3. April 2013, Senyati Safari Camp, Kasane, Botswana > Victoria Falls Rest Camp, Zimbabwe

„Guten Morgen, ihr Zwei! Na, ihr habt ja gestern noch ein Abenteuer erlebt!“, begrüßen uns Annette und Jochen. „Übrigens danke für die Warnung mit dem Stuhl, wir haben das alles nur so halb mitgekriegt. Aber das Klo ist bereits gesichert, alles save!“ Deutlich zu sehende Spuren im Sand vor der Toilette allerdings bezeugen unsere nächtliche Begegnung, lassen sich jedoch leider nicht verfolgen, da sie auf einem Betonvorsprung enden, kurz noch mal auftauchen, um danach endgültig im Gras zu verschwinden. Doch immerhin zeigen die Kriechspuren, dass wir das Ganze nicht geträumt haben! Und die Sache mit dem Elefanten war ebenfalls real. Der nämlich hatte es gestern Nacht noch geschafft, auch Annette und Jochen aus tiefem Schlaf zu reißen, als er sich an dem Baum über ihnen zu schaffen machte. Andenteuer-Camp Senyti, sag’ ich da nur!

Hinter Senyati:
Zauberwald…
…Feenlandschaft

Bevor wir nun abreisen, erzählen wir Louw von dem Dickhäuter – laut dessen Aussage dringt der wohl oft ins Camp vor – das mit der Schlange hingegen verschweigen wir tunlichst, schließlich wollen wir unseren Fehler von Koiimasis nicht unbedingt wiederholen. Mit diesem Erlebnis als ganz persönlichen Schatz im Gepäck, verlassen wir gegen neun Uhr Senyati in nordöstlicher Richtung. Dies ist nicht der offizielle Weg aus dem Camp, sondern eine Art Insider-Abkürzung zur Grenze, wie uns Louw versichert hatte. Und ja, es ist eine deutliche Abkürzung, zumal eine, die durch eine geradezu zauberhafte Gegend führt. Hohe Bäume beschatten unseren Weg, ab und zu passieren wir kleine Tümpel, an denen sich zahlreiche Vögel beim Morgenbad tummeln, bunte Blumen schaukeln im Wind und die Sonne taucht all das in fast magisches Licht. Mensch, davon hätte Louw uns mal früher erzählen sollen! Diese Landschaft wäre wirklich einen Ausflug zum Sonnenuntergang wert gewesen. Doch jetzt ist es zu spät. Stattdessen erreichen wir ungeahnt schnell den Stadtrand von Kasane und bald darauf auch die Grenzstationen, die wir nun hinter uns bringen müssen, um nach Zimbabwe einreisen zu können. Die Ausreise aus Botswana geht erwartungsgemäß recht schnell vonstatten, dann aber, am zimbawischen Grenzposten, wird es zäh. Zu allem Überfluss haben wir auch noch einen Reisebus vor uns, dessen Insassen sich in einer ellenlangen Schlange vor uns aufreihen. Ohje, das kann heiter werden! Immerhin gelingt es Jochen, der sich an der Menschenmenge vorbeidrängelt, ein paar Einreiseformulare aus dem Office zu besorgen, die wir während der Warterei in glühender Hitze ausfüllen und samt der Einreisegebühr in US-Dollar den Pässen beilegen. Doch mehr als zwei Meter ist die Schlange währenddessen nicht vorgerückt. Schwitzend üben wir uns in Geduld. Nach einer halben Stunde und zwei weiteren Metern kommt plötzlich ein Beamter aus dem Office gesprungen und sammelt alle Pässe ein – die der Reisegruppe und auch unsere. Ob das gutgeht? Ändern können wir es jedoch nicht; wir sind nur froh, gerade noch rechtzeitig die Dollarscheine wieder eingesteckt zu haben, bevor diese mitsamt unseren Pässen im Schummerlicht des Grenzgebäudes verschwinden.

Fass ohne Boden –
sehr sinnvoll!

Wir warten und warten und warten. Eine halbe Stunde und zwei weitere Meter später dann kommt plötzlich Bewegung in die Sache. Gut die Hälfte der vor uns Stehenden wird namentlich aufgerufen, mit neuen Formularen versorgt und zur Seite gewunken. Der Rest hingegen, also auch wir, dürfen aufrücken. Ah, offensichtlich haben wir unsere Formulare korrekt ausgefüllt! Und ab jetzt geht die Abfertigung erstaunlich rasch vonstatten: der zuständige Officer mustert den jeweils vor ihm stehenden Einreisewilligen eindringlich, wühlt sich durch einen Stapel von mindestens zwanzig Pässen, vergleicht das Gesicht mit den Fotos, amüsiert sich gelegentlich mit seinen Kollegen über den einen oder anderen Namen und donnert dann, nach Kassieren der Einreisegebühr, generös einen Stempel in den Pass. Wir sind zwar froh, dass es voran geht, aber leider nicht hundertprozentig von der Methode des Beamten und dessen Trefferquote im Foto-Gesichtsabgleich überzeugt. Deshalb beäugen wir aufmerksam jeden bundesdeutschen Pass, der über die Theke wandert, zumal nicht jeder der Abgefertigten einen Blick in das ihm ausgehändigte Dokument wirft. Es wäre eine echte Horrorvorstellung, würde auch nur einer unserer Pässe verwechselt! Im Geiste sehen wir uns schon dem Reisebus hinterher rasen… Doch der Officer beherrscht die Geheimnisse weißer Physiognomie aus dem Effeff und macht nicht einen Fehler. Bravo! Umgekehrt hätten wir da wohl mehr Probleme…

