14. Oktober 2014; Goegap NR, Hester Malan Wildblumengarten > Augrabies Falls NP

Schon ist er da, der neue Tag! Und es soll ein gemächlicher werden, denn wir befinden uns bereits ziemlich am Ende unseres diesjährigen Urlaubs und haben, dem Himmel sei Dank, nur noch einen Umzug vor uns. Diesen werden wir heute bewerkstelligen, unsere Siebensachen nebst uns selbst zu den Augrabies Falls verfrachten und dort unseren Südafrika-Ausflug mit süßem Nichtstun ausklingen lassen. In diesem Bewusstsein schmeckt das Frühstück gleich nochmal so gut und auch das anschließende Geräume und Gepacke geht wie geschmiert von der Hand. Nach einem letzten, nicht ganz wehmutsfreien Blick auf die malerischen Felsen hinter der Campsite verlassen wir Selbige und beginnen unsere Fahrt. Natürlich ist hierbei der Hester Malan Wildblumengarten die erste Station, die wir anlaufen. Es wäre schließlich eine sträfliche Lässlichkeit, diesen nicht zu besuchen, wenn man schon mal im Goegab NR gelandet ist. Und wir bereuen den kleinen Umweg Richtung Norden nicht! Der Garten ist wirklich mit aller Liebe und Sachkenntnis angelegt, reich bestückt und sehr gepflegt. Hochbeete mit rustikaler Natursteinfassung bringen dem geneigten Besucher die floralen Schätze der Gegend in geballter Form nahe, neben jeder Pflanze steckt ein vorbildliches Schildchen und selbst, wenn man eilig zwischen den Beeten durchzickzackt, erhält man einen sehr schönen Überblick. Ich persönlich bevorzuge es ja, stundenlang durch die Gegend zu robben und dabei, mit klopfendem Herzen, das ein oder andere Sukkulenten-Exemplar höchstselbst zu entdecken, weshalb der Garten nun keine exzessiven Freudenstürme in mir entfesselt. Aber trotzdem genieße ich den Rundgang mit allen Sinnen, denn es gibt auch Pflanzen zu sehen, die ich in freier Wildbahn noch nicht entdecken konnte, und Pflanzen, über deren exakte Identität ich mir nicht sicher war, hier und heute aber die Bestätigung meiner Vermutungen erhalte.

Eingangsbereich des Gartens
Rückenfreundliche Hochbeete
Vorgarten

Am meisten jedoch freut mich die schiere Existenz dieser Gartenanlage: wie viele Menschen machen sich die Mühe, schweißüberströmt durchs Gelände zu krauchen, wie viele davon nehmen wiederum wahr, was hier alles wächst? Viel zu wenige! Deshalb ist eine Anlage wie der Hester Malan Garten so wichtig. Er ist im ganzen Lande beliebt und bekannt und wird zudem von vielen auswärtigen Touristen besucht; auf sehr ansprechende Art und Weise werden die pflanzlichen Bodenschätze auf Augenhöhe präsentiert, bar jeglicher Mühsal und Anstrengung seitens der Besucher, und weiten so vielleicht den Blick manches Betrachters für die oft recht unscheinbaren Sukkulenten. Und wenn es von hundert Besuchern auch nur einer ist, der zukünftig genauer hinsieht, wenn er sich durchs Gelände bewegt, wenn nur jeder hundertste Südafrikaner begreift, welche botanischen Kleinodien sein Land beherbergt und darob einen bewahrenden Stolz entwickelt, so hat diese Gartenanlage einen unschätzbaren Dienst geleistet! Einen derartigen Effekt erhoffe ich mir zumindest von ganzem Herzen, denn leider entfernt sich die Menschheit immer weiter von der Natur, es zählt nur noch das offensichtlich Spektakuläre, das Actiongeladene, die kurzfristige Unterhaltung – die Halbwertszeit für Konzentration auf Dinge außerhalb der digitalen Welt ist rapide gefallen. Als ich durch den Garten schreite, fühle ich mich ob dieser Tatsache beinahe wie ein Dinosaurier, obwohl beziehungsweise weil, auch mir das Ganze hier ein bisschen zu wenig spannend ist – meine rudimentären Jäger- und Sammlertriebe finden einfach keine Befriedigung. Quasi als wäre ich auf einer beschrifteten Wildpilzplantage unterwegs und könnte pflücken, was das Herz begehrt. Ein Herz, das aber nur begehrt, wenn es das Gemüse im Schweiße des dazugehörigen Angesichts selbst entdecken und erlegen kann…

