22. März 2013, Richtersveld NP (RSA) > Namuskluft (NAM)

Der gestrige Abend ist weit weg, als ich die Augen aufschlage, wird aber zunehmend realer, je wacher ich werde. Das kann doch alles nicht wirklich so passiert sein! Ist es aber leider doch. Tja, gerne würde ich nun noch mal den Alaskaner zur Rede stellen, weil er unser Zelt offen stehen ließ, noch wichtiger aber wäre mir eine weitere Klärung hinsichtlich der vermeintlichen Guides. Doch die Gelegenheit ist verstrichen, es ist zu spät: Mr. Alaska hat seine persönlichen Servanten bereits packen lassen und wird soeben vom Platze chauffiert; justament in dem Augenblick, da ich aus dem Zelt krabble. Und auch unsere Fotografen sind im Aufbruch begriffen, räumen gerade ihre letzten Ausrüstungsteile in die bereitstehenden Vans. Es soll also wohl nicht sein, dass ich mir und meinen Gefühlen nochmal Luft mache. Das ist zwar eine ziemlich unbefriedigende Situation für mich, die ich gerne alles ausspreche, alles kläre und nichts mehr hasse als Ungerechtigkeit (und Steuererklärungen), aber es ist in diesem Falle leider nicht zu ändern. Mein einziger Trost ist meine ganz persönliche Überzeugung: alles, was man im Leben tut, wird quittiert, hat Folgen. Alles. Man erhält eine Rechnung für jede einzelne Tat und die ist, irgendwann und in irgendeiner Form, immer gerecht. Ob der Betroffene die Quittung in Beziehung zu seinem eigenen Verhalten und der besagten Tat setzen kann, sei dahingestellt. Erhalten wird er sie dennoch. Und der Alaskaner kann sich dahingehend schon mal warm anziehen…

Trotz dieser tröstenden Gedanken fühle ich erneut den Zorn in mir hochwallen. Nein, Frau Schneider, nein, jetzt ist Schluss! Heute ist unser letzter Tag im Richtersveld und den möchte ich genießen, ohne mich über Vergangenes, was ich ohnehin nicht mehr ändern kann, aufzuregen. Also atme ich tief durch und vertiefe mich ins Frühstück, freue mich über meine tolle Tasse, die badenden Vögel und den bevorstehenden Trip über den Helskloof Pass, den wir heute zum ersten Mal besuchen werden. Und es gelingt – nach dem Frühstück bin ich wieder völlig entspannt und wir gehen unserem allmorgendlichen Tagwerk nach: packen, aufräumen, abspülen, weiterziehen. Bevor wir jedoch ins Auto klettern, vollbringen wir bedauernd eine letzte Tat – wir entführen den Vögeln unsere Pizzaform. Es fällt uns echt schwer, aber wir werden sicher würdige Nachfolger haben, vielleicht schon bald. Winkend verabschieden wir uns nun von unseren gefiederten Freunden und starten los zu unserer heutigen Tagesetappe. Nach wenigen Kilometern aber ist bereits der erste Stopp angesagt: Heinz möchte sich gerne die wenigen, noch lebenden Köcherbäume genauer ansehen, über deren exakte Klassifizierung wir seit unserer Ankunft im Kokerboomkloof rätseln.

Das könnte eine Pillansii sein!

