20. März 2013, Potjiespram Campsite > Kokerboomkloof Campsite

Gut gelaunt und ausgeschlafen erwachen wir am frühen Morgen, krabbeln freudig aus unseren Zelten und finden uns zum Frühstück zusammen. Doch nicht nur wir freuen uns auf ein gemütliches Beisammensein, begleitet von kulinarischen Leckerbissen: während wir bereits genüsslich Kaffee trinken, bräunen diverse Toastscheiben auf der wieder entfachten Glut des gestrigen Abends appetitlich vor sich hin – und zwar unter den scharfen Blicken einiger Meerkatzen. Die kleinen Äffchen hatten sich leise angeschlichen und im umliegenden Gebüsch postiert, offenbar in der unsinnigen Hoffnung, wir würden sie nicht bemerken. Doch weit gefehlt; wir kennen unsere Pappenheimer sehr gut! Dennoch müssen wir alles an Wachsamkeit aufbieten, um die kleinen Diebe von ihren Beutezügen auf unseren Toast, unser Equipment und den Abfall abzuhalten. Sie sind so schnell, so geschickt, dass man sie nicht aus den Augen lassen darf. Die Meerkatzen begreifen jedoch bald, dass sie keine Chance gegen uns haben und ziehen frustriert schimpfend ab. Aber sicher nicht, ohne sich zu fragen, was sie falsch gemacht haben: mit erstaunt blinzelnden Augen nämlich haben sie durchaus wahrgenommen, dass wir die erneut aufgetauchte Frankolin-Familie großzügig mit Brosamen versorgen. Tja, ihr pelzigen Kleptomanen, dann denkt mal gründlich drüber nach!

Heinz und die Hühnchen
Francolinus capensis
Haariges Diebsvolk

Begleitet vom freundlichen Glucksen der rundlichen Hühnchen beenden wir schließlich, bar jeglicher unfreiwilliger Verluste, unser Frühstück und machen uns ans Aufräumen. In gewohnter Reihenfolge wird alles abgebaut und verstaut – Schlafequipment, Zelte, Stühle, Tisch. Übrig bleibt, wie immer, das Geschirr. Es muss noch gespült werden – und heute bin ich dran. Vorfreudig rühre ich mir einen Vorrats-Kaffee in meiner neu erworbenen Tasse an, stelle diese ins Auto und mache mich gleich darauf mit unserem Spülgut, gesammelt im faltbaren Camping-Becken, auf den Weg zum Waschhaus. Dieser führt durch eine schmale, freigeschlagene Gasse inmitten dichten Gebüschs, in dem nicht nur zahlreiche Vögel zuhause sind, sondern das durchaus auch noch andere Bewohner beherbergen könnte. Natürlich achte ich bei derartigen Gängen ganz besonders auf meine Umgebung, nehme Bewegungen besonders bewusst wahr und schaue genau, was da los ist. Alles okay, alles harmlos! Plötzlich aber tut sich etwas Ungewöhnliches: aufgeregtes, hektisches Flattern, angsterfülltes Fiepsen, grau-weiße Flitze-Blitze, zu Boden sinkende Federn. Ich brauche eine ganze Weile, bis ich voll erfasse, was genau hier geschieht, kann kaum mit den Augen folgen – aber schließlich offenbart sich das seltene Schauspiel! Es ist ein Fiskalwürger, der gerade hinter einem jugendlichen Nektarvogel her ist! Wie erstarrt bleibe ich stehen und rufe meine Reisegenossen herbei: „Schnell, kommt, seht euch das an! Jagd! Shrike gegen Sunbird!!!“ „Was?“, schallt es von hinten. „Kommt schnell!“, flüster-schreie ich.

 

Dokumentation eines unangekündigten Todes

Meine Freunde horchen auf, denn so atemlos quieke ich normalerweise nur, wenn mich ein größeres Insekt mit seinen menschenfressenden Kiefern bedroht. Heinz ist als erster zur Stelle, zunächst sehr besorgt, dann aber genauso fasziniert. Darauf folgen auch Annette und Jochen und sind ebenfalls gefesselt von diesem Anblick – ein Anblick, der einem vielleicht einmal im Leben vergönnt ist: ein juveniler Nektarvogel, braun-grau, mit bereits sichtbar blau-metallischer Federbrust, kämpft um sein Leben. Der Aggressor ist ein weiß-schwarzer Fiskalwürger, kaum größer als das Opfer. Aber der Würger weiß, was er will und lässt sich nicht davon abbringen. Mit unglaublich flinken Flugmanövern jagt er dem flüchtenden Jungvogel hinterher, powert ihn aus und versetzt ihm immer wieder schwächende Hiebe. Kaum lässt sich der Sunbird keuchend und benommen irgendwo nieder, ist der Würger schon zur Stelle, pickt erneut zu, hetzt sein Opfer weiter. Wir fiebern fasziniert mit: ach, der arme Nektarvogel; uih, ist der Würger schnell – wir sind hin und her gerissen. Doch bevor wir in der Lage sind, Partei zu ergreifen, ist es schon passiert: der Jäger war erfolgreich, direkt vor unseren Augen! Atemlos pumpend umfasst er das dünne, zerbrechliche Genick seines Opfers, dessen Kopf bereits schlaff nach unten hängt. Ein kurzes Durschschnaufen, ein schnelles Nachgreifen später, und fort ist der Würger. Mitsamt seiner Beute, die ihn beim Starten sichtlich Kraft kostet. Kaum aber ist er in der Luft, merkt man ihm das Gewicht fast nicht mehr an.

