12. März 2013, Kapstadt: Ou Kaapse Weg, Pinguine, Shoppen (Teil 2)

Also
nehmen wir schweren Herzens Abschied von diesem wunderbaren,
unterhaltsamen Ausflugsziel, quetschen uns in die nächste abfahrende
Gondel und genießen die Talfahrt, bevor wir das nächste Ziel
ansteuern. Wir umrunden den Bergstock in nordwestlicher Richtung und
biegen auf den Ou Kaapse Weg ein, der uns ohne rollenden
Berufsverkehr heute endlich die ersehnte Chance bietet, hier mal
anzuhalten. Bei einem besonders üppigen Metalasia-Busch stoppen wir,
steigen aus, stürzen uns ins Gestrüpp und saugen die würzige Luft,
die ganz typisch für die Fynbos-Vegetation ist, in unsere Lungen.
Meine Güte, ist das schön hier! Leise wogen die weißen Blüten der
Astern-Gewächse im sanften Wind, Insekten summen geschäftig umher
und in der Ferne glitzert das Meer. Eigentlich wollten wir ja nun das
Gelände etwas genauer erkunden, müssen aber feststellen, dass die
Vegetation so dicht, der Bodenbewuchs so unübersichtlich ist, dass
wir davon ablassen und einfach nur die Luft und den einzigartigen
Ausblick genießen. Und Fynbos hatten wir heute ja schon im Überfluss
– obwohl man davon nie genug bekommen kann. 
Stopp auf den Ou Kaapse Weg
Metalasia muricata
Metalasia muricata
So also klettern wir nach
einer halben Stunde wieder ins Auto und kurven weiter, den Pinguinen
entgegen, auf die sich Annette ganz besonders gefreut hatte. Ich
hingegen stehe diesem Tagespunkt etwas zwiespältig gegenüber.
Einerseits freue auch ich mich darauf, die befrackten Vögel nach
fast zwanzig Jahren wieder mal besuchen zu dürfen, andererseits kann
ich mich noch gut an damals erinnern. Da gab es noch keine Zäune,
keine Holzstege, keine Aussichtsplattformen, die Pinguine bevölkerten
den Strand und man konnte sich ohne Einschränkung zwischen ihnen
bewegen. Wir saßen im Sand, stundenlang, und genossen die Gegenwart
der putzigen Tiere, die uns bald nicht mehr beachteten. Heute, so
habe ich gelesen, ist das alles ganz anders. Der geneigte Besucher
darf Eintritt bezahlen, sich aber im Gegenzug nur auf extra dafür
errichteten Holzstegen bewegen, fernab der Pinguine und der von mir
erlebten Zweisamkeit mit den Tieren. Natürlich habe ich vollstes
Verständnis für derartige Maßnahmen, die bei den heutigen
Besucheranstürmen allein dem Schutz der Vögel gelten, dennoch kann
ich mich noch immer nicht ganz damit befreunden, mein geliebtes Kap
so verändert vorzufinden, so überlaufen, so touristisch.
Andrang am Strand
Andrang auf der Plattform
Tja, willkommen in Boulders!
Doch
das ist der Lauf der Dinge und ich tröste mich damit, es anders,
einsamer gesehen haben zu dürfen. Also werfe ich diese Gedanken an
früher von mir und erfreue mich stattdessen an den strahlenden
Gesichtern Annettes und Heinz’, als wir am recht vollen Parkplatz
das Auto verlassen, den Weg zum Strand entlanggehen und, bald nach
Durchschreiten des Kassenbereichs, die ersten Frackträger sehen. Nun
ja, das mit dem Strahlen, das ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz
so einfach, denn, als wir den Schutz des Strandgestrüpps verlassen,
weht uns eine derart stramme Brise entgegen, dass wir uns nach
Sekunden bereits wie sandgestrahlt fühlen und heftig blinzeln
müssen. Das sieht zwar nun wahrscheinlich ziemlich pessimistisch und
verkniffen aus, entspricht aber nicht unserem wahren Empfinden. Auch
meinem nicht! Die Pinguine nämlich sind so putzig, dass nicht mal
der Zaun, die volle Besucherplattform meinem Genuss, sie
wiederzusehen, einen Abbruch tun kann. Gottle, wie unbeholfen sie da
rumwatscheln, wie gewandt sie sich hingegen im Wasser bewegen, wie
die Nässe an ihren Federn abperlt, wie sie sich aufpumpen, um
anschließend ihre kakophonischen Eselstrompeter ertönen zu lassen,
wie unwiderstehlich plüschig ihre Sprösslinge aussehen! Ein
bisschen gewöhnungsbedürftig allerdings ist der Umgang der
erwachsenen Pinguine mit genau diesen flauschigen Jungtieren: sobald
sie im Entdeckerdrang ihr elterliches Nest verlassen und ihren
erwachsenen Nachbarn in die Quere kommen, gehen diese gnadenlos auf
die Jungen los. Sie zwicken, sie kneifen, sie hacken, sie piesacken,
so lange, bis das Fremdkind den eigenen Dunstkreis verlassen hat.
Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf eventuell
entstehende Verletzungen.
Auch hier bläst der Wind!
Zärtliches Schnäbeln
Nachbarschaftsgekeife
Annettes
Mutterherz ist zutiefst empört über diese Kindsmisshandlungen,
Heinz und ich hingegen sehen das Ganze etwas gelassener,
pragmatischer – schließlich kommt keiner der kleinen Wuschels
wirklich ernsthaft zu Schaden und ein bisschen Erziehung hat auch
noch keinem geschadet; vor allen Dingen, wenn einem eine Zukunft in
einer dicht besiedelten Kolonie bevorsteht… Und dicht gedrängt
leben die Tiere in Boulders, diesem einen, kleinen Strandabschnitt.
Um die dreitausend sollen es sein, Nachkommen eines einzigen,
einsamen Pinguin-Pärchens, das man erstmals 1983 hier vorfand. Ganz
glauben kann ich das jedoch nicht, das mit dem einzelnen Vogelpaar,
denn in diesem Falle hätte der zur Verfügung stehende
Minimal-Genpool wohl bald zum Niedergang der Boulders-Familie
geführt. Doch wie dem auch sei, wie auch immer diese Kolonie
entstanden sein mag, unter offensichtlichen Erbkrankheiten oder
Behinderungen, Merkmal der Inzucht, leiden die hier ansässigen Vögel
sicher nicht. Auch benehmen sie sich ganz normal, soweit wir Laien
das beurteilen können, und gehen lebhaft ihren täglichen Aufgaben
und Pflichten nach. Diese bestehen unter anderem aus Futtersuche,
Brutpflege, Reviergrenzenbehauptung, Nestverteidigung, lautstarker
Partnersuche und natürlich dem Erhalt des Fortbestandes. 
Gewandt im Wasser
Unbeholfen an Land
Balance ist alles!
Und
besonders den beiden letztgenannten Tätigkeiten gehen sie mit
besonderer Inbrunst nach, wie wir auf unserem Rundgang immer wieder
amüsiert feststellen dürfen… Es ist echt herzig, wie sich die
etwa 60-70 Zentimeter großen Pinguine in Positur werfen, zu pumpen
beginnen, ihren Kopf in den Nacken legen und dann markerschütternde,
recht eselsartige Schreie vom Stapel lassen. Noch putziger jedoch ist
ihre Paarung: zwei rundliche Körper, die sich nur mit Mühe
aufeinander halten können und dabei angestrengt ihre kurzschwänzigen
Popöchen gegeneinander pressen. Das sieht so sehr nach
schweißtreibender Schwerstarbeit, nach kaum zu bewältigendem
Balanceakt aus, dass man fast helfen möchte. Aber natürlich
schaffen die Tiere es gut ohne unsere Hilfe, so, wie sie es seit
Jahrtausenden ohne den Menschen geschafft haben.
Produkte des Balanceakts
Mein Haus…
… mein Auto!