Es gibt drei Spezies von Baum-Aloen hier im Richtersveld: die weitverbreitete „Dichotoma“, die reich verzweigte „Ramosissima“ und die vergleichsweise seltene „Pilansii“. Gerne würden wir natürlich einmal eine echte „Pilansii“ zu Gesicht bekommen, doch auch nach gründlicher Inspektion der Kloof-Aloen sind wir nicht sicher, was wir hier tatsächlich vor uns haben. Die Wuchsform könnte passen. Könnte. Es könnte sich aber auch um sehr schlanke „Dichotomas“ handeln oder aber um Hybriden. Das macht die Bestimmung echt schwer – die drei Aloe-Arten sind nämlich in der Lage, sich gegenseitig fruchtbar zu bestäuben. Die daraus resultierenden Natur-Hybriden zeigen dann Merkmale beider Eltern; mal dominiert die Mama, mal der Papa. Und bei Hybriden aus „Dichotoma“ und „Pilansii“ ist das Resultat gerne mal extrem uneindeutig, weshalb wir auch jetzt zu keinem sicheren Ergebnis kommen. Na ja, egal, fahren wir weiter! Über die Springbokvlakte kurven wir zunächst gen Westen, überqueren dann erneut das trockene Bett des Gannakouriep und durchfahren danach viele uns noch unbekannte Gegenden meines Lieblings-Nationalparks. Und sie alle sind sehr viel reizvoller als die Strecken hinab zum Oranje, so stellen Heinz und ich unisono fest! Das Warum ist ganz einfach zu erklären: auf der Fahrt Richtung Westen dominieren Berge, die breiten, sandigen Flusstäler hingegen verengen sich und verschwinden schließlich ganz. Und das, was sich einem hier darbietet, ist sowohl in botanischer als auch landschaftlicher Hinsicht ein Kleinod – eines nach dem anderen, eines deutlich anders als das vorhergehende.

Köcherbaumrinde
Aloe (dichotoma?)
Detailbetrachtungen
Heinz ist happy

So überqueren wir Bergrücken, die uns sagenhafte Blicke auf die wiederum nächsten Bergketten ermöglichen, wellblechen durch kleine, felsige Täler, die zahlreiche Pflanzenspezies beherbergen und gleichzeitig die Sicht auf unglaublich strukturreiche und farbenfrohe Hügelketten freigeben. Immer wieder müssen wir deshalb stoppen, staunen und auf Erkundungstor gehen. Hier leuchtet uns ein Bergrücken entgegen, der im oberen Drittel völlig vegetationsfrei ist, unterhalb eines querlaufenden Doleritbandes aber zahlreiche Köcherbäume präsentiert. Dort entzückt uns ein breiter, talartiger Absatz, von dem aus man weit gen Osten sehen kann. Ein paar Kilometer weiter landen wir dann erneut in einer völlig anderen Welt: ein kleines, tiefsandiges Halbtal, hoch oben in den Bergen, beschenkt uns mit einem Mikrokosmos pflanzlicher Art. Hier gedeihen Aizoaceen, Zygophyllaceen und anderes sukukkulentes bzw. semisukkulentes Kraut in trauter Eintracht nebeneinander. Klebrige Jamesbrittenias recken uns aus rotverstaubten Blätterkissen ihre winzigen, zweifarbigen Blüten entgegen, farbenfrohe, stressverfärbte Prenias erfreuen uns mit ihren pastellig-bunten Blattrosetten und uns völlig unbekannte Jochblattgewächse in hochgeschossener Strauchform stellen uns vor neue Bestimmungsrätsel. Wenig später landen wir schließlich bei den felsigen Vorboten des Helskloof Passes, der für seine einzigartigen Vorkommen der hochendemischen Aloe pearsonii bekannt ist. Bevor wir diese jedoch zu sehen bekommen, passieren wir zahlreiche Hügel rechts und links der Pad, die Heinz und mich in ihren Bann ziehen. Am liebsten würden wir uns hier für den Rest unseres Urlaubs aussetzen lassen! Es ist atemberaubend, unglaublich, nicht zu fassen. Annette und Jochen hingegen werden mit jedem von uns gewünschten Stopp ungeduldiger, unruhiger. Wir müssen heute noch rüber nach Namibia, mahnen sie uns. Ja, ja, ist ja gut, wissen wir! Trotzdem haben wir doch Zeit!