Der Würger war erfolgreich
Schwemmebene
Karge Berge am Oranje

Bitte zwicke uns jemand! War das gerade echt, ist es tatsächlich geschehen? Ja, so belegen unsere Aufnahmen, die jedoch nur einen Bruchteil dessen dokumentieren können, was wir soeben in voller Bandbreite erleben durften. Unfassbar! Aber nach dieser Beobachtung ist nun endlich auch für Annette und Jochen die aufgespießte Maus bei Spoeg River vom Hirngespinst zur glaubhaften Tatsache geworden.

Wie gebannt starren wir noch eine ganze Weile auf den Tatort, in der sinnlosen Erwartung, es könne sich dort Weiteres ereignen. Mit irgendeiner Übersprungsreaktion aber müssen wir das Geschehene, das Gesehene ja erst mal ein bisschen verarbeiten, oder? Schließlich lösen wir uns doch – ich gehe spülen, die anderen packen das Auto voll – aber jeder von uns hat dabei stets die flimmernden Bilder dieses Beutezugs vor Augen. Meine Güte, ein solches Erlebnis in dem von mir so ungeliebten Potjiespram – damit hätte ich nicht gerechnet! Dennoch bin ich froh, als wir, das Geschirr ordentlich gespült und getrocknet, dieses verbuschte Camp verlassen und nun die botanisch spannenden Regionen des Richtersveld Nationalparks ansteuern…

Botanische Öde
Landschaftliche Fülle
Hungrige Nama-Ziegen

Ein paar Kilometer geht es zunächst noch am Oranje entlang, bevor wir die Schwemmebene erreichen, die uns auf der letzten Tour so reichlich mit blühenden Hoodias beschenkt hatte. Heuer jedoch ist es viel trockener und, wie schon befürchtet, sieht man das auch deutlich: bis auf zahlreiche, sehr staubige Stachelwürste tut sich hier nichts. Halt, dass ich nicht lüge! Eine Ziegenherde durchquert gerade gemächlichen Trabs die Ebene und macht sich über alles her, was auch nur ansatzweise grün ist. In diesem Falle sind das zwar lediglich ein paar wenige Bäumchen, die recht niedrig gewachsen sind, ihr dürftiges Laub aber dennoch in einer Höhe tragen, die für die Ziegen fast unerreichbar ist. Fast. Denn man glaubt kaum, zu welchen Verrenkungen ein hungriger Hufträger fähig ist! Auf den Hinterbeinen balancierend, den Hals auf Giraffenlänge streckend, rupfen sie mit gespitzten Lippen das letzte bisschen Grün von den unteren Ästen. Ein besonders gieriges Zicklein versucht gar, den Rücken einer Artgenossin zu Erklimmen, scheitert jedoch an deren Gegenwehr und den eigenen, fehlenden Akrobatikfähigkeiten. Wir amüsieren uns köstlich. Gleichzeitig wird uns aber auch etwas mulmig, denn die Trockenheit ist so offensichtlich, dass wir fürchten, heuer vergeblich ins Richtersveld gekommen zu sein – zumindest, was unsere Pflanzenausbeute betrifft. Doch dieser einzigartige Nationalpark belehrt uns bald eines Besseren: hier gibt es immer etwas zu entdecken – und wenn es nur Gefühle sind…

Ceraria namaquensis
Blütenlose Hoodia
Schneckerl mit Steckerl 😉

Natürlich hatte uns die letzte Tour mit strotzendem Leben verwöhnt – kurz zuvor fiel ausreichend Regen – und natürlich sind wir gerade ein wenig enttäuscht, da wir logischerweise Vergleiche ziehen: hier hatten die Hoodias geblüht, dort standen die Cerarien in vollem Blattkleid, da drüben die Euphorbien in Blüte. Heute hingegen sieht man nur stachelige Triebe, nackte Zweige und blütenlose, mattgrüne Steckerl. Aber die Pflanzen sind ja nicht weg, sie sehen nur anders aus. Und das ist für uns botanisch Interessierte erst Mal das Wichtigste. Der Aspekt, der mich hierbei jedoch am meisten fasziniert, ist ein schwer beschreibbarer, ein recht persönlicher: es ist wie in einer wachsenden Beziehung, in der sich mit zunehmender Dauer Facetten in der Wahrnehmung der geliebten Person hinzugesellen und ihr Bild somit Schritt für Schritt komplettieren. Die Bindung festigt sich hierbei und irgendwann kennt man den anderen in vielen, durchaus nicht nur schokoladenseitigen Lebenslagen. Liebt man ihn deshalb weniger? Nein! Nicht, wenn es wahre Liebe ist. Und die scheint es bei mir und den sukkulenten Gewächsen zu sein, die hier und heute vor meinen Augen vor sich hin darben. Mir ist, als würde jemand, auf den ich schon vor Jahren ein begehrliches Auge geworfen, den ich jedoch stets in hippen Klamotten und mit seinem Sonntagsgesicht gesehen habe, gerade zum ersten Mal neben mir aufwachen – verstrubbelt, verschlafen und – zu allem Überfluss – auch noch in Socken und einem knitterigen Pyjama. Und ich werde nicht aus dem Bett und der Wohnung geworfen, sondern bekomme einen äußerst liebevollen Kuss, ein tolles Frühstück und ein sehnsüchtiges „Sehen-wir-uns-bald-wieder“ ins Ohr gehaucht! Im übertragenen Sinn haben die Sukkulenten genau das gemacht: ich fühle mich, als hätten die Pflanzen mich soeben vollen Herzens in ihr Leben gelassen. Das klingt sicher höchst befremdlich, doch besser kann ich die Gefühle, die mich angesichts der schrumpeligen Sukkulenten gerade übermannen, nicht erklären.