So kommt es, dass wir nach über einer Stunde endlich unsere Stempel in den richtigen Pässen haben und zum nächsten Schalter weiterziehen können, um das Auto korrekt über die Grenze zu bringen. Das ist erstaunlicherweise ohne großes Trara und relativ schnell erledigt. Erleichtert klettern wir in den glühend heißen Wagen, unterziehen uns einer abermaligen, strengen Kontrolle am Schlagbaum, bevor dieser sich hebt und wir hochoffiziell und legal in die Republik Zimbabwe einreisen dürfen. So schnell wie möglich, aber natürlich innerhalb des Tempolimits, bringen wir nun die letzten 70 Kilometer nach Victoria Falls hinter uns, wo wir im Victoria Falls Rest Camp einchecken. Zugegeben, es gibt schönere Camps direkt am Zambezi, aber das Rest Camp liegt sehr zentral und das ist genau der Grund, warum wir uns dafür entschieden haben. Heinz und ich wollen heute nämlich noch ein bisschen Touriprogramm machen, sprich auf den Souvenirmarkt, Annette und Jochen hingegen müssen ein paar behördliche Dinge erledigen, bevor wir uns dann im Victoria Falls Hotel zum High Tea treffen. Und all das möchten wir gerne zu Fuß tun, während das Auto auf dem sicheren Campingplatz stehen bleibt. Doch erst müssen wir uns den Platz natürlich ansehen, bevor wir ihm unser bewegliches Hab und Gut anvertrauen. Aber schon die Anmeldeprozedur macht einen guten Eindruck: unsere Daten werden akribisch notiert und auf unseren Wunsch auf zwei Passierscheine übertragen, die wir am Tor vorzeigen müssen. Das Tor, das Tag und Nacht besetzt ist, sei, so versichert man uns, der einzige Eingang ins Camp. Am nächsten Tag allerdings entdecken wir, dass das nicht ganz den Tatsachen entspricht, zumindest aber ist es die einzige Auto-Zufahrt. Außerdem patroullieren permanent mehrere bewaffnete Wachleute grimmiger Miene am elektrischen Zaun entlang und quer übers Campgelände. Na, dann wollen wir es wagen. Um einen schönen Platz zu finden, kurven wir einmal durch das Areal und entscheiden uns schließlich für ein schattiges Plätzchen in genehmer Entfernung vom Waschhaus und anderen Campern, die übrigens nicht gerade zahlreich vertreten sind. Aber darauf legen wir ohnehin keinen gesteigerten Wert. Schnell ist das Lager errichtet. Wir grüßen während des Aufbaus freundlich alle Security-Männer, um unsere Gesichter bekannt zu machen, gönnen uns noch alle ein entspanntes Ankunftsbier und dann ziehen wir los.

Außer uns die einzigen:
Trompeterhornvögel
Bycanistes bucinator

Heinz und ich steuern sofort zielstrebig Richtung Souvenirmarkt, der auf einem separaten Gelände in der Nähe der Bahngleise liegt. Der Weg dorthin ist nicht allzu lange, aber dennoch schon mal eine gute Vorübung für das, was auf dem Markt gleich hundertfach über uns hereinbrechen wird: hätten wir jedem, der uns auf dem knappen Kilometer bis zum Markt angequatscht hat, auch nur einen einzigen Gegenstand abgekauft, wir könnten es jetzt schon nicht mehr tragen… Erleichtert preschen wir durch das Tor zum Souvenir-Viertel, schnaufen kurz durch und stürzen uns dann todesmutig in die erste Shoppingrunde, die das Straßengequatsche wie erwartet um ein Vielfaches toppt. Aber wir wollten ja unbedingt hierher, also gute Miene, Augen auf und los! „Hello, lookielookie, looking is for free, come in, Madam, see my shop, Sir, cheapest shop here!“, schallt es uns aus allen Richtungen entgegen. Freundlich lächelnd bremsen wir den ersten Enthusiasmus der Verkäufer ein wenig, indem wir ihnen bedeuten, dass wir systematisch vorgehen wollen, also Laden für Laden abklappern und erst mal nur schauen. Das wirkt, wenn auch nur für die Zeit unseres ersten Ladenbesuchs. Kaum treten wir von dort wieder ans Tageslicht, geht das Gepreise von Neuem los. Seufzend verschließen wir unsere Ohren und ziehen weiter, klappern Shop für Shop ab, wobei wir uns geheime Notizen über hübsche Schnitzereien und deren Preise im Hinterkopf ablegen. Dann haben wir die erste Runde geschafft und tatsächlich einiges gesehen, was uns gefallen könnte. Doch wir sind ja noch lange nicht durch! Der Markt ist nämlich in drei Teile untergliedert, die sich präsentations- und preistechnisch deutlich unterscheiden, warentechnisch jedoch alle mehr oder weniger das gleiche bieten. Das erste Segment, das wir soeben erfolgreich durchlaufen haben, besteht aus einer Vielzahl kleiner bis winziger, gemauerter Läden, die sich, Wand an Wand über drei Seiten eines Karrees ziehen. Die Shops sind zumeist bis unter die Decke vollgestopft, stickig, heiß, staubig und bewegen sich in der preislichen Mittelklasse. Geht man von dort aus weiter, steht man nach einer Weile vor einem großen Neubau in gepflegter Afrika-Optik. Auch hier gibt es zahlreiche Läden, die aber allesamt klimatisiert und auf Schau getrimmt sind, was sich sofort auf die Preise niederschlägt. Je kühler die Luft, je weniger Ware, desto teurer… Nö, das ist nix für uns. Wenn schon Souvenirs, dann müssen sie schwitzend und wild handelnd erkämpft werden! Alles andere ist was für Weicheier.

Masochistisch grinsend stürzen Heinz und ich uns in die dritte „Abteilung“, den Freiluftmarkt. Dieser lockt mit günstigen Preisen, ist gleichzeitig aber auch der anstrengendste Teil unserer Shoppingtour mit den aggressivsten, lautesten und aufdringlichsten Verkäufern. Doch er hat einen unschlagbaren Vorteil: frische Luft unter windschiefen Schattendächern, die uns angenehm um die Nase weht und unsere schweißgebadeten Körper etwas kühlt. Allerdings hält die Kühlung nicht lange vor, denn auf dem Freiluftmarkt ist fast keine Kundschaft unterwegs und so konzentrieren sich die Warenlobpreisungen in voller Aufdringlichkeit und Lautstärke auf uns arme Würstchen. Das ist echt anstrengend und eigentlich auch ziemlich uneffektiv. Die Verkäufer sind nämlich so auf uns, die beinahe einzigen Kunden, fixiert, dass wir nirgendwo stehenbleiben können, geschweige denn etwas interessiert betrachten dürfen; jeder Stopp, jeder noch so unauffällige Blick entfesselt beim jeweiligen Standbesitzer eine wild entschlossene Verkaufswut, bei allen benachbarten Verkäufern hingegen regen sich Neid und Eifersucht. Das hat zur Folge, dass wir fast im Laufschritt durch die erste Gasse eilen und so gut wie nichts in Ruhe begutachten können. Aber immerhin funktioniert das interne Meldesystem hervorragend: sehen wir bei Stand A ein Nilpferd an und vermelden, es wäre uns zu glatt poliert, so bekommen wir an allen folgenden Ständen zwar ebenfalls Hippos angeboten, aber nur die roh geschnitzten. Diese Flüsterpost machen wir uns nun zunutze und tun vernehmlich kund, wir wären ausschließlich an Perlentieren interessiert und zudem nur an solchen, die zu unseren Herzen sprächen. Unser Ansinnen löst sofortige Ratlosigkeit bei den Verkäufern aus, denn erstens werden hier kaum Perlentiere angeboten und zweitens weiß keiner so recht, wodurch sich so ein Touristenherz wirklich angesprochen fühlt. Wohltuende Stille senkt sich über den Markt und wir können endlich entspannt von einem Stand zum nächsten schlendern. Zwar flackert hin und wieder die Verkaufswut erneut auf, aber jetzt genügt ein ruhiges „No, sorry, it doesn’t speak!“, bei dem wir uns angestrengt lauschend die Hand hinter eine Ohrmuschel halten, und es kehrt wieder Ruhe ein. So macht das Bummeln endlich richtig Spaß!