Jamesbrittenia sp.
Jamesbrittenia maxii
Prenia sladeniana
Monechma mollissimum
Crassula brevifolia
Sarcostemma viminale

Heinz und ich aber sind unerbittlich, erforschen eine Kuppe nach der anderen: erst den Ramosissima-Hügel, darauf folgt die Crassula-dominierte Anhöhe, kurz danach ein Mikrokosmos aus Crassulas, Asclepien und Asteraceen. Annette stapft anfänglich tapfer mit, begeistert sich wie wir auch, Jochen hingegen bleibt immer öfter gelangweilt beim Wagen und harrt unserer Rückkehr. „Jochen, was ist los mit dir? Warum siehst du dir das nicht auch an. Es ist so wunderschön! Kein Interesse?“, fragt Heinz besorgt.„Ihr klettert ja immer nur rum und erklärt nix!“, brummelt Jochen.„Na, was sollen wir denn erklären? Du musst schon mitkommen und dir die Pflanzen selbst ansehen; dann können wir auch was dazu sagen!“, erwidert Heinz verwundert. Jochen winkt ab. Mhm, wie sollen wir das verstehen? Auf jeden Fall so: Heinz hat unbenommen recht, aber vielleicht sollten wir davon absehen, bei jedem halbwegs grünen Stängel, bei jedem steinigen Hügel auf einen Halt zu drängen. Tja, das wäre wohl ratsam, aber noch sind wir nicht mal direkt am Helskloof Pass angekommen… Heinz und ich beherrschen uns dennoch mit äußerster Kraftanstrengung, was uns für wenige Kilometer tatsächlich so einigermaßen gelingt. Dann aber zeigen sich die ersten Exemplare der hochendemischen Aloe pearsonii. An einer Stelle, an der eine Gruppe der schlanken Aloen besonders gut zugänglich erscheint, brechen wir unseren Vorsatz und erbitten einen erneuten Stopp.

Stapelia similis
Opophytum hypertrophicum
 Aloe ramosissima
Tylecodon wallichii
Drosanthemum sp.
Zygophyllum prismatocarpum

Unserem Wunsch wird seufzend stattgegeben und Heinz und ich stürzen sofort gespannt zu den Pflanzen, um sie genauer zu inspizieren. Und es ist ein erhebender Moment, persönlich und höchstselbst vor diesen Aloen zu stehen, deren Sichtung der Traum zahlreicher Sukkulenten-Begeisterter ist. Sie kommen nur in einem sehr begrenzten Gebiet entlang des Oranje-Tals vor, was natürlich einen großen Teil des Reizes ausmacht und sind damit, auf die gesamte Vegetation der Erde hin gesehen, so etwas wie ein Diamant. Ein roter noch dazu, ein ziemlich roter sogar! Die Farbe der Aloen ist der zweite Punkt, der sie so spektakulär macht: unter der Belastung der täglichen Sonneneinstrahlung verfärben sich die ursprünglich grünen Blätter der Sukkulenten in ein sattes Rot. Ein Rot, dessen Nuancen zwischen sonnenreifen Tomaten, vollmundigem Burgunder und dem Fruchtfleisch erfrischender Wassermelonen variieren. Die Exemplare, die wir gerade bewundern, schwanken farblich zwischen Melone und Tomate, und sind, als Einzelpflanzen betrachtet, nur bedingt als Schönheiten zu bezeichnen. Lange Stängel, in der unteren Hälfte mit trockenem, unansehnlich braunem Gekröse bestanden – erst darüber zeigen allmählich die saftig-dicken Blätter, die in einer kreuzständigen Rosette, gesäumt von zart elfenbeinfarbenen Zähnchen, ihre Krönung finden. Und ich gebe zu: man muss schon ein ausgesprochenes Faible für derartige Gewächse haben, um ihren Zauber aus dieser Nähe in vollen Zügen empfinden zu können. Aber gerade so kann man auch Details entdecken, die nicht nur den botanisch Interessierten begeistern.