Crassula deceptor
Brownanthus pseudoschlichtianus
Cheiridopsis robusta

Dass das Richtersveld etwas in mir wachruft, was mein Innerstes nach außen kehrt, kenne ich ja bereits. Das liegt ganz sicher, neben den Pflanzen, auch an der Landschaft, die so einzigartig ist, dass es mir die Schuhe auszieht – salopp gesagt. Wenn man allerdings auf eine Kombination aus landschaftlicher Schönheit und pflanzlicher Vielfalt trifft, dann müssen auch die Socken dran glauben – und aus diesen haut es mich jedes Mal, wenn wir im Richtersveld über Pässe fahren. Enge, felsige, steile Fahrwege schlängeln sich kurvenreich durch hoch aufragende, schroffe, abweisend wirkende Felsen, die, je nach Tageszeit und Sonneneinfall, reizvolle Strukturen und Farbspiele präsentieren. Grau, Blau, Rot und Schwarz in allen Abstufungen und Intensitäten schmiegen sich aneinander, zeichnen unwirkliche Bilder, abgefahrene Gemälde, abstrakte Kunstwerke. Das allein ist schon überwältigend genug. Wagt man sich dann aber, bei fast unerträglichen Temperaturen, hinauf auf diese glühenden Felsen, wird man zusätzlich mit einer Pflanzenvielfalt belohnt, die ihresgleichen sucht. Auch wenn sie sich heute nicht von ihrer Schokoladenseite zeigt…

Trachylepis sp.
Brownanthus nucifer
Euphorbia hamata

Aber sie ist da, man muss eben nur genau hinsehen. Unser erster Pass, der Swartpoort, ist kaum als solcher erkennbar, da wir aber nun schon etwas mit der Gegend vertraut sind, wissen wir genau, worauf wir achten müssen: es sind die Cerarien, die heute ihrem afrikaansen Namen alle Ehre machen und sich als blattlose, peitschenförmige Hotnotsrieme (Hottentottenriemen) zeigen – geduckte Büsche mit biegsamen Zweigen, absolut unspektakulär, nicht besonders hübsch, aber eben absolut faszinierend als hoch endemische Überlebenskünstler. Ein paar Kilometer weiter, wir gewinnen stetig an Höhe, erreichen wir den Halfmens Pass, benannt nach den ebenfalls endemischen Namaquanum-Pachypodien, die trotz der Trockenheit tapfer ihre kleinen Blattkränzchen in den blauen Himmel recken. Wir erweisen den markigen Gewächsen unsere Ehre und klettern zu ihnen in die heißen Felsen, begrüßen sie wie alte Freunde und freuen uns, dass sie immer noch da sind – die Sagengestalten aus der uralten Nama-Legende: sehnsüchtige, heimatvertriebene Menschen, die es der Gnade der Götter zu verdanken haben, für den Rest ihres Lebens in ihr angestammtes Land schauen zu dürfen – als in Pflanzen verwandelte, gen Norden gerichtete Stachelgestalten mit erhobenen Armen und einem Blattkrönchen. Kein Wunder, dass solch bizarre Silhouetten die Phantasie der Betrachter schon immer anregten und auch heute noch deren Vorstellungskraft beflügeln!

Pachypodium namaquanum
Euphorbia dregeana
Namensgeberin “Akkedis”-Pass

Schwitzend und mit roten Gesichtern treibt es uns nach diesem Wiedersehen erneut ins Auto, dem Akkedis Pass entgegen; er war auf unserer letzten Tour der mit Abstand Interessanteste: fahrtechnisch nicht zu unterschätzen und extrem pflanzenreich. Trotzdem oder gerade deswegen hatten wir gestern Abend gut daran getan, ihn nicht mehr zu fahren, denn der „Eidechsen-Pass“ ist in der Tat so steil und engkurvig, dass man Tageslicht braucht, um ihn sicher zu bewältigen und nebenbei auch noch all seine Schätze zu entdecken. Bei unsäglichen Temperaturen nahe der 50-Grad-Marke schrauben wir uns unter damit einhergehender, optimaler Ausleuchtung nun den Akkedis nach oben, der uns, am höchsten Punkt angelangt, mit kaum kühleren Temperaturen empfängt. Oh je, wir haben gerade mal frühen Vormittag, aber die Hitze glüht bereits, als befänden wir uns inmitten eines Backofens. Es ist heisser als auf der letzten Tour, auf der wir hier mit über 40 Grad ins Schwitzen gerieten. Allerdings ist die Luft heute, im Gegensatz zu damals, wesentlich trockener und deshalb sind die paar Grad mehr auch besser zu ertragen. Der Schweiß, der nichtsdestotrotz in Strömen fließt, verdunstet, kaum dass er die Poren verlassen hat, im Nu sammeln sich Salzkrusten auf der Stirn, die Augen brennen und die Nase fühlt sich an wie ausbetoniert. Aber egal. Unverdrossen klettern wir die steilen, den Akkedis Pass überragenden Bergflanken nach oben und treffen all die alten Bekannten, die uns vor zwei Jahren schon so begeistert hatten. Heute wirken sie natürlich nicht ganz so taufrisch, dafür aber präsentieren sie sich in einer Form, die dem interessierten Botaniker eine neue Welt eröffnet: wie sieht eine Pflanze in ihrer angestammten Heimat aus, wenn sie in der Ruhephase ist, wenn sie ihren Stoffwechsel auf ein Minimum herunterfährt? Jeder, der zuhause solch exotische Pflanzen kultiviert, wird wissen, was ich meine. Daheim erfreut man sich am Wachstum und der Blüte solcher Gewächse, versucht, die natürlichen Bedingungen so gut wie eben möglich nachzustellen, wird dabei jedoch nie den typischen Wuchs einer „In-Habitat-Pflanze“ herbeiführen können. Und das, was einem in einschlägigen Bestimmungsbüchern präsentiert wird, ist ebenfalls in den seltensten Fällen das Standortfoto eines Gewächses in der Ruhephase.

