12. Oktober 2015; erneuter Flugversuch von Mbeya nach Dar und München via Dubai

Ein neuer Tag, ein weiteres Frühstück am Boden, obwohl wir es doch in der Luft hätten zu uns nehmen sollen, weitere Stunden auf dem Gelände des ICC. Doch auch diese Zeit geht vorüber. Pünktlich, wie von Mr Idrissa angekündigt, kurvt eine spaziöse Limousine auf dem Hof des ICC ein, um uns abzuholen, wir verabschieden uns ein weiteres Mal von Annette und Jochen und lassen uns zum Flughafen chauffieren. Kaum eingecheckt und in der Abfertigungshalle eingetroffen, begrüßt uns Mr Idrissa. „Hallo, herzlich willkommen. Hat alles geklappt mit der Abholung? Übrigens: heute Abend gehen zwei Flüge nach Dar, und ich habe Sie, obwohl Sie auf den späteren gebucht wurden, auf den früheren umgelegt. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Gute Heimreise und kommen Sie bitte wieder!“ „Mr Idrissa, darf ich Sie umarmen?“ Er grinst verschmitzt, nickt lächelnd – und wir drücken uns. Dabei erspähe ich das Schildchen auf seiner Brusttasche: Omar Idrissa, Leitung Flughafensicherheit. Na, wenn das nicht Unterstützung von höchster Stelle ist! Nochmal bedanken wir uns bei dem hilfsbereiten Herrn, der am heutigen Tag natürlich alle Hände voll zu tun hat, dann ziehen wir weiter zum Gate, wo schon ein Riesengedränge herrscht. Als der erste, also unser Flug aufgerufen wird, reihen wir uns vor der Tür auf und zeigen unsere Tickets vor. Die Dame vom Bodenpersonal sucht unsere Namen in der Liste, zunächst vergeblich. Dann wird sie fündig. „Ah, hier. Herr Idrissa hat persönlich dafür gesorgt, dass Sie in der ersten Maschine mitfliegen können. Guten Flug!“ Hui, wenn Blicke töten könnten – ein paar der Passagiere, die mit uns fliegen, schauen uns äußerst grimmig an, so grimmig, dass es uns beinahe unangenehm ist, diese bevorzugte Behandlung erfahren zu haben. Doch es ist, wie es ist und wir sind heilfroh, dass wir nun doch noch nach Dar kommen, wenn auch mit einem Tag Verspätung.

Pünktlich um 18.25 Uhr heben wir ab, machen es uns bequem und sind schon sehr gespannt, wie es wohl in Dar Es Salaam laufen wird. Die Emirates-Dame aus der Frankfurter Zentrale hatte uns ja versichert, wir seien umgebucht und müssten uns um nichts mehr kümmern. Klingt gut, ist aber bloß die halbe Wahrheit, wie wir bei unserer Ankunft in Tansanias heimlicher Hauptstadt feststellen müssen. An der Gepäckausgabe nämlich geht’s schon los: unser Gepäck ist nicht dabei! Dafür kann die Emirates natürlich nichts, uns aber wirft es völlig aus der Bahn. Zumal die zuständige Angestellte am Lost-and-Found-Schalter nichts von einer zweiten Maschine aus Mbeya weiß, in deren Frachtraum wir unsere Habseligkeiten vermuten. „Eine zweite Maschine aus Mbeya? Sicher nicht!“ Spricht’s und lässt uns wie begossene Pudel am Band stehen. Doch Gabi und ich lassen nicht locker, nerven die gute Frau solange, bis sie schließlich zum Telefonhörer greift – und siehe da: „Es kommt tatsächlich noch ein Flug aus Mbeya. In einer dreiviertel Stunde. Warten Sie hier, an diesem Gepäckband, dann werden Sie sehen, ob ihre Koffer an Bord sind.“ Na super! Herr Idrissa hat es so gut mit uns gemeint, doch unsere Gepäckstücke konnte er offenbar nicht mehr umdirigieren. Somit ist unser Vorteil, mit der ersten Maschine geflogen zu sein, komplett dahin und wir müssen uns was überlegen. Also teilen wir uns auf. Erika und ich warten hier, Gabi und Heinz gehen inzwischen los und kümmern sich um unseren Weiterflug. Gesagt, getan. Während Gabi und Heinz in den Tiefen des feucht-warmen Julius Nyerere Airports verschwinden, harren Erika und ich der Ankunft der zweiten Maschine. Eine knappe Stunde später flackert der Flug auf der Anzeigetafel auf, das Band beginnt sich zu drehen und alle unsere Reisetaschen bahnen sich als erste ihren Weg durch die Gummilamellen des Einlaufschachts. Gott sei Dank, ein Problem weniger!