Aloe pearsonii
Schönheit…
…ist relativ
Pearsonii-Blüte

Heinz und ich beenden die Inspektion der roten Aloen mit einem genussvollen Lächeln auf den Lippen, klettern wieder ins Auto und freuen uns, den Sukkulenten so nahe gekommen zu sein. Auf den nächsten Kilometern entfalten die Aloen dann aber ihren wahren Zauber, der auch unsere beiden Freunde voll in ihren Bann zieht. Die kargen, schroffen, bräunlichen Bergketten des unter der Dürre stöhnenden Helskloof Passes liegen nach ein paar weiteren Kurven plötzlich vor uns – und erglühen in allen nur erdenklichen Rottönen. Es sind ganze„Wälder“ der seltenen Pearsonii-Aloen, die dieses solitäre Farbspiel erzeugen; ein Leuchten, das nahezu magisch erscheint. Rote Raritäten unter blauem Himmel – ein einmaliger Anblick! Annette ist so hingerissen, dass sie es ist, die den nächsten Stopp erbittet. Dann stehen wir alle da und saugen dieses Gemälde in uns auf. Und es gibt sogar noch einige blühende Exemplare, deren gelbe Blütendolden einen weiteren Akzent in diesem unfassbaren, betörend schönen Farbenmeer setzen. Annette und Jochen sind begeistert. Heinz und ich nicht minder – spätestens jetzt wissen wir ganz sicher, dass das zwar unser erster, nicht aber unser letzter Besuch hier gewesen sein wird. Und der nächste wird ausführlicher, länger, ohne Zeitdruck – koste es, was es wolle! Helskloof, die Höllenschlucht, sollte besser in„Paradyskloof“ umbenannt werden; und das nicht nur wegen der roten Groß-Endemiten…

Aloe pearsonii
Helskloof Pass
Pearsonii-“Plantagen”

Heinz und ich haben uns im Angeischt der Aloen gerade still in die Hand versprochen, bald wiederzukehren, weswegen uns der Abschied nun nicht mehr ganz so schwer fällt. Dennoch seufzen wir vernehmlich, als unsere Fahrt hinab ins Tal, hinab Richtung Sendelingsdrif, weitergeht. Wir nehmen Abschied von einer Zauberwelt, die weit über die der Aloen hinausführt. Leider hatten wir, mal wieder, zu wenig Zeit, sie in vollem Umfang zu erkunden… Doch das botanische Potential, das hier schlummert, ist enorm. Fesselnder als alles andere, was wir bisher jemals erlebt haben. Trotzdem: bye bye, ihr Richtersveldias, ihr Stapelias, ihr Crassulas und ihr anderer Schönheiten. Bye bye, bis bald! Bye bye, Paradyskloof! Auf Wiedersehen!

Stapelia similis
Gasteria pillansii var. ernesti-ruschii
Richtersveldia columnaris

Während wir nun die steile Pass-Straße nach unten holpern und dabei stets neue, interessante Pflanzen erspähen, genießen wir trotz aller Wehmut auch den fantastischen Ausblick auf die Niederungen des Oranje-Tals, dem wir nordwärts, unvermeidlich, wieder entgegenstreben. Malerische Bergketten begleiten uns hinab auf den Streckenabschnitt, auf dem wir bereits vor vier Tagen, an der Parkgrenze entlang, gen Sendelingsdrif gefahren sind. Damals hatten wir es eilig, waren stimmungsmäßig leicht angeschlagen, heute hingegen sind Heinz und ich völlig entspannt, immer noch im Banne des Helskloof Passes. Für Jochen und Annette aber zählen nach wie vor die Kilometer, der Grenzübertritt nach Namibia – und das, obwohl es noch nicht mal zwölf Uhr mittags ist. Nein, wir verstehen schon: jeder hat so seine Prioritäten und alle wollen gleichgewichtig erfüllt werden. So also treffen wir gegen ein Uhr mittags am Hauptcamp des Richtersveld Nationalparks ein, das gleichzeitig – zu An- und Abmeldung aus dem Park – auch alle Stationen für den Grenzübertritt ins Nachbarland Namibia bereithält.