Eberlanzia schneideriana
Cheiridopsis sp.
Crassula deceptor

So also ist es schon schwierig genug, eine Pflanze am Naturstandort zu identifizieren, indem man sie mit Fotos von strotzenden (Kultivar)-Exemplaren abgleicht. Befindet man sich allerdings „in situ“ – so wie wir heute – und hat vermeintlich ein wenig Gefühl für die unter natürlichen Bedingungen wachsenden Sukkulenten erworben, wird man erneut beginnen, zu lernen. Und genau das tun wir gerade. Eine schrumpelige Schwantesia bildet Blattzipfelchen aus, die beinahe denen eines Mitrophyllums würdig wären; eine Crassula deceptor, in Stresssituationen normalerweise orangefarben, ist vor lauter Wassermangel erblasst; eine Kissenia capensis präsentiert pergamentene Kronblätter, die man ansonsten, verdeckt durch weiße Blütenblätter, nie zu Gesicht bekommt. Eine selten lehrreiche Situation ist das, in der wir uns hier befinden! Doch Lehrjahre sind bekanntermaßen keine Herrenjahre – und mir wird gerade klar, dass ich mich immer noch ganz am Anfang meiner (Selbst-)Ausbildung befinde. In den vergangenen 24 Monaten hatte ich mich intensiv in das für mich neue Fachgebiet „Sukkulenten“ eingearbeitet, große Fortschritte gemacht und fühlte mich zu Beginn dieser neuen Tour schon relativ sattelfest. Doch weit gefehlt! Denn jetzt, da mir die Sukkulenten ein völlig neues Gesicht zeigen, merke ich deutlich, dass ich noch immer ganz am Beginn meiner Lehrzeit stehe. Obwohl: ein paar Mosaiksteine des Wissens sind trotzdem kleben geblieben, die sich in der jetzigen Situation als äußerst hilfreich erweisen. Heinz entdeckt zum Beispiel eine Brownanthus-Pflanze am Fuße eines Felsens. „Was für einer ist das genau, Schneck?“, fragt er mich. Hui, allein diese Frage geht schon runter wie Öl – ER, der Sukkulentenkenner, fragt MICH! Ich bücke mich, werfe einen fachmännischen Blick auf das Gewächs und meine mit gewichtiger Kennermiene: „Pseudoschlichtianus.“ „Bist sicher?“ „Ja, ganz eindeutig. Pseudoschlichtianus hat ganz charakteristische, rechteckige Epidermis-Zellen.“ Heinz starrt mich mit hochgezogenen Augenbrauen an: „Schön langsam wirst mir unheimlich, Schneck!“. Dieses Kompliment geht erst recht runter wie Öl. Insgeheim jedoch bin ich froh, dass nicht noch weitere Fragen folgen, denn da könnte es eng werden…

Brownanthus
nucifer
Brownanthus
pseudoschlichtianus
Cucumis rigidus
Pergularia daemia
ssp. gariepensis

Ums Herz aber wird mir weit und immer weiter. Mein Gott, was für ein Ort ist dieses Richtersveld! Magisch, zauberhaft, atemberaubend. Atemberaubend, ja, sogar in zweierlei Hinsicht: einerseits, wie ja bereits ausführlich beschrieben und thematisiert, sind es die einzigartige Pflanzenwelt und die malerische Landschaft, andererseits ist da das Klima. Es ist unglaublich harsch, feindselig, unwirtlich: von Schneefall und Frost, was ich hier persönlich noch nie erlebt habe, über Backofentemperaturen, die einen feucht wie ein Dampfbad (letzte Tour) oder aber trocken wie knisterndes Pergament umwabern (heute), kann einem hier alles passieren. Unser kleines Thermometer im Auto zeigt im Moment 48 Grad Celsius an, die Luftfeuchtigkeit liegt bei gefühlten minus 10 Prozent: die trockene Hitze, die im Moment das dominante Klimaelement ist, brennt in den Bronchien, jeder Schritt, besonders bergauf, ist ein Kraftakt, die Hitze dampft einem fast das Hirn weg und jeder Atemzug verstärkt das Gefühl, man sei eine Dörrpflaume. Atemberaubend, egal, wie auch immer man es nimmt! Heinz und ich klettern lange in den Anhöhen des Akkedis-Passes umher, ringen um Luft – vor Begeisterung, vor Hitze, vor Trockenheit, vor Ehrfurcht. Annette und Jochen allerdings geben sich unter diesen Bedingungen etwas weniger leidenschaftlich und harren lieber im dürftigen Schatten des Autos aus, sodass auch wir nach einer Stunde bereits wieder aus den Hängen krabbeln. Na ja, wir haben viel gesehen und mit Sicherheit auch genügend Sonne getankt. Das lauwarme Wasser, das wir uns durstig aus unseren Trinkflaschen in die Kehlen rinnen lassen, schmeckt auf jeden Fall köstlich wie nie zuvor…