Der
Mensch hingegen, und das erleben wir auf dem Rückweg zum Parkplatz,
wird mit der Gegenwart der Pinguine nicht in allen Fällen ohne Hilfe
fertig: die Unterstützung einer extra ins Leben gerufenen
Pinguin-Sheriff-Truppe wird von den Anwohnern von Boulders Beach
zunehmend in Anspruch genommen, um aus dem Strandreservat
ausgebüchste Tiere wieder einzufangen. Diese nämlich gehen gerne
mal im Ort auf Wanderschaft, graben sich unter Zäunen und Hecken
durch, besuchen offenstehende Häuser, stören die Ruhe mit ihrem
durchdringenden Geschrei, verschandeln die gepflegten Straßen des
Strandörtchens mit ihren Fäkalien und fühlen sich im Kanalsystem
besonders wohl. Ob dieses Verhaltens werden sie mittlerweile von so
manchem menschlichen Einwohner als Plage angesehen, eine Plage, der
man gerne gründlich Herr werden würde. Doch die vom Aussterben
bedrohten Pinguine stehen unter strengem Artenschutz und mehr, als
die Vögel aus Häusern und Gärten zu vertreiben oder, eben in
letzter Not, die Sheriffs zu rufen, ist den armen, geplagten
Boulderanern deshalb nicht gestattet. Und das ist gut so, wenngleich
ich die hier ansässigen Menschen auch ein bisschen verstehen kann.
Für uns hingegen ist der Anblick watschelnder Frackträger, die aus
Kanalrohren kommen, auf die Straße kacken, unter Autos verschwinden
und Hecken mit ihren Buddelarbeiten zum Wackeln bringen, allenfalls
etwas seltsam, grotesk und befremdlich. Allerdings sind derlei
Konflikte zwischen Mensch und Natur auch bei uns zuhause nicht
unbekannt, obschon weniger exotisch, doch meist ziehen da die Tiere
den Kürzeren… Hier jedoch kümmert man sich hingebungsvoll um die
befiederten Störenfriede und die Sheriffs haben an manchen Tagen
alle Hände voll zu tun, die Ausreißer in Tragekartons wieder in ihr
Reservat zurück zu bringen.
Blick auf Boulders “City”
Lycium ferocissimum
Sterna bergii
Und
wir, nachdem wir uns hier ausgiebig umgesehen haben, sollten jetzt
auch mal den Rückweg zu unserem Domizil antreten, natürlich nicht
ohne den von mir gewünschten Schlenker in die Klamotten-Boutique
gemacht zu haben. Zurück am Parkplatz, der sich übrigens
mittlerweile beträchtlich geleert hat (auch die zahlreichen
Andenkenverkäufer haben schon gepackt), zücke ich einen Stadtplan
von Simon’s Town und lotse uns zum Geschäft. Fünf Minuten später
sind wir auch schon da, im Waterfront Centre, stürmen das Enkosi
Africa und werden von einer freundlichen Dame, die den Laden gerade
schließen wollte, trotzdem herzlich begrüßt. Ob sie uns helfen
könne, fragt sie und ist ganz gerührt, als ich ihr von meinem
Anliegen erzähle: wir seien aus Deutschland, berichte ich ihr, ich
hätte ihr Geschäft im Internet ausfindig gemacht, und, weil sie die
Einzige auf unserer ganzen Route sei, die Hooligan Kids führe, seien
wir jetzt hier. Sofort zeigt die Lady mir den Ständer mit den
Kinderklamotten, bedauert jedoch wortreich, dass dies nur noch Reste
der Sommerkollektion wären; die Wintersachen seien noch nicht
eingetroffen. Nicht wirklich schlimm, denn ich finde trotzdem ein
süßes Kleidchen und ein lustiges T-Shirt für meine kleine
Patentochter und bin ganz glücklich. Während ich anschließend, mit
meiner Beute in den Armen, den Rest des Ladens inspiziere, kommen die
Ladeninhaberin und ich ins Gespräch. Sie interessiert sich sehr für
unsere Route, geht aber offenbar davon aus, dass wir uns
ausschließlich in der näheren Umgebung Kapstadts herumtreiben
wollen. Na ja, die Garden Route und den Krüger Nationalpark hat sie,
um korrekt zu sein, auch noch im Programm. Umso größer werden ihre
Augen, als ich ihr unsere geplante Strecke schildere. Knersvlakte?
Skilpad Flower Reserve? Richtersveld? Nie gehört, wo ist denn das?