Rasch schnappen wir uns die vier Gepäckstücke und eilen schwer beladen vom Domestic Terminal zum internationalen. An dessen Eingang wollen wir gerade die Sicherheitskontrolle durchlaufen, als Gabi und Heinz um die Ecke gehetzt kommen. „Ah, ihr seid schon da, super! Da können wir unsere Ausweise ja gleich wieder wegwerfen!“ Ausweise? Ja, denn die beiden durften ohne Gepäck nicht in die internationale Abflughalle, schon gar nicht mit der Prämisse, vielleicht wieder raus zu müssen, um uns zu treffen. Also schickte man sie in einen entlegenen Trakt des Terminals, wo man ihnen Besucherausweise ausstellte, die diese gepäcklosen Rein-Raus-Wünsche legalisieren sollten. Alles umsonst! Nun sind wir wieder beisammen, das Gepäck ist vollzählig, wir wollen nur noch rein, nicht aber wieder raus, die Ausweise sind somit obsolet – und wir keinen Schritt weiter. Genervt eilen wir, so schnell wie irgend möglich, durch den ersten Security Check und suchen nach einem Schalter der Emirates, wo ja, laut Aussage der Frankfurter Dame, unsere neuen Ticket bereitliegen sollen. Schalter gefunden, Anliegen vorgetragen. „Was, heute? Nein, Sie wären gestern geflogen. Heute ist der Flug voll, tut mir leid.“ „Das kann nicht sein, weil…“ Geduldig erklären wir dem zuständigen Herrn die Sachlage mit allen Details, werfen Herrn Idrissa und die Emirates-Zentrale in die Waagschale, um unserem Ansinnen das nötige, amtliche Gewicht zu verleihen. Und nochmal, und nochmal. Die Antwort bleibt Nein. Das kann nicht wahr sein. Ein weiteres Mal schildern wir die Fakten, um Fassung ringend. Auch der Typ am Schalter ist am Rande seiner Contenance und dreht seinen Bildschirm zu uns nach vorne. „Da, sehen Sie selbst. Nichts. Sie waren auf gestern gebucht!“ Tatsächlich. Alle unsere Namen sind mit dem gestrigen Datum versehen. Doch halt, da ist ein Scroll-Balken! „Haben Sie schon weitergeblättert?“ „Weitergeblättert?“ „Da, der Scroll-Balken! Draufklicken, weiterblättern!“ Langsam wird auch unser Ton kolonial… Der Schaltermann tut wie geheißen – und siehe da: schwarz auf weiß steht dort zu lesen, dass wir sehr wohl auf heute umgebucht wurden! „Ah!?“, ist der einzige Kommentar, den der Typ dazu äußert, bevor er sich entgeistert in seinen Bildschirm vertieft. „Könnten wir dann bitte unsere Tickets bekommen?“ „Äh, ja. Nein, doch. Kostet 167 Dollar pro Person. Wie wollen Sie bezahlen?“ „Kreditkarte.“ „Aaah, ja.“ Er dreht den Monitor seufzend zu sich rüber, adlert auf der Tastatur herum und ist sichtlich überfordert. „Moment, ich muss meine Vorgesetzte informieren.“ Er greift zum Hörer, bittet schnaufend und stöhnend um Beistand.

Zehn Minuten später – dem Herrn ist die Wartezeit, während der wir schweigend vor ihm stehen, offensichtlich extrem unangenehm – kommt die herbeigerufene Dame. Wie ein Wirbelwind fegt sie hinter die Theke des sperrigen Mitarbeiters, lässt ihre Finger auf der Tastatur tanzen und drei Minuten später haben Heinz und ich ein neues Ticket, ausgefülltes Kreditkarten-Formular, zur Unterschrift bereit, inklusive (hier ist das noch so ein Durchschlagteil, das mit der Karte durch einen Plastikhobel geritscht wird). „Wo ist das Kreditkartengerät?“, herrscht die fixe Dame den drögen Schalterfuzzi an. „Ääh…“, sagt der. Bereits bei seinem zweiten „ä“ hat sie den Telefonhörer in der Hand, erteilt Anweisungen. „Gleich kommt jemand. Erledigen wir inzwischen den Rest. Zusammen oder getrennt? Wah, Männer!“ Mit einem strafenden Seitenblick auf ihren Untergebenen hämmert sie die Daten von Gabi und Erika in den Computer, füllt die Kreditkartenformulare aus und zwirbelt sie durch den Hobel, der von einem beflissen-verschüchterten Jüngling zeitnah herbeigeschafft wurde. „Fertig! Eine gute Reise wünsche ich Ihnen allen.“ Juhu, wir sind durch! Wir bedanken uns herzlich bei der effekiven Dame, nicken auch dem bräsigen Schalterbeamten zu, beneiden jedoch ihn nicht um den Einlauf, den er wohl gleich bekommen wird, und ergreifen, mit allen erforderlichen Papieren ausgestattet, die Flucht.

Ausgebremst durch all diese Unwägbarkeiten, wird die Zeit nun allmählich knapp. Doch ohne weitere Hindernisse bringen wir den Weg zu unserem Abfluggate hinter uns, bis, ja, kurz davor, eine weitere Herausforderung auf uns zukommt: ein Fingerabdruck-Scanner! Ne, bitte, nicht wahr, oder!? Ritschrasch für die Kreditkarte, aber High-Tech als letzte Hürde vor dem Gate! Das Gerät jedoch funktioniert einwandfrei, wir dürfen anstandslos passieren und lassen uns schließlich schwitzend, gestresst, aber dennoch ungemein erleichtert in der Abflug-Lounge nieder. TWA, TIA, This was Africa, This is Africa! Auch wenn vieles, was man hier erlebt, speziell der offizielle Kram, nicht gerade erquicklich ist, so macht es doch einen Teil des sehr speziellen Zaubers dieses Kontinents aus. Und wir alle sind ihm derart verfallen, dass es uns recht bald wohl wieder hierher führen wird. Jetzt aber geht es erst Mal nach Hause, in die Heimat, die für mich immer an erster Stelle stehen wird – zweite Heimat Afrika hin oder her… Trotzdem: Afrika, bis bald! Meinen fünfzigsten Geburtstag werde ich, nächstes Jahr, mit Sicherheit hier feiern und auch danach wird es mich immer und immer wieder auf diesen Kontinent ziehen!

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