Nach einer dreiviertel Stunde, wir sind bereits in der hintesten Verkaufsgasse angelangt, ohne etwas „Sprechendes“ gefunden zu haben, entdecken wir doch noch einen Gegenstand, der unser Interesse weckt. Es ist ein etwa ein Meter langes Krokodil aus Blech. Es überzeugt nicht gerade durch handwerkliche Feinstarbeit, aber gerade die aufs Wesentliche reduzierte Form und die roh gebogenen Rückenschuppen machen das Blechreptil so besonders. Hoffnungsfroh kommt der Verkäufer angesprungen. „Es spricht?!?“ Ich halte meine Hand ans Ohr und nicke verhalten. „Ganz leise.“, bestätige ich. „Hundertzwanzig!“, erwidert der Standbesitzer und setzt strahlend hinzu: „Spezialpreis für dich!“ „US-Dollar???“ „US-Dollar!“ Ich sehe ihn an, schüttle ungläubig den Kopf und drehe mich dann abrupt um. „Frau, Frau, was ist?“, quiekt der Typ und läuft mir hinterher. „Nein, aus, vorbei! Du hast uns gerade mit diesem Preis beleidigt.“ Scheinbar schuldbewußt blickt der Verkäufer zu Boden. „Hundert?“ Heinz und ich lachen lauthals und gehen. „Frau, Herr?“ „Du bist eine Schande für diesen Markt, machst anderen mit deiner Unverschämtheit das Geschäft kaputt!“ Betreten zieht sich der Gescholtene zurück; er weiß jetzt, dass er zu hoch gepokert und seine Chance vertan hat.

Ein paar Meter weiter tritt plötzlich ein junger Mann vor uns hin, reckt uns seine Hand entgegen und entschuldigt sich im Namen aller Marktleute. Er hätte mitbekommen, was gerade geschehen sei und wolle uns versichern, dass das eine unverzeihliche Ausnahme gewesen sei. „Manchmal gibt es Verkäufer, die schlagen völlig über die Stränge und bringen den Markt damit in Verruf. Ein derartiges Verhalten können wir nicht tolerieren; es wird Konsequenzen haben.“ Verdutzt nehmen wir seine Entschuldigung an, erwarten nun aber eigentlich, von seiner Seite Ware angepriesen zu bekommen – doch nichts dergleichen geschieht. Stattdessen entwickelt sich ein sehr nettes Gespräch, in dessen Verlauf sich weitere Standbesitzer zu uns gesellen und wir eine Menge über die Struktur und Organisation des Marktes erfahren. Kaum einer der Standbetreiber stellt, zum Beispiel, seine angebotenen Waren selbst her, auch wenn man das die Touristen glauben machen möchte. Schnitzende oder bildhauernde Künstler, die man immer wieder in den Ständen sieht, so bekommen wir erklärt, seien oft nur schmückendes Beiwerk, das den Markt authentischer machen solle. In Wahrheit jedoch werde der Krempel (O-Ton) in ganz Afrika für billigstes Geld zusammengekauft, zentral gebündelt und dann, etwas teurer, an die Standbesitzer weiterverkauft, die nun ihrerseits zusehen müssen, wie sie es möglichst gewinnbringend wieder loswerden. Und selbst die Steinfiguren, die so typisch für das zimbabwische Kunsthandwerk sind, werden oft in anderen Ländern als Auftragsarbeiten gefertigt. In groben Zügen hatten wir das schon geahnt, schließlich ähneln sich die Waren auf afrikanischen Souvenirmärkten oft auf verblüffende Weise, dass aber die Produktion regionstypischer Erzeugnisse aus Kostengründen ebenfalls gerne mal „verlagert“ wird, schockiert uns dann doch ein wenig. Ziemlich lange unterhalten wir uns mit dem jungen Mann über die gängigen Praktiken im Souvenirbusiness und, ergänzt durch persönliche Bemerkungen anderer Standbesitzer, erfahren von deren Sorgen und Nöten, werden nach unserem Leben in Deutschland und unseren Sorgen und Nöten befragt. Schließlich verabschieden wir uns herzlich und gehen alle ein Stückchen schlauer und informierter aus diesem für beide Seiten aufschlussreichen Gespräch hervor, das uns, ganz nebenbei, auch menschlich erheblich näher brachte. Schade, dass so etwas viel zu selten geschieht. Besonders bei unserer Art zu reisen, die sich vorwiegend auf menschenleere Gebiete beschränkt. Doch auch unser „Nationalpark-Hopping“ trägt letztendlich positiv zum Erhalt der Natur und somit auch zum Lebensunterhalt anderer Menschen bei. Ergibt sich bei dieser Reiseart jedoch zudem hin und wieder ein informatives, ehrliches Gespräch, dann ist es umso bereichernder!