Auf südafrikanischer Seite
Überfahrt über den Oranje
Und in Namibia wieder runter

Wie es sich gehört, erledigen wir zunächst die erforderlichen Formalitäten, um uns rechtmäßig aus dem grenzübergreifenden Nationalpark abzumelden. Und natürlich fragen wir dabei nach unserem Alaskaner, der uns gedroht hatte, uns so derart anzuschwärzen, dass wir auf ewig Parkverbot erhalten würden. Heute war hier noch niemand, der sich beschwert hätte, sagt die Rangerin. Ach, hat der Typ etwa gekniffen? Wir beschreiben kurz den gestrigen Konflikt und bitten die Parklady, eine eindeutige Kennzeichnung der Campsites vorzumerken, um solche Konflikte in Zukunft zu vermeiden. Ach, seufzt die Dame, das Problem sei bekannt, es gäbe deswegen auch immer wieder Zwistigkeiten, aber sie könne da nichts ändern. Der Zulauf in den Park sei in der letzten Zeit so heftig, dass man mit den administrativen Pflichten nicht nachkäme. Na, Leute, so eine kleine Ergänzung in Form eines winzigen, aber umso deutlicher unterteilenden „As“ und „Bs“ zum toll geschnitzten Site-Schildchen kann doch nicht die Welt kosten, oder? Das stünde nicht in ihrer Macht, sagt die Lady, gibt uns aber recht. „Schließlich krieg ich die ganzen Beschwerden immer ab.“, klagt sie. Aber, gute Frau, alle Touristen müssen hier, in Sendelingsdrif, einchecken – da wäre es doch alternativ eventuell sinnvoll, jeden gebuchten Kokerboomkloofer, zumindest mündlich, genau auf diesen Umstand hinzuweisen, oder??? „Ja, aber dazu bin ich nicht befugt.“ Puh – und da träumt der paragraphengeplagte Europäer immer von Afrika – einem Afrika, in dem alles frei und offen und möglich ist…

Oder aber auch nicht. Der letzte Rest dieses (übrigens völlig unberechtigten) Traumes nämlich vergeht uns, als wir endlich unseren Wagen durch die Zollformalitäten gebürokratet haben: wir wollen nun die Grenze zwischen Südafrika und Namibia hinter uns bringen, steigen gerade wohlgemut ins Auto und wollen losfahren, als uns ein südafrikanischer Grenzer mit herrischem Ton zum Innehalten befehligt – zuerst müsse noch alles durchsucht werden. Seufzend steigen wir wieder aus und lassen den finstergesichtigen Beamten sein Werk beginnen – wir haben ja nichts zu verbergen. Denken wir. Der gute Mann jedoch ist da anderer Meinung. Mit Adleraugen und zwei willigen Gehilfen inspiziert er unser Gefährt, lugt unter die Fußmatten, in die offene Keksschachtel, das apfelbestückte Gepäcknetz, in sämtliche Sonnenbrillenetuis, die Cubbybox und die Sitztaschen. Er findet nichts Verbotenes. Doch je erfolgloser er ist, umso grimmiger und verbissener wird er. Schließlich entspannen sich seine Gesichtszüge doch noch: er hat ein kalkiges Muschel-Stein-Gebilde entdeckt, das Heinz vom Strand im Namaqua Nationalpark mitgenommen hatte und klärt uns nun mit starrer Miene über unser Vergehen auf: „You are not allowed to remove any object from Richtersveld National Park, Ladies and Gents! This is a serious offence to the park rules!“ Mit drohend zusammengekniffenen Augen nimmt er das Corpus delicti in die Hand und präsentiert es seinen Gehilfen mit oberlehrerhaftem Gesichtsausdruck. Die nicken ebenfalls entrüstet – während wir von jedweder Belehrung hinsichtlich des eindeutig maritimen Ursprungs des anstoßerregenden Gegenstandes absehen, auch wenn sie uns ganz vorne auf der Zunge liegt. Stattdessen signalisieren wir deutliche Zerknirschung und sind froh, diesem Zerberus schließlich doch noch ungeschoren entrinnen zu können.

