6. Mai 2007 – Maun, Okavango Delta

Für den heutigen Tag haben wir eine Mokoro-Tour nebst Walking Safari im Delta gebucht und zu diesem Behufe werden wir bereits in aller Frühe auf ein offenes Fahrzeug verfrachtet. Der Morgen ist frisch, die Fahrtluft tut ihr übriges und ich bin heilfroh, meine hochlanderprobte Windjacke dabei zu haben. Erst, als wir die Teerstraße verlassen und die Sonne ein wenig höher steht, wird es erträglicher. In einem Dorf nahe des Wassers steigen unsere Poler zu, Queen und Bruyns, um uns alsbald in ihre Mekoro einzuladen. Jens und ich sitzen in Queens Boot, das ziemlich leckt. Auch die dick ausgebreiteten Binsen können das nicht lange verbergen, ebenso wenig wie sie verhindern, dass bald der Allerwerteste zu schmerzen beginnt. Jedes Verändern der Sitzposition erfordert einiges an Konzentration, denn die Boote sind eine reichlich wackelige Angelegenheit.

Doch das ist bald vergessen, auch die eingeschlafenen Beine und der taube, nasse Hintern, denn das Delta lässt seinen Zauber wirken, so wie ich ihn kenne. Man taucht in eine Wunderwelt aus glasklarem Wasser, wogendem Papyrus, raschelnden Palmen, leisem Geglucker, farbenprächtigen Vögeln, Schmetterlingen und blühenden Wasserhyazinthen. Letztere sind zwar wunderschön anzusehen, gehören aber eigentlich nicht hier her. Sie wurden aus den Tropen Südamerikas eingeschleppt, verbreiten sich auf das energischste und wuchern derartig, dass sie ganze Gewässer völlig verkrauten. Auch wir müssen immer wieder dicke Teppiche an Engstellen beiseite schieben, um weiter fahren zu können. Nach eineinhalb Stunden legen wir in einer kleinen Bucht an, um uns mit Bruyns auf eine Fußsafari zu begeben. Queen bleibt bei den Booten zurück.

Mittlerweile ist es Mittag geworden, die Sonne steht hoch am Himmel, also nicht der geeignetste Zeitpunkt per pedes auf Pirsch zu gehen, aber trotz der Tiersiestazeit gibt es an allen Ecken und Enden was zu sehen, zu hören, zu riechen. Ein Elefant, Giraffen, Insekten, Vögel, interessante Pflanzen, Tierspuren und Droppings. Der Wind säuselt durchs Gras, bringt Palmenblätter zum Rattern, Bäume zum Knarren und trägt den Duft riesiger wilder Salbeifelder durch die Luft. Nach zwei Stunden ist das Fußidyll leider schon vorüber und wir treffen bei den Booten wieder auf Queen. Alle zusammen nehmen wir dort im Schatten einiger Baumriesen den obligatorischen Lunch ein. Beim Abschlusspinkeln stoße ich auf die Hinterlassenschaften früherer Reisegruppen: einige Klolöcher zieren am Rande der Lichtung den Boden.

Wir kommen auf Overlandtourveranstalter wie Drifters und Konsorten zu sprechen und Bruyns erzählt eine Horrorgeschichte. Vor einigen Jahren war eine Overlander-Gruppe im Delta unterwegs und zeltete auf einer der zahlreichen Palmeninseln. Vor Sonnenaufgang verließ einer der Touristen sein Zelt und, wohl zum Fotografieren, auch den überblickbaren Radius der Inselvegetation. Dort traf er auf einen schlecht gelaunten Einzelbüffel, der ihn sofort attackierte. Der Versuch, sich auf einen Baum zu retten, scheiterte; der Büffel nahm ihn auf halber Höhe auf die Hörner und machte ihm den Garaus. Ein Albtraumereignis für die ganze Gruppe, besonders für den Guide, dessen Ermahnungen und Sicherheitsinstruktionen offenbar auf unfruchtbaren Boden gefallen waren. Von meiner Drifterstour mit Anthony weiß ich, wie sorglos, uneinsichtig, zwanghaft neugierig und ignorant sich so mancher Tourist verhält. Ein Guide ist nahezu chancenlos, so einen Haufen vielfach thumber Pseudo-Abenteurer in Schach zu halten und trägt doch die ganze Verantwortung dafür.

Keine schöne Geschichte, doch sie macht sie einmal mehr deutlich, wo man sich befindet: in der Wildnis, die man trotz ihrer unsäglichen Schönheit nie unterschätzen darf. So geschärft unsere europäischen Sinne für den Zauber der Natur auch sein mögen, so ungeübt sind sie doch in Bezug auf Gefahren. Gepaart mit Sorglosigkeit ist das eine tödliche Kombination.

Mit diesen Gedanken setzen wir uns wieder in die Boote, lassen uns jedoch den Rückweg durch das traumhafte Papyruslabyrinth nicht verderben. Denn wir mögen vergleichsweise blind und taub sein, sorglos sind wir nicht.

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