Blick nach unten
Kissenia capensis
Cleome foliosa

Nach einem kleinen Mittagssnack, den wir noch an Ort und Stelle zu uns nehmen, geht es dann weiter. Wir halten uns in südlicher Richtung und erreichen, nach einer Fahrt durch das breite, sandige Bett des Kook River den letzten Pass des heutigen Tages: den Domorogh. Hier waren wir noch nie, sind aber gleich sehr angetan von dem, was wir sehen. Der Domorogh Pass ist, im Vergleich zum Akkedis, relativ klein, die Aussicht allerdings, die man von hier auf eine gegenüberliegende Bergkette hat, ist einzigartig – und Sukkulenten gedeihen auch hier in Hülle und Fülle. Die Flora des Domorogh gleicht der aller Richtersveldpässe, die wir bis jetzt gesehen haben, trotzdem hat jeder Pass, jeder einzelne Hügel seine ganz besonderen Schätze und typischen Gewächse. So auch der Domorogh; er wird von Steckerl-Pflanzen aller Couleur dominiert: Kleinia longiflora, Sarcostemma viminale und Euphorbia dregeana recken ihre grünen Zweige in die Luft und sind sich auf den ersten Blick recht ähnlich. Dabei gehören sie völlig unterschiedlichen Familien, ja, sogar Ordnungen an: Kleinia ist ein Korbblütler aus der Ordnung der Asterales, Sarcostemma ein Seidenpflanzengewächs (Gentianales) und Euphorbia ein Wolfsmilchgewächs (Malpighiales). Betrachtet man nun Angehörige dieser Pflanzenordnungen, die in unseren Breiten beheimatet sind, und vergleicht sie mit den hier wachsenden Exemplaren, wird einem diese unglaubliche optische Annäherung unterschiedlichster Pflanzen erst in seinem ganzen Ausmaß bewusst. Sind sich Margerite (Asterales/Asteraceae), Immergrün (Gentianales/Apocynaceae) und Sonnwend-Wolfsmilch (Malpighiales/Euphorbiaceae) in irgendeiner Weise ähnlich? Ich würde deutlich sagen: Nein! Dennoch stehen wir jetzt vor Angehörigen genau dieser drei Ordnungen/Familien und sehen, auf den ersten Blick, drei zumindest optisch nahe Verwandte. Handelt es sich hier etwa um eine Konvergenz?

Sarcostemma viminale
Kleinia longiflora
Euphorbia dregeana (re.)

Nein, in unserem Falle kann davon, streng wissenschaftlich gesehen, nicht die Rede sein, da ein entscheidendes Merkmal fehlt. Um diesen Tatbestand zu erfüllen, müssten nämlich Organe der Pflanzen, die in ihrer Anlage verschieden sind, durch Anpassung an äußere Umstände vergleichbare Formen ausbilden. Bekanntestes Beispiel hierfür ist das Diptychon aus neuweltlichem Kugelkaktus und altweltlicher Kugeleuphorbie: sowohl das mexikanische Astrophytum asterias als auch die südafrikanische Euphorbia obesa haben auf vergleichbare klimaökologische Verhältnisse mit der Ausbildung einer fast zwillingshaften Wuchsform reagiert. Mit einem eklatanten Unterschied – der Kaktus evolutionierte die Form seines Stängels zur optimalen Daseinsform mit maximalem Speichervolumen bei gleichzeitig minimaler Oberfläche; bei der Euphorbie hingegen mussten die Blätter diese Rolle übernehmen. Genau dieses entscheidende Merkmal liegt bei unseren Gesellen nicht vor, trotzdem aber finde ich es höchst faszinierend, wie Angehörige dreier verschiedener Ordnungen sich so weit vom „eigentlich üblichen“ Erscheinungsbild entfernen und einander optisch annähern können, um sich die besten Überlebenschancen in diesem Klima zu sichern.