Doch apropos: wir müssen jetzt unbedingt noch dazu beitragen, dass die Leute ihren „Krempel“ loswerden… Mit einer etwas anderen Sicht auf die Dinge, aber trotzdem weiterhin im Touristen-Modus (der sei uns zugestanden) gönnen Heinz und ich uns erst ein Kaltgetränk in der Luxus-Abteilung des Marktes, bevor wir im Mittelpreis-Karree endlich zur Tat schreiten wollen. Gluckgluck. Schnell ist die erfrischende Cola getrunken und wir tigern los. Doch plötzlich, wir durchqueren gerade einen Innenhof des Hochpreis-Gebäudes, springt mir etwas ins Auge. Es ist eine etwa siebzig Zentimeter lange, aus grünen Perlen gefertigte Echse, die an einem Drahtgitter an der Decke befestigt ist. Und die spricht so laut zu mir, dass ich sofort stehenbleibe. „Schneck!“, quiekse ich, „Siehst du des? Hörst du des?“ Bevor Heinz genickt hat, bin ich schon im Laden verschwunden. Doch da ist niemand. Nö, oder? Beruhigenderweise funktioniert aber auch hier die Flüsterpost einwandfrei und der vom Nachbarhändler herbeigerufene Ladenbesitzer eilt herbei. Ich habe vor Begeisterung fast Schnappatmung und deute deshalb nur wortlos zur Decke. „Ah, ja, die ist schön, nicht wahr? Ich habe nur die eine, äh, und noch eine in silber. Ich hol’ sie mal runter, ja?“ Ich nicke. Eine Minute später liegen beide Echsen in voller Pracht vor mir und ich streichle andächtig über die ebenmäßigen Perlenreihen. „Wunderschön!“, hauche ich. „Was kostet denn die grüne?“ „Hundert Dollar.“ Das Perlentier ist so schön und so perfekt gearbeitet, dass ich auch diesen Preis zahlen würde, ohne mit der Wimper zu zucken, würde sich nicht gleichzeitig meine Handelslust melden. „Mhm, hundert? Schade, das ist mir zu teuer! „Achtzig?“ „Besser, aber immer noch zu viel. Wissen Sie, ich finde die Arbeit sehr schön, aber ich wollte eigentlich was aus Zimbabwe. Und das kommt doch eher aus…“. Mit abschätzender Miene mustere ich das Stück meines absoluten Begehrens. „…Sambia, oder?“ Der Verkäufer starrt mich fassungslos an. „Sie, äh, Sie kennen sich gut aus. Also fünfzig? Weiter kann ich nicht runtergehen.“ Könnte er wohl, aber das ist mir jetzt egal. „Fünfzig, okay!“ Handschlag, das Geld wechselt den Besitzer, die Perlenechse auch. Lurchi! Lurchi ist mein! Juhuuuu! Freudig strahlend verabschiede ich mich, nehme meinen (Weichei)-Lurchi in den Arm und presse ihn an mich. Heinz strahlt mindestens ebenso wie ich, freut sich tierisch mit mir, doch auch er möchte natürlich noch ein Andenken von hier mit nach Hause nehmen.

Also eilen wir zu dem Shop, in dem er sich eine Steinfigur vorgemerkt hatte. Der Verkäufer ist hoch erfreut, uns wieder zu sehen und hebt gerade zur erneuten Lobpreisung seiner Waren an, als er Lurchi sieht. „Oooh, wo hast du denn den her, der ist ja Wahnsinn! Darf ich mal?“ Bewundernd nimmt er die Perlenechse in die Hände und besieht sie von allen Seiten. „Eine wunderschöne Arbeit! Die ist aber nicht von diesem Markt, oder?“ Als ich ihm sage, wo ich Lurchi erworben habe, will er es fast nicht glauben. „So etwas Schönes sieht man selten! Was hast du dafür bezahlt?“ „Fünfunddreißig.“, schwindle ich, denn alles muss der Knabe auch nicht wissen; schließlich will ich ihm den doch recht stolzen Preis nicht frei Haus als Grundlage seiner eigenen Berechnungen liefern, sollte Heinz hier etwas finden. Der hat die Dauer unseres Gesprächs effektiv genutzt, um sich in Ruhe umzusehen und hat sich tatsächlich für die kleine Steinskulptur entschieden, die er sich bereits am Anfang unserer Shoppingtour ausgekuckt hatte. „Guter Geschmack, guter Geschmack, Sir!, posaunt der Verkäufer und saust zu Heinz. „Das ist von Fanizani! Du kennst Fanizani?“ Heinz schüttelt den Kopf. „Fanizani Akuda ist ein berühmter Bildhauer! Schau!“ Um seine Behauptung zu untermauern, dreht er die Figur um und zeigt uns eine ungelenk in deren Boden gemeisselte Signatur. Faninani steht da zu lesen, mit etwas gutem Willen auch Fanizani. Doch besagter Bildhauer, der es wirklich zu internationaler Bekanntheit gebracht hat, ist leider bereits Anfang 2011 verstorben. Das jedoch wird uns tunlichst verschwiegen. Da uns aber ohnehin klar ist, nichts „Echtes“ angeboten zu bekommen, nehmen auch wir dazu zunächst keine Stellung… Dann starten die Preisverhandlungen – mit der aberwitzigen Forderung von achtzig Dollar. „Nein, das ist viel zu teuer!“ „Aber es ist ein echter Fanizani! Mit Signatur!“ „Schau mal, wir stellen die Figur zuhause doch auf die Füße. Da kann man die Signatur dann ja gar nicht mehr sehen.“, erklären wir und zwinkern dem verdutzten Verkäufer zu, dem wohl allmählich dämmert, dass er so nicht weiterkommt. Er senkt den Preis auf sechzig Dollar. „Nein, das können wir uns nicht leisten. Wir haben eben schon die teure Echse gekauft!“, spiele ich die gestrenge Ehefrau. Das wirkt und der Preis sinkt erneut. Nach einer Viertelstunde weiteren Hin und Hers sind wir runter auf vierzig. Heinz will schon fast einschlagen, doch ich, der Hausdrache, bin immer noch nicht ganz zufrieden. Während der Verhandlungen habe ich nämlich ein paar kleine Blechgeckos entdeckt, die ich gerne, quasi als Entschädigung für das entgangene Krokodil, gekauft hätte. „Vierzig Dollar? Puh! Mhm, na gut, aber nur, wenn du uns die zwei Geckos noch dazu gibst!“, insistiere ich. Der Verkäufer rollt so entsetzt mit den Augen, als hätte ich soeben eines seiner Kinder als Draufgabe verlangt, gibt aber, mit einem mitfühlenden Blick auf Heinz, unerwartet schnell nach. „Okay, okay, Chefin, du hast gewonnen! Also vierzig mit den Geckos.“ Beim Bezahlen raunt er Heinz dann zu: „Strenge Frau, sehr streng!“ Heinz lacht, ich nicke ernst und der Verkäufer grinst – wir alle wissen, dass wir nur ein Spiel gespielt haben, aus dem nun jeder zufrieden hervorgeht. Heinz mit seiner Steinfigur, die aussieht wie ein knuffeliges, verschlafenes Chamäleon mit Katzenbuckel, ich mit meinen Blechgeckos und der Verkäufer mit einem immer noch satten Gewinn. Entsprechend gut gelaunt verabschieden wir uns voneinander und Heinz und ich verlassen den Laden, um unsere Beute zum nächsten Touri-Highlight zu schleppen – dem High Tea im hoch herrschaftlichen Victoria Falls Hotel.