Cheiridopsis pillansii
Pleiospilos bolusii
Dactylopsis digitata
Cheiridopsis namaquensis
Faucaria brittaniae
Anacampseros filamentosa
ssp. namaquensis
Euphorbia sp.
Euphorbia filiflora
Crassula corallina

Na ja, so bin ich halt – ein durchaus digitalaffiner Dinosaurier, dessen konzentrative Halbwertszeiten, was die grüne Welt um mich herum betrifft, nahezu unvorstellbar hoch sind und einer, der sich der Natur zutiefst verbunden fühlt. So sehr, dass ich ob dieser Tatsache schon fast berüchtigt bin. Eine nett-bedenkliche Anekdote fällt mir zu diesem Thema ein, eine Geschichte, die sich erst kürzlich ereignet hat: ich arbeite in einer kleinen Firma, die ohne digitale Daten nicht existieren würde; Druckvorstufe, digitale Workflows, Bildbearbeitung, Internet, Layoutprogramme, FTP-Server, Online-Kommunikation mit den Kunden – mein täglich Brot. Vor zwei Wochen verirrte sich nun ein Tagpfauenauge in unsere Räumlichkeiten und flatterte hektisch an einer geschlossenen Fensterscheibe entlang. Ein Kollege, der stattlichste, den die Firma zu bieten hat, wandte sich daraufhin hilfesuchend an mich. „Du bist doch die mit der Botanik. Kannst du den mal wegmachen? Schnell!“ Etwas seltsam aus dem Munde eines 135-Kilo-Manns mit zirka 185-Zentimetern Körpergröße, der gleichzeitig mit furchtgeweiteten Augen vor dem hübschen Schmetterling zurückweicht. „Botanik? Das hier ist Fauna, nix Flora! Bin ich also ned zuständig, Mausi!“ „Egal! Mach das weg! Bitte! BITTE! SCHNELL!!!“ Grinsend fing ich also den armen Schmetterling mit meiner nackten(!) Hand ein und beförderte ihn todesmutig ins Freie, während mich der ansonsten recht großmäulige Kollege schweigend und mit vor dem Gesicht verschränkten Armen argwöhnisch beobachtete. „Pfuuuuh!“, stöhnte er, als ich das gefährliche Insekt endlich entfernt hatte. „Du hast es ned so mit Natur, oder?“, fragte ich süffisant. „Doch, schon, aber sowas pack ich einfach ned!“ Alles klar! Hauptsache er ist auf einem schwindelerregend hohen Level bei World of Warkraft und jagt erfolgreich Pokemons…

Ihlenfeldtia vanzylii
Schlechteranthus hallii
Larryleachia cactiformis
Aloe melanacantha
Faucaria brittaniae
Conophythum flavum
Ihlenfeldtia vanzylii
Pachypodium namaquanum
Sarcocaulon patersonii
Ceraria pygmaea
Aloe dichotoma
Aloe dichotoma

So jemanden würde natürlich auch der Hester Malan Garden nicht zur Besinnung bringen; mit all der Fauna, äh, Botanik, die da ist. Aber derartige Menschen – Kategorie „Hopfen und Malz verloren“ – zählen von Haus aus nicht zur Zielgruppe. Und da mir solche Leute ohnehin nur die Laune verderben, will ich gar nicht weiter drüber nachdenken – erst recht nicht im Urlaub. Punkt. Ich verbanne deshalb die unliebsamen Gedanken an Arbeit und Kollegen und genieße stattdessen weiter die Gartenanlage, bevor wir uns auf Annettes Drängen hin schließlich wieder auf den Weg machen. Rund 340 Kilometer liegen nun vor uns, eine nicht gerade prickelnde Strecke, aber dennoch durchaus verkraftbar.

Ebene vor dem Garten
Abschiedskomitee
Springbok „City“
Unterwegs im (Fast-)nichts

Auf gepflegtem Teer rollen wir also stundenlang dahin, bevor wir endlich bei Alheit die N14 verlassen und Richtung Norden abbiegen. Die folgenden Kilometer führen uns durch ein üppig grünes Weinanbaugebiet, das unseren Augen nach der langen Fahrt durch trockenes Land eine hübsche Abwechslung bietet. Doch die grüne Wohltat hält nicht lange an, denn wir stehen bald schon vor dem Gate des ariden Augrabies Falls Nationalpark – und auf den bin ich richtig gespannt. Vor 22 Jahren war ich nämlich schon mal hier und hatte den Park in bester Erinnerung behalten. Und nun will ich sehen, was sich mit dieser Erinnerung noch deckt und was sich verändert hat.

Vor den Toren des NP
Gate
Angekommen!

