiben. Doch wir wollen heute noch nach North Gate und auch unterwegs wird es noch einiges zu sehen geben. Was sich uns allerdings auf der Weiterfahrt plötzlich präsentiert, damit haben wir nicht gerechnet.

Ein langgestreckter See mit weiter, flacher Uferzone und einigen Hippotiefen, dessen Wasseroberfläche man kaum sehen kann, denn im Flachwasser drängen sich tausende von Großvögeln: Marabus, Pelikane, Nimmersatte, Reiher, Löffler, Geier, Störche. Ein unvorstellbares Gewusel, Gestarte, Gelande, Gestreite um die zahlreich vorhandenen Fische, die im Seichten gefangen sind. Die umliegenden Bäume werden als Zuschauertribüne und Verdauungsplatz benutzt, unzählige Schreiseeadler kommentieren das Geschehen. Die Szenerie hat fast etwas Hitchcockartiges und wir können uns nur schwer losreissen. Doch die Sonne steht schon tief und wir haben noch ein Stück nach North Gate.

Spät am Nachmittag kommen wir schließlich doch noch an, errichten das Lager, verteidigen unser Hab und Gut gegen die aufdringlichen Meerkatzen und setzen uns nach dem Abendessen gemütlich am Lagerfeuer zusammen. Bald vernehmen wir dreckiges Lachen, das sehr nahe ist und fühlen uns irgendwie beobachtet. Mit starken Lampen leuchten wir die umliegenden Büsche ab, aus denen uns mehrere Paare Hyänenaugen anglühen. Rasch packen wir alles, was nach Essen riecht, auch das noch ungespülte Geschirr in den Landy, um sie nicht zum Näherkommen zu verleiten. Doch die getüpfelten Jäger werden immer dreister und ziehen ihre Kreise enger um uns. Sicherheitshalber lösen wir unsere Abendrunde auf und verziehen uns in die sicheren Zelte. Eine Weile beobachte ich noch durchs Moskitonetz, wie sie unseren Dinnerplatz inspizieren, schlafe aber bald seelig über den Geräuschen der Nacht ein.
Bild 1 © Louis

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