Während wir nun erleichtert das Weite suchen, steckt der gestrenge Beamte den Stein in die Hosentasche seiner Uniform und knöpft sich die nächsten Sünder vor: es sind zwei Damen, die, so entnehmen wir deren lautstarkem Lamento, wohl mehrmals wöchentlich zwischen beiden Ländern pendeln und, nach eigener Aussage, noch nie kontrolliert wurden. „Wir sind Mrs. XY und Mrs. Z., hallo!?! Wir sind geschäftlich unterwegs und man kennt uns hier! Lassen Sie uns gefälligst passieren!“ Das letzte, was wir in unseren staubverhangenen Rückspiegeln sehen, ist die empörte Kapitulation der beiden Ladies, deren Auto nun von unserem kompromisslosen Grenzerfreund auseinandergenommen wird.

Rasch geben wir Gummi, kurven hinunter zur grenzüberschreitenden Fähre und müssen eine ganze Weile warten, bis das kleine Transportboot endlich von der namibischen Seite ablegt und zu uns herüber tuckert. Schließlich legt die Fähre an, wirft ihre Überbrückungsbleche in die betonierten Platten der Uferbank, Jochen steuert den Landy sicher an Bord, die Bleche werden wieder eingeholt, wir alle mit Rettungswesten bestückt, und fahren ein paar Minuten später auf namibischer Seite erneut vom Boot – die Lamento-Damen hingegen sind noch nicht mal ansatzweise in Sicht… Puh, da hatten wir wohl echt Glück! Denn nun sind wir sicher außer Reichweite dieses martialischen Grenzbeamten und haben nur einen minimalen Verlust zu beklagen – alles andere hingegen blieb unentdeckt: eine Raubvogelfeder aus dem Tanqua, diverse hübsche Kiesel von hier und da und noch ein paar andere Dinge, die dem Herrn sicher große Genugtuung bereitet hätten, wäre er fündig geworden. Ist er aber nicht! Diebisch erfreut setzen wir so unseren Weg fort, stauben am westlichen Oranje-Ufer dahin, Richtung Rosh Pinah. Bald haben wir das Kaff erreicht und erblicken, nachdem wir einige starkstromgesicherte Wohnsiedlungen und umtriebige Minengelände passiert haben, die Abzweigung zur Gästefarm Namuskluft, die unser heutiger Übernachtungsort sein wird.