Nachdem wir uns am Gate ordnungsgemäß angemeldet haben, rollen wir langsamen Reifens zum Headquarter, wo sich auch ein großer Shop und das Restaurant befinden. All das erkenne ich schon mal nicht wieder. Nach dem Einchecken geht es weiter auf den Campingplatz und der sieht ebenfalls völlig anders aus. Damals hatten wir unser Zelt direkt neben einem kleinen Swimmingpool errichtet, der in Sichtweite eines Mini-Shops lag, in dem wir im Stundentakt Guavensaft und kaltes Wasser kauften. Heute ist das alles viel größer, weitläufiger und wohl auf ein paar Besucher mehr ausgelegt als im Jahre 1992… Die vorhandenen Kapazitäten werden jedoch zur Zeit nicht mal ansatzweise ausgeschöpft, so stellen wir befriedigt fest, als wir uns auf dem großzügigen Campareal nach einem Stellplatz umsehen: alles frei, niemand da – wir haben die Qual der Wahl. Entsprechend lange dauert unsere Suche – an unseren letzten Urlaubstagen werden wir tatsächlich noch richtig deutsch und spießig! Unter Berücksichtigung aller Vor- und Nachteile fällt schließlich eine sorgfältig durchdachte Entscheidung: nahe am Waschgebäude, jedoch nicht zu nahe, nicht weit zur nächsten Mülltonne, aber weit genug entfernt, um geruchlich nicht belästigt zu werden, ein Near-By-Wasserhahn, ein Maximum an Schatten und eine gute Sicht auf die Zufahrt, um auch die Neugier auf eventuelle Neuankömmlinge befriedigen zu können, sind die schlagenden Kriterien, die uns letztendlich von dem Platz überzeugen, an dem wir unsere finalen Urlaubstage zu verbringen gedenken. Und es ist eine gute Wahl! Heinz und ich können unser Zelt zum Beispiel nur mit häufigen Unterbrechungen aufbauen, weil sich im Gebüsch hinter uns bereits zahlreiche, neugierige Vögel postiert haben, die unser Tun aufs Eindringlichste im Auge behalten – und wir sie und ihr futterheischendes Luren. Diese Tatsache wiederum gibt Ute die Chance, ihre Behausung in sicherer Entfernung der lauernden Federträger zu errichten und auch Annette ist froh, dass sich die Gefahrenlage von Anfang an so klar abzeichnet. Schließlich steht das Lager zu aller Zufriedenheit und wir lassen uns wohlig-erschöpft in unsere im Schatten stehenden Klappstühle sinken, um uns auf die kommenden Musestunden gebührend vorzubereiten: heute gibt es nur noch irgendwann Abendessen, ansonsten ist der Tag, im positivsten Sinne des Wortes, gelaufen!

Maskenweber
Erwartungsvoller Star
Des Webers Frau

Den angenehmen Umständen und unserer entspannten Gefühlslage entsprechend, verharren wir so den Rest des Tages kleinräumig bis stationär in und um unsere Campsite herum und genießen das absolute Nichtstun. Na ja, so ganz untätig sind wir dann doch nicht, zumindest Heinz und ich: wir freunden uns mit den unzähligen Vögeln an, die uns seit unserer Niederlassung unablässig belagern, sehr zur Freude unserer Mitreisenden, die ja durchweg nicht gerade ornithophil veranlagt sind. Zumindest nicht, wenn es sich um „gewöhnliche“ Vögel handelt und diese zudem extrem zutraulich sind. Und unsere neuen Freunde erfüllen natürlich all diese Kriterien: ausnahmslos langweilige Alltagsgeier wie zum Beispiel Fahlflügelstare, Bartvögel und Weber, an Menschen gewöhnt, umschwärmen uns hier, genau wissend, dass wir ihnen nichts tun und es gleichzeitig was zu holen geben könnte – weswegen die mutigsten auch nicht davor zurückschrecken, auf unseren Stuhllehnen, dem Tisch und sogar auf meiner Hand Platz zu nehmen. Heinz und ich sind entzückt, Ute hingegen rückt lieber ein wenig abseits, Annette hat Angst um ihre frisch gewaschenen und zum Trocknen ausgelegten Therm-A-Rests, die sie schon von den messerscharfen Krallen der Fahlflügelstare wie Siebe durchlöchert sieht, und Jochen gibt sich, wie gewohnt, emotionslos. Wir Zwei jedoch sind in unserem Element und flöten und quietschen mit den redseligen Federbällchen den ganzen Nachmittag um die Wette, locken mit schrumpeligen Äpfeln noch mehr davon an und freuen uns tierisch über jeden Neuankömmling. Und unsere Begeisterung ist wohl so offensichtlich, dass man unser Tun mehr oder weniger entspannt toleriert. Nichtdestotrotz macht sich dennoch unverkennbare Erleichterung breit, als Heinz und ich endlich ein Päuschen einlegen, indem wir zum Sonnenuntergang einen Rundgang auf der Campsite starten.