Entertainment-Komplex –
nix für uns
Allee zum Hoteleingang
Der hoteleigene Bahnhof

Im Jahre 2000 war ich zum ersten Mal dort, damals mit meiner Freundin Ute, und es war ein tolles, unvergessliches Erlebnis – Dekadenz vom Feinsten inklusive. Man stelle sich vor: das Vic Falls Hotel, kurz VFH, zählt bereits seit einem Jahrhundert zu den fünf besten Hotels der Welt. Der koloniale Riesen-Bau im edwardianischen Stil liegt inmitten eines noch riesigeren, wie mit der Nagelschere gepflegten Parks, erschlägt plebejische Besucher wie uns mit weitläufigen Räumlichkeiten, prunkvollem, zum Teil noch originalem Interieur, livriertem Personal und einem herrschaftlich-luxuriösem Ambiente, das seinesgleichen sucht. Die Übernachtungspreise sind entsprechend, liegen weit über unserem Budget, schrecken jedoch ein bestimmtes, meist mehr als gediegenes Klientel mitnichten ab. Von der Terrasse des VFH hat man einen umwerfenden Blick auf die Vic Falls Bridge, die Gischt der Fälle, einen Teil der Schlucht und den umliegenden Wald. Das klingt nicht, als hätte unsereiner Zutritt zu den heiligen Hallen, oder? Doch das Gegenteil ist der Fall: auch Gäste, die nicht im Kolonial-Kasten wohnen, sind herzlich willkommen, täglich von morgens bis zum Sonnenuntergang – und das teilweise sogar ohne Reservierung und formelle Kleidung! Absoluter Höhepunkt, der auch uns Fußvolk nicht versagt bleibt, ist hierbei der High Tea. Die Stunden des gepflegten Teeschlürfens beginnen ab halb drei Uhr nachmittags. Dabei sitzt man in bequemen Korbstühlen auf der Terrasse, genießt den Ausblick, wird aufs Zuvorkommenste bedient, spreizt beim Trinken den kleinen Finger ab (oder auch nicht), und greift bei entspanntem Geplauder immer wieder zu den kleinen Köstlichkeiten, die auf einem der drei Teller einer echt-silbernen Etagere vor einem auf dem Tisch stehen. Ich war damals, vor dreizehn Jahren, so positiv geplättet von dem mit wirklicher Gastfreundschaft gepaartem Luxus, dass ich das alles unbedingt auch meinen Freunden und Heinz bei unserer diesjährigen Tour zeigen wollte. Große Überzeugungarbeit musste ich nicht leisten, den High Tea in unser Tourprogramm aufzunehmen und heute, ja, heute ist es endlich so weit.

Skurrile Gestalten
Eingangsbereich
Detail d’interieur

Heinz und ich durchschreiten mit unserem Souvenir-Gepäck also das Tor zum Hotelgelände, werden vom Schrankenwärter respektvoll begrüßt und wandern dann hunderte von Metern eine breite Auffahrtsallee entlang. Zu unserer Rechten liegt dabei, versteckt hinter Bäumen, die Bahnlinie, die direkt vor dem Hotel hält, zu unserer Linken erstrecken sich weite Rasenflächen, die jedem Golfplatz zur Ehre gereichen würden. Sie werden, wie jeden Tag, von sich munter drehenden Sprengern mit reichlich Wasser versorgt. So reichlich, dass auch die Schlaglöcher in der Teerdecke der schon leicht maroden Auffahrt zu tiefen Pfützen mutieren. Heinz und ich befinden uns gerade in nächster Nähe eines dieser Schlaglöcher, als sich eine schwarze Limousine nähert, durch die Lache brettert und uns von oben bis unten mit schlammigem Wasser bespritzt. Na super! Jetzt schauen wir nicht nur wie Nicht-Hotelgäste, sondern auch noch wie dreckige Nicht-Hotelgäste aus! Doch trotz unserer besudelten Kleidung werden wir am Eingang zum Hotel höchst freundlich empfangen. „Good afternoon, Madam, good afternoon, Sir!“, flötet der Empfangsknabe und, mit einem Seitenblick auf Lurchi, „Good afternoon, Lizard! Welcome to Victoria Falls Hotel!“ Na, das ist ein Empfang! Ehrfurchtsvoll schreiten wir durch eine kühle, mit Marmor ausgelegte Empfangshalle, überqueren einen begrünten, sonnendurchfluteten Innenhof und tauchen dann in die Welt kolonialer Räumlichkeiten ein. Über eine holzgetäfelte Halle mit Kronleuchtern, alten Ölgemälden, liebevoll gerahmten Stichen und ausgestopften Großwildköpfen führt der Weg durch Stanley’s Room, einem überdimensional großen Wohnsalon, eingerichtet mit einladenden Polstermöbeln, antiken Tischchen, Kandelabern aller Art und mannigfaltigem Wandschmuck. Auf knarrendem Parkett, das leicht nach Bohnerwachs riecht, gelangen wir schließlich auf die spaziöse Terrasse des VFH, wo wir sofort von einem vornehm gekleideten Bediensteten in Empfang genommen werden. „Madam, Sir, herzlich willkommen! Möchten Sie gerne Platz nehmen?“ „Ja, sehr gerne!“ „Ein Tisch für, äh, drei.“ Lurchi wird also wieder nicht vergessen, ist das nett! „Nein, bitte für fünf Personen, wir erwarten noch zwei Freunde.“ „Für Fünf. Selbstverständlich. Bitte folgen Sie mir.“ Wir werden zu einem Tisch auf der unteren Terrasse geleitet, sofort stürzen dort zwei weitere Angestellte herbei und schieben uns hilfsbereit die gepolsterten Korbstühle unter den Allerwertesten. „Es wird sofort jemand kommen und Ihre Bestellung aufnehmen. Einen angenehmen Nachmittag wünschen wir!“

Blick von der Terrasse
Uuuh, ist das alles vornehm!
Sitzt die Frisur?