Domorough Pass
Strukturen durchs Fernglas
Ehrfürchtiges Staunen

Wir genießen die kleine Exkursion in die Flora des Domorogh Passes, bevor wir uns wieder ins Auto schlichten und endlich unserem heutigen Übernachtungsziel zustreben, dem Kokerboomkloof. Auf diesen Ort sind wir schon extrem gespannt, denn er ist als heißestes Camp des Richtersvelds bekannt und soll aufgrund seiner flussfernen Lage am wenigsten frequentiert sein. Unsere Neugier allerdings wird etwas länger auf die Folter gespannt, denn wir müssen zuerst noch um die fünfzig Kilometer zurücklegen, fünfzig lange, trockene, heiße Kilometer – über Berg und Tal, durch die Flussbetten des Gannakouriep und einen seiner Seitenarme. Diese Flusstäler, in denen sich die Hitze besonders staut, sind, was die Vegetation anbelangt, relativ uninteressant. Das kommt einem raschen Vorankommen durchaus entgegen – wir schaffen die weite Strecke tatsächlich in zweieinhalb Stunden, lediglich unterbrochen durch einen einzigen Pinkelstopp. Gegen 13 Uhr sichten wir schließlich die Silhouette des Tatasbergs, wenig später zeichnet sich das felsige Wahrzeichen des Kokerboomkloofs gegen den wolkenlosen Himmel ab: die Toon, die Zehe, ein riesiger Felsbrocken, dessen Umrisse gewisse Ähnlichkeit mit einer molligen Großzehe aufweisen. Und dann ist es so weit! Wir biegen um die letzte Kurve und haben eine erste Aussicht auf die Campsite, auf die ich mich so sehr gefreut hatte.

Die Toon – Die Zehe
Kokerboomkloof
Springbokvlakte

Das, was ich da sehe, enttäuscht mich allerdings ein wenig: es gibt hier zwar einige Köcherbäume, diese jedoch sehen allesamt nicht sehr gesund aus. Klar, es ist schon lange recht trocken – was nicht gerade zum Strotzen der Baumaloen beiträgt; vielen der sukkulenten Bäume aber würden auch üppige Regenfälle nichts mehr nutzen, denn sie sind schlicht und einfach tot und recken ihre dürren Zweige anklagend in die Luft. Das ist in der Tat ein bisschen schade, wäre aber noch zu verschmerzen, verleiht es dem Ort doch einen leicht morbiden Charme, der durchaus anziehend auf mich wirkt. Weniger anziehend und weitaus schwerer zu verschmerzen hingegen ist eine Ansammlung mehrerer Zelte, Fahrzeuge – und Menschen, die offensichtlich soeben ihre Siesta beendet haben und wie wuselnde Ameisen über das Gelände mäandern. Mhm, insgeheim hatte ich gehofft, wir wären alleine hier, das aber war wohl ein Schuss in den Ofen. Okay, ein paar wenige Camper hätte ich wohl noch klaglos hingenommen, doch das hier ist eine ganze Reisegruppe und Gruppen sind in der Regel Garanten für einen erhöhten Lärmpegel. In der Regel. Doch keine Regel ohne Ausnahme!

Leicht ernüchtert kurven wir über das Camp-Areal, nehmen unsere Mitbewohner unauffällig in Augenschein und lassen uns schließlich auf dem letzten von vier freien Stellplätzen nieder. Immerhin – eine schön gelegene Site nur für uns, mehrere hundert Meter entfernt von den Zelten der Gruppe. Bei glühenden Nachmittagstemperaturen errichten wir unser Lager, räumen unsere Kisten in das kleine, zur Campsite gehörende Küchen-Waschhäuschen, das übrigens recht ungepflegt und noch dazu partiell funktionsuntüchtig daherkommt. Dann lassen wir uns schwitzend und ermattet in unsere Faltstühle fallen, die vom Gazebo gnädig beschattet werden. Puh, jetzt erst mal was trinken und ein wenig ausruhen! Während wir nun gemütlich unseren Tee schlürfen und die Umgebung auf uns wirken lassen, zieht eine lange Karawane menschlicher Wesen von den unteren Campsites zu uns nach oben. Es handelt sich durch die Bank um Herrschaften gesetzteren Alters, sie alle tragen Stative und Kameras, grüßen höflich und wandern gemessenen Schrittes an uns vorüber. Eine Dame bleibt gar stehen, heißt uns willkommen und entschuldigt sich prophylaktisch für den Lärm, den die Gruppe morgen, zu früher Stunde, wohl machen wird: die fünfzehn Teilnehmer dieser Foto-Gruppenreise müssten leider bereits vor Sonnenaufgang an unseren Zelten vorbei, hinauf zu den Köcherbäumen, um beim besten Fotolicht bereit zu sein, tut sie uns kund. Wir sind angenehm überrascht von der ausgesuchten Höflichkeit und Rücksichtnahme, die hier praktiziert wird und versichern der Dame, kein Problem mit derart angenehmen Nachbarn zu haben – selbst wenn sie mitten in der Nacht zu einem Moonlight-Shooting aufbrechen wollten. Und das meinen wir auch wirklich so! Die Gesellschaft anderer Menschen ist in der Abgelegenheit der Wildnis nicht immer eine Bereicherung, geschweige denn ein Vergnügen, in diesem Falle aber schon. Was so ein bisschen Rücksichtnahme, ein wenig Einfühlungsvermögen, ein Quäntchen Kommunikation und eine Prise gleicher Interessen alles ausmachen kann!