Namuskluft von oben
Uns hält nichts im Lager!
Ein weiteres Paradies

Relativ erwartungsfrei biegen wir auf das Farmgelände ab, durchqueren die ersten Kilometer – und werden immer gespannter: wir sind hier offensichtlich nicht irgendwo auf einem popeligen Gästefarmgelände gelandet, sondern scheinen gerade ein Richtersveld im Miniaturformat zu durchqueren! Mit dem einen Unterschied: wir befinden uns in einer Art von sandigem Tal – Täler, die im Richtersveld beinahe vegetationslos daher kamen. Hier aber protzt die Natur mit unzähligen Sukkulenten – Hoodias, Ruschias, Stoeberias und andere Etceteras wachsen dicht an dicht! Heinz und ich sehen uns vielsagend an und werden, mit Blick auf die uns umgebenden Berge, ganz zappelig. Ungeduldig erwarten wir unsere Ankunft im Restcamp, errichten dort rasch das Lager, gönnen uns noch ein kühles Getränk, dann aber hält uns nichts mehr. Während Annette und Jochen ermattet in ihre Camping-Stühle sinken, sausen wir beide los: hinter dem Camp ist ein kleiner Wanderweg ausgeschildert, der auf einen felsigen Hügel hochführt. Dieser Hügel sieht von unten recht harmlos aus, je höher wir allerdings klimmen, desto schweißtreibender wird die ganze Angelegenheit. Aber wir nehmen die Anstrengung beinahe nicht wahr, denn der Hügel enttäuscht unsere Erwartungen nicht und präsentiert uns einen Mikrokosmos zahlreicher Sukkulenten. Was hier nicht alles wächst! Hoodias, Namaquanum-Pachypodien, Pearsonii-Aloen, Sisyndites, Tylecodons, Crassulaceen – und sogar einige Pflanzen, die wir nicht mal im Richtersveld gesehen hatten! Heinz und ich sind im Glück. Stundenlang klettern wir in diesem steinigen Paradies umher – der ausgeschilderte Wanderweg hat sich schon lange im Meer der sukkulenten Blätter verloren – und genießen unser kleines, üppiges, nachträgliches Mini-Richtersveld in vollen Zügen.

Tylecodon wallichii
Crassula subacaulis
Wie? Schon Abend?!?

Wir merken kaum, dass die trockene Hitze allmählich einer angenehmen Kühle weicht. Erst, als wir immer genauer schauen müssen, wohin wir unsere Füße setzen, fällt uns auf, dass die Sonne schon fast hinter den umliegenden Bergen verschwunden ist. Zeit, ins Lager zurückzukehren! Vorsichtig bahnen wir uns einen Weg durch das steile Gelände nach unten und erreichen im letzten Tageslicht den Fuß unseres Paradieshügels, von wo aus es nur noch knapp zwei Kilometer bis zum Lager sind. Annette und Jochen, die den Nachmittag faul im Schatten eines Baumes verdöst hatten, sind bereits mit den Vorbereitungen zum Abendessen beschäftigt, als wir endlich wiederkehren und kredenzen uns sogleich ein kühles Bier zum Empfang. Genüsslich lassen wir das himmlische Gebräu durch unsere Kehlen rinnen und erzählen nebenbei von unserem spannenden Ausflug. Dann packen wir mit an und bald steht ein herzhaftes Abendessen auf dem Tisch, das wir uns mit großem Appetit schmecken lassen. Danach sitzen wir alle glücklich und zufrieden in unseren Stühlen, lassen den Tag revue passieren und freuen uns auf das noch Kommende. Zwei Tage im Gebiet der Sukkulenten-Karoo liegen ja noch vor uns, auf die wir uns sehr freuen, dann jedoch wird unser Urlaub einen deutlich anderen Charakter annehmen – und auch darauf freuen wir uns schon tierisch…

Weitere Impressionen des Tages:

Crassula grisea
Crassula brevifolia
Crassula sp.
Aloe ramosissima
Aloe ramosissima
Aloe ramosissima
Zygophyllum sp.
Monechma mollissimum
Prenia sladeniana
Zygophyllum retrofractum
Blepharis furcata
Euphorbia hamata
Euphorbia dregeana
Euphorbia gummifera
Euphorbia sp.
Zygophyllum retrofractum
Zygophyllum sp.
Opophytum hypertrophicum
Crassula brevifolia
Sarcostemma viminale
Crassula muscosa
Crassula sericea
Cotyledon orbiculatus
Sukkulentes Stilleben
Helskloof Pass
Helskloof Pass
Runter zum Oranje
Warten auf die Fähre
Aloe pearsonii
Namuskluft Camp
Ceraria namaquensis
J. maxii
J. bicolor
Augea capensis
Z. prismatocarpum
C. robusta
R. columnaris
Cotyledon sp.
T. oleifolius
S. similis
C. grisea
P. namaquanum
Namuskluft

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