„Ja, Schneck, jetzt simma da!“, meine ich und sehe Heinz erwartungsvoll an. „Pfffuh!“, entgegnet der und rutscht mit leichtem Unbehagen auf seiner Sitzgelegenheit umher. „Das ist schon sehr vornehm hier – und ich fühl’ mich grad echt a bissi krattlig…“ Doch das gibt sich schnell. Bei einem sehr zuvorkommenden Kellner geben zunächst zwei Bier „in Auftrag“; wir sind nämlich zu früh zu unserer Verabredung erschienen und wollen mit der Teebestellung natürlich noch auf unsere Freunde warten. Während wir nun des Überbrückungs-Getränks harren, lassen wir unsere Blicke über die Terrasse schweifen. Sie ist recht gut besucht, doch alle Anwesenden sind ganz offensichtlich Hotelgäste, mehr oder weniger leger gekleidet – wir tanzen also nicht völlig aus der Reihe. Da gibt es zum Beispiel, direkt am Nebentisch, eine Familie mit drei Kindern. Alle, auch die Mutter, tragen Flip-Flops und Khaki-Shorts. Wir beide haben immerhin lange Hosen an, stellen wir befriedigt fest, auch wenn wir nicht aussehen, als wären wir gerade einem Golf-Magazin entstiegen… Drei Tische weiter fläzt eine ebenfalls kurz behoste, schmerbäuchige Herrenrunde in den Sesseln und gießt sich, immer wieder laut wiehernd, ein Bier nach dem anderen in die Kehlen. Wir hingegen gröhlen nicht, als säßen wir seit den Morgenstunden beim feucht-fröhlichen Frühschoppen…

Westflügel
Blick auf die Terrasse
Schon etwas entspannter…

Heinz entspannt sich sichtlich und lässt sich auch nicht mehr von der anderen, der Luxus-Fraktion der Gäste, einschüchtern. Obwohl schräg neben uns gleich zwei Angehörige dieser Spezies sitzen: er – grauer Leinenanzug, graue Hautfarbe, verhärmter Gesichtsausdruck, Siegelring an der knochigen Hand, dicke Goldkette am faltigen Hals – nippt unamüsiert an einem Rotwein. Seine schlauchbootlippige Tusnelda, nicht weniger knochig und schmuckbehangen, dafür aber bestens gelaunt und beseelt quasselnd, gibt sich gerade einen Gin Tonic auf ex. Über uns ein zweites Paar. Sie, Typ Matrone, das graue Haar mit lila Festiger in betonharten Wellen fixiert, angetan mit einer Bluse, die aussieht, als hätte man ihr eine voilantreiche Wohnzimmergardine etwas zu eng auf den fülligen Leib geschneidert, mit mehreren Brillantklunkern an den Wurstfingern, einem funkelnden Collier am Truthahn-Hals, dazu passende Gehänge in den langgezogenen Ohrläppchen, und ebenfalls nicht amüsiert, schaufelt sich Torte in den geschminkten Mund. Der beleibte Gatte steckt schwitzend in einem knitterigen Baumwollanzug und prostet uns erfreut mit seinem Bier zu, als wir das unsere serviert bekommen. Das bringt erst ihm, dann uns, einen äußerst missbilligenden Blick und ein noch missbilligerendes Kopfschütteln seines Ehedrachens ein, bei dem der Truthahn heftig ins Wabbeln gerät. Hach, ist das unterhaltsam hier! Heinz und ich genießen zwar auch die fulminante Aussicht auf die Brücke, die Gischt und den schluchtüberspannenden Regenbogen, können jedoch unsere Blicke nicht ganz von den Hotelgästen lassen, die teilweise so unwirklich und überzogen aussehen, als wären sie einem hochdramatischen Pilcher-Film entsprungen. Und dem Personal ergeht es offenbar ähnlich: immer wieder sehen wir sie belustigt grinsen und sich mit den Ellbogen anstoßen. Natürlich voller Diskretion, das versteht sich von selbst.

Zambezi-Brücke
Aussicht wie gemalt
Blick auf die Gischt

Wir sitzen gerade richtig entspannt in unseren bequemen Korbsesseln, als plötzlich ein weiteres Ehepaar auf die Terrasse kommt, die Dame in T-Shirt und gemustertem Rock, der Herr in Hemd und langer Hose. Hallo, die beiden kennen wir doch! Es sind tatsächlich Annette und Jochen, die sich da so in Schale geworfen haben! Annette kommt sogleich freudig an unseren Tisch gestürmt, Jochen hingegen folgt etwas langsamer und mit zweifelnder Miene. Ihn plagt offensichtlich das selbe Unbehagen, das Heinz zu Anfang verspürt hatte. Aber auch das wird sich bald legen, gell, Jochen! Nachdem die beiden sich auf den freien Sitzgelegenheiten am Tisch akkomodiert haben, kommt schon der Kellner herbei und endlich können wir das Highlight dieses Nachmittags ordern: Tee bitte, und dazu zwei Étagèren! Fünf Minuten später serviert eine Prozession von vier Kellnern das Gewünschte und drapiert es formvollendet vor uns hin. Zwei silberne Teekannen, porzellanerne Tassen, Unterteller und Kuchenteller nebst silbernen Löffelchen und Gäbelchen. Eine Zuckerdose mit zierlichem Entnahme-Zängelein kommt flugs hinzu. Und dann die dreistöckigen Étagèren. Auf der oberen Platte sind liebevoll verzierte Miniatur-Küchlein angerichtet, auf der mittleren verführen englische Teebrötchen mit Butterflocken, Marmelade und Clotted Cream, auf der unteren fördern exakt geschnittene Gurken-Lachssandwiches den vorfreudigen Speichelfluss. „Enjoy your High Tea!“, wünschen die Kellner und lassen uns, sich rückwärts entfernend, mit den Köstlichkeiten alleine.