Gemächlich verdödeln wir nun, eins mit uns selbst und unseren ruheliebenden Nachbarn, den heißen Nachmittag. Doch nicht nur uns ist warm, nicht nur wir haben Durst. Es gibt eine Menge Vögel, die ebenso empfinden und zu ihrem eigenen Vorteil gelernt haben: menschliche Zweibeiner, die einen derart unwirtlichen Ort freiwillig besuchen und sich dort auch noch niederlassen, haben meist ein offenes Herz nebst einer freigiebigen Hand für gefiederte Zweibeiner. Im Zuge dieser Erkenntnis werden wir also von zahlreichen, sehr neugierigen und recht zutraulichen Vögeln belagert, die nur darauf zu warten scheinen, dass etwas für sie abfällt. Ach, hätte ich in Springbok doch nur den Edelstahlbräter gekauft! Annette deutet meine Blicke sofort richtig und kramt aus den Tiefen unserer Kisten eine Pizzabackform hervor. Mit Wasser gefüllt und etwas im Sand versenkt wird die flache Schüssel auch sofort zur Attraktion des Tages. Die lauernden Bokmakieries und Schmätzer verlieren auf der Stelle jegliche Restscheu und bevölkern badend und trinkend das Gefäß. Und wir sitzen unter unserem Schattendach, trinken Tee und genießen das Sein – wenige Meter neben planschenden, trinkenden und leise tschilpenden Vögeln in unserer Pizzaform. Was kann es Schöneres geben?

Plötzlich jedoch wird die Idylle vom hämmernden Rattern eines Dieselmotors durchschnitten. Ein Wartungsfahrzeug des Nationalparks, beladen mit einem riesigen Wassertank, biegt um die Ecke. Zwei Herren steigen aus, machen sich grußlos an der solarbetriebenen Pumpstation unseres Waschhäuschens zu schaffen und würdigen uns dabei keines Blickes. Höflich grüßen wir, machen darauf aufmerksam, dass die Klospülung nicht funktioniert und fragen, ob wir etwas helfen könnten. Mit einer unwirschen Geste wird uns kundgetan: „Hey, ihr Touris, nervt uns nicht, haltet euch da raus, wir tun unsere Arbeit und möchten nicht behelligt werden.“ Sorry, wir wollten doch nur… Offenbar aber sind weder unsere Kommentare noch unsere Mithilfe erwünscht. Okay!?! So bleibt uns folglich nicht anderes, als die halbherzigen Bemühungen der beiden Parkangestellten aus dem Off zu beobachten. Die Zwei brabbeln, schrauben, betanken, testen, zucken die Schulter und ziehen schließlich ebenso grußlos wieder ab. Tschüß und danke! Als die beiden unfreundlichen Parkangestellten hinter den Felsen verschwunden sind, überprüfen wir sofort das Ergebnis ihres Tuns – wir alle müssen dringend strullern. Hui, die stinkende Kackwurst, die bei unserer Ankunft noch in der Schüssel dümpelte, ist tatsächlich weg! Das stimmt zuversichtlich. Wassersparend pinkeln wir alle, einer nach dem anderen, in die Schüssel mit der vermeintlich reparierten Spülung – erst der letzte spült. Besser gesagt: versucht zu spülen. Doch der Spülkasten ist leer und es läuft nach wie vor kein Wasser. Toll! Wir verstehen ohnehin nicht, warum man ausgerechnet an einem trockenen Ort wie diesem vier Toiletten mit Wasserspülung installiert hat, haben wir doch die fantastischen Öko-Plums-Klos im Namaqua NP kennengelernt, aber wenn schon WC, dann sollte es auch funktionieren. Was also tun, wenn einer von uns „groß“ muss? Wohin? Der Boden ist nicht wirklich grabefreundlich, überall lauern Hobbyfotografen auf den Felsen, nirgendwo ist man unbeobachtet. Na ja, es wird sich eine Lösung finden, wenn es so weit ist.

