15. Mai 2007 – Livingstone, Victoria Falls

Heute steht das auf dem Programm, was der Tourist tun muss, wenn er in Livingstone ist: die Fälle besichtigen. Ich bin richtig gespannt, kenne ich doch die Victoria Falls bis dato lediglich von zimbabwischer Seite aus und zudem nur bei Niedrigwasser. Wie immer werden wir von gewaltigem Getöse empfangen und können die ersten Meter der Fälle gut einsehen. Heerscharen trockener Japaner kommen uns entgegen und wir erliegen dem Irrglauben, es würde schon so naß nicht werden. Verächtlich stapfen wir am Regencapeverleih vorbei, um alsbald in ein einer Gischtwolke zu stehen. Hurtig wird alles regendicht verstaut und wir kämpfen uns über die schmale Brücke, die einen Felsdurchbruch überspannt. Man sieht nicht die Hand vor Augen, wird bis auf die Knochen durchnäßt, von allen Seiten kommt mit prasselnder
Macht das Wasser, aber es ist eine Heidengaudi. Patschnass laufen wir den ganzen Loop entlang, genießen die Ausblicke in die Sambesi-Schlucht, die Regenbögen und die dichte Vegetation. Beim Rückweg über die Brücke werden dann auch noch die letzten Quadratmillimeter durchweicht. Triefend wie begossene Pudel, jedoch ohne deren sprichwörtliche Gefühle zu haben, wandern wir noch das kurze Stück oberhalb der Fälle entlang, wo wir allmählich wieder einigermaßen trocknen.

Auch, wenn wir wenig sehen konnten, hat sich der Ausflug doch gelohnt, da die Fälle einfach immer beeindrucken. Doch jetzt, da ich den Vergleich habe, muss ich konstatieren, dass mir die simbabwische Seite besser gefällt. Die Wege dort erstrecken sich über volle zwei Drittel der Fallbreite, die Sicht auf die Katarakte und in die Schlucht ist schöner und der Mikrokosmos Sprüh-Regenwald noch üppiger, bunter, vielfältiger. Doch man kann nicht alles haben und ich bin auch nicht gewillt, Mugabe-Country in nächster Zeit zu betreten – sei es nun der Fälle oder anderer Sehenswürdigkeiten wegen.

Wir verlassen die World Heritage Site, fahren kurz zum Umziehen in der Maramba Lodge vorbei und erledigen anschließend noch einiges in Livingstone. Dabei verschlägt es uns in eine relativ neue Shopping Mall in der Mosi-Oa-Tunya-Road, die so ist, wie der gemeine Tourist es sich wünscht. Hermetisch abgeriegelt, fein bewacht, clean und voll der Läden mit Dingen, die der Mensch nicht braucht oder vielleicht doch. Mich fasziniert die Auslage des Juweliers, der Tansanit-Schmuck unter dem Label „typisch Sambia“ anbietet und der Subway-Laden, dessen Chicken-Teriyaki-Sandwich exakt so schmeckt wie bei uns am Goetheplatz in München. Mir persönlich wäre zähe Ziege aus einer Hinterhofgarküche bedeutend lieber gewesen, doch ich musste das Teil einfach probieren: das Geschmacks-Ergebnis bestätigte mal wieder meine Befürchtungen bezüglich der globalen Vereinheitlichung, schleichenden Monopolisierung und der Macht implizierter Trends.

Klar, jeder will verdienen, die Zeit macht vor nichts und niemandem Halt, Livingstone ist, nach Simbabwes fortschreitendem Niedergang, ein aufstrebendes Tourismuszentrum – und der Tourist ein gar seltsames Wesen. Für viele Angehörige dieser Spezies ist der schwarze Kontinent oftmals ein einziges großes Land, das nur dort richtig bereisenswert erscheint, wo man den von zuhause gewohnten Standard vorfindet, natürlich gewürzt mit einer Prise Humbahumba-Exotik. Im Falle Subway erfüllt diese Komponente wahrscheinlich der blecherne Sound eines Radios, das im weitesten Sinne afrikanische Musik hervorspuckt und ein, für europäische Verhältnisse ungemein langsam agierender „Eingeborener“, der das Sandwich zubereitet. Das, gepaart mit der Freude und Ungläubigkeit, ein Stückchen eigene „Heimat“ vorzufinden, scheint für viele Touristen prickelnder als alles andere zu sein.

Und noch eins: Sambia baut hauptsächlich Amethyste und Smaragde ab, aber Lila und Grün sind momentan auf dem internationalen Edelsteinmarkt, im Gegensatz zu Blau, nicht en vogue. Also, warum sich nicht wohlig die Teriyaki-Sauce aus dem Mundwinkel lecken und ein angeblich typisch sambisches Souvenir für den Schildkrötenhals der Gattin einmarkten: das Tansanit-Collier. Oder müsste es Sambinit heißen? Egal, Afrika ist Afrika….

Jedoch das eine schwöre ich: sollten sich jemals die Golden Arches eines weltweit agierenden Fast-Food-Konzerns über die Victoria Falls spannen, um die Gischt in malerisches Gelb zu tauchen und den Verkauf von Humba McKudu Royals zu verheißen, dann werde ich im Winter zum Tiefseetauchen an den Aralsee reisen, morgens um sechs mein Strandhandtuch in den Dünen von Wosroschdenije Beach platzieren und dafür Buße tun, was wir Menschen der Erde und uns selbst antun.
Bild 3 © Louis

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