Luxus-Étagèren
Lachshäppchen mit Kaviar…
…et les Petit Fours

Annette reisst staunend die Augen auf, Jochen schluckt trocken, Heinz strahlt und ich freue mich tierisch, dass die Drei genauso überwältigt sind, wie ich es damals war. Dann greifen wir zu und lassen uns die appetitlichen Häppchen schmecken. Nebenbei plaudern wir über unsere Erlebnisse des Tages und Heinz’ und meine Shoppingerfolge. Als Annette daraufhin neugierig unter den Tisch späht und Lurchis ansichtig wird, muss sie gleich nochmal die Augen aufreissen – diesmal jedoch leicht schockiert. „Oh Gott, der ist ja riesig! Wo sollen wir den denn bitte verstauen?“, stößt sie hervor und verschluckt sich dabei fast an einem Marzipan-Karöttchen. „Ach, da fällt mir schon was ein. Und wenn ich zu Fuß gehen muss, aber den gebe ich nicht mehr her!“, entgegne ich und lasse mir ein Löffelchen Clotted Cream auf der Zunge zergehen. Ehrlich gesagt ist mir dieser leidige Gedanke durchaus auch schon gekommen, eine probate Lösung für das Problem habe ich hingegen noch nicht gefunden. Doch davon will ich mir diesen herrlichen Tag jetzt nicht verderben lassen. Die Echse und mich beruhigend, streichle ich über Lurchis Perlen, schiebe das Transportproblem kurzerhand von mir und einen neuen Bissen backofenwarmen Teebrötchens mit Sahne und Marmelade in meinen Mund.

Annette ist geplättet
Meine Frisur auch…
Auf der Aussichtsterrasse

Nach zwei genussvollen Stunden schließlich haben wir alles weggefuttert und Jochen, der sein leises Unbehagen noch immer nicht ganz ablegen konnte, drängt zum Aufbruch. Annette fühlt sich pudelwohl und würde gerne noch bleiben, gibt aber Jochen zuliebe nach. Heinz’ und meine Liebe zu Jochen hingegen lässt in dieser besonderen Situation ziemlich zu wünschen übrig: wir möchten gerne noch bleiben und all das bis zum Ende auskosten! So kommt es, dass der silberne Luxus vom Tisch geräumt wird, sich unsere beiden Freunde ohne uns auf den Campingplatz verdünnisieren, und wir uns, ein weiteres Bier bestellend, erneut wohlig in die Korbsessel kuscheln. Haltungswahrendes Kuscheln, wohl bemerkt! Doch nicht alle Gäste sind dazu noch in der Lage; Madame Gin-Tonic (Angehörige des British Empire) fällt zum Beispiel gerade aus der Rolle. Mit einer unkoordiniert-volltrunkenen Handbewegung fegt sie ihr leeres, nur noch mit Eiswürfeln gefülltes Glas vom Tisch, kichert höchst belustigt, als die Eisstücke und Scherben klingend quer über die Bodenfliesen schliddern – und ordert direkt ein neues Gesöff. „Tsssinnn Tonnnick, nich so viel Eißßßß, passt mehr rein innnns Glssss!“, weist sie den bestürzten Kellner an und taumelt mit ihren hochhackigen Sandalen gen Garten davon. Bereits auf der ersten Stufenkaskade aber scheitert sie, wirft daraufhin klugerweise ihr behinderndes Schuhwerk von sich, strauchelt barfuß weiter. Während sie nun zwischen anderen Touristen und umhersausenden Warzenschweinen einen gepflegten Slalom zur Aussichtsbalustrade Richtung Fälle torkelt, serviert der indignierte Kellner einen weiteren Tsssinnn Tonnnick. Doch jetzt schreitet der graue, extrem genervte Gatte ein; er weist den Kellner an, das Glas sofort vom Tisch zu entfernen. Ob er denn nicht sähe, dass seine Gattin nicht am Platz sitze. Wir dachten ja eigentlich, er wollte nur die andauernde Alkoholzufuhr blocken, doch weit gefehlt: als die Trunkene nach einer Viertelstunde umkehrt und erneut Richtung Tisch wankt, schnippt der Gatte fürsorglich mit den knochigen Fingern und ordert einen weiteren Gin Tonic. Muss man das verstehen? Zwei Minuten später ist Lady Tonic wieder zurück beim Gatten, vermisst sofort ihren frischen Drink und beginnt lautstark zu zetern, so lange, bis der gestresste Kellner das Bestellte endlich herbeigeschafft hat. Dann ist Ruhe, gin-seelige Ruhe – und wir verstehen. Zumindest ein bisschen…

Annette im Röckchen
Bungee-Jumper-Rückholung
Gestatten: Hotel-Rasenmäher

Meine Güte, hier kann man Sachen erleben! Wir finden es ja echt amüsant, sind aber sehr froh, auf einem Campingplatz übernachten zu dürfen und normale, oder besser noch, keine Menschen um uns zu haben. Und langsam wird es auch Zeit, das Luxus-Hotel zu verlassen, denn die Sonne neigt sich gen Horizont und nach Sonnenuntergang ist formelle Kleidung erwünscht. Etwas, womit wir nicht dienen können. Mein in Kapstadt erworbener Kaftan hätte zwar den geforderten Kriterien entsprochen, zumindest obenrum, doch Outdoor-Sandalen oder gar Turnschuhe werden eben nicht akzeptiert. Aber das macht, wie gesagt, nix, im Gegenteil. Bevor wir allerdings aufbrechen, möchte ich gerne noch das stille Örtchen besuchen. Ich steuere also durch Stanley’s Room, hinaus auf den Flur, wo ich die Toilette vermute, kann diese jedoch nicht finden. Deshalb frage ich einen Bediensteten nach den Restrooms (ich kann ja auch vornehm sein). Der Mann stellt sofort sein volles Serviertablett beiseite und bittet mich, ihm zu folgen, geleitet mich dann bis vor die Tür der Damentoilette, bevor er mich wieder alleine lässt. Service pur! Dann tauche ich in die gepflegte Welt des noch gepflegteren Damen-Erleichterungs-Boudoirs ab; gerahmte Stiche an den Wänden, kleine, weiße Frottee-Handtücher zur Einmalnutzung, die nötigsten und unnötigsten Kosmetika zur ersten Notversorgung entgleitender Gesichts- und Atemzüge, heimelige Holztäfelung, edle Marmorwaschtische… Und ich freue mich auf den Campingplatz, ich arme Irre!