Bei Botswana und Zimbabwe steigt sie dann endgültig aus und
schüttelt nur noch ungläubig den Kopf. Die genannten Orte seien ihr
zum größten Teil gänzlich unbekannt, gesteht sie mir, und ruft nun
bei mir ungläubiges Kopfschütteln hervor. Wie kann man nur in einer
solch wundervollen Gegend, einem so phantastischen Land wohnen und so
gut wie nichts davon gesehen haben?! Gut, auch ich habe in Europa
viele Orte noch nie besucht, doch wenigstens habe ich schon mal davon
gehört und eine gewisse Vorstellung, wo das ist und wie es dort
aussieht. Die freundliche Dame hingegen ist noch nie so richtig im
eigenen Land herumgekommen, so bekennt sie etwas verschämt, und
hätte sich auch nie besonders dafür interessiert. Meine
Schwärmereien allerdings haben sie jetzt doch neugierig gemacht.
„Vielleicht sollte ich doch mal ein wenig umherreisen!“, meint
sie, schränkt aber sofort ein: „Heuer nicht mehr, denn nun kommt
der schreckliche Herbst, dann der fürchterliche Winter und da ist es
so kalt, dass ich am liebsten zuhause bleibe!“. Mhm, ich glaube ja
fast, ihre bis dato nicht vorhandene Reiselust ist nicht wirklich
jahreszeitenabhängig, sondern hat eher andere Gründe. Die jedoch
gehen mich nun beileibe nichts an und es muss ja auch nicht jeder
viel, gerne und oft in der Welt umherfahren…
Während ich shoppe…
… genießen die anderen…
… den Yachthafen
Ich
hingegen habe, dank meiner Reiselust, in rund drei Wochen den High
Tea in Vic Falls bestem Hotel vor mir, bin aber klamottentechnisch
ziemlich unpassend ausgerüstet. Rasch frage ich deshalb die
sesshafte Lady um Rat und werde sofort liebevoll beraten. Zehn
Minuten später verlasse ich die Boutique, um ein paar
Kinderklamotten, einen Batik-Kaftan und eine neue Bekannte reicher.
„Barbara, bis nächstes Jahr! Dann erzähle ich dir, ob ich es
tatsächlich geschafft habe, mir etwas von unserem schönen Land
anzusehen. Es war toll, dich kennengelernt zu haben!“ Mal schauen,
ob die Dame dann etwas zu berichten hat und – ob sie sich überhaupt
an mich erinnert. Egal! Es war auf jeden Fall ein sehr nettes
Einkaufserlebnis und ich bin hoch beglückt über die schnuffigen
Kindersachen. Ob ich den Kaftan allerdings wirklich noch in Afrika
tragen werde, entscheide ich besser erst, wenn es so weit ist. Ich
stehe nämlich nicht so sehr auf Touristen, die sich in vermeintlich
landestypische Kleidungsstücke werfen, genauso wenig, wie ich
Norddeutsche in Dirndl und Lederhosen amüsant finde… Das jedoch
ist wieder ein anderes Thema.
Nach
einer herzlichen Verabschiedung verlasse ich also nun, mit zwei
Plastiktüten beladen, das Geschäft und steuere flinken Schrittes
auf den Parkplatz, wo meine Freunde schon ungeduldig auf mich warten
und endlich, hungrig wie sie sind, zu unserem Bungalow zurückkehren
wollen. Da kommen wir dann auch an, eine Viertelstunde später,
klettern wieder über die Holzbalustrade, hadern erneut mit dem
mittlerweile strammen Abendwind und beschließen den heutigen Abend
genau wie den gestrigen: im leidlich warmen Inneren unserer
Behausung, ohne Grillerfolge und mit frühem Zubettgehen.
 Weitere Impressionen des Tages:

Larus dominicanus
Sandgestrahlte Idylle
Anlanden und aufstehen
Hübsches Kerlchen
Vor der Wohnungstür
Postkoitale Zweisamkeit
Unter der Gartenhecke
Grabwespe
Metalasia muricata
Gefiederpflege
In seinem Element
Kleiner Flauschi
Großer Schnuffi

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