Putzige Bewohner ….
… der geruchreichen …
… Dassie-Kolonie

Ziellos stromern wir zunächst umher, haben jedoch bald etwas Neues entdeckt, das uns fast ebenso entzückt wie die Vögel: eine riesige Dassie-Kolonie an der felsigen Abbruchkante zum Oranje. Hunderte der putzigen Klippdachse räkeln sich hier in den flachen Strahlen der Abendsonne. Manche verharren dabei fast regungslos, andere wiederum recken und strecken sich wohlig, der Nachwuchs tollt ausgelassen und nur einige wenige reagieren furchtsam auf unsere Anwesenheit. Doch bald haben sich auch diese Schliefer an uns gewöhnt und wir uns an sie – die zahlreichen Hinterlassenschaften der Dassies verströmen nämlich einen mehr als strengen Duft…

Ein Sonnenuntergang …
… bahnt sich an.
Glühender Himmel

Eingehüllt von einer Wolke feinsten Ammoniak-Parfums, verbringen Heinz und ich nun eine extrem entspannende Stunde, die von einem wunderschönen Sonnenuntergang gekrönt wird, und begeben uns dann maximal relaxed zu unseren Freunden zurück, die immer noch wie festgetackert in ihren Klappstühlen sitzen. Doch auch sie haben die vergangene Stunde genossen, denn mit unserem Abgang hatte sich die Schar lästiger Vögel merklich ausgedünnt – und jetzt, da sich die Dunkelheit über uns senkt, gehen die zwitschernden Zweibeiner ohnehin schlafen. So können wir nun völlig vogelfrei in einen gemütlichen Abend starten, an dem wir üppig aufkochen, genussvoll speisen und trinken, über unser morgiges Taggesprogramm sprechen, schweigen und plaudern, schwelgen und dabei langsam auf einen sehr angenehmen Urlaubs-End-Modus runterkommen – wir können deutlich spüren, dass wir uns im Laufe der letzten drei Wochen wirklich gut erholt haben.

Ein Umstand, der viele meiner Freunde immer wieder erstaunt, denn sie können sich einen derartigen Urlaub absolut nicht als erholsam vorstellen. Mal abgesehen vom Zelten, der mangelhaften Erfüllung der bei uns üblichen Sanitär- und Hygienebedürfnisse, der angeblichen Dauerbedrohung durch gefährliche Raubtiere und noch viel gefährlichere Insekten und Reptilien – die mir (fast) gar nichts ausmachen – kommt ein Argument immer, so sicher wie das Amen in der Kirche: man kann doch nicht regenerieren, wenn man täglich unterwegs ist, von A nach B muss, auf- und abbaut, fährt. Doch, kann man, sage ich! Auf den ersten Blick gesehen, muss ich allerdings meinen Freunden recht geben. Ja, es ist stressig. Aber nicht, weil man nicht zur Ruhe kommt, sondern weil man, sprich ich, immer Angst habe, etwas zu verpassen. So verbringe ich meine Urlaubswochen also mit dieser eigentlich unangenehmen Triebkraft im Nacken, flitze von einem Ort zum anderen, genieße meine Aufenthalte, bin aber gleichzeitig schon gespannt auf das nächste Ziel. Irgendwie anstrengend, doch könnte und wollte ich es mir nicht anders vorstellen. Drei Wochen am Strand, wo auch immer, ein paar gebuchte Ausflüge, um das besuchte Land „kennenzulernen“? Wah, nee danke, gähn! Nein, so, wie wir das machen, ist es für uns, für mich das Richtige. Und heuer haben wir dabei auch noch die Gesamtdramaturgie nahezu rekordverdächtig perfekt berücksichtigt: eine spannende Tour von einem Highlight zu nächsten, wohl durchwirkt von größeren und kleineren Fahrabschnitten und Wandertagen – und zum Ende des Urlaubs die Ankunft an einem Ort, der einem einiges zu bieten hat, jedoch nicht so speziell ist, dass man das Gefühl hat, etwas zu verpassen, wenn man mal nicht die größte aller Rundfahrten in Angriff nimmt. Gut, besser, Augrabies Falls, sag ich da nur!

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