Unsere kleine Familie:
Hein, Lurchi und ich…
Abschied vom VFH

Nein, im Ernst, der Luxus ist toll, der Service phantastisch, aber irgendwann ist’s gut, ist’s genug. Nach einem genussvollen Abschluss-Strull, öhm, Nasepudern, hole ich Heinz von der Terrasse ab und wir verlassen gemeinsam die heiligen Hallen des VFH, an dessen Ausgang noch immer der Empfangsknabe seinen Dienst tut. „Och, schade, Sie gehen schon? Darf ich noch ein Foto von Ihnen machen? Mit der wundervollen Echse im Arm!“ Wir wundern uns: hat der etwa eine Kamera? Nein, hat er nicht. Er will eine der unseren und ein Erinnerungsfoto für UNS damit schießen! Ist das lieb! Gerührt posen wir mit Lurchi vor der mit Goldbuchstaben beschrifteten Eingangshalle und lassen uns für die Ewigkeit ablichten. Dann danken wir dem erfreuten Fotografen, stecken ihm ein kleines Trinkgeld zu und entschwinden schließlich beglückt Richtung Campingplatz. Weit ist es ja nicht, doch selbst auf diesem kurzen Weg werde ich mindestens acht Mal auf Lurchi angesprochen: Wah, ist der schön, wo ist der her, was hat der gekostet, etc. Lurchi ist der Star! Wir hingegen sind nun rechtschaffen erschöpft und sehnen uns nach unseren Campingstühlen, unseren Freunden und der erhofften Abendruhe. Gleich! Einmal biegen wir noch um die Ecke, dann haben wir auch schon den Zaun des Rest Camps erreicht. Die Einfahrt aber ist erst einen weiteren Kilometer westwärts die Straße runter. Verdammt, da muss man doch auch anders reinkommen. Und tatsächlich: nach ein paar Metern entdecken wir eine Open-Air-Bar nebst Disco, deren Hinterausgang geradewegs auf das Campgelände führt. Nicht wirklich vertrauenerweckend, doch im Moment recht willkommen. Auf diese Weise befindet sich nämlich unsere Campsite Minuten später bereits in Sichtweite. Aber hallo? DAS soll unsere Campsite sein? Ja, denn wir sehen Annette und Jochen, identifizieren ohne jeden Zweifel unsere Zelte und das Auto, erkennen das Waschhaus im Hintergrund. Doch abseits oder gar alleine stehen wir nicht mehr: direkt auf dem Nebenplatz, praktisch auf Tuchfühlungsnähe, haben sich, wie sollte es anders sein, Südafrikaner niedergelassen! Zwei Familien, zehn Leute insgesamt, zwei Autos, zwei Trailer, zwei stinkende Generatoren, zwei brummende Kompressoren, ein unüberschaubarer Salat aus kilometerlangen Kabeln, gleißende Flutlichtbeleuchtung, afrikaanse Schlagermusik in Disco-Lautstärke… Ne, das ist jetzt nicht wahr, oder? Leider doch.

Annette und Jochen zucken nur hilflos mit den Schultern, freuen sich über die unerwartete Gesellschaft genau so wenig wie wir. „Die war’n schon da, als wir zurückkamen. Die Blonde mit den Dauerwellen stürzte auf uns zu und laberte uns voll. Unser Auto sei ja so toll bemalt, einer der Jungs hätte sich das gerade angekuckt, als sich eine der Schlangen bewegte und dann doch keine gemalte, sondern eine echte war. Eine Boomslang, eine grüne! Der Junge sei ganz aufgeregt gewesen und sie (die Dauerwellenmutti) habe auch noch gesehen, wie die Schlange hinten vom Auto gekrochen sei. Ach, das sei ja alles so aufregend. So aufregend wie der Urlaub in Vic Falls, in dem sie White Water Rafting gemacht und auch wilde Tiere gesehen hätten, und, und, und…?“ Was? Wie? Wo? „So haben wir auch geschaut, als diese Verbaldiarrhoe auf uns niederging!“, tröstet Annette. „Wir verstehen’s auch nicht. Der ganze Campingplatz ist frei, aber die klemmen sich direkt neben uns und machen Party.“ „Sind wir denn wenigsten eingeladen?“ „Nee, warum auch. Wir werden doch jetzt immerhin kostenlos bespaßt!“ Stimmt! Also lasst uns die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und eine südafrikanische Familien-Soap live miterleben. Aufgrund unserer, am Nachmittag reichlich verzehrten Häppchen, sind wir ohnehin nicht mehr hungrig und können uns nun ohne jegliche Verzögerung in Position begeben: wir sinken in unsere Stühle, richten sie entsprechend aus und ziehen uns das dargebotene Programm, den Umständen entsprechend, genüsslich rein. Zwei Ehepaare, völlig von Adrenalinschüben durchdrungen, machen einen auf Halli-Galli, gehen offenbar total in ihren wiedererwachten Jugendgefühlen auf. Vier Jugendliche, denen das Benehmen ihrer Eltern sichtlich peinlich ist, verdünnisieren sich bald in Richtung Disco – der Disco, die Heinz und ich bei unserer Ankunft auch entdeckt hatten. Bleiben noch zwei Kleinkinder, denen bald so langweilig ist, dass sie zu quengeln beginnen. Kurzerhand werden die nölenden Bälger deshalb ins Bett befördert, wo sie jedoch deutlich hörbar weiternölen. Um das zu übertönen, drehen die feiergeilen Eltern einfach die Musik lauter. Nun ist das Kindergeschrei tatsächlich nicht mehr zu hören, eine normale Unterhaltung aber ebenfalls unmöglich. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Familiensoap SAFFTWLZB (South African Family Fun Tours Without Limits – Zimbabwean Branch), frei übersetzt: südafrikanische Familien auf ultimativem Spaßurlaub im fernen Simbabwe, wo man sich benehmen kann, wie man es zuhause nie wagen würde, findet ein abruptes Ende, nachdem man die wirklichen Hauptdarsteller in die Dizze ziehen ließ, beziehungsweise ins Bett steckte. Ah, welch Wohltat senkt sich da über unsere Trommelfelle! Die Musik verstummt, die Kleinen schlafen endlich und die Jugendlichen kehren erst wieder, als auch wir schon lange im Morpheus’ Armen liegen. Das Geräusch der fortwährend laufenden Generatoren sang uns alle in den Schlaf…

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