Bis hierher und nicht weiter
Tal von Aussenkehr
Blick nach Namibia

Noch aber drückt uns nichts Derartiges; lediglich die Lust, die Umgebung weiter zu erkunden rührt sich in uns. Der geben wir schließlich gegen sechzehn Uhr vorfreudig nach, füllen vorher natürlich noch die Pizzaform mit frischem Wasser und schieben unsere Kisten ins Küchenhäuschen. Dann kann es losgehen. Unser Weg führt uns zunächst Richtung Springbokvlakte, an der nächsten Wegkreuzung (die auch die einzige ist), biegen wir gen Osten ab und fahren so lange, bis wir auf eine gesperrte Straße stoßen. Diesen Ort kennen wir bereits von unserer letzten Tour – und genau hier wollten wir hin. Man erreicht, umrahmt von Bergen, einen fantastischen Aussichtspunkt und hat eine weite, wundervolle Sicht – hinüber nach Namibia. Auf südafrikanischer Seite, da, wo wir uns befinden, umgibt einen trockene, felsige, ungezähmte Natur. Das Auge schweift hinab zum Oranje, dessen blaues Band die Grenze zwischen den beiden Ländern bildet und dann fängt sich der Blick in den flachen, satt grünen Ebenen des Weinanbaugebiets um Aussenkehr. Es ist ein sehr reizvolles Panorama, ein sehr kontrastreiches – genau so hatten wir es in Erinnerung. Damals allerdings war es recht bedeckt und allein der Kontrast zwischen den kantigen, rötlichen Felsen des Richtersvelds und den samtig grünen Kulturebenen wirkte auf unsere Sinne. Heute hingegen neigt sich ein klarer, sonniger Tag seinem Ende zu und das immer intensiver werdende Licht bringt die Bergketten auf unserer Seite zum Glühen. Minütlich ändern sich die Farben, die unglaublich viele Schattierungen zum Besten geben. Rostrot, Sienabraun, Ocker, Rotviolett, Dunkelblau, Blaugrau, Tiefschwarz – und alle nur vorstellbaren Farbabstufungen, die in unzähligen Facetten dazwischen liegen. Und minütlich werden die Bergkämme plastischer, man hat das Gefühl, sie anfassen zu müssen. Es sind zwei wahrhaft magische Stunden, die wir hier verbringen. Je weiter die Sonne jedoch sinkt, desto mehr tauchen die Hügelflanken hinter uns im Schatten ab – der Startschuss für Heinz und mich, die dortige Vegetation in angenehmer Kühle zu erkunden. Wie erwartet, gedeiht auch auf diesen Hügeln wieder einiges; Pflanzen, die wir bereits kennen, aber auch einige Gewächse, die wir noch nie gesehen haben. Heinz ist eifrig am Klettern, Knipsen und Erforschen, ich hingegen kann kaum meinen Blick von den Bergen wenden. Diese Landschaft, diese Szenerie – es ist wie im Märchen, wie in einem überzeichneten Alpenglühen-Kitschfilm, wie in einem Fantasy-Kinoepos. Ich bin richtig ergriffen – mit Gänsehaut, wohligem Schaudern und einem leichten Schwindelgefühl – das volle Programm. Und ich, die ungläubige Ex-Christin, die an alles mögliche glaubt, nicht jedoch an ein Leben nach dem Tod, verspüre plötzlich ein Gefühl in mir, das sich selten richtig anfühlt: hier könnte ich die ewige Ruhe finden – als Ascheregen, der den Pflanzen als Nahrung dient. Vielleicht ist es mir ja dann, wie den Halbmensch-Pachypodien aus der Nama-Legende, auch vergönnt, weiter auf diese Landschaft zu blicken. Der Gedanke ist wunderschön…

Aber sterben will ich trotz allem nicht, nicht jetzt, nicht heute – zumindest nicht, bevor wir diese Tour bis zum letzten Kilometer gefahren sind und alles in vollen Zügen genossen haben. Dann können wir nochmal drüber reden… Nein, nicht wirklich, denn die Welt ist so groß und es gibt noch so viel zu sehen! Annette und Jochen aber haben erst mal genug vom Sehen, wie ich von meiner erhöhten Position aus erkennen kann: sie liegen faul neben dem Auto, genießen ihren Sundowner und richten sich erst wieder in die Senkrechte, als auch Heinz und ich freudig strahlend erneut von den Hügeln herabgestiegen sind. Verschlafenen Blickes bekommen wir von Annette je ein Bier in die Hand gedrückt. „Schön hier, gell!“, murmelt sie verzaubert-entrückt. Jochen rekelt sich wohlig, wir nicken ergriffen und zusammen schlucken wir andächtig das kühle Bier, während die letzten Sonnenstrahlen ihre Finger zärtlich über die zunehmend schattigen Berge gleiten lassen.

Tylecodon wallichii
Crassula sericea var. sericea

Bevor es nun richtig dunkel wird, lösen wir uns schweren Herzens von diesem zauberhaften Ort und düsen zurück zum Camp. Unsere Scheinwerfer tasten sich schon eine ganze Weile suchend durchs Gelände, als wir müde und erlebnissatt bei unseren Zelten ankommen. Ein Moment, der mit nichts anderem zu vergleichen ist. Dennoch gäbe es noch eine Steigerung: ein Restaurant, in dem man einfach ordert und nach Wunsch bedient wird, während man selbst passiv in den Seilen hängt und den Tag ungestört revue passieren lassen kann, nicht selbst kochen muss. Das jedoch bleibt uns nicht erspart. Aber wir machen es kurz und schmeissen Folienkartoffeln ins Feuer, hauen Steaks auf den Grill und bereiten rasch einen Tomatensalat zu. Nach dem Essen wandert das gebrauchte Geschirr in den Laderaum – morgen ist auch noch ein Tag – und wir genießen den strahlend-funkelnden Sternenhimmel, bevor wir todmüde in unsere Federn sinken und der Stille dieses entlegenen Fleckchens Erde lauschen, bevor uns der Schlaf endgültig übermannt. Unsere Nachbarn sind wohl auch schon im Reich der Träume angekommen, denn wir hören nichts, absolut nichts…

Weitere Impressionen des Tages:

Euphorbia hamata
Eberlanzia schneideriana
Brownanthus pseudoschlichtianus
Euphorbia dregeana
Euphorbia decussata ()
Kleinia longiflora
Nymania capensis
Boscia foetida
Domorogh Pass
Tylecodon sp.
Tylecodon paniculatus
Ozoroa dispar
Ozoroa dispar
Aloe ramosissima
Euphorbia gariepensis
Crassula sericea
Sundowner
Ozoroa dispar
T. paniculatus
Halfmens
Ganzer Mensch
Ozoroa dispar
Cheiridopsis sp.
B. pseudoschlichtianus
T. paniculatus
Ozoroa dispar
Kissenia capensis
P. daemia
Kleinia longiflora
Schwantesia sp.
Acanthopsis disperma
Crassula sericea
Phyllobolus
melanospermus

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